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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-15 · Heft 1825 (15.3.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1825 (15.3.1924)
Date
1924-03-15
Page
Seite 2 (sequence 6)
Language
German
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2 m j Heinz: Sag* mal — bist du nicht recht gescheit? lAtlas: Wozu bin loh denn der Atlas, der die Erdkugel immer rumsohleppt? — Jetzt sollst du mal seh'n —, ich kann die Weltgeschichte noch ganz anders durcheinanderkugeln! — Da ist die Megille! Und da steckt Haman drin und Mordochai und Esther-die sollen raus!! — Auf gepaßt! Ratzen! Ratzen! Kommt herbei! Leise! Leise! — Eins — zwei — drei! Eilt euch! Schnell! Wir sitzen auf! Rück wärts geht der Zeiten Lauf! Einsteigen! — Fertig! — Abfahren! ■(Die vier Ratten 1 iahen einen kleinen Wagen luereirtgezogen. auf dem Bock siitat ein kleiner Kutscher; At'las und Heinz steigen ein: der Postillon knallt lustig mit der •Peitsche und stoßt ins Horn. — Die Ratten ziehen an und der Wagen rohr auf das Kommando des Atlas: „Aä> iahren“ ah. Schon während des letzten Auftrittes, das heißt, nachdem Atlas die Ratten von der Bühne verscheucht hat, ha' sich ein Wolkenvorhang langsam im Rücken von Atlas und Heinz herabgesenkt, so daß der Dialog und die letzten Vorgänge sich schon ganz vorn im Proszenium und vor diesem Vorhänge abgespielt haben. — Der Hauptvorliang fällt überhaupt nicht, sondern zu Beginn der -zweiten Szene hebt sich mir der Zwischen- (Wolken-) Vorhang.) * Szene II. Persisches Gemach. fni Hintergrund auf der Estrade zwei Thronsessel. — An der Sehe stehen SpeeTe und anderes Wafiengeräit. — Miaen auf der Bühne, vor dem Thron. Hegt eine große Rolle, die ganz wie die MegiRe aus dem ersten Akt, nur bedeutend vergrößert, aussrsht. — Tür links. Man hört Water der Szene Peitschengeknall und Posthorn — dann die Stimme des Atlas- Atlas (hinter der Szene): Station Susa! — Alles aussteigen! (Atlas und Heinz, beide persisch gekleidet, stecken den Kopf herein.) Atlas (eintretend): Bist du müde von der Reise? Heinz (folgend): J wo! — Fein ist das! (Sich umgehend): Aber was liegt denn da? Atlas: Das ist die Megille! (Guckt von der Leite hinein.) Siehst du! — leer! — Die Personen sind alle raus! Heinz: Ach was? (Guckt von der anderen Seite hinein.) Wahrhaftig! (Atlas pustet durch die Rolle ihm ins Gesicht.) Du! Laß das! Trompetenstoß. Atlas: Ja 7-, wir haben keine Zeit! — Sie kommen! Heinz: Wer denn? Atlas: Wirst schon sehen! Schnell! Da! (Drückt ihm einen Speer in die Hand, nimmt selbst einen. Sie stellen sich an der Seite auf.) .Ach, die Megille! (Rollt sie auf —, es ist ein schöner, persischer Teppich.) (Zwei Hofdamen stellen sich an die Sette der ‘Pur. Königin Esther — nach orientalischer Art verschleiert; sie setzt sich auf einen der Thronsessel; die Hofdamen treten ihr zur SeiteJ j Esther (nimmt ihren Schleier ab). >&' Atlas (leise zu Heinz —- gleich beim Eintritt der Königin): Die Königin Esther! Heinz: Potztausend! (S*ic verneigen sich L : : ii e r: Charbona! Atlas-Charbona (kniend): Erlauchte Herrin? Heinz (für sich — verwundert): Was? — Der ist Charbona? Esther: Sah man den König nicht? — Als ich beim Mahle Die Bosheit Hamans ihm erst recht enthüllt, Da sprang er auf und stürmte aus dem Saale, Die Seele ganz von Wut und Zorn erfüllt Atlas: Im Garten sah man Seine Majestät! — So hörte ich von meinem Kameraden — (Schiebt Heinz vor) Esther*. Nun — und? — Heinz (kniend, sehr verlegen stotternd): Es scheint —, daß er — spazieren geht! — Nach Tisch ist das gesund — und kann nichts schaden! Esther (befremdet): Was ist das für ein Mensch? — Bist du gesund? Heinz: Ach nein! — Ich bin — das heißt — Atlas (leise): Halt doch den Mund! Haman (stürzt herein und wirft sich vor der Königin nieder): Laß mich um Gnade fleh*n zu deinen Füßen! 0 sei barmherzig! — Rette mich vom Tode! Sonst muß ioh schrecklich meinen Frevel büßen, Der Galgen ist zurzeit in Persien Mode! Esther: Wie kann ich jetzt für dich noch Mitleid spüren? Du wolltest mich —, mein Volk zum Tode führen! Wenn es dir jetzt auch vor dem Tode graut —, Für Mord'chai hast du selber ihn erbaut —•, Das Urteil hat der König nur zu sprechen! (6fe erhebt sich, Haman hallt ste fest, indem er ihre Füsse umklammert — Indessen tritt unbemerkt König Ahasver ela) Haman: Ich lasse dich nicht gehen! Ahasver: Faßt den Frechen! (Winkt Atlas und Heinz.) Heda! — Trabanten! — Ins Gefängnis fort! Den Urteilsspruch erwarte er mui dort. , Atlas: Herr! Darf ich reden? 7 Ahasver: Sprich, Charbona! Atlas: Im Hofe steht ein Galgen —, er ist so nah\ Daß man vom Fenster aus ihn sehen kann; Und diesen Galgen baute jener Mann Für Mordochai, den du dir auserkoren Zum Großwesier —; er wollte ihn verderben! Ohn* deine Weisheit war' er nun verloren! A h a s v e r: An diesem Galgen, Haman, sollst d u sterben! — Dir, Ali Baba, sei er übergeben; — Du haftest mir für ihn mit deinem'Leben! Haman: Gnade!? Ahasver: Führt zum Galgen ihn! Atlas (zu Heinz): Eil' dich und lasse ihn nicht fliehen! Heinz: Bin ich denn Ali Baba? Atlas: Ja! So eile dich nun! Ahasver: Charbona! Atlas: Erlauchter Herr? (Leise zu Heinz): Nun stramm und barsch! Heinz (resolut): Bataillon kehrt -- und vorwärts marsch! 'Marschiert mit Haman ab.) Ahasver: Dem Volke wollen wir sogleich uns zeigen! Vom Kanzlerwechsel ist es wohl erschreckt; Des Haman Freveltat ist aufgedeckt —, Nur Mord'chai sollen künftig sie sich neigen! Den neuen Kanzler schleunig zu mir führe —, Daß ich ihn selbst dem Volke präsentiere. Atlas: Da ist er schon! (Mordochai, reich gekleidet, kommt bestürzt-) Esther: Mein Oheim! Sei willkommen! Mordochai: 0, Majestät! — Hast du es schon vernommen? — Der Haman — Ahasver:-hat am Galgen schon geendet! Das große Rettungswerk, es ist vollendet — Der Judenhaß für immer ist erstickt! Esther: Was wir zum Ziel uns nahmen, Ist geglückt Und unser böser Feind, der Haman, fiel! Mordochai: Verzeihung, König! — Er ist ausgerückt! Atlas: Er hat ihn laufen lassen?! — So'n Sohlemihl! (Läßt vor Schrecken seinen Speer iallen.) (Pause.) Ahasver: Wo ist der Wächter, dem er übergeben? Er büße sein Vergehen mit dem Leben! Heinz (kommt kläglich): O, Majestät! — Ich konnte nichts dafür. — Es soll zum zweiten Male nicht passieren! — Ich weiß nicht recht Bescheid — verirr' mich hier. Atlas: So hab* Erbarmen, Herr, und laß dich rühren! Der Haman ist so schlau! —- Doch wird's gelingen —, Gewiß wird man ihn bald dir wieder bringen! Mordochai: Gewiß! — Man muß ihn schleunigst kriegen —, Er fehlt ja sonst in der Megille! Ahasver: So höret denn des Königs Wille! — ii Du, Aii Baba, sollst in Fesseln liegen! — Du, Charbona, kannst deinen Freund dir retten: Schaff Haman mir aufs Neu herbei! Steht jener wieder hier vor mir in Ketten —, Dann, Ali Baba, bist du frei!-- Tut, was ich sprach! — Du aber, Esther —, Und du, der Kanzler allerbester, Sollt mit mir vor das Volk jetzt geh'n; —. Schon drängt die Menge, midi zu seh'n! (Heinz ist 'toizwfeclien reifte stellt worden; Ahasver, Bstbeiv Mordochai, Hofdamen ab. — Draußm Jubelgesdhrei Wähnend des Folgenden senkt steh wieder hinter den Sprechenden der WoTkeravorhang.) Heinz: Nicht einsperren! Nicht einsperren! — leb will's gewiß nicht wieder tun! Atlas: Nun hör' schon auf mit dein Gefleim! — Ja, sei so gut! -- Ich mein' es so gut mit dir —, will dir alle die Herrschaften aus der Megille recht lebendig verführen, damit du cs für immer behältst —, läßt du Schlemihl den Haman laufen! — Oh! — Oh! Aber was mm? — Was mm? (Rennt verzweifelt auf und ab.) H einz: Du? — Aber der König kann mir doch nichts tun?! — Das leidet ja Onkel Baruoh nicht! Atlas: Stör' mich nicht, wenn ich nachdenke! — Onkel Baruch? — Was meinst du, was der morgen böse sein ward! Heinz: Na, wieso denn? Atlas: Wieso?! — Morgen is; und da liest man die Megille vor: ■, Haman nicht in der Megille isi, , ,-; hübsche Geschichte! 2000 Jahre sitzt c; ganz ruhig drin —, da kommst du und läßt Üm raus! Oh! Oh! Heinz: Ja, weshalb kuddelst du denn das alte Vergangene so mit dem ganz Neuen durcheinander?! Atlas: Ach was! — Du bist ganz allein dran schuld! Ich kann doch nicht wissen, daß du so dumm bist und nicht einmal so viel in der Megille Bescheid weißt, daß du den Galgen findest. — Aber jetzt schwatz' nicht so viel! Heinz: Ich red' ja keinen Ton! Atlas: Ich muß den Haman wieder kriegen! — Das ist dir ein schlauer Kerl! Paß mal auf —, der hat sich gewiß verkleidet! Na —, adieu! Heinz: Du — willst du fort?! — Nimm ich mM Atlas: Unsinn! Damit du mir wieder alles verdirbst?! — Na, ich will nicht so sein! (Er löst die Fesseln.) Aber sieh* zu, wie du dir hRvt» daß er dich nicht erkennt! Hopp! Hopp! Hopp! Pferdchen im Galopp! Pferdchen kommt im Zuckeltrab, Steig* ich auf und steig* ich ab, Steig* ich ab und steig* ich auf Vorwärts geht der Zeiten Lauf! (Der Rarffenwagen fährt wieder vor; sie besteigen und fahren ab. wfe zum Schluß der ersten Szene) Atlas: Sohneil, Kutscher! Es gibt ein gutes Trinkgeld! * Szene HL (Vespaslaits Lager vor fenisafem. Urtks da* Zeit Vtes- .paslans; davor e*i zum Früstück gedeckter Tisch, fm Hintergrunds Ausblick auf das Lager und die Stadst.) V e s p a s i a 11 (im Schlafrock, beim Frühstück, es Jet Haman): Nicht lange kann Jerusalem sich halten, Der Adler Roms fliegt über seine Mauern! Wenn Zwietracht, Bürgerkrieg dort drinnen schalten, Wird Zions Todeskampf nicht lang mehr dauern. Drum schonen wir die Unsern! Unser Schwert Soll später erst das Rachewerk vollbringen, Dem Hunger und der Pest, die stets sich mehrt, Wird Judas Unterwerfung bald gelingen! (Krieger kommt.); , . , Was gibt‘s? Krieger: Herr! Eben naht sich aus der Stadt Ein Mann! — Der Posten hieß ihn stehen —• Doch da er dich zu sehen ernstlich bat, So wissen wir nicht. — Soll er weitergehen? Vespasian: Ein streng* Edikt hat‘s kürzlich erst verkündet: Wer aus der Stadt uns naht, den Tod er findet! Dergleichen Kühneit hab' ich nie vernommen! Na, meinethalben! Laßt den Kecken kommen! (Krieger winkt; Rabbi Jochanan kommt.) Rabbi Jochanan: Soholaum aleichem! Vespasian: He? Wie nennst du dich? Rabbi Jochanan: Ich heiße Jochanan! Vespasian: Der Rabbi Jochanan?! So bist du Judas bester, größter, klügster Mann. Und kommst zu mir heraus? — Das wundert mich! Rabbi Jochanan: Schwer lastet auf der Stadt das Joch Des Unglücks, doch sie wehrt sich noch! Niemand darf lebend jetzt das Tor verlassen. Und wehe dem, den die Zeloten fassen! Durch eine List ist mir die Flucht gelungen; Ais Leiche Heß ich aus dem Tor mich tragen!

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