Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1818 (8.3.1924)
- Date
- 1924-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*' "_Ptett VSMMg r Mentt MokSMzettrWS. 8. Mdqz ASt VLr. ISIS EMlen in der BeamtLnschaft und im Heer in der Hand hält, die die Hochschulen und die Gerichte beherrschst, und die dmch eine geschickte Verwebung schwerntdustrieller Mid agrarischer Gesichtspunkte dem deutschen Volk das Brot, das es ißt, und das Messer, mit dem es schneidet, verteuert. Es ist der bestorganisierte Taucher, gleicha Politisch fundiert und ürrch bewaffnete Landse geschützt. Diese Kaste, deren zynische Brutalität keine Verträge kennt, lebt noch immer in der Vorkriegs- WÄt und ihr Politisches System will von keiner Entwicklung etwas wissen, weil es immer in der Tradition steht. CS rst Tradition, an den Schild zu schlagen, die ganze Wellt zu provozieren, die Juden zu hassen und den König m rühmen, so lange er gefügig ist. Es ist Tradition, oen Frieden als Gewinsel, den Krieg als Stahlbad zu lehren, die Demokratie als Müsch zu denunzieren. Es ist Tradition, der Jugend vom perfiden Albion, vom gallischen Erbfeinds von der welschen Tücke zu erzählen und in ihr jedes Streben nach gütlicher Versöhnung jtt ertöten. Dieser Tradition steht das demokratische Bürgertum gegenüber, und da es zu feig ist, sich der Ideologie des Immer-feste-druff zu wider setzen, ist es unter die Räder gekommen. Herr Stresemarm hat mutige Worte gesprochen: „Auch uns geht die Freiheit über alles. Ich sehe die einzige Möglichkeit, zu dieser Freiheit zu kommen, darin, daß wrr uns der Regelung der Reparationsfrage nicht entgegenstellen. Wir haben nicht nur Frankreich uns gegenüber, sondern m diesem Falle die gesamte Entente. Es ist nun ermnal das Furchtbarste, daß wir den größten Krieg der Weltgeschichte verloren und nach diesem Kriege auch den Ruhrkampf verloren haben und daß wir nun ganz andere finanzielle Anstrengungen nötig haben. Wenn wir uns nun mit den internationalen Sachverständigen über die Lösungsmöglichkeiten besprachen und wenn unter diesen Lösungsmöglichteiten eine internationale Mitwirkung und vielleicht auch eine internationale Kontrolle sich befinden, so wollen wir uns damit doch nur den Weg freimachen, um überhaupt andere Verhältnisse in der Welt zu schossen." Das ist nicht nur mutig, sondern auch richtig. Aber steht hinter bent Willen auch die Kraft und die Fähigkeit? Politische .Ideen müssen nicht nur ausgesprochen, sondern auch ausgeführt werden. Sie verlieren ihren Inhalt, wenn sie nicht freiwillig erfüllt, sondern unter Ztvang vollzogen werden. Und es scheint, daß sich dies jetzt vorbereitet. Denn die von England und Frankreich verlangte Militärkontrolle hat in der führenden Rechtspresse eine Erneuerung der chauvinistischen Propaganda erregt. Mir liegen diesmal die Dinge anders: Hinter der Forderung steht jetzt neben Pomcare auch die Arbeiterregieruna, der es gar Wohl bekannt ist, daß Deutschland eine schwarte Reichswehr hat, eine gut ausgebaute Militärorganisation aus gewesenen Offizieren, Korpsstudenten und Arbeitslosen, die zusammen 'den Kader für die Redcmchearmee kAden und die ihre Filialen in Oesterreich, in Ungarn und wahrscheinlich auch in Bulgarien unterhalten. Sie sind die Kerntruppe und das Gerüst der internationalen Neaktionsarmee. Die Gefahr, die sich in dieser Organisation zusammenballt, und die aus den Verhandlungen des Hitler-Pro;esses offen herausblickt, hat Mac Donald veranlaßt, die Initiative zu ergreifen. Die Zerschlagung dieser Blutpläne gehört znm Programm des Frizens, und Herr Stresemann wird sehr bald beweisen müssen, ob er dieses Programm akzcp- >iert, das allein Deutschland die Freiheit bringen Tann. Sie englisch-russische Konferenz. lEigcndienst dec Wiener Modenzeitung".) London, 7. März. Die erste Sitzung der errglisch-russifchen Kommission, die die zwischen beiden Ländern schwebenden Fragen bereinigen soll, wirb E u d : M ä v; oder anfangs April stattsindon. Mimsterprändcnt OJIac D onald wird den Vorsitz sichren und möglicherweist die | GvWmWgsrede halten. j Sie russisch-rumänischen Verhandlungen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Bukarest, 7. März. Die rumänischen Unterhändler haben für die Wiener Verhandlungen mit Nußland in den Vorberatungen folgende Hauptforderungen aufgestellt: 1. Anerkennung der internationalen Verträge einschließlich der Besetzung B e ß a r a b t e n s. 8- Rückgabe des im Kriege nach Rußland gebrachten rumänischen Goldschatzes und des archereu rumänischen Eigentums, oder eine Entschädigung int Betrage von vier Milliarden Goldfranken. 3. Verzicht auf jede bolschewikische Propaganda in Rumänien. Hemissio« de« törkischen Kabinette. Konstantinopel, 6. März. (Wolfs.) Das türkische Kabinett^ ist zurückgetreten, um Fsmet Pascha die Neubildung des Kabinetts zu erleichtern. FSmet Pascha hat die Umbildung des Kabinetts dnrchgeführt und die Posten des Ministerpräsidenten und des Ministers des Aenßcru behalten. Die früheren Minister des Innern, der Finanzen, der nationalen Verteidigung, der Gesundheit und der öffentlichen Arbeiten stzrd auf ihren Stellen verblieben. Das Ministerium für Volkswirtschaft wurde durch Ministerien für Handel und Landwirtschaft erseht. Die Ministerien für Justiz, öffentlichen Unterricht und Wiederaufbau sind neu beseht worden. Der Putsch im Bräuhausleller. Hitlers Srpresiungen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) München, 6. >März. Eine Folge des gestrigen Zwischenfalles im Hitler-Prozeß ist die schärfere Handhabung der Pol izeikon troll« in der Infanterie schule. Zu Beginn der Verhandlung verlas Jifftizrat Kohl eine Erklärrmg, in der er sagt: ,^Jch habe in der gestrigen Sitzung Anssi'chrungen gemacht, die -den Herrn Staatsanwalt verletzt haben. Eine Verletzung des Herw Staatsanwalts lag nicht in meiner Absicht. Ich stehe daher lucht an, den Vorfall zu bedauern und um EnHchuldiguiug zu bitten, was ich hiermit tue." Er vestbeägte sich vor dem Staatsanwalt, indem er grüßend sein Barett abnahm. Darauf erklärte Juftizrat Schramm, die gesamte Verteidigung werde stets 'bemüht bleiben und dafür eintreten, daß der Prozeß wie bisher in durchaus sachlicher Weise weitergeführt wird. Der Vorsitzende erklärte, es sei sehr 'bedauerlich, daß es zu derartigen unerträglichen Ausfällen gegen den Staatsanwalt geikommen sei. Weitere Angriffe würden das Gericht unter Umständen nötigen, daS Verfahren gegen den einen oder den anderen Angeklagten «'bzirtrenMn, um die ordnungsmäßige Durchführung des Prozesses gegen die anderen Angeklagten zu ernrögliichen. Rechtsanwalt Roder schlug vor, in erster Dime die Herren Kahr, Lossow und Seisser darüber zu vernehmen, ob sie ihre Erklärungen im Gurgerbräukellier am Abend des 8. November nur zum Schern oder im Ernst abgegeben haben. Der Vorfitzeräe ging auf diese Anregung vorläufig nicht ein. Hieraus setzte das Gericht die Zeugenvernehmungen fort. Zu'nächst wurde der Chefredakteur der ,/Münchner Zeitung" Adolf Schiebt als Zeuge aufgerufen, der zunächst unvereidigte Angaben über seine Wahrnehmungen am 6. November im Bürgerbvänkeller machte. Diese kLersammiluug sei unter sei'ner 'wefenMchen Mitwirkung zustande gekommen. In einer vorher abgehaltenen Konferenz vaterländisch gesinnter Männer sei erwogen worden, ob es nicht nützlich wäre, dem GenerabstaatSkommissär Gelegenheit zu geben, seinen W dahin mrr theoretisch angekündigten Kampf gegen den Marxismus zu begründen und diesem negativen Ziel auch ein positives m die Seite zu setzen. Diese Ansicht habe die Billigung des Generalstaatskommissärs gefunden. Die Vorbereitung zur Vevsammlnng sei vom Kommerzialrat Zentz getroffen worden. Der Zeuge schilderte sodann die bekannten Vorgänge im Bürgerbränkeller. Als di« bayrische und die Reichsregierung für abgesttzt erklärt worden seien, sei ihm klar geworden, daß hier ein Putsch vor sich ginge. Es sei ihm ausgefallen, daß Oberst Seisser seine Erklärung nur unter Zwang abgegeben habe. Ter Charakter der Erklärung Kahrs und die scheinbare Einigung sei ihm klar geworden, weil er sich gesagt habe,, ein Diktator, der sich mit der Pistole zu einer anderen Auffassung drängen lasse, sei für ihn und wohl auch für die Oeffen'Nchkeit erledigt. Der Zeuge hatte nicht die liebe rzeugung, daß dies etwa eine Komödie sei; dazu seien die Vorgänge viel zu ernst gewesen. aber er habe die schioerften Zweifel gehabt. Er sei dann in die -Polizeidirektion gegangen. Hernach 'hebe er eine Pressekonferenz eäuberufen, worauf er sich in die .Kaserne zurückbegeben habe. Insbesondere Kahr habe es immer noch für unbegreiflich gefunden, wie man in dieser Weise gegen ihn Vorgehen konnte. Der Zenge habe nicht 'beobachtet, daß Mcrn'ungsverschiedenheiten zwischen den drei .Herren deständen. In der Kaserne habe er 'dann int Aufträge Kahrs die telephonische Msisung gegeben, die Ausgabe der Münchener Morgenblätter zu verbieten, mit eine u ngeheure Verwirrung in der öffentliche u Meinung zu verhindern. Das sei mrr ein Vorbeug u n g s m i t t e l getve.se n. Ans eine Anfrage des Vorsitzenden bemerkt 'der Zeuge, daß er vom ersten bis zum letzten Tag in der Pressest eile dei Kahr tätig gewiesen sei. Der Vorsitzende verlieft hierauf ein Schreiben des Gelieralstaatskonmüssariats, wonach der Leiter der P r e s s e a b t e il u n g hinsichtlich der Ereignisse vom 8. mb 9. November stlbst und hinsichtlich der unmittelbar damit znsim'menhängeri'den Vorgänge vom Amts geig e i m u i s -e u t b u n d c n sei. Der .Zeuge gibt zu, von dcr amtlichen Denkschrift Lossows von: 24. November Kenntnis cD Klm zu haben. Er fei bei dcr Mfassung einiger Stelleu der Tentffchriift von Kahr zugezogen worden. Dir Beantwortung der Frage des Rechtsanwaltes Kohl, mit welchen Herren dev Zeuge sich bei der Vorbereitung der Idee der Kundgebung vom 8. November besprochen habe, lehnt Zeuge unter Berufung auf sein Schweiggebo'l ab. Als nächster Zenge wird Generaloberst Gras Bothmcr ansger-ufeir. Zmmchst sivird er vereidigt. Er 'belnudet, daß er mit der Denkschrift in keinerlei ZwsautNlen'hang stehe. Bezüglich der ^Vorgänge int Bürgerbränkeller erklärt er, daß Hitler mit einer Pistole in der Nechterr im Saale effchienell sei. Die Hinaufführung der Herren Kahr, L o | s o w und S e i s s e r sei u n> t e r E s l o r 11 c c u n g i) o rt B e Ni affuelen erfolgt, die alle Revolver in der Hand hatten. Hitler habe vorher erklärt, wenn nicht R-uhe herrsche, werde er ei« Maschineng«. wehr auf die Galerie bringeu lassen. HcuHd nrann Goehring hübe gleichfalls einen Schuh gegen die Decke athgefervert. Später seien die Revolver verschwunden. Der Zeuge hatte >den Eindruck eines wohlvorbe* reiteten, brutalen UeberfalleÄ. Die Erklärungen der Herren seien nach seiner Auffassung unter direktem Zwang abgegeben worden. Man halbe die Schupo und di« Reichswehr in diesen Dagen in unerhörter Weise angepöbelt. Zeuge hatte den E'mdmck, daß die drei Herren ihve EMävungen nicht ernst gemeint hätten. Auf die Frage des Verteidigers, ob der General eä für möglich gehalten habe, daß ein deutscher Offizier ein i« einem solchen Augenblick unter Zwang abgegeibe- Nes Wort nachträglich breche, bemerkt der Zenge, er habe nicht den Eindruck, daß daS Wort ge. brvchen worden sei. Gr habe sich mit den Vorgängen vor dem 8. ^Noveimber nicht dnM befaßt. Ueber die Vorgänge sei er wohl informiert gewesen, >ohne aber deren Motive zu Hennen. Die Herren hätten nicht anders handeln können, als daß sie zunächst scheinbar Hve Gi'Nw-M. glung gaben, 'weil sie sich fagtzn mußten, es wäre M unglaublichen Zuständen gekommen. Hieraus nracht Geheimvat Gruber Aussagen über seine WahrnehnMMgen im BüvgevbvLukeller. Er müsse sagen, daß Äudendorff von der Sage, m der er sich befand, aufs tieffte erschüttert gewesen sei. Er habe den vollen Eindrrrck, daß Ludendovff überrascht worden sei. Die Aussagen de's nächsten Zeugen llniversitätspro. fessors Dr. Mexander Müller gehen dahin, daß er von der Vorbereitung der Verfcmrm'lung nichts gewußt habe. AIS Kahr und Hitler miteinander sprachen, habe er deuMch gchört, «s werde all es in zehn Minuten erledigst fein. Zeuge habe das Gefühl gehabt, daß nwtit ihn tut eine Mausefalle gelockt habe. In der NachmrttagSsitznng 'wurde der FabviWbesitzer -und Vorstandsmitglied der vaterländischen Verbände Max Kühner (München) vernommen. Er gibt seinen Gesamteindruck dahin wieder, daß die Herren Kahr, Lossow und Seisser vor einer schweren und säst unerfüllbaren Aufgabe gestanden seien. Man sei sich darüber Dar gewesen, daß eine Auseinandersetzung mit Berlin kommen müsse. Eine andere Frage aber sei es, ob es sich m Wirklichkeit um einen Marsch gehandelt habe. Zeuge Generalmajor Hans Ritter v. Hemmer ererklärt, daß er von den Vorgängen im Bürgerbränkeller ein bedrückendes Bild gewom-mn habe. IuS'besondere bei Lossow und Seisser sei er der AnschcmMg geiweseu, daß sie ihre Erklärungen nur gezwungen abgegeben haben. Zeuge Ha^lptumuu a. D. Ebel war in dcr Versain>ul'ivug int Kasino des Juchnierieregi-menies, inohin W?* neralinajor Henrmer gegen 11 Ahr gekonrmen war. Auf eine Anifrage erklärt Zeuge, daß Generalmajor Hemmer den Ereignissen zunrindest zugestimmt, womöglich sogar seine Freude zum Ausdruck gebracht habe. >AkiM!sterialdirektor Dr. Gustav Müller vmn Justizministerium bekundet, er habe das Gindriugeu Bewaffneter als einen Plötzlichen Ueberchll 'betrachtet. Das Auftreten Göhri-ngs habe auf ihn keinen angenohureu Eindruck gemacht. GeuerMeutnaut v. Kleinhenz gibt gleichchlls den Eindruck lwieder, daß deir beteiligten ^Herren der Entschluß schwer geworden sei. Iustizrat Schramm fragt den Zeugen, o'b es vichiig sei, daß er ein Schreiben der vaterländischen Verbän'de an Kahr mitunterzeichnet ha>be, worin unter anderem eine sofortige Genervlamnestie und dcr rücksichtslose Kampf gegen die Berfasstmg von Weimar und gegen den Marxismus verlangt werden. Der Zeuge bestätigt dies. Hierauf wird Generalmajor Freiherr v. Kreß nommen. Gr ntinuirt zunächst als Führer der 7. Division zu den schweren Verdächtigungen Stell-ung, die im Laufe des Prozesses gegen die Reichswehr vorgebracht totibcn. Die ersten Schüsse seien vom Wehvkreisikommando gefallen, wodurch zive>i Pioniere verwUiNdet worden seien. Im imiteren Verlause der Sitzuu-g verliest Instizmt Schramm einen au ihn gerichteten Brief des Viajors Rüder, in dem sich dieser über den angeblichen Tod Ludrndorffs bei den Ereignissen äußert. -In dmu Briefe heißt es. die Darstellung des Oberleutnants Kriebsl in dieser Ea^chc habe den Eindruck erwecken müssen, daß die Nachricht vom Täde Luderrdorffs bei dcu Wehrkreisoffizieren begrüßt ivorden wäre. Die Falschnicldung, das; Ludendorff sich er' schossen habe, habe alle tief ergriffen nnd hierbei halbe Rüder den: Sinne nach geäußert: Das wäre ja entsetzlich, aber vielle'icht iiwive es die b e st e Lösung! Nttimnöhr wird die Vernähmmlg des Obevtelltua-nis und Chefs der zweiten Kontpaguie des Jnifanterieregi^ ments 19, Bra un, eingetreten, dem die Erschießung des Leutnants Casella zur Last gelegt wird. Ter Zeuge erklärt unter Eid, es sei erlogew, daß Leutnant Ea'sella vor sei nein Dclde ausge'sagl habe, er hätte ihn erschossen, daß er versucht halbe, den OGizierey. die Portepees nud Achselstücke