Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1825 (15.3.1924)
- Date
- 1924-03-15
- Page
- Seite 3 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980908--18175-3005223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
iraa HHHIIM Vespasian: Was trieb dich denn dazu, so viel zu wagen? Rabbi Jochanan: In kurzem, Herr, hast du die Stadt bezwungen, Doch wie nur scheinbar heute war mein Sterben, Sollst du aui ewig nicht das Volk verderben! Vergönne mir, nach Jabne mich zu flüchten, Und lasse dort ein Lehrhaus mich errichten! 0, tu' es, Imperator! Vespasian: Du nennst mich — Kaiser? Rabbi Jochanan: Du bist‘s, o Herr! — Die höchste Würde ist dir nah. Vespa ssan: Du faselst! — Bin ich's, sei dein Wunsch erfüllt! (Hurrarufe draußen.) Was für ein Lärm, der immer näher schwillt? Heda! Die Rüstung! — Gibt die Stiefel her! (Er $dcht eine n Stiefel an.) Schon wieder viel zu eng! — Er drückt zu sehr! (Atlas als Kurier gekleidet, stürzt herein.) Atlas: Heil dir, Herr! Imperator! Vespasian: — Bin ich Kaiser? Atlas Vitellins ist entthront und Kaiser du! Vespasian (nach einer kleinen Pause auf Rabbi Jochanan zeigend): So ist sein Wunsch erfüllt, weil er voraus es sah! Den andern Stiefel! 's gellt nach Rom im Nu! Mein Glück hängt davon ab, daß ich's Versprechen halte! Die neuen.Stiefel sind zu eng, so gebt mir alte! Doch dieser geht nicht ab! Welch Mißgeschick! Macht meine neue Würde mich so dick?! Rabbi Jochanan: Im Midrasch steht: — Wer andere erfreut. Nimmt zu, und so auch umgekehrt! Hab* Dank! Denn Freude machtest du mir heut'. Der Spruch hat richtig sich bewährt. (Ab.) Vespasian (zornig): Dann packt den Schuster schleunig mir beim Kragen! Wird ihm der Kopf ein wenig abgeschlagen, Wird das nicht angenehm ihm sein, Doch dünner wird vielleicht mein Bein! (Krieger ibrmgit Heinz als Schuster herein; Atlas er schrickt.) Vespasian: Nur zu! Herunter mit dem Kopf! (Krieger holt mit dem Schwerte aus; Atlas nackt schnell das Bein Vesipas’ians und zieht den Stiefel ab.) Atlas: Erbarmen mit dem armen Tropf! Halt! Vespasian: Nun denn! Für dieses Mal Gnade! Wir rüsten jetzt, nach Rom zu zieh‘11! Laßt die Trompeten schmettern kühn, Hier soll der Sieg gar bald uns blivh'n! Jetzt aber kommet zur Parade- Das ganze Heer kriegt heute Schokolade! (Ab.) Krieger (begeistert): Das ganze Heer kriegt heute Schokolade 1 (Ab.) $>rau!.ie-n Hurrageschra*, Mus’iktusch. Der Woilken Vorhang senkt sich wie oben.) Atlas: Ja, nun sag* mal, was soll man mit dir anfangen? Nun bist du gar Schuster? Heinz: Ich hab* schon so *n Pech! Atlas: Mach keine Witze! Das kann ich nicht vertragen! Und natürlich! Die Stiefel haben nicht gepaßt! Jetzt können wir dem Haman freilich nichts tun, nun ist er römischer Kaiser und stiftet schrecklich viel Unheil an. — Aber warte nur! Wir lassen nicht locker! Schließlich kriegen wir ihn doch! In der ganzen Welt wird man ‘rumgehetzt und durch alle Jahrhunderte! Also, wo geht's jetzt hin? — Hm — hast du Lust zu einer Seereise? Heinz: Immerzu! Wieso denn? Atlas: Wirst schon sehen! — Na, denn wollen wir zu unserem Hafen, wo wir uns einschiffen! Ete — Pete — Tippete! Mannohe — Mannohe — in der See! Kleine Diener — kommt herbei! Kommt geschwinde — eins — zwei — drei! Wellen, wiegt euch! Biegt euch, Wogen! Unser Schiffchen kommt gezogen! Häuser, Türmchen, baut euch auf! Vorwärts geht der Zeiten Lauf! (Ratten,wasen usw. wie oben.) Szene IV. Fcstplatz in Granada. Ausblick auf das Meer. — Ein Thronhimmel mit zwei Sesseln zur Seite. Körnig Ferdinand und I s a b e 11 a auf dem Thron; Torquemada (II a m a n) steht gegenüber, zwei Mönche sitaen auf den Stufen des Thrones. Ein kleines Schiffchen Je«t hinten an; 'ihm entsteigen Co- 1 u m b u s (At l a s) um! Fernando OH e ii 11 z), sie knien vor dem Throne nieder- Ferdinand: Kolumbus und Fernando! -- Vor der Reise Begehrt ich euch zu seh'n. Nach Heldenweise Zieht ihr auf Abenteuer aus; mein Segen Begleitet euch auf allen Wegen! Atlas: Glorreiche Majestät! Ihr wißt es ja, Wonach jetzt einzig unser Sinn uns steht: In kurzer Zeit, wenn alles glücklich geht, Entdecken endlich wir Amerika. I s a b e 1! a: Ich freu' mich schon darauf! Vor allen Dingen, Vergebt nicht, mir was Schönes mitzubringen! Kehrt glücklich Wieder! — Heute ist ein Fest, Vor dem man euch nicht einfach weggeh'n läßt. Ganz Spanien ist, Ihr wißt's, befreit, Von jenen Ungläub'gen, den Mauren, Drum sei dem Himmel Dank geweiht! Das Bleiben sollt Ihr nicht bedauren. Zwei Dutzend Juden werden beim Autodafe Verbrannt! Das Schauspiel habt Ihr ganz hier in der Näh*! (Feuerschein von dtsr Seite.) T u r ci u e in a d a (Haman): Nicht eher ist des Glaubens Werk vollendet, Als bis der letzte Jude hier geendet! Heinz (erschrocken, zupft Atlas). Atlas: Was willst du, Fernando, so trüb und so bleich? Heinz: Das ist ja der Haman! Atlas: Das wußte ich gleich! T0 r cj u e m a d a (Haman): Dein Wort, 0 Herr, ist in das Land gegangen: ..Der Jude, der als Christ sich nicht bekehrt, Dem Scheiterhaufen er sogleich gehört!“ Doch viele haben das Gesetz umgangen, Sie blieben Juden, doch sie zeigen's nicht, Entziehen frevelhaft sich dem Gericht. Ferdinand: Wer immer es auch sei, der solches tut, Ich übergeb' ihn dir, nimm hin-sein Blut! Torquemada (Haman) (auf Heinz zeigend): Seht diesen Ketzer an! So schaut doch nur! Atlas: Was ist denn los? Ich merke nicht die Spur! Torquemada: Schaut nur das Wams, hier, wo ein Ritz is, Da seht ihr deutlich, er trägt Ziziß! Atlas: Allmächtiger! Was das für‘n Witz is! Ferdinand: Erwiesen ist, was er verbrochen! Nimm ihn, sein Urteil ist gesprochen! (Ferdinand und IsabeMa ab.) Atlas: Da hast du‘s! Nun kann man dich kochen! Torquemada (zu den Mönchen): Nun bindet mir den Frevler fest mit Stricken, Ich geh', die Henkersknechte herzuschicken! (Ab) (Die Mönche binden den ganz verdutzten Hemz schmunzelnd und setzen sßch dann m einiger Entfernung in -der Mitte nieder, um Wache zu halten. Atlas hat sich, scheinbar ganz apathisch, auf düe Erde gestreckt.) Heinz: Au! Au! — Atlas! Hilf doch! Atlas: Laß nur! — Ich habe wirklich keine Lust, mich noch mehr mit dir abzugeben! Solch eine Schlamperei! Heinz: Wenn man sich jeden Augenblick umziehen muß, da kann einem schon mal so was passieren! Atlas: Und ich hatte mich schon so auf die Entdeckung von Amerika gefreut. — Wir hätten womöglich auch noch Robinson spielen können. Heinz: Du! — Wir müssen jetzt aber weg! — Wenn Haman wiederkommL Atlas: Ja, vorläufig hat er uns, statt daß wir ihn haben! Heinz: Mach ‘doch etwas zu! Meinst, es macht Spaß, so geschnürt zu sein? Atlas: Na, siehst du, die Wächter dahinten sind eingeschlafen, darauf habe ich nur gelauert. (Der Wolkewvorhang schließt sich) Jetzt reisen wir per Luftballon! Heinz: Aber, du! Luftballon? Zur Zeit von Kolumbus? Da ist ja der Luftballon noch gar nicht erfunden! Atlas: Ach, wahrhaftig! Da sqjl doch gleich — ioh werd* auch noch ganz konfus! Na, da müssen wir eben wieder per Wagen fahren! j Kuller — Kuller — Kuller dich! | Kullerst du — so bullcr' ich! 1 Sohaufäden. Wie das stößt und wie das pufft, Und nun fahr'n wir durch die Luft: Pferdchen! — Ratten! Schwingt euch auf] Vorwärts geht der Zeiten Lauf! dWagcsi u®w. wfe oben-.) Szene V. Geriolvtsstube eipes böhmisd>en Dorfes.) Auf einem kleinen Podium Titsch, mit grüner Decke uw! Schreibzeug, und ein Lehnstuhl!; gegenüber eitle rohe Holz« bank und einige Holzsitühte. — Im Hintergründe Sohranl mit Schruttpsflasche und Gläsern.-— Wäsche ist tznrm Trocknen quer durchs Zimmer gehängt. — e4n Bett in Unordnung ttsw. Die b enden Mönche schlafen mitten 4n der Szenie nooh i'-n derselben Stellung wie zum Schluß dies vorigen Bildes — Ein Posthorn ertönst 'in der Ferne; ein Hahn kräht- 1. Mönch (dehnt sich, gähnt und guckt $ioh verwundert um. Dann rüttelt er seinen Kameraden): He, du! Bruder Ambrosius! Aufwachen! 2. Mönch: Was ist denn? — M — ja! —« Gtttec Morgen! 1. Mönch: ‘Morgen! — Sieh* dich doch mal um, daf kommt mir hier doch alles so verändert vor! 2. Mönch (sich die Augen reibend): Ja, wirklich, lieber Bruder Melchior! Das ist doch —- —!!?? 1. Mönch: Du, weißt du, was ich glaube? 2. Mönch: Alle guten Geister loben — 1. Mönch: Hör* doch! Ich glaube, wir haben die Zeit verschlafen! Es ist schon ein paar Jahrhunderte weiter! 2. Mönch: Ach! Was du sagst! Weißt du, da könnten wir uns noch ‘n bißchen hinlegen! Ich habe noch lange nicht ausgeschlafen! 1. Mönch: Ja, machen wir! — Komm! M — ja! (Trollen ab.) (Huber (Haman) Dorfrijchtr und Stühe «r. Bauer, kommen.) Huber: Hol' euch dieser und jener! 's wird immer schöner! Gevatter! Gevatter! Ich sag' es euch ehrlich! Eure Sach' ist gefährlich — gefährlich! Die Gemeinde hat euch das Kind übergeben* Ihr solltet das Waisenmädchen erzieh'n; Auf Kosten des Dorfes ist es gediehen! Euch bracht* es was ein. Stüber: Und euch daneben! Ich hab's gut erzogen, das muß man sagen! Huber: Ja, der leibliche Vater konnts mehr nicht schlagen! Stüber: Seine Unart habe ich. redlich gezügelt! Huber: Und täglich habt Ihr es durchgeprügelt! Nun ist es fortgelaufen! Schon lange Munkelt man arg über euch; denn bekannt Ist es, Ihr habt eine lockere Hand! Stüber: Hätt* ich sie hier nur, die unnütze Range! Huber: Jetzt trinkt mal erst eins! Es muß gelingen, Die unnützen Klatscher zum Schweigen zu bringen! Zur rechten Zeit liefert* man uns ins Gefängnis ‘nen Judenjungen! Ich will ihn verhören; In kurzer Zeit soll er alles beschwören: Daß geschachtet das Kind durch die Juden des Orts, Und schnell überführt sind dann sie des Mords! Und wir, wir sind aus aller Bedrängnis! zur Tür hinausrufend) He, Friemel! Den Judenjungen! Sie können sich nicht verteidigen! Stüber: Die Idee ist prächtig; und der alte Menasse, Den ich, Ihr wißt es, lange schon hasse, Ist auch ein Mörder, das will ich beeid'gen! (Fr ferne!, Gwfchtsdiener, angetrunkeai, schleppt Heinz in der Klefdung eines zerlumpten Jodernjungens herein.) Huber: Na, Bengel! Jetzt sollst du schleunig gesteh‘n, Was du von dem Ritualmord geseh*n! Heinz: Ich bitte schön, Herr Richter — Huber: Ja oder nein? Heinz: Ich bin hier ganz fremd! Ich — Friemel: Es klopft! Huber: Herein! (Kaiser Jo.sei und Atlas, als Adjutant, treten ete; beide m großen, unscheinbaren Mänteln.) Friemel: Die Leute, die erst mit der Post gekommen. Kaiser Josef: Herr Richter! loh habe soeben vernommen — Huber: Den Mund gehalten, bis ich frage! Unverschämte Fremdenplage!! Friemel — fertig? -- Leg' er ihn über! Bitte, nehmen S‘ Platz, Herr Stüber! (Friemel hat sich den Rock ausgewogen, legt Hemz übe* die Bank und holt a<us.) Kaiser Josef: Halt! Wa& will er? Was soll das heißen?