Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-03-14 · Heft 1824 (14.3.1924) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1824 (14.3.1924)
Date
1924-03-14
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980907--18164-3005211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hk' ML r Men, FveMtz Nach einer offiziellen Mitteilung des englischen Kolonialamtes sind, wie bereits gemeldet, während des Jahres 1023 7254 jüdische Einwanderer ins Land gekommen während in der gleichen Zeit 3466 Juden das Land verließen, so daß der Bevölkeruugszuw ach 8. durch Einwanderung während des abgelaufenen Jahres im ganzen 3 7 88 beträgü. Die Auswanderung betrifft, >vie mitgeteilt wurde, zum großen Teile unproduktive Elemente des alten Jischuw,- des weiteren stellte einen Großteil der Einwanderer die ukrainische FlüchtUngswelt, Menschen also, die nicht auf Palästina vorbereitet waren, denen es lediglich darum ging, irgendwo festen Fuß zu fassen und die das Land verließen, sobald sich ihnen die erste Möglichkeit bot, die Reise nach Amerika anzntreten. Nur ein geringer Teil der Rückwanderer habe aus Chaluzinl bestanden. Wenn diese Darstellung auch geeignet ist, gewisse Besorgnisse zubeschwichtigen, welche die Erscheinung der übrigens seither säst zum Stillstand ge kommenen Aus- oder Rückwanderung aus Palästina hervor gerufen hat, so illustriert diese Tatsache nichtsdestoweniger, wie schwierig es in dem abgelansenen Zeitraum gewesen ist, in Palästina festen Fuß zu fassen. Diese Schwierigkeiten rühren ausschließlich von dem Mangel an Mitteln her, welcher die Stabilisierung kapitalloser Eleinente im Lande, namentlich im Krisenjahre 1923, ungeheuer erschwerte. In diesem Zusammenhänge gewinnt das Problem entspreche ird vorbereiteter und für Palästina erzögener Menschen, welche den nötigen Idealismus mitbringen, um allen Anfangsschwierigkeiten entgegen zu treten, besondere - Bedeutung. Wenngleich, wiederum, infolge der geringen für den Aufbau zur Verfügung stehenden Mittel, die Zahl der Einwanderer in der letzten Zeit sehr unbefriedigend war, so ist es doch andererseits erfreulich, daß die Einwanderung letztens einen anderen Charakter angenommen hat. Die Einwanderer rekrutieren sich aus Elementen^ die entschlosssen sind, auf jeden Fall durchzuhalten, und von den 59 0 Ankömmlingen im November s ind nur 70 in den Einwanderung slag ern der Zionistischen Exekutive verblieben, während sich alle übrigen sogleich teils mit eigenen Mitteln, teils mit Hilfe von kleinen Anleihen des Palästina-Aufbaufonds (Keren Hajessod) allein stabilisieren konnten. Diese neue Erscheinung ist ein Beweis, daß dank der v er b e s s e r ITti Re g u l i eruttg der Einwan de rung in diese selbst ein neuer Geist eingezogen ist. Wie aus Polen gemeldet wirH stockt die Einwanderung von dort keineswegs infolge des Mangels an Menschenmaterial, sondern darum, weil eine strenge Qualifikation erfordert wird. Dieses neue System ist sehr zu begrüßen, weil es geeignet erscheint, für Palästina die Mswahl des wirklichen Pioniermaterials zu treffen. * Daneben bleibt natürlich das grundlegende Problem, daß durch die jüdischen Anstrengungen Bednrgungen im Lande geschaffen werden, welche die Einwanderung um ein Vielfaches der bisherigen Ziffern anschwellen lassen. Es scheint, daß man sich in den cor dem Aufbau Palästinas interessierten Kreisen viel zu wenig Sorge darüber macht, was es bedeutet, daß int Verlaufe eines Jahres, der Zuwachs an Einwanderern nicht einmal 4000 Menschen betragen hat. Man braucht nicht um jeden Preis schtvarZ färben zu wollen; aber es muß ausgesprochen werden daß eine Perpetüierung dieses Zustandes einem schweren Fiasko der gesamten Aufbauarbeit .gleichkomnren müßte, hier bedeutet in der Tat jeder Süllstand Rückgang, Schwächung bereits gewonnener Positionen, denn der Prozeß der indischen Mehrheitsbildnirg im Lande — die erste Prämisse für alle Aufbautätigkeit — würde damit in fein Gegenteil verkehrt. Es ist bekannt, wie sehr die Zeit, einst unser Verbündeter, zu unserem Gegner geworden ist, wenn wir sie nicht durchaus zu nützen verstehen. Der Protest gegen die Einwanderu ngsreguUcmng und -Erschwerung durch die Palästina-Regierung ist längst verstummt, denn man hat erkannt, daß es nicht angeht, Menschen unbeschrankt ins 'Hand kommest Zu lassen, für tvelche sich keine Existenzmöglichkcit bietet, und auf solche Weise Katastrophen vorzubereiten, und hat eingesehen, daß es viel odioser wäre, wenn »ie Zionistische Organisation der Regierung jenes .Geschäft rbnähme. Der Umfang der Einwanderung ins Land hängt aber durchaus von den jüdischen Anstrengungen ab, und die palästinensische Verwaltung oird sich keiner Einwanderung widersetzen, wenn für diese .rst die ökonomischen Möglichkeiten geschaffen vcrden. Die Einwanderung ist völlig eine Frage der Mittel geworden, und diese gilt es, in höherem Maße r'ls bis-her bereitzustellen. Es müssen alle Energien angespannt werden, daß man wieder zu Boden kaufen gröscren Stils schreiten und den Keren Hajessod in die Lage versetzen kann, eine breitere Aktivität zu entfalten. Der 12. Zionistenkongreß hat eilt Jahresbndget aufgestellt, weißes mit einer Jahreseinwanderung von 3 0.000 Köpfen kechnet, und twuf), den Angaben R uj> p i n s bedarf es rmchs' Wiener MoraeirzettiriLg. 1-1. Äkav; im Serbe 11 1,5 Millione n P f u n d pro Jahr, um dies möglich zu machen. Es . handelt sich hier keineslvegs um phantastische Summen, welche die Leistungsfähigkeit des 15 Milliouen-Judenvolkes überschreiten würden; aber eine erhöhte Aktivität ist allenthalben notwendig, um. diese Kapitalien rasch zu beschaffen. In stets wachsenden. Kreisen wird die Arbeit des Palästina-Aufbaues als eine überparteiische und a l l j ü d i s ch e. Aufgabe erkannt; aber nichtsdestoweniger sind cs die Zionisten, deren Arbeit allein es möglich sein wird, das latente Palästina-Interesse der Allgemeinheit in die entsprechende Leistung u inzusetzen. Die' Empfindung muß allgemein werden, das; der'gegenwärtige Zustand un-haltbar ist; dann wird eine erhöhte Arbeitsenergie einsehen können, welche die trägen Massen in Bewegung bringt und Palästina das gibt, was es unaufschiebbar von jedem Inden fordert. ' F. 357 Einwanderer im Jänner. Wie offiziell MitMteilt wird, «kamen während des Monats Jänner 367' Personen - nach Palästina. Unter diesen dcfanden' sich 14 Christen und 13 Mohammedaner, die übrigen waren Inden. 33 Juden und vier Christen, die als Touristen ins Land gekommen waren, erhielten die Genehmigung zum bauenden Aufenthalt. Pier Personen, die nicht den palästinensischen Einlwanderungsbestiimnungen entsprachen, wurde die Aufeitthaltsbewilligung verweigert. _ Ae Nns'änM der Keren HaWad von Lktober 1823 bis Februar 1824. Wie aus der folgenden Tabelle ersichtlich, stammen die Haupteingänge des Keren Hajessod aus den Bereinigten Staaten; aber auch die Einnahmen aus den europäischen Ländern sind beachtenswert, wenn, sie, auch hinter , den- Erwartungen zurückbleiben und. -w e i t b a v o n e tt t f e r n 1 sind, den Ä nforderungen zu genügen. Um dem regulären Palästina-Budget, und. auch..noch andren bestehenden ..Verpflichtungen gerecht zu i werden, sind m in de st e n 8 49.6OO Pfund monatlich erforderlich.; Die Eingänge erreichten eine Besse r u n g im F e b r u a r 1924,. sie betrugen insgesamt 39.254 englische Pfand. Davon entfallen auf die V e r e i n g l e n Staaten 19.718 englische Pfund, Südafrika 6500, R u m ä n i e n 4309, Polen 1273, T s ch e ch o - S l o w a k e i 623, Oesterreich 374, P a last i n a 179, O stg all z i e n K. » Die Eingänge in den genannten Monaten betrügen: Qkt. Nov. Dez. Jänner Feöt. i englische Pfund - r - - Bereinigte Staaten:- 8980-^373^^17^ 19.901 Europ. Lander /"i>. SiK--9.183 12.M Die G e f'a m t < in g ä st^g e.betrugen in den genannten Monaten: 19.359, 33.253, 29.412, 34.804, 39.254 englische Psimd.i i . -ii. ,- /. Jüdische savttäre Arbett in PMftina. .Bekanntlich hat vi-e ämerÄauische Ortzamjaüöni'Hadafsah die sanitäre Arbeit in Palästina übernommen, wobei sie in ioeitem Umfang bii-nct) bi« ständen Baikrätze des Aufbaufonds (Keren Hajesiod) unterstützt wird, und es ist ihr in ider kurzen Zeit ihrer TatigLmt gelungen, diel Erspvießliches.rn sa-nAärer > Beziehung zu - leisten.- Die. Arbeit de« .^ädasicch hat bereits «men Umfang angenommen, daß eine Emstellmig ihrer Tätigkeit gegenwärtig völlig undenkbar wäre. Wie aus den letzten Berichten hervorgeht, hat die medizinische Tätigkeit der Hadasiah durch das bang erwartete Emläwgen eines R ö -ntgenapparats, dessen Anschaffung hauptsächlich durch eine 10.900 Dollar-Spende amerikanisch-jüdilscher Aerzt« erniöglicht wurde, eine dankenswerte Förderung erfahren. Eine schwere Sorge bildet gegenwärtig die Haltung der Jea, tvelche bisher in der Hauptsache die ärztliche Arbeit' dem Hadasiah in den Kolonien von Galiläa finanzierte und die nunmehr erklärt hat, keine weiteren Mittel.für die Kolonien-, deren Kolonisten ihre Schulden an die Jea noch nicht beglichen haben, zur Verfügung zu stellen. Abev gerade m den ärmsten galWischm Ko-' lonien wie Mischmar-Hajarden, J'fod Hamaalab, K'iner eth, Ledsch«rah ist die sanitäre.Lage schlecht/ Die Leitung der Hadasiah hat emn die. Vermittlung zwischen Jea und Kolonisten übernommen, nachdem die Arbeit unterbrochen werden mutzte, und da sich die Kolonien alle Mühe geben, '-ihre Schulden zu tilgen, kann auf -eine Schlichtu-W des Zwischenfalls gerechnet werden. Einwander er fürs orge. Die Berhandlungen der Hadasiah mit dem Einwanderungsdaparteinent der Zionistitschen Exekutive betreffs Bahaivdlrmg der Gin-vandener hatten. zum Er-gebnis, daß kranke Eintvaivderer in allen Spitälern vor anderen Kranken den Vorzug haben sollen und daß Untersuchungsstellen filr Neueinivandorter, speziell für alleinstehende, die in Zelten oder Baracken wohnen, zu errichten sind. Ferner üb-ecmmmt die Hadassoh en-nen Teil der sanitären Arbeit in den Krankenlagern. - Besonders bemerkenswM ist der Einfluß, den die jüdischen sanitären Leistungen <mf die Bedninein ausüLem Kürzlich besuchten /der Leiter der Hadassah sein Bertneter die südlichsten jüdischen SiMungrn Palästmas. In Beer« Seba echielten sie die Einladung eines Scheichs, wohin sie der Ortsarzt von Baen-Seba und -eine Zahirürztin betzleit'e.ten, die sich bei den Arabern große Liebe erworben haben. Es gab einen festlichen Empfang durch alle Scheichs der Gegend, an »Mchem sich ein Festmahl anschloß. Die Scheichs trugen die Bitte um ärztliche Fürtsortze vor, zum Schluffe gab es Ehren- und ein« Reihe FremchjchajlsbMeije. Säugl ingsfü 11 arge. Die Hadasiah hat in ^Feru-- jatetn vier SäugUngsfürjorgestellen; drei für Juden und «k«v für. Araber. Diese wird aus «vm Spende des amerikanischen Juden Nathan Strauß erhalten. Die Zahl der behandelten Kinder betrug im Jänner 737. Tlußerdem wurden Säuglinge in Privathäufevni gepflesit- Die Zähl der Hausgepflegten beträgt 949, davon 197 arabische. Sie ArbeUs- und TemLinschastsfomeu der neuen Kolonisation?) ». Gdird. - Bon R. Ben Dhem. Dem Acoschaw ganz unähnlich, dem Wesen und Iw 1 ja£tc nach der Kwuzah fast gleich, nur der Form nach öetW chieden, ist die dritte große Form der Gemeinschaft dev Arbeitenden in Palästina, der Gdud. (Sein voller Name lautet: „Gdud Havwdim al schem Josef Trumpeldor".) Es ist eine einzige, mehrere hundert Mitglieder rmlfassende Gemeinschaft, eine große Gruppe,' meist aus jungvt Burschen und Mädchen, bestehend. ‘ - Der Gdud ist die. neueste, frischeste, noch im Wachsen, begriffene Form der Gemeinschaft. Seine Grundsätze vnb Thesen sind bei der großen Zahl der Mitglieder und bei seiner Elastizität schwer zu normieren. Die die Gemeinschaft anstrebende Jugend schuf ihu anfangs in Form einer Kwuzch und allmählich, nimmt er andere Formen an. - „Jeder Mensch ist ein Buch; früher ober später wird sr ausgelesen" ist ein verbreiteter Satz bei Kwuzah-Ge» nossen. Das ständige Zusammenleben in einer 'Kwuzah von 15 bis 20 i Mitgliedern wird für die.Dauer.eintönig. Eitel-! seit, Ehrgeiz und Wetteifer werden lahmgelegt. Jeder kennt den anderen genau, dessen Meinung, Leistung imb Fähigkeitenweiß seine Stellung zu.jeder Frage. . Diese Riesen-Kwuzah, der Gdud, ist nun das beste Heilmittel, dagegen. Die. Zahl feiner Mitglieder beträgt Einiger hundert (gegcntoärtig über ^700), die in einigen Gruppen an verschiedenen Stellen arbeiten. Jeder Gdnd- Genosse kann auf sein Verlangen in eine andere Gruppe des Gdud eingereiht werden. Er kann so andere Menschen finden, ohne ftemde, unbekannte Geistesströmnngeu in der neuen Gruppe anzutreffen. . ,;, Noch einen Vorteil bietet der Gdud. Während^ Kwuzah iuib Moschaw meistens ausschließlich für den Landarbeiter konstruiert sind, hat der Gdud größere Ausdehnungsmöglichkeiten. Er nimmt auch Spezialisten, wie: Bauarbeiter, Schlosser, Schuster usw., auf. Diese arbeiten in einer geschlossenen Gruppe, find aber ein organischer Bestandteil der Gesamtzememschaft des Gdud.; Die Kassa und Verwaltung, die Leitung find gemeinsam. Das ist vielleicht der größte Vorteil des Gdud: Da bei solch großer Mitgliederzahl immer ein Teil beschäftigt ist, können auch die zeitweilig Arbeitslosen von der gemeinsamen. Kasse erhalten, werden....... . ■ . Der Gdud gewährt außerdem durch seine spezielle Organisation eine gewisse Sicherheit vor Ueberfällen. Seine ziemlich stramme Disziplin und , sein festes Zusammenhalten verschaffen ihm in den Äugen der Araber Achtung, allerdings wurde ihm auch schon von jüdischer Seite der ungerechte Bortvurf des Radikalismus gemacht. > Der Gdud und seine Form ist zu jung und zu schwer nachahmuugsfähig, um zur typischen Form der neuen Sied-! lung werden zu können. , Der in den Kwuzoth mit kleiner Mitgliederzahl oft auflösend tvirken.de Mangel an Fr allen macht sich im G-dud nicht so fühlbar. Der junge Mensch, der «t der Kwuzah Weiblichkeit und Zärtlichkeit oft entbehrelt muß, der reifere Genosse,' der das Weih lange Zeit entbehrt, verläßt tvotz>- idem die Kwuzah nicht, die ihm paßt, die seiner Eigenart am meisten entspricht, mit der er sein Leben teilen möcht«. Weil er sich von der Kwuzah und ihrem Boden nicht trentten tvill, nimmt er diese Entbehrung hin. ' Während nun die Kwuzah an lokale Bedingung^ geknüpft ist, schafft der Gdud ausgedehnte Möglichkeiten. Der ManN, der in einer Gruppe des Gdud Entbehrungen leidet, kann ruhig in eine andere Gruppe übergehen, dhuc dabei die für seine Lebensgememschast passende Genossin aufgeben zu müssen. Durch das Herairziehen verschiedener städtisch«,. Berufe in die Kommune wurde so mancher tüchtige Spezialist, der ohne Gemeinschaft seinen Beruf aufgegeben hätte, gefördert. Der Gegensatz von Arbei. und Kapital, der in der Stadt -manchesmal zutage tritt,, gefährdet den Gdud, der eine landwirtschaftliche Gemeinschaft mit städtischenr Etttsthlag ist, wenig. Er schafft sogar Bermittlnngswege, die ftlr die ganze Arbeiterbewegung von Nutzen sind. . Der Gdud ist eine Uebergangsform, aus der schöpserxfchen Kraft der gemeinschaftwollenden und zugleich stark individuell veranlagten, jüdischen Jugendentstmr-den. Letztens beginnt auch er in die generellen Gemeinschaftstypm: Kwuzah oder Ato-schaw überzugehen. ' *) Siche „Wiener Morgenzertiung" vorn 29. pMc und 7. Mär-.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.