Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1831 (21.3.1924)
- Date
- 1924-03-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Modenzeitung. 21. März 1924 Nr. 1881 Ae Geheimdokumente. (Etgendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 30. März. Die EMr»,ngen des tschechischen Außenministers haben m der hiesigen Politischen Oesfentlichkeit sehr stark gewirkt. ES gibt fast niemanden mehr außerhalb d-er Redaktion des „Berliner Tageblatt, der heute noch an die Echtheit der Dokumente glaubt. Das Blatt bleibt zwar dabei, daß -die Dementis nichts ändern, aber es füfyri einstweilen keinen Beweis der Wahrheit der Dokumente. Dagegen nimmt der Gesandte Trisn in der „Bossi scheu Zeitung" eine politffchi'psycholog'ffche Untersuchung der Protokolle vor, in der er vor Mm die Frage prüft, ob fstr die TWcho-Slowakei ein Grund zum Abschluß so wichtiger Bindungen besteht. Der Gesandte verneint dies und dies« negative Feststellung ist in diesem Augenblick von hohem Wert. Bezüglich der Dokumente erklärt Dusar: „Die sogenannte Deklaration KUM Bündnisvertrag Mischen Frankreich und der Tschecho-Sloivakki ist ein Dokument von lächerlicher innerer Unmöglichkeit. Ich will um das markanteste hervochebeu: „Absatz 2: Bei einem Kriege Polensmit Deutschland treten beide Vertragsparteien an die Seite Polens." Ich konstatiere: Pollen hat bisher mit der Tschecho- Slowakei keinen Vertrag. Es ist eine glatte Unmöglichkeit, daß die Tschecho-Slowakei sich verpflichten würde. Polen zuliebe in den Krieg zu gehen, und seitens Polens n i ch t d i e geringste G e g e n v e r p f l i cht u n g bestünde. § 4, der von der stuuzösischen und ts-checho-slcwakischen Neutralität bei einem 'eventuellen Konfliktmit Rußland handelt, widerspricht dem politischen und militärischen Vertrag Frankreichs mit Polen. Damit hangt auch der Absatz 9 zusammen, in dem von her Kriegserklärung an Deutschland die Rede ist, wenn dieses Rußland zu Hilst käme. Wer die Verhältnisse in Vöhtnen ein 'wenig kennä, weiß, daß kein tschechischer Außenminister eine solche Verpflichtung jemals übernehmen könnte, am lvenigsten töte dies Doktor Benesch. Die Besetzung Oesterreichs durch tschechosiowakisch-frantzösisches Militär ist eine fürchterliche Erfindung. Oesterreich steht unter Kontrolle und damit im Schutz des Völkerbundes. Die tschechische Politik war immer gegen irgend eine mMärische Intervention in Oesterreich, selbst damals, als gewisse Wiener Kreist dies wünschten. Darüber Knute ich alS erster diplomatischer Vertreter der Tschecho- Slowakei in Wien ans eigener Erfahrung erzählen. Am komischesten wirkt allerdings der zehnte Absatz, wo der tischecho-slcwakische Außenminister sich in Mittzelmeerfvagen einmischen soll. Was hat die Tschecho-Slowakei mit dem Mittelmeer zu tun? Warum soll die Tschechoi Slowakei sich mit Italien verfeinden, irvit dem sie ein ' Interesse hat, sich namentlich über die Fragen der Erbschaft nach bei:' alten Monarchie zu. verständigen. Herr Poincare würde sich im eigenen Lande und in Europa lächerlich machen, wenn er mit der kleineren, tief im ' Binnenland gelegenen Tschecho-Slcwakei über das Mittol- ' meer Abmachungen treffen würde." An informierter Stelle wird Ihrem Korrespondenten gegenüber auf den Widerspruch htngewiesen, der zwischen dem Bündnisvertrag und der Deklaration bezüglich Oesterreichs besteht. Der Bündnisvertrag spricht die Unabhängigkeit Oesterreichs aus, dos überdies unter tem Schutz der bekannten Klausel des' ersten Genfer Protokolls steht. Dagegen droht die Deklaration, die sich doch zumindest auf den Grundprinzipien des Vertrages, den sie ergänzt, halten müßte, mit der Besetzung Oesterreichs für den Fall der Anschluß Propaganda, die doch seit Sana und Genf obsolet geworden ist. Eine ungarische Fälschung? Berlin. 20. März. Wie Ihr Korrespondent erfährt, beschäftigt sich seit gestern die politische Abteilung der P olizei mit den Dokumenten des „Berliner Tageblatt". Es ist bekannt geworden, daß diese Dokumente schon seit einigen Tagen in verschiedenen politischen Zirkeln kursierten und auch anderer! Zeitungen zum Kauf angoboten wurden. Man vernmtet, daß sie ineincmmagyarischenProPagandabnreau angefertigt wurden und findet eine Stütze für diesen Verdacht darin, iwfe an einer Stelle des Protokolls von einem 350 Millionerr-Goildkronen-Kradit au Ungarn di« Rede ist. Diese Sumrne ist aber erst im Februar, also nach der Unterfertigung des Pariser Vertrages, gelegentlich der Reisen B e t h l e n s und K a l l a y genannt worden. Man nennt einen gewissen Forgasz, der den HakenEreuzkreisen na>he steht, als Autor der Protokolle. Kafka glaubt Benesch" Dementi. Prag, 20. März. Die Veröffentlichung der angeblichen Geheimdokumente zum tschecho-slowakisch-französischen Berjrag durch das ,berliner Tageblatt" hat in politischen Kreisen großes Aufsehen hervorgerufen. Die vorherrschende Meinung geht dahin, daß es sich hierbei um Fälschungen handle. Dieser Meinung ist auch Abgeordneter Kafka, mit dessen Anfrage an den Außenminister Dr. Benasch die ganze Angelegenheit zur Sprache kam. Abgeordneter Kafka erklärte in Unterredungen mit veichsdeutschen Korrespondenten er schenke dem Dementi des Außenministers Dr. Benesch Glauben, da die tschechoslowakische Politik an der Aufvechterhaltung guter- Beziehungen zu Deutschland zweifellos ein Interesse habe, Außerdem habe Dr. Benesch seines Wissens stets eine Militärkonivention mit Frankreich alM lehnt. Außenminister Doktor Bene>sch deutete gestern im Gespräch mit Journalisten Ad, daß er in bezug ans den Fälscher ein-en Verdacht 'habe. Benesch kommt nach Wien. Wie in Wiener diplomatischen Kre-isen verlautet, wird Außenminister Dr. Benesch in den nächsten Tagen, dein Bundeskanzler Dr. Seipel einen Besuch abstatteu. Es ist dies ein Gegenbesuch auf den von Dr. Seipel Ende 1922 gemachten offiziellen Besuch in Prag. Die Nachricht von dem Besuch Dr. Benesch' m Wien wird heute auch von der Pariser Presse registriert und daran die Bemerkung geknüpft, >daß das Verhältnis der Tschccho-Slowackei zu Oesterreich sehr freundschaftlich sei. Nach einer uns aus Prag ziehenden Information soll der Besuch Dr. Benesch', der auch mit der Dokumenien-' asfäoe in Verbindung steht, i m nächsten Monat erfolgen. Der tschechische Handelsmini sie r Dr. D üvo r acek wird schon in Kürze lvegen den tschechisch-österreichischen Handelsvertragsverhandlu ngen in Wien eintreffen. gierte 2 Wien, Freitag —-; ---r*- .'B-n v» --- gegen das deutsche Volk erzeugt hat.. In der Athmojphäre dieses anderen Deutschland, das heut« trotz Revolution und Republik herrscht, das die Politik und die politische. Idee als Privateigentum der alten .Herren der Bursckjenschasten in Besitz genommen hat, in dieser. Athmosphäre gedeihen die Schwindler, die eben jetzt mit dey. Geljesrndoktunenten über die tscl)echisch-französische Militäralliflnz ein noch kaum zu Wersohendes Unglück angerichtet haben. Sie kommen ans der gleichen Schichte, die vor zehn Jahren den belgischen Neutralitätsvertrag in Fetzen riß, die im Kriege durch ihre Brutalität den Abscheu der Neutralen erregte; aus der Schichte, die heute die „Weisen von Zion" verkauft und alle Brunnenvergifter der Welt in gutem Sold hält. Diese Schichte, die an der Katastrophe Deutschlands sich ihre fette Suppe kocht, ivirft sich zum Lehrmeister der Welt auf, die an ihrem Weisen genesen soll. Der neue Kulturkampf. (Bon unserem Berichterstatter.) (A. B.) München. 17. März. Im letzten Bericht wurden die Gründe aufgezeigt. die die Zuspitzung der Gegensätze im Hitler-Prozeß herbeiführten und dargelegt, weshalb die bayrische Bolkspartei von ihrer bisher immerhin loyalen Haltung gegenüber - Hitler abgewichen ist, um jetzt unversöhnlich auf die Entscheidung hinzuarbeiten. Mit welcher Erbitterung die Völkischen diese Offensive der Klerikalen erfüllt, wird besonders aps der völkischen Presse sichtbar, die Gift und Gaste gegen die Klevikalen speit und Ludendorffs Rede gegen das Zentrum noch überbietet. Der Verfasser der bekannten Schrift „Die Sünde Wider das Blut", der deutschvölkifche Führer Dr. Dinier, sagte im thüringischen Landtag: „An dem planmäßigen Massenmord au deutsch-völkischen Führern . . . war nicht die deutsche Reichswehr schuld, denn ein pflichttreuer Soldat hat nichts anderes zu tun, als. zu gehorchen, sondern schuld an diesem planmäßigen organisierten Morde waren jene unstchlbaren -u l t r a m o n t a u « n jesuitischen Instanzenwelche die Drahtzieher des Herrn v. Kahr waren und fmd^ und deren sichtbarer Exponent der KardiMl Faulhaber und ein gvcßer Teil des ^bayrischen Zentrums ist. ..In diesen unsichtbaren ultramontanen Kreisen fitzen die wahren Verbrecher vom 8. und 9. November vorigen Jahres.". Im Berliner Stadtparlament fiel neulich der Ausdruck „katholische Strolche" und in Nürnberg erklärte vorgestern ein deutschrölkischer. Wandevprediger in seiner Netze: „Ein Friede mit der Kirche ist ebenso unmöglich wie der Mit Frankreich. Es ist selibstverstäM-ich. daß der Treu- : bruch Italiens vom Papst entschuldigt wurde. Wir erinnern uns, wie würdelos, an Hochverrat grenzend die katholischen Feldgeistlichen mit ihren En tentekam eraden verkehrten. Plus der Elfte-fand es zweckmäßig, den Heldengeist Schlageters -in einer Note als verbrecherische Sabotage zu brandmarken. Doch ist S chlaget«r in Walhalla «ingegangen. Das ist besser, als der Himmel dieser Blutfa-uger. Man täusche sich nicht über die Stimme des Volkes. Sie schreit nach Rache. Das neue Deutschland wird nicht in der Wahlkabine und an der ^Wahlurne geboren. Es kommt i n b l u t i g e n Kriege n, in Reaktionen und Revolutionen mit brennendem Feuer, mit Eisen und Schwert. Los von Versailles -heißt nichts anderes als ,^Los von R o m". Das sind, nur einige Stichproben. Da die Deutschvölkischen als ihren Gott den Wotan verehren und eines der zehn Gebote lehrt, daß niemand noch einen Gott neben dem richtigen dulden dürfe, gehen die Deutsch-völkischen in ihre ui wotanischen Eifer hin und vertreiben die Juden und Katholiken aus ihren Gsbethaufern. Ja, ein klerikales Blatt berichtet heute, in einer Regensburger Kirche /hätte am letzten Sonntag bei der Mess« eine Herde völkischer Jünglinge ‘fr dcin Namen Jesus Christus „Judensohn — Hn u de so hn" gebrüllt. Was Wunder, daß darob der kqcholische Klerus überall in Deutschland die Glocken des Kuliurlampfes zu läuten beginnt und den Bannfluch über Ludendorff und feine Gefolgschaft verhängt. Es sind starke Kräfte am Ruder, um durchzusetzen, daß in. nächster Zeit .in ganz Bayern ein Sühne tag veranstaltet wird,, um gegen die Schmähungen Ludeudorffs Gottes Segen berabzuflehen. Ein solcher Sühnetag wäre allerdings dse beste Vorbereitung für die Wahlen: Cs ist kaum anznuehmen, daß Hitlers Leute nach so einer Propaganda Lust verspüren werben, aufs stäche Land hinauszukrmmen. Sic würden wahrscheinlich kaum ihr Leben vor der Wut der sanatisierten Bauern retten können. L:n- ErlKruns Ludendorffr zum Mer« Prozeß. München, 2Y. März. (S. K. B.) Lüdendorff läßt durch feinen Berlcidiger in der Presse eine Erklärung veröffentlichen, die sich dagegen wendet, als ob er seine Einstellung zur Anklage^ in der letzten Gerichtssitzung geändert habe. Ludendorff habe sich im Bewußtsein, daß es sich am 9. November bei der Aktion Hitlers um die Verwirklichung des bisher er^''^rten Planes Kahrs, Lossows und Seissers handle, sich dieser Sache zur Verfügrlng gestellt. Lndendorfs fei hierbei davon ausgegangeu, daß die Zustimmun - van Kahr, Lossow und . S.e I i j c r s'r e iwillig und erus.lw''; erteil», worden war.' " ... ... . Tumulte i« einer Mkischen Mhlerverssmmlung. Breslau, 20. März. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Eine Wählerversammlung der Deutschvölkischear wurde gestern von Kommunisten gesprengt. Während der Versammlung entstanden schwere Tumulte, die in Prügeleien auSarteten. Zur Wiederherstelluug der Ordnung mußten starke Polizeiabteilungen aufgeboten werden. Sraefe ln Untersuchung. sEigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 20. März. Wie das „Berliner Tageblatt" erfährt, hat der Untersuchungsrichter beim Staatsgetichtshofe nunmehr gegen den deutschvölkischen Reichstagsabgeordneten v. Grrefe im Zusammenhang mit den Münchner Novemberereignissen die Voruntersuchung wegen Hochverrates eröffnet. _ Aomar «ird die GewerWaftrintemationale. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 20. Marz. Der Kolonienminister Thomas ist vom Vorsitz der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale zurückgetreten. Das Bureau der Gewerkschaftsintenrationale veröffentlicht eine MitteilunH, daß ihr nächster Kongreß i m Juni in Wien abgeh alten wird. Aeg»>pten ist verhandluugsbetelt. London, 20. März. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Zaglul Pascha Wille dem Korrespondenten der „Times" in Kairo mit, er beabsichtige,'im Laufe des nächsten Jahres nach London zu kommen. Er sei überzeugt, daß England und Aegypten bon dem besten Perständigu ngswi llen beseelt seien und daß'aüf Helden Seiten per Wunsch bestehe, Unterhandlungen zu eröffnen, um ein Leide Telle befried inendes Regime «r AeMten her^uftelle-. Mr Karruptiomskaudale in Amerika. New-Aork. 20. März. (Tel. der „Wiener Mvrgem zeitung".) Die Sonderkommission deS Senats verhörte gesterw einen weiteren gewesenen Beamten des Justizdepartements, namens Holdridge. Dieser Zeuge sagte aus, daß Generalstaatsanwalt Daugherty der intellektuelle Urheber des Geschäftes mit Len v e r b o t e n e jr B o x m a t ch- - films gewesen sei. Dauatzerty sorgte dafür, daß der C a r p e n t i e r—D e m P s e y«F i l m im ganzen Lande ohne Behelligung durch die Behörden gezeigt werden konnte. Holdridge bezeugte einen Ausspruch des Gencralstaatsan-- walts dem Filmuntcrnehmen Qnimby gegenüber, wie folgt: „Wenn sie diese Sache durchsetzen, gibt es einen großen Schnitt — nicht weniger als 50 P r o z e n t." Diese Aussage des Zeugen Holdridge. vervollständigt den niederschmetternden Eindruck der Rolle Daughcrtys in den verschiedenen S k a n d a l a f f ä r e n. Trotzdem macht der Leiter des Justizdepartements keine Miewe, von seinem Amt zurückzntreten und setzt alle«: Anklagen ein D e> ' menti entgegen. Manche Blätter geben übrigens der Meinung Ausdruck, daß wenigstens ein Teil der für Daugherty belastenden Zeugenaussagen von persönlicher Gehässig-' keit beeinflußt sei, so insbesondere die Aussage des GastoN B. MeanS und der geschiedenen Frau Stinson. Polen» singang znm Meer. Warschau, 20. März. (P.-T.-A.) Der Sejm uahnr am. Mittwoch einen Dringlichkeitsantrag, bttrefsend den freien ” Zugang Polens zum Meere, an. Mit Bezug auf die ' letzte Entwicklung der Memel er Frage sowie auf die Lage in D a n z i g, wo die Interessen Polens k e i n e. Be r ü ck s i ch- > tigung gefunden hatten, wird die Negierung in dem Dringlichkertsantrag aufgeforüert, sich mit der Frage des ungehin-' derten Zuganges Polens zum Meere energisch zu btt fassen. Der Antrag wurde dem AnSschntz für auswärtige Angelegenpeiten übevwiej«L