Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1830 (20.3.1924)
- Date
- 1924-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 2 Wen, Donnerstag and nicht nnk^v.:’.: gcvlioben und sie hätte iinv/.;V' oesfe bei Vorsichtchcr liniersti'chnttg durch die deutsche Resierung auch in die Psyche der deutschen Wähler Eintritt urnden können. Das ist nun vereitelt. Es gibt eine Welt- Sensation mit Weltreklame. Das „Berliner Tageblatt" hat angefangen' und heilte schreien sämtliche Anzeiger und Miesbacher, daß der Ring. um Deutschland sich wieder schließt, und verkünden die allein wahre Heilsbotschaft Hitlers und Ludendorsfs. Nur die gepanzerte. Faust kann es machen! Die wird dem deutschen Volk im Reich und in dein von Okkupation bedrohten Oesterreich Rettung und Freiheit bringen. Das ist das Ziel und der Zweck, das ist die Antwort auf Beneschs Frage. . Es gibt aber noch eine' andere Seite der Frage. Die Lumpen, die die Geschichte eingefädelt, denken ja wahnsinnig, aber doch in einem gewissen Sinn methodisch. die Wirkung, die sie erwarten, erreicht, dann gehen sie als Sieger aus dem Wahlkamps. Fliegt aber die Sache als Fälschung aus, dann ist es das Judenblatt gewesen, das die Verwirrung allgerichtet hat, zu dem Zweck, um das arme deutsche Volt zu belügen und es in neue Not zu stürzen. Das „Berliner Tageblatt" ist in diese Falle hineingeraten und der Weltantisenntisulus' kann eine neue Walze in sein Spielwerk einlegen. Ler3erstörungskrkeg. Paris, 19. März. (Tel. der „Wr. Mongerr^itung".) Fu seinem Bericht Wer die Vorlage für die Reorganisation des französischen Heeres erklärt der Berichterstatter Senator Fabry, die Kommission habe ihren Entwurf mt aus die Möglichkeit eines VerteidigungÄrieges einge- . stellt, sie sei aber der Ansicht, daß in Zukunft ein Z e rstörungskrieg ins Auge gefaßt und die Armee im KiMick darauf organisiert werden müsse. Der Berichterstatter verlas sodann Dokumente zum Beweis dafür, daß in den deutschen Schulen die Irgend .rm Revauchegedanken erzürn werde. Frankreich, fuhr Redner fort, verfolgt, indem es seine Armee reorganisiert, kein anderes Ziel, als ferne Sicherheit zu gewährleisten. Die Frage der Sicherheit kann nicht von allen Ländern in der gleichen Weise betrachtet werden. Jedes Land hat Mfft die Bürgschaften für seine Sicherheit, die man ihm vorschlägt, zu beurteilen. Von allen Nationen der Welt ist Frankreich am weitesten davon entfernt, einen Krieg zu wünschen. Es hegt keinen Hintergedanken nach einem Menteuer oder einer Eroberung, sondern sein fester Wille ist nur auf die eine Sache gerichtet, aus der ihm niemand einen Vorwurf machen kann: Es will frei in Frieden ' leben, es will feine Sicherheit, nicht mehr und nicht weniger. Der Entwurf schlage die Schaffung von 32 Infanteriedivisionen ' vor. Durch die aktive Armee ■ allein aber könne die Sicherheit Frankreichs nicht gewährleistet werden. Darum sei schon m Friedenszeiten die Schaffung einer Natwnlarmee vorFirbereiten, als deren Zelle die Legion zu betrachten sei. Ueber jede Legion werde daher schon in Friedenszeiten ein General gesetzt tverden mit der Aufgabe, die Mobilisierung vorzuibereiien. Die Legion umfaffe eine oder zwei Divisionen und 32 Divisionen würden 16 Armeekorps bilden, wovon 13 im Innern und 3 im Rheinland zu.garnisomeren wären. Nachdem, der Kriegs-Minister Maginot den Vorschlag - befürwortet hatte, beschloß die Kammer mit 405 gegen 150 Stimmen, die Generaldebatte äbzuschließen und in die Spezialdebatte eiivzugehen. Die ersten sieben Artikel des Entwurfes wurden genehmigt. Artikel 7, wonach Frankreich in 20 Militärregionen geteilt wird, wuvde mit 433 gegen 120 Stimmen angenommen, nachdem Kriegsminister M a g i n o t die Vertrauensfrage gestellt hatte. Die Kammerwahlen am 11. Mai? Paris. 19. März. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der ^Liberte" zufolge haben die meisten Minister im heutigen Ninifterrat die Festsetzung der Kammevwahlen auf den \1. Mai befürwortet. Rußland und die befsarabische Frage. Moskau, 18. März. (Wolfs.) T s ch i t s ch e r i n hat an Poincave eine Note gerichtet, worin gegen die Unterstützung protestieret wird, die das französische Parlament Rumänien bei der Annexion Bessarcvbiens habe an gedeihen lasten. _ Sie Befreiungstaren der Nachfolgestaaten. äiime Abmachung zwischen den Großmächten und der kleinen Entente. (Eigendienst 8er „Wiener Morgenzeitung".) London, 19. März. Zwischen den Großmächten und kn. Staaten der kleinen Entente wuvde ein Abkommen getroffen, das für zwei Jahre die Zahlung der Besreiungskrcdite regelt. Um diese Regelung hat sich besonders die Tschecho-Slowakei bemüht, die eine Schuld von 20 Milliavden Lire zu zahlen hätte. Dieser Vertrag komme besonders Italien zugute, weil England zugestimmt habe, daß diese Summe von den Kriegsschulden Italiens abgezogen werde. _ Aemterabbau in Polen. Warschau, 19. März. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Äus Sparsamkeitsgründen wurde die Zahl der Departements im polnischen Ministerium des Innern von vier auf drei herabgesetzt und drei d^o Ministeriums aufgehoben. Wiener Morftenzeriirnn. 80. März 1924 Nr. 1839 Die Gcheimvertriige. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 19. März. Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht haute '.zwei Dokumente, die sich als Ergänzungen zu dem a>m 25. Jänner 1924 zwischen Poincare und 2r. B e n e s ch abgeschlossenen Bündnisvertrag geben. Es ist noch erinnerlich, daß der Abschluß dieses Vertrages in der politischen Welt großes Aufsehen erregte und auch bei derr Besprechungen, die Benesch nachher in London mit R a ms a h M acDonald hatte, eine große Rolle spielte. Bei dieser Gelegenheit wie auch vor dem Außenausschuß der Prager Nationalversammlung hatte Minister Benesch auf das bestimmteste versichert, daß das Bündnis dem Frieden in Europa dienen solle und daß keinerlei militärische Abmachungen bestehen, die diesem Charakter zuwider laufen. Damit im Widerspruch stehen die von dem Berliner Blatt publizierten militärischen Ergänzungen, die das Verhalten der beiden Kontra henten für alle nach dep gegeMvartigen politischen Konstruktion Mitteleuropas möglichen Kriegsfälle in den Grundlinien regeln. Es ist zu bemerken, daß sich in den Publikationen verschiedene Fehler finden; so wird Herr Benesch an einer Stelle als Ministerpräsident angesprochen, während er mar Außenminister ist. Ferner sprechen die Dokumente von den „Vereinigten Königreichen S. H. S.", was ein im amtlichen Verkehr ungebräuchlicher Ausdruck ist. Aus diesen Fehlern wie aus der ganzen Textierung 'der Geheimverträge, die in mehreren wichtigen Punkten, so besonders bezüglich Polens, -außerordentlich unklar lautet, entstehen bedenkliche Zweifel an der Echtheit der Dokumente. Es wäre auch zu ewvägen, ob zu der fraglichen Zeit knapp vor der Konferenz von Belgrad — die Tschccho- Slowakei es hätte auf sich nehmen können, einen solchen Vertrag, der sie im Ernstfälle eines Krieges mit Deutschland weitab von Frankreich ohne Rückendeckung gegen Ungarn ließe, zu unterfertigen. Auch die in dem Vertrag vorgesehene Besetzung Oesterreichs für die Eventualität einer neuerlichen Anschlußhewegung kann unmöglich geplant gÄvesen sein, da doch die Tschecho-Slowakei und Frankreich durch die Genfer Protokolle, -der ersten Staat außerdem noch durch den V e r t r a g v o n L a n a, gebunden sind. Eine solche Okkupation könnte übrigens kaum ohne die schlimmsten Wirkungen auf Italien bleiben. Die genaue Prüfung der Dokumente legt den Schluß nahe, daß das ,/Berliner Tageblatt", sicherlich ein seriöses und vorsichtiges Organ, einem der vielen Spionagetnreaus ausgesessen ist, die es in Deutschland in so reicher Zahl gibt. * Im'Nachfolgenden geben wir den Inhalt der vom „Berliner Tageblatt" veröffentlichten Dokumente. Das eine enthält ein Geheimprotokoll, das einen Monat vor der Unterzeichnung des Vertrages zwischen Dr. Benesch, der hier unrichtig als Ministerpräsident bezeichnet wird, und Poineare aufgesetzt worden ist. Das zweite soll eine „Deklaration m Bündnisvertrag" bezeichnen und am gleichen Tage wie der Bündnisvertrag selbst unterzeichnet worden sein. Aus dem ersten Protokoll geht hervor, daß am 25. Dezember 1923 die Herren Poincare nnd Dr. Benesch irrtümlich glaubten, auf den Beitritt Jugoslawiens zum Vertrage rechnen zu können. Das Geheimprotokoll erwähnt den Artikel 10, Absatz 2, des geheimen Pariser Abkommens, jenen Artikel der sich auf die Gefährdung des mitteleuropäischen Friedens und die Aufstellung eines für die Tschecho-Slowakei nnd Jugoslawien gemeinsamen G e n e r a l st a b e s in Prag K'zog; durch die bezüglichen Dcfensivverträge ist jetzt eine andere Regelung erfolgt. An dieses Protokoll schließt sich eine am 25. Jänner in Paris ausgestellte Deklaration folgenden Wortlautes: 1. Die Tschecho-Slowakei tritt bei einem Kriege mit Deutschland mit ihrer gesamten Kriegsmacht auf die Sette Frankreichs, und umgekehrt verpflichtet sich Frankreich, bei einem Waffengange der Tschecho-Slowakei mit Deutschland diesem den Krieg zu erklären. 2. Bei einem Kriege Polens mit Deutschland treten beide Bertragsteile an die Seite Polens. 3. Bor der Eröffnung von Feindseligkeiten zwischen der Tschecho-Slowakei und Ungarn atbt Frankreich die Unter* st Ätzung der Tschecho-Slowakei mit Kriegsmaterial zu erkennen. 4. Beide Vertragsteile verhalten sich bei einem Konflikte Pole n—R u ß l a n d neutral. 8. Bei einem Wiederaufleben der Anschlußbew eun g in der - Bundesrepublik Oester reich machen eide 'Vertragsteile durch ihre Vertreter bei den Bundcsbehörden inWienaufdieFolgen iu Form einer Besetzung der Bundesrepublik durch verbündete Truppen aufmerksam. I. Trattnerhof Nr. 2 6. Die Wiederkehr der Habsburger in llw arn verpflichtet Frankreich zur sofortigen Entziehung er Kredite und beide Bertragsteile dazu, auf eine Verschärfung der Kontrolle hinznwirken. lieber den weiteren modus proecdendi einigen sich die Vertragsteile. 7. Der Versuch einer R e ft a u r a t i o n der Hohenollern in Deutschland oder in einem der deutschen ander erfochert sofort schärfsten Einspruch ultimativen ' Charakters beider Bertragsteile in gleichen Noten und unter Ankündigung weiterer Sanktionen im Westen sowie im Südosten unter Bezugnahme auf den Versailler Vertrag. Notorische Widersetzlichkeit Deutschlands ergibt einen Casus belli. 8. Zu Rußland sind freundliche Beziehungen im Einvernehmen anzubahnen. Ein Ueberfall Rußlands auf Rumänien erfordert die Unterstützung Rumäniens mit Kriegsmaterial. 9. Die Unterstützung Rußlands durch Deutschland bei einem Krieg zwischen Rußland und Polen erfordert die gemeinsame Kriegserklärung der Vertragsteile an Deutschland. 10. Unabhängig bleibt die Stellung beider Vertragsteile zu Jtalren. Die Bestrebungen Italiens zur Erlangung einer Mittelmeer Herrschaft werden von beiden Veriragsteilen bekämpft. Bezüglich des letzten Punktes zählte man auf die M i t- Wirkung S ü d s l a w i e n s, was jedoch durch den Abschluß des italienisch-südslawischen Vertrages zunichte gemacht wurde. Es folgt noch em Konzepwertrag, den Dr. Bene sch nach feinen Besprechungen mit Poincare am 10. Jänner dem südslawnchl'n Außenminister Nincic vorgelegt hat. In dem angeschlosseueu Geheimprotokoll ist die ablehnende Haltung Nincic' formuliert. Ein französisches Dementi. Paris, 19. März. Die Agence Havas teilt mit: Der vom „Berliner Tageblatt" veröffentlichte Bericht ü%r ein angebliches Geheimabkommen zwischen Frankreich und der Tschecho-Slowakei ist in allen Stücken erfunden. Zwischen den beiden Ländern besteht bloß der Vertrag vom: 25. Jänner 1924, der veröffentlicht und -dem Völkerbund- Pakte gemäß -dem Völkerbünde mitgeteilt worden ist. Benesch: Es gibt keine Geheimverträge. Prag, 19. März. Im Außenausschuß des Abg-e-ord- Mtewhausts interpellierte nach Erledigung der Tagc'sordniung Abgeordneter Dr. Kafka (deutschdemokrat ische Fveiheitspartei) den Minister des Aenßcrn über die Dokumente des ,>Ber!iuer Tageblatt". ' Minister des Aeußern Dr. Benesch erklärte, er hege tatsächlich große Zweifel, ob er sich mit dieser Angelegenheit befassen solle, da er sich ungern mit u n s e r i ö s e n und dummen Dingen beschäftige, wie sie im „Berliner Tageblatt" enthalten seien. Er habe schon einigemal öffentlich erklärt, daß er keine G e h e i m v e r t r ag e abschli-eße oder unterzeichne; er tvevde dies auch in Zukunft nicht tun. Dadurch sei bereits ein Dementi dieser Nachricht gegeben. Es sei nicht möglich, alle fikat e, wie sie in der ganzen Welt fabriziert werden, zu dementieren. Was die Sache selbst anlange, erklärte der Minister, daß hier zwei Faktoren notwendig seien: Einer, der fälscht, und ein zweiter, der die Falsifikate glaubt. Ter Minister sei weit davon entfernt/den Mitgliedern des Außenausschusses zuzunmten, daß sie derart dummen Fälschungen Glauben schenken. Die Fälscher, sagte der Minister, sind entweder ungebildet oder Verbrecher. Aus dem Dokument geht eine horrende Unkenntnis hervor. In dem sogenannten Gcheimprotokoll werden Unrichtigkeiten angeführt, die davon zeugen, daß die Herren Fälscher überhaupt nicht wissen, wie Vollmachten gegeben werden nnd gegeben werden können. Der Minister erklärte weiters: Daran möchte ich noch eine politische Bemerkung anknüpstn. Z w i s ch e n uns und Deutschland bestand während voller fünf Jahre kein Mißverständnis. Welchen Zweck verfolgen derartige Falsifikate, welches Ziel? Wer will Zwistigkeiten und Unstimmigkeiten säen? Wußte derjenige, der dies publiziert hat, nicht, daß es sich um Falsifikate handelte, oder wußte er das? Ich wollte nur auf die u n v e r a n t-- wörtlich leichtfertige und verdammenswerte Weise Hinweisen, wie Politik gemacht wird. Dies wird vielleicht als meine Antwort genügen. Das „Berliner Tageblatt" bleibt bei seiner Behauptung. Berlin, 19. März. Die hiesige tschecho-stttwakische Gesandtschaft veröffentlicht eine Erklärung, wonach zwischen Frankreich und der Tschecho-Slowakei keine Geheimvcxtrüge bestehen. Die Enthüllungert des „Berliner Tag eblatte s" werden von der gesamten Berliner Presse wie auf Kommando zum Teil in Leitartikeln behandelt, ohne auf das Dementi der hiesigen tschecho-slowakischen Gesandtschaft e-inzugehen. Besonders sind es die rechtsstehenden Organe, die in sehr scharfer Form die Geheimdokumente, die vom „Berliner Tageblatt" veröffentlicht wurden, kommentieren. Sie bezeichnen die zwischerr Frankreich und der Tschecho-Slowakei geführten Berhan-diMgeri als ein in der Geschichte kaum dastehendes zynisches Spiel mit dem Krieg und fordern, daß Deutschland ein Gegengewicht gegen diese traditionellen französischen Gelüste schaffe. Sie verweisen hier besonders auf Italien, das aus diesen Enthüllungen ebenfalls sehe, welch gefährlichen Konkurrenten es in Frankreich in Mitteleuropa habe, und fordern schließlich, daß die Reichsregieruug angesichts dieser schweren Friedensbedrohung die französischen Ziele vor aller Welt brandmarke und eine Sicherung Deutschlands gegen Frankreich fordere. Nur der „Vorwärts" und die