Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1818 (8.3.1924)
- Date
- 1924-03-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HnzehmmmerKßOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, 1!., Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle fTrafik) monatl. K 35.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt,I.BezM Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 35.000 Ts ch e c h o-S 1 owa k ei: Mon. K 18. Jugoslawien: Mon. DinarßÖ. Polen: Mon. 3'/a Zloty, Deutschland: Mon. Gold mark 4, Frank r., Belgien: Mon. Fres. 12 DW- Nschüblunj«» *98 bei Preiserhöhungen Vorbehalten Nk. 1818 Men. Samstag. 8. Mörz 1824 Zwischen Flammen und Bestien Morsenreillmg Polen;poin.«ft.3SB41fiO Italien: Monat!,titJre, Rumänien Mon.lSOLai, Bulgarien Mon. 80 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Fres. 4 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel- Adr.:„Morgenzeltang' Wien Oesterreicbisches Postspar« kassen-Konto Nr. 150.698 6. Jahrgang König Hussein - Kalis. 8« Lrmrsjordimieu, Mesopotamien und Hedschas. (Eigendienst -er „Wiener Morgenzeitung") London, 7. März. Das Reutcrsche Burcan Meldet aus Jerusalem: König Hussein ist zum Kalifen m Transjordanien, Mesopotamien und Hedschas proklamiert worden. Angora gegen Huffei». London, 7. März. Nach einer Meldung der „Daily Mail" hat die Regierung von Angora die Pilger, die nach Hedschas gehen wollten, gewarnt, ihre Fahrt z« unternehmen, da sie dort großen Gefahren ausgesetzt seien. Den wahren Sinn dieser Warnung glaubt „Daily Mail" darin erblicken zu Tonnen, daß man in Angora befürchte, der König von Hedschas, Hussein, könne als der natürliche Nachfolger des geistlichen Oberherrns der Mohammedaner empfunden und znm Kalifen ausgerufen werden. Dies ist inzwischen bereits geschehen. Die Ausrufung Husseins zum Kalifen sprengt die Einheit des Islam auseinander und tragt neue schwere Komplikationen in das unorganisierte politische Leben des Orients Frankreich« Iesintereffement. Paris,?. März. Die französische Regierung hat der Agence Fournier zufolge beschlossen, sich jeder Einmischung in die Frage der Aufhebung des Kal isats, trotz der großen Bedeutung dieser Frage für die mohammedanische Bevölkerung Frankreichs, zu enthalten. Wenn Abdul Medschid nach Frankreich käme, würde ihm selbstverständlich der beste Empfang zuteil werden, doch würde jeder politische oder religiöse Anstrich vermieden werden. Lurchreise de« enthronte« Kalifen durch Belgrad. Mailand, 7. März. Gestern passierte der entthronte Kalis ans der Reise nach der Schweiz die Stadt. Mit ihm reisten die Sultaninnen, sein Sohn Prinz Faruk, seine Tochter undrei Hofdamen, sein Sekretär und sein Hof- Paris, 7. März. Wie die Agentur Radio ans Genf meldet, verlautet in den Kreisen der türkischen Gesandtschaft in Bern, daß der abgesetzte Kalif Abdul Medschid heute oder morgen mit dem Onentexpreß in Lausanne eintreffen wird. Der Exkalif wird sich entweder in dieser Stadt oder m Gens ständig uiederlassen. Die Messenummer der ..Wiener Morsenzeitnng" erscheint morgen und wird unter anderem folgende Beiträge enthalten: Minister Dr. Alfred Grünherger: „Messe und Handelsverträge". Dr. Michael Lewihkij, Geschäftsträger der Union der Sowjetrepubliken: „Sowjetnutzland und die Wiener Messe". Dr. C. Vrabec, Konsul der tschechoslowakischen Republik: „Ueber die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Oesterreich und der Tschechoslowakei". Dr. Lazare B a i t s ch, Generalkonsul des Königreiches S. H. S.: „Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Oesterreich und Jugoslawien". Dimttvi Vlakhoff, kö.uigl.-bulgarischer Handelsattache in Wien: „Bulgarien und die Wiener Messe". Dr. Erwin P a n e t h, Sekretär des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft: „Wien, das Handelszentrum des Orients". Franz Wiener, Chef der Firma Max Wiener, Lebensmittelimport: „Messe und Lebensmittelhandel". Ingenieur Oskar Kramer: „Die Maschinenindustrie und die Messe". Gottlieb Eisenhammer, Chirf des Möbelhauses „Glasauerhof": „Die MSbelbranche und die Messe". Artur B a a r, Inhaber des Sporthauses Stadion: „Sportartikel und Messe". Kommerzialrat Max Strauß, geschäftsführender Verwaltungsrat der Kleinzeller Papierfabriks A.-G. und Frauenthaler Papier- und Pappenfabriksgesellschaft, Mitglied des Wiener Messebeirates r „Papierindustrie und Messe". Stresemauv und Helssench. —y. Wie«, 8. März. Minister Stresemann hat vorgestern im Reichstag scharfe Abrechnung mit Helfferich, dem geistigen Vorkämpfer des Stinnessentums, gehalten und dessen Politik in Stücke gevisseu. Mau hat da einen lehrreichen Blick in die Küche des Nationalismus tun können, der sich zuerst ein paar Lügen erfindet und dann auf ihnen ein Schwindelgebäude aufbaut, in dem es sich gut leben und noch besser verdienen läßt. Helfferich, der im Krieg au der Spitze aller Annexionspatvioten stand, wettert gegen die französischen Annexionsbestrebungen, die nicht mit Güte, sondern mit Kampf abzuwehreu seien, so wie dies England während des passiven Widerstandes angeraten habe. Hier unterbrach ihn Stresemann mit der dürren Bemerkung, daß England den ganzen passiven Widerstand verworfen habe. Aber Helfferich ließ sich nicht stören. Da das Projekt der Goldnotenbanl von der Entente freundlich behandelt wird, da die Sachverständigen die Ruhrpolitik, so wie sie heute sich dem Auge darbietet, ablehnen itrtib sich für die Ansprüche Deutschlands einfetzen wollen, so ist das fiir Helfferich Grund genug, beides anzu- - rempeln, jede Verhandlung anzuspucken und alles übrige dem deutschen Volk zu überlassen, wobei er unter diesem deutschen Volk diejenigen versteht, die im Münchner Prozeß einander Verrat, Lüge und Erpressung vovwerfen. Stresemann, der ihm antwortete, tat dies mit dem Hinweis aus die Lage, in der das deutsche Volk seinen bewaffneten Gegnern gegenüber steht. Es ist zur Vorsicht gezwungen und muß — es ist dies das erste Mal, daß eine solche Aeußernng au verantwortlicher Stelle fällt — sich ans den Boden des Versailler Vertrages stellen und seine Pflichten anerkennen. Das zeigt von einem gesunden Nmlernen, von einem Bekenntnis zu den Tatsachen so wie sie sind, nicht aber wie sie gewünscht werden. In diesem Unterschied liegt der Hauptgrund für die heutigen Zustände in Deutschland, und je rascher die Wandlung der Dinge begriffen wird, umso besser wird dies für Deutschland und den Frieden sein. Aber damit ist es nicht gut bestellt. Helfferich ist der Führer einer sehr breiten und mächtigen, durch Interessengemeinschaft \ unh NsckM-fM. verbundenen KM, d iedve wichttgf^r Poincare droht mit der Iemisfion. Kn Ggüofe Wer die frauMche Innenpolitik. (Eigendienst der ,Mener Morgcnzeitimg".) Paris, 7. Marz. Poincare beschränkte sich in der gestrigen Erklärung vor der Senatskommission nicht nur darauf, die Vertrauensfrage anzukündigen, sondern er sagte ausdrücklich, daß die Negierung demissionieren würde, wenn der Bericht der Kommission nicht eine unmittelbare Diskussion erlauben sollte. Die drohende Form dieser Aeußernng Poincares wird heute lebhaft kommentiert. Man glaubt, daß der Entschluß, dem Parlament gegenüber entschieden aufzutreten, in einem Ministerrat gefaßt wurde, der gestern morgens unter Vorsitz Millerands stattgefunden hatte. Heute nachmittags ist in der Kammer die am letzten Freitag eingeleitete Debatte über die Innenpolitik der Regierung fortgesetzt worden. Sofort nach Beginn der Sitzung bestieg P o i n c a r e die Rednertribüne. Er bezeichnet als Prinzipien seiner Innenpolitik die Achtung der Gesetze über die Trennung von Kirche und Staat, die Achtung der Rechte und Pflichten der Staatsbeamten und die Ausrechterhckltung der konfessionslosen Schule. Er wolle eine Mehrheit, die sowohl von der äußersten Rechten als von der äußersten Linken unabhängig sei. Dieser Mehrheit, die immer groß genug gewesen sei, um imponieren zu können, sei der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete, die Restaurierung der Finanzen und die Ausrechterhaltung von Ruhe, Ordnung und Frieden zu verdanken. Auf den Zwischenruf über die Haltung der Regierung zu Rußland ’ , anwortetc Poincare, daß Rußlands in Genua nicht wegen seiner inneren Verfassung, sondern deshalb nicht zugelassen worden sei, Werl es seine äußeren Schulden nicht anerkennen wollte. Poincare griff auch die R o y al i st e n an, die ein verfallenes Regime befürworteten. Leon Daudet erwiderte, daß dieses Regime das Regime der Zukunft sei. Wenn die Republik forlbestcht, wird Frankreich zugrunde gehen. Dieser Ausfall ruft auf allen Seiten lebhafte P r o t e st r u f e hervor. , P o i n c ü x c verteidigt ferner den Beschluß der Regierung, der zur Begnadigung des Kommunisten Marth geführt hatte und der von einem großen Teile der Regierungsmehrheit stark angefochtcn worden war. Er verherrlichte sodann die beiden Minister S a r rau t und L a f o n i, die tzox eichgen Tagtzl aus. per radikMn Partei ausgeschlossen worden sind. Die Erklärung, daß er rückhaltlos für die konfessionslose, staatliche Schule eintreten werde, vermochte immerhin ans der Linken lebhaften Beifall auszulösen, während die Rechte protestierte. Hieriauf wurde die Sitzung unterbrochen. Bei der Wiederaufnahme fährt P o i n c a r e in seiner mehr als dreistündigen Rede fort. Die kommende Legislaturperiode müßte eine Aenderung der parlamentarischen Arbeitsmethode mtt sich bringen. Redner erinnerte sodann daran, wie der Senat einmütig und die Kammer mtt großer Mehrheit die Besetzung des Ruhvgebietes gebilligt hätten. Der Ministerpräsident wies aus die Konferenzen von Genua imd London hin, und erklärte, Frankreich habe sich erst nach dem Scheitern dieser Verhandlungen zur Besetzung des Ruhrgebietes entschlossen, nicht in militärischem Geiste, sondern aus Sorge mn die Erhaltung seiner Rechte. Jetzt ciber habe es ein Pfand in der Hand, dessen Wert die Welt anerkenne, und es werde dieses Pfand nur nach Maßgabe der Zahlungen und nach völliger Bezahlung cmsgeben. Die Sitzung wurde hierauf geschlossen. Nie Zanierungsfruge vor dem Mkerbmd. Dr. Grünberger in Genf. Der Minister für Aeußeres Dr. G r ü n b e r g e r ist gestern abends nach Genf abgereist, woselbst Montag die VerhaMungen des Völkerbundrates beginnen. Auf der Tagesordnung der diesmaligen Ratssitzung steht, wie es auch, bei den früheren Sitzungen des Bölkerbundrätes der Fall war, der finanzielle Wiederaufbau O e st c r r e i ch s. Bundesminister Doktor Grünberger wird in Genf mit dem Genera lkommissär Dr. Z i m m e r m a n zufammentreffen, der aus Holland direkt nach Genf abgereift ist. Die Kombinationen, die von mehreren Seiten an die Meldung von dieser Reise geknüpft wurden, sind vollständig aus der Lust gegriffen. Die österreichische Negierung denkt, wie es in der amtlichen Verlautbarung heißt, n i ch td a r a u, eine Abänderung der Genfer Protokolle zu verlangen., die nach wie vor das u n v e r r ückbare Fundament der österreichischen Saniernngsvolitik bleiben.