Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1822 (12.3.1924)
- Date
- 1924-03-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1822 Men, Mittwoch Ae Bereiuigimg Debarabiens mtt Rumiinieu. Annahme der Konvention durch Frankreich. Paris, 11. MLry. Die Kammer hat heute die Vorlage betveffend die a-m 39. Oktober 1920 zwischen Rumänien, Frankreich, England, Italien und Japan über die Verein i g u n g DeßarabieuS mit Rumänien abgeschlossene Konvention in Beratung gezogen. Paineare gab einen, historischen NeibeMick über die beßavabische Frage und betonte, daß der Anschluß Beßarabiens an Runränien Beßarabien «ne Art Autonomie belasse. Die vertragschließenden Machte werden Rußland einlade», sich dem Abkommen anzuschließen, sobald es eine anerkannte russische Regierung geben wird. Großbritannien hat die Konvention Ul einer Zeit, da sie bereits geneigt war, die russische Sowjetrsgievung de jure anzuerkennen, ratifiziert, ohne mit der Sowjetregierung diesbezüglich m Verbindung zu treten. Die englische Regierung wird nun in der Lage sein, der russischen Regierung die Konvention zu u n-- t e x b v c 11 c w. Tie Kammer nahm sodann in einfacher Ab st i mni u n g die Vorlage an. Sin Konflikt zwischen RattonaMen und Wischen Studenten in Agram. Agram, 11. März. (I. T. A.) Die Hauptstadt Kroatiens war dieser Tage der Schauplatz ernster antijüdischer Ausschreitungen. Junge Leute aus net! onalistischen Organisationen drangen m der Rächt von Samstag auf Sonntag in die Music-Hall ein. im eine vonr jüdischen H o ch s ch ü l c r b c i* e i n M akkabi veranstaltete Unterhaltung zu stören. Zu kiefern Zwecke schütteten sie uvchreve Fläschchen Salmiak oder AminoniaL aus. Es kam zu einer Schlägerei. Die Polizei nahm eine Anzahl Verhaftungen vor. Das „Zagreber Tageblatt" beklagt es, iw ß die n a t i on a t i st r s ch e Bewegung in Kroatien einen schaden a n t rtische.» Einschlag - erhallt und sagt zum 'Schluß: „Pogvamgelüstv haben kräftvgeve Nationeil als wir es sind arg geschädigt." »Wo bleibt da der Raffenschuh?" Eiu christlicher Protestschrei. Budapest, 11. März. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Verhaftung des Balutenikontrollors Josef G a m p e l und die Verhöre mit den in diese Kronenfchmuggelaffäre verwickelten Kaufleuten bilden da4 Tagesgespräch in der gesamten Oeffentlichkeit. Bisher wurden die acht Personen zur Oberstadtlhauptmannschaft gebracht und nach ihranl Verhör in GeUxrhrsa-m genomnreu. Die Verhöre dauerten bis spät in di« Nacht au. Im Gebäude der Oberstadt'hauptman nschaft ging es sehr lebhaft zu. da die Einvcruonlntenen nreistens in Gefellfchast ihrer Rechtsanwälte erschienen und überdies die Familienangehörigen der kompromittierten Kaufleute in größter Aufregung .in den Sticgerchöiusern und Gwngen versammelt hxmu. Als der Ltaatsauwalt bei Gelegenheit aus dom Anberstlchungszimurer trat, stürzte die Gattin des eben verhörten Kausniannes auf den Staatsanwalt zu und schrie ihm in größter Erregung folgende Worte zn: «Aber ich bitte, wo bleibt denn da der Rassen schütz? Sie verhaften hier die christlichen Angehörigen christlicher Firmen!" Der Staatsantvalt blieb die -Antwort schuldig. Znland. BrMngernng brr FM zur Einbringung der Steuerbekenutuiffe. Amtlich wird verlautbart: Die Frist zur Einbringung der Einkommensteuerbekenntnisse für das Jahr 1923 wird durch Verordnung des Bundesministerimns für Finanzen bis zum 90. April d. I. verlängert. Für die allgemeine Erwerbssteuer von Einzelpersonen sowie für die Renten- und Vermögenssteuer sind nach den Bestimmungen der vom Nationalrat vor kurzem beschlossenen Personalsteuernovclle vom Jahre 1924 keine abgesonderten Bekenntnisse vorgesehen. Diese Steuern werden vielmehr auf Grund der Angaben im Enckommensteuerbekenntnis, beziehungsweise in dessen Beilagen, bemessen. In derselben Verordnung wird auch die Frist zur Einbringung der Erwerbssteuerbeleimtnisse für Personenvereinigungen bis 80. April d. I. erstreckt. Hainifch-Masartzk. Prag, 11. März. „Ra-rodni Lisch" bezeichnen auf Grund eingeholter Jnfovntaüonen die Meldung eines Wiener Blattes, daß ein Gegenbesuch des Präsidenten Ma sa ry k für den Besuch des Präsidenten Hai nisch iu Prag und Lana infolge von Widerstände» von seiten der Bimdesregievung untevWeben sei, als unrichtig. Zu miem Gegenbesuch de§ Präsidenten Mafaryk habe kein Anlaß bestanden, da der Besuch des Präsidenten Hämisch selbst nur eine Erwiderung des vom Präsidenten Masarhk auf seiner Rückreise aus Italien in Hallstatt abgestatteten Besuches war. Der kommeude Inder wieder dofftiv. Wie die Korrespondenz Herzog meldet, ist mit Rücksicht auf die Preissteigerung einiger wichtiger Lebensmittel Milch, Brot, Fleisch usw.) in der zweiten .Hälft« Februar und in der ersten .Hälfte März neuerlich mit einem positiven Index in der Höhe von zirka 2 bis 3 Prozent zu rechnen. Die Gierpreise, die in der Vorwoche nicht unwesentlich zuriickgegauHen waren, haben wieder angezogenz Wiener MoraenzeitunK. Die »»Wiener Morgenzeitung" legt ihrer Stummer vom Samstag Sen IS. Mörz eine Pvrimüberraschung bei» Sie als Gad« an Sie Kinder gedacht ist. Es ist ein lustiges Purimspiel das von Sawiny Sronemann »ersaßt ist und irr spasstge Versen und heilerer Prosa Hamans Flucht «ach der WsgiUa schildert. Wir b'eleu diele Gabe einige Tage vor dem Fest, um Sen Kindern, die das Spiel anpühren wollen» die Gelegenheit zur Einübung zu geben. Wir hoffen. mit dieser Purimgabe nicht nur den kleine«, lo idern anch den großen jüdischen Kindern Freude zu bereite». die Kohlenpreise sind etwas gefallen, die Preise für Miete sind ebenso wie die für Bekleidungsartikel im großen und ganzen stabil geblieben. Die mmflnisch-östeneichischen Berhandlungen. Verschiebung der Konferenz. Wie wir erfahren, hat die österreichische Regierung mit Rüchlcht ans die Abreise des Außenministers Tr. Grünberger eine Aufschiebung der rumänisch-österreichischen Wirtschaftskonferenz, die am 17. d. in Wien beginnen sollte, verlangt. Die rumänische Regierung hat der Verschiebung zugestimmt und erwartet nunmehr die Mitteilung Oesterreichs, wann die Konferenz beginnen könne. Drr argentinische Gesandte. Gestern ist hier der neu« argentinische Gesandte für -Oesterreich, Oberst Martin E. Bortagaray, mit Gemrchlin aus Buenos Aires eingetroffen. Der Gesandte wurde im Südbahnhof vom Geschäftsträger der argenün' schen Republik Dr. Alberto Big nes und dem argentinifchen Generalkonsul in Wien Manuel M a r g i n a t mit ihren Daimen sowie vom gesamten Personal der Gesandtschaft empfangen. Der Verlauf der Ballhausgrffvde an das Bankhans Basel. Im Dudgelansschuß referierte gestern Abg. Volker über das Gesetz betreffend die Veräußerung eines Teiles des Baugrundes am Ballhausplatze und des A k adcmietraktes in der Stiftskaserne. Der Akademietvakt wird der Wiener Messe A.-G. überlassen, während auf den Ballhausplatzgründen der Präsident der Unionbank, Siegmuud B o s e l, ein Bankgebäude u n d e i n Zentralarchiv errichten will, welch letzteres in das Eigentum des Staates übergeht. Nach den vorläufigen Verabredungen wird die Wiener Messe A.-G. den Kaufschilling für den Akademietrakt im Betrage von 5,2 Milliarden nicht, wie ursprünglich vorgesehen, an Basel, sondern direkt dem Bund bezahlen. Dadurch verringert sich der von Bosel dem Bund zu zahlende Barteil von 6,5 auf 3,3 Milliarden. Abg. Dr. Bauer erging sich in einer weitschweifigen Rede, in der er unter anderem meinte, die Behauptung, daß die Regierung dem Großkapitale Gefälligkeiten in größtem Umfange und in entscheidender Stunde erweise, sei wiederholt erhärtet worden. Wenn man nur ein Geschäft machen will, gibt es dafiir eine ganz einfache und klare Lösung. Man verkauft dem Herrn Bosel den Baugrund, d ener für sein Bankpalais braucht, und bemißt den Kaufpreis so, daß man aus dem Kauferlös selbst ein Kriegsarchivgebäude bauen und die Kosten der Uebersiedlung selbst aufbringen kann. Dagegen wird hier die tolle Lösung vorgeschlagen, daß der Herr B o s e l das Grundstück für sein Bankpalais um den sehr niedrigen Preis von 200.000 Goldkronen bekommt und dafür ein Kriegsarchivgebäude bauen rtmjj. Wenn dem Herrn Bosel das Grundstück auf dem Ballhausplatz so viel wert ist, daß er nebst den 3,5 Milliarden noch die Kosten eines Baues für dos Kricgsarchiv bezahlt, berechnen Sie ihm das Grundstück entsprechend höher und bauen Sie dann selb st ein Kriegsarchiv. Abg. Dr. W a b e r bemerkte, die Großdentschen würdigen die Beweggründe, welche die Regierung zur Einbringung der Vorlage,^beziehungsweise zum Abschlüsse des Vertrages geführt haben. Es müsse anerkannt werden, daß i das Kriegsarchiv geschaffen und dadurch die private Ban-! tätigkeit belebt werden solle. Trotzdem stehe seine Partei 1 d e m G e s e tz e n t w u r f e n i ch t s h m p a t h i f ch gegsn- _T2JD^J024_Setfcl über, weil hier die Persönlichkeit eines Kriegsg c w i n n c r §, wie des Herrn Bosel, in den Vorder» gvund geschoben wird. Die ganze Transaktion erscheint geradezu als eine Sanktionierung der Tätigkeit der Kriegsge Win ne r und darum hat auch das Gesetz in den breiten Massen der Bevölkerung so außerordentlich peinliche Gefühle hervorgerufen. Abg. Dr. Bauer stellte einen Vertagung Sa «- trog, der jedoch mit 12 gegen lg Stiminen abgelehut wurde. Mit demselben Stimmenverhältnis wurde hierauf das Owsetz angenommen. Die Großdentschen enthielten sich der Abstimmung. Wiener Gemeiuderat. In der gestrigen Sitzung beantragte zunächst Gemeinderat Müller (Soz.) die Bewilligung eines Betrages von 1277 Millionen für Mehrerfordernisse bei den Straßenherstellungen im vergangenen Jahre. Dieser Betrag soll durch Ersparnisse und bei anderen Straßenbanten wieder hereingebracht werden. Sodann verlangte Vizebürgermeister Emmerling die Anschaffung von 86.000 Elektrizitätszählern um den Betrag von 22 Milliarden Kronen. Beide Anträge wurden angenommen. Der Bericht des Stadtrates Siegel über den Entwurf für einen Wohnhausban im dritten Bezirk im Raume Dietrichgasse, Drory. und Göllnergasse, mit einem Anfwande von 9800 Millionen Kronen bietet Anlaß zu einem Zusammenstoß ztvischen der Majorität und der Minorität. Gemeinderat E i s i n g e r (Soz.) polemisiert gegen den Gemeinderat II n t e r m ü l l e r, daß dieser in der Industriellen Bezirkskomunssion die Interessen der Gemeinde verraten habe, indem er sich bei Behandlung des Ansuchens der Gemeinde an die Industricllo Bezirkskommission, einen Zuschuß ans den Diitteln des Arbeitsloscnunterstützungsfonds zum Zwecke der Förderung von Wohnhansbauten zu gewähren, gegen die Gewährung dieser Zuschüsse aussprach. Der Beweggrund zu dieser Haltung sei wahrscheinlich der gewesen, die Gemeinde am Bauen zu hindern, nur um für die Wahlen ein Schlagwort zu finden. Gemeinderat Doppler (christlichfoz.) bezeichnete eS als merkwürdig, daß sich ein Redner der Majorität förmlich zum Sittenrichter über einen Herrn der Minderheit aufgeschwungen habe; der Grund könne nur darin sein, etwa für bevorstehende Agitation Stoff zu sammeln. Stadtrat Siegel (Soz.) berichtet stdann über die Vorlage auf Festsetzung eines Parkschntzgcbietes für Wien. Die Vorlage bezweckt, alle im Gebiet der Stadt Wien bestndlichen größeren Parkanlagen, wie Prater, Belvedere, Schönbruun, Schwarzenbergpark, Augarten nsw. vor der Verbauung zu bewahren. Dieser Antrag wurde von Gemeiuderat Orel zu einem antisemitischen Vorstoß benützt, ind«n er ausführte, daß in das Parkschutzgebiet Wohl die Besitztümer von Christen einbezogen' seien, nicht aber die ausgedehnten Privatparks von Juden. So falle beispielsweise der Theresiannmpark in das Schutzgebiet, die sich territorial unmittelbar anschließende Rothschildsche Realität aber nicht. Orel meint dann ganz überflussigerwrisc, man könne dock, nicht die auf Grund des Gewaltfriedens geschaffene Lege als unabmvderlich betrachten, denn es werde eine Zeit kommen, wo das Christenvolk sich wieder ' erhebe. Die Bautätigkeit der Gemeinde Wien dürfe, wie Herr Orel weiter meint, nicht mehr so wie bisher in Judenhände gelegt werden. Die S'edlungsaktion „Gesiba" ist ihrer Leitung nach zur Hälfte, nach der Beamtenschaft aber vollkommen verjudet. Die Bevölkerung des christlich-deutschen Wien hat nichts dagegen, daß die Juden in Palästina siedeln. Und mit Pathos setzte er hinzu: Wir können nicht zulassen, daß hier die Juden ihre Macht ausnützen und daS christliche Volk zugrunde richten. Nachdem der Referent die Bedenken des Herrn Orel zerstreut hatte, wurde schließlich nach einen! Referate des Stadtrates Speiser der Antrag auf eine sechsprozentige Lohnerhöhung bei den städtischen Gaswerken ohne Debatte angenommen. Tagesbericht. Ludwig August Frank!. Zu seinem 36. Todestage am. 12. Marz. Heute vor 30 Jahren starb, 84 Jahre alt, Ludwig August Frankl fast unmittelbar nachdem «, wie diele Jahre von« her, seinen Artikel zur Erinnermwg an den 18. März 1848 vollendet hatte. Die Nachricht von seinem Tode erschien gleichzeitig mit seinem Artikel. Ludwig August Frankl, der Dichter, wurde von seinen Zeitgenossen und auch von der Nachwelt verschiedenartig beurteilt. Frankl, der Jude, wurde von fernem langjährigen Freund, dem Hamburger Prediger Dv. Le>imdorfer, mit folgenden Worten gekennzeichnet: „Frankl ist ein Jude, der der deutschen, der Weltliteratur angehört, und er ist ein deutscher, weltlicher Dichter, der di« jüdische Geschichte urck> Literatur um manch ein goldenes Blatt bereichert hat." Es entsprach denr Geiste der Weltveobrüderung in jener Zeit, daß Ludwig August Frankl nur deutscher Dichter soin und auch, daß es ihm nicht gelingen wollte, in allem, tvas er tat und schrieb, den Mischen Geist, der ihn beherrschte, zu verhüllen. Uns ist Ludwig Zlugust Frankl deshalb wertvoll geblieben, weil er der erste weltliche Jude war, der »ach Paläsbrna ging, um dort ein jüdisches Kulturwevk zu schassen. Er reiste am 11. März 1856 im Aufträge der Frau Elise Herz, geb. Edlen v. Lämel, die für eine in Jerusalem zu errnchtende jüdische Schule den Betrag von etwa 60.000 Gulden stiftete, zunäil^st nach Konstant-ino-pel, um von der türkischen Regierung frw Erlaubnis zum Bau dieser Schule in Jerusalem zu erwirken. In Jerusalem hatte Friamkl gegen den Widerstand der Chaluka-Juden anzukämpfen, die ihn wegen seines Pbmes mit dem großen Bann belegten. Die Schule wurde jedoch trotz aller Schwierigkeiten ins Leben gerufen und hatte bald starten