Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1819 (9.3.1924)
- Date
- 1924-03-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nelke 2_ Men, Sonntag innere Verwaltung ist nicht gewillt, die große Wandllmg mitzrlmachen, sie ninnnt sie auch gar nicht zur Kenntnis. Sie fyat sich dem Nationalismus verschrieben, der ununterbrochen bemüht ist, Wien auf das Niveau der Provinz berabzudrücken, deren Horizont der Ackerbürger nach seinen höchstpersönlichen Bedürfnissen bestimmt und deren geistiges Leben von der Obrigkeit nach den Gesichtspunkten dörfischer Einfalt und raisenschützleriisck)er Dummheit eingerichtet werden soll.. Man hat hier sogar das technisck-e Ilm-htm fertiggebracht, an ein und derselben Maschine eine Schraube nach vorne, die andere nach rückwärts sich drehen zu lassen. Nach außen ist der Staat höchst modern und beteuert die Zugehörigkeit zum europäischen Gesittungskreis; innen bewegt er sich dem Mittelalter zu und legt mehr Wert ans Geslnmlngstüchtigkeit denn ans Qualität. Nach außen bekennt er sich zur Handelsfreibeit, innen überwacht er den Kaufmann durch Steuerspitzeln, liebäugelt er mit dem Schutzzoll und der Monopolwirtschaft. Nach außen ist er Völkerbund, innen Polizeistaat, außen Europa, innen Hakenkreuz. Nach außen gehört Oesterreich einen: Vertragssystem an, dessen Grundlage der Frieden ist. Innen gilt aber dieses selbe System, siehe Dana, als Hochverrat. Es gibt aber keine Maschine, deren Gefüge solche Experintente verträgt. Und so ist auch diese Republik in einen halbschlächkigen Zustand geraten, der ein unsinniges Kuddelmuddel von Sanierung und Verfall zeigt. Das Wirtschaftsleben hat sich auf den Gebieten, die der Kaufmann und die kaufmännische Organisation selbst verwaltet und von den: Einfluß nationalistischen Pfahlbürgertums freihält, gut entwickeln können. Dort aber, wo das engstirnige Hakenkreuztum im Schatteu seiner Fahne alle Bekenner der politisck?en und sozialen Reaktion sammelt, versumpft der Boden. Man braucht nur unsere Justiz, unsere Hocksämlen zu sehen, man braucht nur die Protokolle der Nationalrvtssitzungen zu lesen, um das Doppelantlitz dieses Staates zu erkennen und zu erfahren, daß das Ideal der herrschenden Gesellschaft doch nur der Wasserkopf bleibt. Sie nimmt gerne und mit tiefen Verberigungen die Sanierung vom Völkerbund, von der Idee der Ueberstaatlichkeit, will aber ihre Wirkungen auf das bodenständige, christlichdeutsche Volk beschränkt wissen. Daß es ihr nicht gelungen ist, Wien zu verdorfen, daran ist sie wahrlich nicht schuld. Wohl aber der Kaufmann und der Arbeiter, .für deren Klugheit und Europäerwm die Wiener Messe zeugt. Die amerikanische Pro-PalMna- Konferenz. Bon Louis Lipsky (Mitglied der Zionistischen Exekutive). Der Führer der amerikanischen Zionisten, Louis Lipsky, ist vorige Woche in London einaetroffen, um dort als Mitglied der Zionistischen Exekutive während einiger Monate in erster Reihe aus organisatorischem Gebiete tätig zu sein. Herr Lipsky" hat den Vertretern der indischen Presse eingehende Mitteilungen über den Stand des amerikanischen Zionismus und die kürzlich stattgefundene Vro-Palästina- Konferen; in New-Aork gemacht Er führte unter anderem aus: . Da ich eben erst aus Amerika hergeksmmen bin, 4itt ich in der Lage, Ihnen von den außerordentlichen Erfolgen Dr. Weizmanns in Amerrka berichten zu können. Es ist D r. W e i z m a n n gelungen, die einflußreichen nichtzionistifchen Gruppen Amerikas für unsere Arbeit in Palästina und für die Teilnahme an der Jewish Agency zu gewinnen. Die am 17. Februar in New-Pork stattgefundene Konferenz bedeutet einen großen Erfolg. Wir verhandelten dort mit. den bedeutendsten, einflußreichsten Persönlichkeiten der amerikanischen Judenheit, die bisher es obgelehnt haben, sei es in welcher Form auch immer, sich am zionistischen Werk zu beteiligen. Dr. Weizmann hat die Führer dieser Gruppen überzeugt, daß sie in Berücksichtigung des Palästina- Mandats bezüglich Palästina eine Aufgabe zu erfüllen haben. Ta an dieser Konferenz parteiisch Kritik geübt .wurde, muß ich klar uv", deutlich bemerken, daß Doktor Weidmann bei seinen Verhandlungen mit der erwähnten Gruppe sich an die Beschlüsse 'des Kongresses und Aktionskomitees gehalten hat; er Pflog vorher auch Beratungen mit den F ü hrern der Zionistischen Organisation in Amerika. Die Konferenz hat bekanntlich zwei Kommissionen, eine für die Probleme der Jewish Agency und die andere für die I n v e st m e n t Corporation (Investitionsbank), eingesetzt. Der allgemeine Ton der Konferenz war sehr zufriedenstellend. Es ist Wahrscheinlich, daß die einzelnen Teilnehmer an dieser Konferenz bei der K e r e n Haje ssod-Kampagne in Groß-New-Dark,, die am 15. März beginnt, viel mithelfen werden. Die Vorschläge der M a r s h a l l - G r u P P e werden nach ihrer Formulierung den ziomstisclM Instanzen . vorgelegt werden zur Beschlußfassung über deren Akzeptierung. Es muß einem joden Zionisten klar sein, daß, falls die amerikanische Gruppe gewillt ist, sich an der Aufbringung des Palästina-Budgets zu beteiligen, ein Weg gefunden werden muß, um ihr die Möglichkeit zu bieten, auch über die Verwendung der Gelder mituEestimmen. Ich möchte noch über die von einem Teil der Presse cm unserer zionistischen Politik geübte Kritik sprechen. Eine Londoner si'idisä-e Wocl)enjchrift besaßt _Wiener Morflenzeitnng._ sich ständig damit, mit scharfen Worten die Exekutive zu tadeln und hauptsächlich die Zionisten Amerikas, weil sie stets nur über die finanzielle Lage sprechen und alle anderen zionistischen Fragen vernachlässigen. Man muß diese Kritik sehr sonderbar finden, wenn sie aus Ländern stammt, in denen der Zionismus finanziell nur unbedeutend unterstiitzt wird. Gewiß gibt es auch viele andere. Fragen, die stets die Aufmerksamkeit der Departements, die die Exekutive für sie bestimmt hat, irr Anspruch nehmen. Es ist aber unsere Aufgabe, hies und in Amerika darauf hiu'uweisen, daß die Starke aller Hemmnisse und die Schwierigkeiten unserer politischen Lage auf diese einzige Sache, die „Finanzen" heißt, zurückzuführen sind. Bei allen, sowohl unseren politischen, als auch kulturellen und ökonomischen Zielen liegt der Hauptschlüssel siir ihren Erfolg in den Geldmöglichkeiten. Wir dürfen daher nie die jüdische Aufopferung für unsere hohen Ziele und Bestrebungen vergessen. Meine spezielle Aufgabe in Amerika war der Organisierung der zionistischen Arbeit gewidmet. Ich hoffe, daß es mir im Verlaufe meines Londoner Aufenthaltes gelingen wird, etwas für die Erstarkung der zionistischen, Weltorganisation beizutragen. Wjr betrachten die Zielt i st i s ch e Organisation als die Grundlage einer jeden Aktion, die unternommen lverden wird im Nomen von Palästina oder der zionistischen Ideale. Sie hat alles zu kontrollieren, was mit dem „National Home" zu tun hat. Die Zionistische Organisation ist die Kraft, die alle unsere Ziele und Aufgaben bewältigen kann. Versuchen Sie unseren seidenen 3dealstrumpf 3to I. TRAUNERHOf 2 (Graben s > ■ ■ Ae Eitung des zionistischen Aktionskomitees. (Eigendienst dec „Wiener Morgenzeitung".) Die Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees wurde Dienstag den. 4. d., 11 Uhr vormittags, eröffnet: Anwesend sind von der Exekutive: Nahum Sokolow, Josef Co wen, Louis Lipsky. — Vom Finanz- und W i r t s ch a f t s r a t: Isaak N a i d i t s ch, Dr. Berthöld Feiwel, WiM Zlatopo lskh. — Mitglieder des A. C.: Oberrabbiner Dr. H. P. Chajes, Abr. Goldberg, I. K. Goldbloom, Dr. Gottlieb, I. Gruenbanm, Dr. Iacobso n, Schm. L e v i n, Levite, N. de L i e m e, % Stricker, I. Fishman (Naw-Nork), Färb st ein, Pih. Mayer (Misvachi), Dr. Ch. Arlosoroff, E. Kaplan, Dr. R. Meltsch, H i n d e s,' Neiger, Goldmann, Aleinikoff, Mereminski, Brudni. — Vertreter de r Institutionen: Für die Kolcmialbamk: Jean Fischer, für den Jüdischen Nationalfouds: Pros. Marburg, für den Keren Hascsfod: S. K a p l a n s k h. — Bon Dr. W etzmann ist ein ausführliches BegrüßungsschoeHben eingegangen, welches den Mitgliedern des A. C. vorgelegt wird. Ferner sind von Dr. R u p p i n und Dr. Osias T h o n aus New-Aork Telegramm« eingelaufen. Der Vorsitzende Oberrabbiner Dr. Chajes teilt mit, daß der vom Kongreß für einen Vertreter der palästinensischen Iudenhe it frei gehaltene Sitz im Aktionskomitee vom Wand Leumi mit Herrn David 9) c l I i n besetzt wurde. Zu Ersotzmitgliedevn aus Palästina hat der Waad Leumi die Herren Elisahu Berlin und Dr. M o s s i n s o h n bestimmt. Zunächst erstattete Herr Sokolow den Bericht ü b e r d i e politische Lage und über die politische Tätigkeit der Exekutive. Das Referat Sokolows. Er gab, wie I. T. A. berichtet, eine detaillierte Darstellung drr politischen Situation mit besonderer Berücksichtigung der Frage der lboabsichtigten panarabischen Konföderation, der separat: st ischen Taktik der extremorthodoxen Juden in Palästina und der Haltung der A r b e i t e r r -e g i e r ri n g iw England. Er streifte weiters die Frage der Verfassung der Jewish Agency und ihrer Beziehungen als juristische Person zur Negierung. Mr. Josef Co wen, welcher gegenwärtig in engen Beziehungen zum Kolonialamte steht, erstattete einen ergärczenden Bericht zum Referat Sokolows. Die Diskussion über diese Berichte wird in der nächsten Sitzung eröffnet werden. Die Aktionskomiteesitzung dürfte vier Tage idauern. ' Die Demission Solowejtschiks. ' - Dr. Soloivejtschiik nimmt an der Aktionskomiteesitzmtg n i ch t t e i l, da er durch seinen Rücktritt als Mitglied der Exekutiv« nicht mehr Sitz und Stimme im Aktionskomitee hat, doch wird ihm Gelegenheit gegeben werden, seine Angelegenheit vor dem Aktiouskomitoe vorzubringen. Wie I. T. A. erführt, dürste wahrscheinlich an Stelle Dr. Solowejtschiks ein neues Mitglied der Exekutive , vorn Aktivllstomitee ge-rvählt »verdew 9. März 1924 Nr. 1819 Der neue Kalif. Erregung in der mohammedanischen Welt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 8. März. „Morn'mg Post" meldet aus Kairo, daß an die mohammedanische Wellt ein Moäti« f e st ge richtet worden ist, in fcem die Existenz des Kalifats als notwendig erklärt worden ist. Die Absetzung Abd ul Medschids sei durchaus ungesetzmäßig, da sie das Werk von Männern sei, die sich in die ganze Angelegelcheit nicht oinzumischen hätten. Die Itlo mas vom Aegl)pten (türikischc Rechtsgelehrte) fordern di» Mohammedaner auf, so schnell wie möglich einen allge» meinen muselmanischen Kongreß einzu'berufen, um die Kakifatsfrage in Ueberc>instimmnng mit dev Gesehen des Iffams zu regeln. Ein Reiche von Korrespondenten der Londoner Blätter glaubt berichten zu können, daß die Auffassung der i n d ischeu Mohamucedaner gegeniAer der Entscheidung von Angora eher eine ablehnende sei. Auch aus H indw kreisen wird die Einberufung eines nmselmanischen Kongresses zur Regelung der Frv'^e angeregt. Aus Bengalen seien völlig ablehnende Stimnwn gegenüber der Haltung Angorais laut geworden. Ein bengalischer Minister soll einer ,fT'>mes"-MÄdung zufolge erklärt haben Mustafa Kemal Pascha habe nicht das Recht, den Kalifen ohne vorherige Bolksabstimmuig unter den Mohannneda^nern abzusetzerr. Abd ul Medschid. Genf, 8. März. Nach einer Meldung der „Gazette de Lausanne" aus Konstantinopel hat die türkische Regierung zwar die Kosten der Uobersiedlung d-s Kali!fen und seiner Familie nach Bern übernommen, doch wird sie weitere Ausgaben für ihn nicht mehr leisten. Der Kalif befürchte für seinen Aufenthalt außerhalb der Türkei Schwierigkeiten insoifern, als er neben seinem Sohn und seinen Töchtern auch von d r e i e n f e i n e r Frauen begleitet ist. Es wird jedoch angenommen, -daß sich die schweizeriische Negierung nicht in diese privaten BerMtnifse des Kalifen emmengen werde. Der Kalif ist heute in Territet angekommen. Kundgebungen in Trapezunt. Konstantinopel, 8. März. (Tel.-Koni-P.) Die Absetzung des Kalifen ist nicht überall in der Türkei mit Genugtrrnng ausgenommen worden. So wird aus Trapezunt gemeldet, daß dort Kundgelbn^ngen gegen die Aus'weiisung des Kalnjen stattgsfunden haben. Der abgesetzte Kalif im Exil. Wie ans Bern gemeldet wird, ist der abgesetzte Kalif gestern dort eingetroffen und nach kurzem Aufenthalt weitergereist. Kurz nach 9 Uhr abends traf er in Begleiwng von seinen Söhnen, seiner Tochter, vier Frauen und einem Gefolge von zehn Persorien in T e r r it e t ein. knglands Landesverteidigung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 8. März. Nach >d«m gestern dem Unterhause vorgDlegten ÄnftverteidMugspr.cgra>mm soll der F l n gplatz vom Croyden bei London zum größten britischen Flughastn ausgebaut werden. Fmrer ist beabsichtigt, die Luftverteidigung Londons im allergrößten Umsauge auszu.gestalien. Das englische LuftverteidiguWssystem soll in einer Art Ring von Flugplätzen bestehen, der es ermöglicht, den Erfordernissen errtsprechend aufs schnellste von einem Gebiet nach dem anderen Verstürkn>ngen zu ziehen. In den Wandelgängen des Unterhauess verlautete außerdem, daß gewisse Gebiete der Süd- und OsMste für frem<de Flugzouge gesperrt werden sollen. Der Kriegsminffter teilte gestern im Nnterhauist mit, daß die englische Armee gegenwärtig 111.039 Mann in England ilnd 106.892 Mann int A u s l a n d e, Indien in^begriffen, zähl«. Außerdem stüiden 3140 Mann der Kolonialarmoe unter den: Befehl des Kriegsministeriums. Das Budget für die Luftstveitkräfte. Das Budget für di« L u f t st r e i t k r ä f t e weist 14,5 M i l l i o n e >n Pfund Sterling auf, das ist eine Bermehruny gegenüber dem jetzigen Budget um 2,5 Millionen Pfund. Die Gesamtzahl der Verteidigungsgeschwader wird um 8 aus 18 erhöht. Das Personal erfährt eine Erhöhung auf 35.000 Mann. Erfolge Mac Donalds. Die Intervention in der Kohlenkrise. London, 8. März. Die Regierung hat in der Krlle dev KohI en in d n st r ie sowohl von den Unternehmern als auch von der Arbeiterschaft die Znsicherllng erhallen, daß die Verhandlungen mit möglichster Beschleunigung geführt werden sollen, so daß die Regierung, falls ein Ucbereinkommen nicht zustande kommen sollte, genügend Zeit hätte, eine N o tstandsaktion einzuleiten. Man ist der Meinung, das; hierfür ein Zeitraum von zehn Tagen zur Verfügung stehen wird. Im allgemeinen wird dies als ein hoffnungsvolles Zeichen in dem Sinne ausgefaßt, daß ans seiten der Unternehmer und der Arbeiterschaft gleichmäßig das Zutrauen zu einer wirksamen Intervention in Lvhnstreitigkeiten vorhanden ist.