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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-18 · Heft 1828 (18.3.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1828 (18.3.1924)
Date
1924-03-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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ik MV -Men, Mnswg Menev Mornenzettuns- Hitler-Prozeß und kein Ende. (Von unserem Sonderberichterstatter.) 4 ' (A. B.) München, 14. März. Di« dritte Woche des Prozesses geht 31t Ende und noch immer ist nicht abmscHen, wann der Vorhang über die Münchner Tragikomödie fallen wird. Es hat sogar den Anschein, als könnte man Mch mit einer mchvlvöchigen Dauer der Bechandlung rechnen. Ein,undzwanzig neue Beweisanträge haben die Verteidiger gestellt, und die Zahl der Zeugen, deren Ladung gefordert wird, erreicht fast ein Dutzend. Gleichzeitig aber echAt sich im Prozcßsaal hartnäckig das Gerücht, von Berlin aus werde darauf hiugetolrft, die Verhandlung abzukürz-en und es feien zu diesem Zwecke sogar Delegierte der Reichsregierung, natürlich inoffiziell, nach München gekommen, um mit «dom Hinweis auf den schlechten Eindruck dieses lanMievigen Prozesses und feine ungünstige Wirkung auf das Ausland -das Ende des Spieles herbei;usi'rhren. Was -bislher im Zcugenverhör Nargostelli wurde, ist -nichts neues, war auch schon vorher bekannt. Immer wieder wird die Frage obgewandolt, ob Kahr. Lössow und Seisser in der Nacht im Bürgerbräu Komödie gespielt -haben, oder ob si«, in diesen Stunden zum Mitmacheu entschlossen. erst nach Mitternacht umgesallen sind. Hier steht Behauptung gegen Behauptung. Das einzige Gichtigere Ergebnis des Kreuzverhörs ist die Klarheit darüber, daß Kahr. Lossow und Seisser, wenn vielleicht auch nicht mehr am 8. November, so doch in den Wochen vorher, zielbewusst und entschlossen auf einen Staatsstreich hingearbeitet haben, Testen Hintergründe aufzühellen, die Fäden auszurollen, die damals — und noch heute — über ganz Deutschland gespannt werden und vor allein die Personen zu enthüllen, die in den verschiedenen Teilen Deutschlands diese Fäden in der Hand hielten und halten, das wäre die wichtigste Ausgabe der Verhandlung. Es ist nur allzu verständlich. daß keine 'der Parteien im Münchner Spiel ernstlich wünscht, diese letzten Hüllen fallen zu sehen. Wie kommt cs, daß die Dinge in der Verhandlung überhaupt so weit auf die Spitze getrieben werden konnten? In den ersten Tagen hatte man berechtigten Grund zur Aimaihm«, die beiden Parteien würden sich doch nur ■ein Scheingefecht liefern, und es sei ihnen doch nur darum zu tun. ,/iilf anständige Weise" zu einem Kompromiß zu gelangen. Die letzte Woche aber hat eine merkliche Verschärfung der Gegensätze gebracht. Nian muß feststellen, daß nicht Hitler und Lndendorff — so hitzig sie auch ihre Gegner attackieren.— die Unversöhnlichen sind, -daß vielmehr di-c Gegenseite es ist, die nicht zum Nachbeben entschlossen ist und den Kampf will, ohne Rücksicht darauf, daß auch sie dabei schwere Wunden davonträgt. Besonders deutlich wurde das, als K a h r sogar die Abgabe einer rein formellen Ehrenerklärung für Hitler strikte verweigerte, sich ourch keinerlei sentimentale „Appelle an sein vaterländisches Gefühl" erweichen ließ und Oe Verteidigung so zu allersämvfstvm Vorgehen ^beinahe prmmzierte. .Kahr und Lossow kämpfen nicht in günstiger Stellung. Rein taktisch sind die Angeklagten tveitau's -im Vorteil. Wenn die Männer des Triumphirats für den „legalen Staatsstreich" dennoch dem Kamps nicht ausweichen, .so muß man aunehmen, daß sie auf eine gute Rückendeckung vertrauen, -daß sie sich nur als v 0 r g c s ch 0benc Posten einer Armee fühlen, deren Schutz und Hilfe ihnen sicher i st. Daß der Statt- .harter des Königs, wie sich Herr K a h r selbst genannt hat, >rwd General Lossow nur Schildträger und treue Diener des Hauses Wittelsbach fein wollen und gern den Makel des Verrats an Hitler aus sich nehmen, wenn ihnen dafür der Dank Pupprecht's gewiß ist, erklärt ihren Kampfesmut nur zum Teil. Liest man aber die klerikale Presse Bayerns, nimmt man den Miesbacher Anzeiger" zur Hand, der noch bis vor kurzem recht begeistert für die Kannpfvevbän-de etutvor, st merkt mau eine deutliche Schwenkung: Die bayrische Volkspartei, die ursprünglich gewillt schien, Kahr vollkommen fallen zu lassen, der „Miesbacher", der das Säbclrasteln der Völkischen so begrüßte, sie haben eingesehen, daß die Hitler-Leute, die sie eine Zeitlang ganz bewußt gehätschelt und protegiert hatten, dom „bodenständigen bayrischen Bürgertum" über den Kops gewachsen sind. Sie dachten, der Prozeß werde auf die Gegner e-inschüchter-nd wirken und es werde so möglich sein, die nationalsozialistische Bewegung unter die Fittiche des Klcrikalismus zu nehmen, die verlorenen Söhne wieder 'heimzuführen. Ter Prozeß hat diese Erwartungen enttäuscht. So stark die Klerikalen wieder auf dem stachen Lande in Bayern sind, in den Städten .haben die Völkischen Kne stä rke re P 0s i ti 0n als die Bolksparsti. eo selbst vielleicht, an nahm, Nachdem die Dinge einmal so iveit gediehen waren, ist die Bolkspartei entschlossen, die Entscheidung nicht zu fliehen. Kahr und Lossow sind nur Figuren in ihrem Spiel. Und noch etwas hat die 'bisherige Verhandlung ganz klar herausgearbeitet:'den K l a ss c n g e g e n sa tz, der die beiden Parteien in zwei unversöhnliche Lager spaltet. Es ist das bo d e n stä u d ig e besitzende B ü rg e r t u nt, bas Hinter Kahr und der Volkspartei stelht, die saturierten Bauern vor ollem, die, so sehr sie auch bereit sind, jeden reaktionären Kurs mitzumachrn, jetzt vor dem Anwachsen der nationalsozialistischen, antiklerikalen Bewegung - der deklassierten Kleinbürger, Lumpenproletarier, verarmten Mittelständler Angst bekommen haben. Es ist der Wahlkamps, ber seine Schauen in den Prozeßsaal vorauswirst. Er wird -- darüber kann lein Zweifel bestehen — zeigen, baß in Bayern trotz -alledem die Kcrikalen Bauern ein realerer und stärkerer Machtfaktor sind als die Völkischen. So stark, baß die -bayrische Bolspartei sich nicht scheuen muß, im Gerichtssaal „enthüllt" zu werden, wenn es ihr nur gelingt, bie unbequemen Außenseiter um Hitler u nd Ludenborss zu schlagen. Und deshalb geht der Kampf weiter. Geeckt und Clah. ch'.ge,«bimst der „Wiener Morgenzeinuu; . München, 1.7. März. Die Vernehmung des Professors Bauer am Samstag hat, wie jetzt bereits klar wird, schwerwiegende Enthüllungen gebracht, die das Zusammenarbeiten der bisher immer nur nebenbei erwähnten Berliner Stellen mit Kahr u n d mit Hitler ausdecken. Es wird abznrrarien sein, welche Folgeerscheinungen die Berliner Reichsregieruug aus diesen Aussagen ziehen wird und ob sie ihrer politischen Polizei, die -das einschlägige Material sehr gut beherrscht, die nötigen Instruktionen erteilen wird. Es geht nicht mehr um den kläglichen Kahr, soudevu es zeigen sich Ausblicke aus eine bis in die leitenden Kreise des Alldeutschen Verbandes und in den ausgelösten Reichstag sich erstreckende Verschwörung. Prosesior Bauer hat ausgesagt, daß die Verfassung, aus Grund deren das Direktorium H'tler-Ludendorff-Minoux die Macht ergreifen wollte, im Alldeutsäun Verband ausgeavbeiiet wurde. Der Vorsitzende dieses Verbandes, Justizrat Claß, steht in dem Verdacht, vou dem Mordkomvlott Grundel-Traut manu gegen General Seeckt, das im Auftrag der GeheimveMude geplant mar, mehr zu wissen. Wenigstens liegen bei den Akten mehrere Origiualbriefe des Züstizrates, in denen er immer wieder „die Beseitigung" Seeckts verlangte. Seeckt ging zu jener Ze-it als Leiter ber Rcichsexckutive unter dem Ausnahmszustand sehr scharf gegen die rechten und linlen Kampforganisationen vor und ließ auch das im Reichstag befindliche Bureau der völkischen Freiheitspartei durchsuchen und sperren. Dieses Bureau leiteten die Abgeordneien Gräfe (der beim Hitler-Putsch anwesend war), W u l l e und H cgi n i 11 g. Die Verbindung dieser Völkischen, zu' denen auch noch der „Jammer" - Fritsch gehörte, nth München ist eine bekannte Tatsache. Claß war der Mann, der mit Seeckt zu verhandeln hatte, um rhu für de'u Staatsstreich zu gewinnen. Als sich dies als vergeblich erwies, brach der Staatsstreichplan zusammen, aber auch das Vertrauen zu Seeckt . . . Heute erfolgte die Einvernahme des Vorsitzenden des Bundes „Bayern und Reich". Sa-nitätsrates Dr. P: ttinge r. Vorher teilte der Präsident mit, daß Kapitän Ehrhardt nicht auffindbar sti. weshalb man Hm die Vorladung nicht habe Miellen können. Pittinger erklärt, die Nnzusriedenheit mit der wirtschaftlich sterilen Diktatur Kahrs sei allgemein gewesen. Kahr habe nach «denn Putsch die Sammlung der Leute des Bundes „Bayern und Reich" im Raum vou Rosenh e i m augeordnei. Dr. Pittinger stellt noch fest, er habe Lndendorff ersucht, seinen Wohns-ötz nach Norddeutschland zu verlegen, um in die etlvas verfahrene vaterländische Betvegung des Nordens Ordnung zu bringen. Lndendorff ha-be dies mit der Begründung a-bgelehnt, daß er bei seinen ehemaligen Kameraden in Norddentschland keine Gefolgschaft finde. Der Besuch in Ungar» sei auf Veranlassung des Obe r sie n Bau e r, der sich die r e ch t e H and L u d e n d 0 r f s s nennen durfte, erfolgt. Sie sollte das Ziel haben, eine Verbindung mit den n at io na len Organisationen in Ungarn herzustellen, wo ebenfalls gegen den Bolschewismus gekämpft tverden sollte. Irgend ein Vertrag sei nicht abgeschlossen worden. Justizrat L ü t g c b r n nne, Ändendorfss Verteidiger, teilt mit, /daß Ludendorff am 7. und 8. November, den Putsch tagest, aus Evfuchen Kahrs durch Sonderboten mit den Berliner Persönlichkeiten, die mau für das Direktorium gewinnen wollte, verhandelte. Hierüber solle Abgeordneter Schafwolirips für Kleider u. Kostüme 3~‘ X5 5 2 o cn 18. Martz 1924 Seite 8 Gracfe, der sich eben in München befindet, als Zeuge vernommen tverden. Verteidiger Dr. Roder erklärt, die Berliner Zentralstellen seien von deün Plan des Marsches nach Berlin benachrichtigt gewesen. In der Nachmitiagssitzniig wird Oberlandcsgcrichtsrai Parst (Nürnberg) einvernommen. Er hat über die Verbindung des Kapitänleutnauts Ehrhardt mit Kahr auvgusagen. Er erzählt, bei einer Sitzung der D e r c i u i g u n g alter Burschenschafter habe deren Schristisiibver Uhlein erklärt, Ehrhardt sei vor einigen.Tagen in Nürnberg gewesen und hätte in einer geschlossenen Versam-mEing vor Vertretern der Nürnberger Kaufmannschaft und Industrie erklärt, er komme im Auftrag des Herrn v. Kahr. Der Staatskonrmissär habe sich entschlossen, lioszuschlagen. Von einem Marsche nach Berli-n in wörtlichem Sinne sei nicht gesprochen tvorden. Es sei in der Sitzung auch -mitgettili worden, daß zu die-stm Zwecke die Nürnberger Jndnstrie um Geldmittel angegangen worden sei. Es sei ein Be trag von 30.000 Dollar genannt worden. Kapitämeutnant Kauter erklärt, Kahr habe bei den Unterredungen mit 'chm keinen Zweifel gelassen, daß er ein Vorbrechen einzelner Verbände nicht dulden würde. Lkauter sagt weiter: Nach -den Eindrücken, die ich von Norddeutschland und von der nationalen Beivegung hatte, ivar mir Kar, daß eine EinzMcwegung Hitler-Lu'dLndovff niemals Erfolg haben lvürde. Der Begleiter Hitlers, Freibank m e i st e r G r a s, der zunächst unbeeidigt vernommen wird, bestreitet, bei den Vorgängen int Bürgevbräukeller eine M aschine in Pistole gesehen zu haben. V. Lossow und v. Seisser erklärten bei den Bospvechungen, sie «niüßten sich erst die Sache überlegen. Zsug-e habe den Persönlichen Eindruck gehabt, daß beide Herren einverstanden -waren. Lndendorff scheine irgendetwas nicht recht gewe^n zu sein. Auf Zureden Hitlers habe dann Kahr seine ablehnende Haltung geändert und gesagt: Sie haben mich nun überzeugt! Ich bin bereit, den P 0 st e n als S t a t t h a l it t u ü b e r n e b in e ul Daraus habe es ein Treugelöbnis gegeben, Vas man sich nicht rührender hatte vorstell-eu können. Lndendorff und Lossolv hätten einander die Hände g e s ch ü t t e l 't. Rach Äuffassmig des Gerichtshofes eifcheint ein weite r e s Z e n g c n v e r h ö r zur Klärung des Sachbechalics nicht mehr nötig. Auch die Angelegenheit v. Lossow wurde für erledigt 'betrachtet. Dir Verteidigung erklärt sich im allgemeinen mit der Auffasiung des Gerichtes e'mtzerstanden. Ter erste Staatsanwalt b«sü!ht jedoch aus der Vernehmung des Hanptmannes .H u n g l i n g c r. Das Gericht wird über diesen Antrag noch Beschluß fassen. -Nächste Sitzung Dienstag vormittags. Im Namen von 12.000 gefallenen jüdischen Soldaten. Berlin, 17. A!ävz. (I. T. A.) Dü hier statigL-su-wden-c Tagung des R e -i ch § b u n d e s jüdischer Frontsoldaten hat die folgende Entschließung gefaßt: „Der ReiüMuud jüdischer -Frontsoldaten hat mit Entrüstung von den Bcschuldigungen und Ber dächtigungeu Kenntnis genommen, die General Lndendorff im Münchner Prozeß gegen die deutschen Juden ausgesprochen hat. Nur parteipolitische Letdeuschaft hat den militärisch verauiwortlichen Führer des deutschen Feldhoeves zu Verdächtigungen verleitet, wie sie imgevechtfertigter und ehreukrärikender kauen stmals ausgesprochen worden sind. Namen der jüdischen Frontseldaieu, die wie alle in mi^s -das Be-ioußtstin tragen, mit Dpsertvilligk-ci-t und .'dinga'be unserer Kraft dem Vaterland gedient zu haben, im Rainen der vielen Tausende jüdischer Männer, die ihre Treive mit dauerndem Siechtum bezahlt haben, im Namen der 12.000 jüdischen Soldaten, die unter Führung General Lndendorffs gefallen sind, im Namen der trauernden Witwen uud Waisen, Väter, und Mütter, weisen, wir die uns zugefügten Beleidigungen zurück und sind uns gewiß, daß die erdrückende Mehcheir des d-cutschen Volkes von diesen n-n-gohouerlichen Verdächtigungen . nichts -wissen will. I. A.: Dr. L ö w e n ste i n, Hauvrmanu d. T\., ] B-undesvovsitzender." i Quidde in München verhaftet. -Eigendienst öcv „Wiener Morgruzeilnng".- München, 17. Marz. Borgesteru ist hier ans Au» ordmmg der Staatsanivaltschaft der U.niver-sitärsprosesior Dr. Q-nidde vecha-stet worden. Quiddc hat durch verschiedene Pazifistische Reden und A-usjätze den Uu-mul der Völkischen erregt. Er hat gemeinsam mit Professor F ö r. st er und Nicolai im Krieg den Pazifismus in Deutsch land oWttriisiert. Bekannt ist seine vor dem Krieg iu der Schlvriiz erschienene Broschüre, in der er den Zäsawirwahusiuu au Wilhelm dein Zweiten nachznwenen -bestrebt war. mm JL±X.

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