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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-17 · Heft 1827 (17.3.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1827 (17.3.1924)
Date
1924-03-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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•Igrftff_mn, MoM, fanden häben. Auch das leere Täschchen habe Wald ln die Donau geschleudert. Man hielt ihm vor, daß laut einer Gendarmeriemeltmng tatsächlich am 86. Mai unterhalb Hainburg die Leiche einer etwa 40jährigen Frau von der Donau angeschwemmt worden sei. Aus den bei der Toten Vorgefundenen Gegenständen sei mit absoluter Sicherheit festgestellt worden, daß die Leiche die der ermordeten Kafseesiederm war. DaZ Sicherheitsbureau hat festgestellt, daß W a l h, der mit Frau Koch zusanrmenlebte, homosexuell veranlagt war. Den Ochmar Fuchs hatte er in einer Badeanstalt kennen gelernt. Die Frau Koch war keinen Augen-- blick im Unklaren Wer die Beziehungen der beiden und Mtestierte ohne Erfolg gegen die Ausnahme deS FuchS in die gemeinsame Wcchnung. Wald schlug sie in so gräßlicher Werse, daß sie es nicht mehr wagte, sich seinen Wünschen und Befehlen zu wddersetzen. Ein furchtbares Martyrium begann nun für die Frau. Alles Geld, das einging, wurde von Wald und FuchS vergeudet, und Frau Koch hatte kaum die nötigsten Mittel für die Lebensführung. Aus Kränkung ergab sie sich endlich dem Trünke. Im Schnaps suchte sie Vergessen. So oft sie dann berauscht in ihr Geschäft zurückkehrte, um Wald heftige Szenen zrr machen, machte dieser krrrzen Prozeß, prügelte sie durch und warf sie auf die Straße hinaus. Dort randalierte die Betrunkene so lange, bis Sicherheitswache kam und sie mitnahm. Bei Streitigkeiten drohte Fuchs dem Wald, er werde chn noch ins La-Ndesgevicht bringen. Gegenüber allen bissen Vorfällen leugnet Wald hartnäckig und behauptet, daß FuchS allein die Tat begangen habe. M Schundliteratur. Der christlichsoziale Parieirat hat gestern dem Bundrskmyler Dr. Seipel fiir sein Auftreten gegen die pornographische Literatur den Dank ausgesprochen. Die Staatsanwaltschaft hat gestern die beiden letzten Ausgaben der vom Bundeskanzler gemeinten, wenn auch nicht genannten Zeitschrift „Er und sie" beschlagnahmt. Der Herausgeber dieser Zeitschrift hat angekündigt, daß sein Blatt >as Geschlechtsleben von den bedrückenden konventionellen Fesseln und Vorurteilen befreien solle. Tatsächlich aber ist der Inhalt ärgste Spekulation auf die erotische Phantasie der Jugend Und das Blatt enthält Kuppelinserate, die da§ in der Großstadt übliche Maß weitaus und in ekelhaftester Weise übersteigen. * Me Flucht aus dem Richterstand. Der beim Sandesgerichte Wien, 1. Bez., als Untersuchungsrichter tätig gewesene BezirkSrichter Dr. Richard Fasal ist als Rechisanwaltsanwärter und Verteidiger in Strafsachen in die Kanzlei des Rechtsanwaltes Dr. Hermann Kraszna eingetrcten. Tanzinstitut Hermann Braun, 14. Bez., Reindorfgasfe 42. (Entgeltl'.ch.) Wette* ' Set Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Die angeborene Hüftverrenkung. Eine der häufigsten Mißbildungen betrifft das Hüftgelenk. Die Deformität ist angeboren und tritt häufiger einseitig und meist linksseitig auf. Interessant ist noch die Tatsache, daß von der angeborenen Hüftverrenkung etwa achtmal soviel Mädchen als Knaben betroffen werden. Für die Entstehung dieser häufigen Abnormität hat man viele Theorien zur Erklärung herangezogen. Als Ursache für die Verrenkung, dis darin besteht, daß der Obevschenkelkopf nicht in der Gelenkspfanne des Hüftbeines liegt, muß man als wahrscheinlich eine während des kindlichen Lebens im Mutterleibs entstandene EntwickluugShcmmilng annehmen. Der Laie denkt dabei in erster Linie an Verletzungen, die etwa den Mütterlichen Körper während der Schwangerschaft betroffen haben. Am ehesten wäre noch Fruchtwasserinangel oder eine abnormale Stellung der Beine der Frucht in dem Fruchthalter verantwortlich zu machen. Jedenfalls hat man es durch keinerlei Maßregeln in der Hand, den angeborenen'Bildungssehler zu verhindern. Wollen doch einzelne Acrzte sogar eine gewisse Erblichkeit des Leidens erkannt haben. Uebcr die abnorme Stellung des Schenkelkopfes zum Hüftbein sind wir heute durch die Beobachtung im Röntgenbilde besser aufgeklärt. Der Scheukelkopf ist meist näch oben und vorne oder nach oben und außen von der Pfanne verschoben. Es resultiert daher das auffallendste Symptom der Verrenkung, die Verkürzung des betreffenden Beines bei einseitiger Erkrankung, welche das Hinken der Kranken zur Folge hat. Infolge der Schonung dieses Beines stellt sich im Laufe der Jahre eine Schwäche und Zurückbleiben im Knochemvachstum ein. Ein solches Bein ist muskelschwach und weniger leistungsfähig. Selbst der Laie erkennt das Leiden, wenn die Kinder schon gehen. Bei starker Verkürzung suchen die Patienten die Ungleichheit durch starke Spitzfußstellung der betreffenden Seite wettzumachen. Bei beiderseitiger angeborener Hüftverrenkung entsteht der wackelnde Gang, wie der einer Ente. Aehnliche Gangstörungen entstehen bisweilen auch auf anderer Grundlage, doch ist die genauere Untersuchung Sache des Arztes. Das wichtigste ist, daß das Leiden frühzeitig erkannt und dann sofort auch behandelt wird. Denn man kann heute mit gutem Gewissen sagen, daß der Bildungssehler am Hüftgelenke bei frühzeitiger Erkennung und sachgemäßer Behandlung heilbar ist. Und maN imuß es geradezu als ein Verbrechen von Seiten der Angehörigen bezeichnen, - ff. März IM_> - Nr. 1837 einen solchen abnormalen Zustand bei einem Kinde besteh«, zu lassen. Ein solcher Mensch bleibt sein Leben lang ein Krüppel, ist minder leistungsfähig und in seinem sozialen Fortkommen stark behindert. Unbehandelt macht daS Leider insofern Fortschritte, als sich häufig Schmerzen infolge Gelenksentzündungen einsiellen, die den. Betreffenden länger« Zeit arbeitsunfähig machen. Immer wieder wird von den Aerzten darauf hingewiesen, daß es Unsinn ist, zu glauben, es könnte das Leiden von selbst sich zurückbilden. Wenn wirklich eine vollkommene Verrenkung, ein Verlassen des Kopfes aus der Pfanne, vorliegt, gibt cs keine Selbstheilung. Bis etwa vor vierzig Jahren hat es kein sicheres Heilverfahren gegeben. Die früher angetvendeten Beckengürtel und Stützapparate dienten hauptsächlich der kosmetischen Verbesserung - der Deformität. Seit 30 Jahren wird gerade in Wien durch die Lorenzsche Schule eine unblutige Methode geübt, die eure anatomische Heilung erstrebt, indem durch Reposilionsversuche der Kopf nicht nur an seinen alten Platz, die Pfanne, gebracht, sondern auch in den bestehenden Rest der Pfanne eingebettet wird. Dieses Zurückbringen des Kopfes in die Pfanne, die Reposition, gelingt um so leichter, je jünger das Kind ist, das heißt, je weniger krankhafte Veränderungen sich im Gelenke eingestellt haben. ES muß also die möglichst frühzeitige Vornahme der Operation empfohlen werden. Es ist dies das zweite bis dritte Lebensjahr bei einseitiger Erkrankung. Die unblutige Operation, die immer in Narkose ausgeführt wird, führt bei älteren Kindern meist nicht mehr zum gewünschten Erfolge, so daß dann nur noch die blutige, von Lorenz erfundene geniale Methode übrig bleibt. Bei Erwachsenen ist infolge der starken Veränderungen im Becken * eine Heilung ausgeschlossen. Die in die normale Stellung zurückgebrachten GelenkSkörper werden dann durch einen Gipsverband für mehrere Monate fixiert. Hernach setzt die gleichfalls lang dauernde Nachbehandlung ein, die der Kräfttgung und Stärkung der Muskulatur und den Geh- und Stehübungen dient. Bei den spät operierten Fällen bleibt das günstige Resultat trotz aller Bemühungen oft nicht dauernd erhalten. Der Kopf rutscht wieder aus der Pfanne und der alte Zustand tritt wieder ein. Die modernen Erfahrungen bei der angeborenen Hüftverrenkung machen eS aber zur Pflicht, eine einmal erkannte Mißbildung im Hüftgelenke sofort der Behandlung zuzuführen. Die Erkennung eines abnormalen Hüftgelenkes ist bei guter Beobachtung auch dann möglich, wenn das Kind noch nicht gehen kann und das Hinken oder Watscheln als Zeichen nicht zur Verfügung steht. Jede Verkürzung, jede ausfallende Ein- oder AuSwärtsdrehung eines Beines, die Schwierigkeit bei der Streckung sollte di? Mutter daran erinnern, daß ein abnormaler Zustand an den Hüften vorliegt. SdiafwollripsSSiMfe; CO wieN.i,aolergasse a ▼«»efonNr 762.64 Konzerte. Weder die Philharmoniker, noch der Konzertverein — der in diesem Jahre unter Ferdinand Lowes sachverständiger Führung einen Bruckner-Zyklus veranstaltet und letzthin wieder durch eine weihevolle Aufführung von Bruckners ,-Siobenter" erfreute —, noch auch das Tonkünstlerorchester haben für die moderne Musik etwas übrig. Nur in den philharmonischen Kammerkonzerten weht frische Morgenluft; N i l i u s hat den Mut und die Energie nci« Werke aufzuführen und regt damit nicht nur das Publikum an, das sich in immer wachsender Zahlin seinen Konzerten einfindet und damit einen erfreulichen Beweis für das Interesse an moderner Musik liefert, sondern er wirkt auch anfeuernd aus die jungen Komponisten, die eigens für die Nilius-Konzerte kammermusikalische Werke schaffen. Das letzte Konzert brachte die „Ouvertüre zu einem Puppenspiel" des Wiener Komponisten Hans Gal, dessen heitere Opern schon auf verschiedenen Bühnett — nur nicht in Wien! — Erfolg hatten. Die einfach volkstümliche Ouvertüre, deren leichte luftige Klänge zwischen Traum, Groteske und Märchen scherzhaft hin und her flattern,, ist von naiver melodiöser Musik erfüllt, welche Verlangen nach dem Puppenspiel selbst ertveckt. Die nationalen Programme — so nennt man in der Wiener Konzertspräche ein Sammelsurium von Werken derselben Nation — sind wieder einmal an der Tagesordnung: Unlängst ein keltisches Konzert, gestern eine französische Veranstaltung. letzthin ein von Edoardo Granelli mit glatter Routim ohne sonderliche Inspiration geleitetes italienisches Konzert, in welchem das bessere Alte und das schwächere Neue in buntem Durcheinander abwochseften. Eine Ouvertüre zu „Cleopatra" des vor drei Jahren verstorbenen Opörnkomponisten Luigi Ma neine lU, ist grelle, mit großem Aufwand ausgemachte Thratermusik, mü kitschigem, ariosem Aufputz, viel Tamtam um nichts! Auch das Orchcsterstück „Pause del Silen- -io" von Francesco M a l i p i e r o, ist recht belanglos. Wo -leibt die Pause, wo bleibt das Silentium in diesem sich breiig ausbreitenden, phautasiearmen Klangstück, das immerfort laut redet und doch keine eigene moderne oder technisch fesselnde Tonspvache findet? Eine schwächere Novität war auch das „Feierliche Vorspiel" des in Wien lebenden Komponisten Rudolf Bella in einem A rbeiter-Symphoniekonzert. Es gebricht dieser in der klassischen Form gehaltenen Ouvertüre, die aus der „Blech-Dur-Tonart" gar nicht herauskommt, an jeder Feierlichkeit, die saubere Arbeit führt in der Koppelung der Themen wohl zu starken Steigerungen, doch mehr zu äußerem Spektakel, als zu straffer innerer Zusammenfassung. Der Novität folgte die italienische Symphonie, Mendelssohns Meisterwerk aus . Brahms' Geburtsjahr 1833, in welchem die Eigenart des jungen Brahms gleichsam vorweg genommen ist. Der Dirigent des Abends, Doktor Richard E h r m a n n, ein anscheinend nüchterner Geselle, hielt mit strammer Zeichengebung das Orchester in Ordnung. In einem Chorkonzert der Wiener Konzerthau s g e s e l l s ch a f t dirigierte Paul v. K l e n a U Liszts Oratorium „Christus", welches Liszts Bestreben, Theater und Kirche in kolossalem Verhältnis zu vereinigen, einigermaßen verwirklicht — Seine kirchlichen Reformideen lassen Liszt hier unmittelbar an den alten gregorianischen Choral anknüpsen, er fühlt sich hier nach seinen eigenen Worten nicht nur als kiirchlicher.Komponist, sondern auch „als Prediger und Priester", der freilich auch gerne schauspielert. Nach den vielen ermüdenden Sologesängen und gedehnten Chören atmet man erleichtert auf, wenn sich die strenge Würde der liturgischen Musik in den instrumentalen Zwischenspielen wie etwa iw Pastoralen Hirtengesang oder im Mansch der drei Könige, gelegentlich wildert. Die Mühe, welche Herr Jölli, ein ganz vortrefflicher Christus, die Damen Merz-Tunner und Bittner, die Herren Gallos und Loibnegger, die Singakademie Und der kaufmännische Gesangsvereiu aufwendetett, war des Schweißes dieser Edlen wert, denn sie galt einem edlen Werk, das freilich nur mehr mit historischem Interesse aüfgenömmen werden kann. Auch die konzertante Kirchenmusik ist eben dem Gcsttze der Wandlung unterworfen, insofern nicht ihre geistige Kraft >me in Beeil'-wens großer Messe oder ihre sinnliche Urgewalt wie in Verdis Requiem stärker ist als der Zeitgeist. Als Phantastisches Requiem bezeichnet der bekannte Gesangspädagvge Otto I r o sein „Schattenspie l", m welchem der Fährmann Charon die verschiedensten Menschen — Gelehrter und Dirne, Dichter und Selbstmörderin, Athlet und junge Mutter usw. — unter allerlei philosophierenden Betrachtungen auf seinem Nachen über den Lethefluß in den Hades befördert. Für dies Unterwelt hat der fleißige gewandte Komponist Oskar M e tz n e r eine untermalende Musik geschrieben, die sich in der Singstimme stark an den Wagnerschen Sprechgcsang anlehnt. Auch sonst kommt die stimmungsvolle, doch kontrastarme Vertonung von Wagner ebensowenig los, wie Charons Nachm von der Unterwelt. Eine Reihe schöner Stimmen, die für die gute Gesangsschule Otto Jros Zeugnis ablegen, wirkte in den Solis und im Chore zusammen. Im Konzert des Klavievvirtuosen Angela Kessissoglu geht es immer hoch her: Schon der klingende Namen gibt einen Vorgeschmack von der großartigen Bravour, die in ihm steckt, von dem Metallischen Klange und dem packenden RhhthMUs seines fesselnden Spieles, in dem NUN auch das lyrische Register sich immer reicher und blühender entfaltet. Drei Jungwiener Komponisten wurden von ihm zur Aufführung gebracht; so verschieden die aufgeführten Piecen im Temperament und Technik sind, so gleichen sie einander doch in der Kürze und in der tändelnden Art, Über ernste Dinge leicht und skizzenhaft, ohne viel Tüftelei hinwegzukommen. Zunächst ein viersätziges SonatcheU pikanter Mischung, in dem Stvawinsky ein wenig „feueriverlkelt" und Debussy gelegentlich „fardcu.- strickelt", im übrigen trägt es in den leichtangetnpfteü Variationen Und in der witzig kultivierten Art, in der es auß leichtem Handgelenk hingeworfen ist, die unverkennbar: Marke „Müdä by Wilhelm Grosz". Eine Klaviersuite von Egon Kornauth schürft tiefer und steht doch der Ratur näher. Lauter kurze Tänze, die teilweise alte Tondichter, scherzhaft salonmäßig kopieren und doch Kornauths starkes eigenes Empfinden Nicht verleugnen. Schließlich vier kleine Stücke von Franz Salmhofer, dem Baby unter den Jungwienern. Gar bald wurde er tondichkerisch Mannbar Und streitbar radikal, um ebenso bald seinen Radikalismus zü löckittM, wie Luch die von Kessissoglu gebrachten zwischen Alt- und Reuland der Musik wechselnden eigenartigen Klavierspielereien erkennen lassen. Erwin Felde v.

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