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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-06 · Heft 1816 (6.3.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1816 (6.3.1924)
Date
1924-03-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Stoen, Domrerstag Wiener Moraenzeitunk. Derie $ Slr. 1816 15. Aiar: 1924 Sin turbulenter StreMag. Wache gegen Bankbeamte. — Sarantkefordemngen «ad Beschwerden Wirth — schwer eürantt. I (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung''.) Berlin, 5. Märzjs. Der Zustand dev früheren Reichskanzlers Dr. Wirch, der an einer schweren Grippe mit Lungenentzündung erkrankt ist, ist ziemlich ernst. Nach den letzten Mel'dmcgen Hai sich ->as Befinden Wirchs bedeutend gebeslert. Ser Hitler-Prozeß. ■ Nlünchen, 5. März. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung'".) Der Hitler-Prozeß dürfte voraussichtlich noch drei Wochen dauern. In den nächsten Tagen wird mit der Zeugenvernehmung sortgefahren werden. Bon der Staatsanwaltschaft siird etwa 80, von der Verteidigung etwa 150 Zeugen geladen. Das Urteil dürfte Ende dieses Monats <>esällt tvevden. Ae antisemitische« Fasziften. Eine Ansprache des italienischen Kolonialminifters. Tripolis, 2. März. (I. T. A.) Anläßlich seiner Anwesenheit in der italienischen Kolonie Tripolis hat der italienische Kolonisnrn'iui'ster Signor Federzoni dem Gottesdienst in der g r o ß e n S h n ag og e v o n T r i p ol i 8 b c i g e lv o fy n t. Er hielt dort eine A n s prache. in der er den Patriotisnms der $uiben und ihre Freundschaft für Italien rühmend hewochob. In bezug auf die kürzlich von Füszisten angcsti steten antisemitischen Unruhen in Tripolis (über ivelche wir seinerzeit ausführlich berichtet haben. — Die Red.), sagte der Attnister, abgesehen von diesem sträflichen Tun gewisser jugendlicher Wirrköpse und aufgehetzier Soldaten darf die Tatsache nicht übersehen werden, daß die Angehörigen des jüdischen Volkes überall als friedfertige und ehrliebende Bürger betrachtet werden. Ja» Wische Ministerium in Mauen. Kowno, 8. März. (I. T. A.) Soeben erhielt das Minifterium für jüdische Angelegenheiten eine Mitteilung des Premierministers, daß der Staatspräsident das rroch am 3. Jän-ner 1924 überreichte Demissionsschreiben des Ministers Dr. Rosenbaum angenom-MLN Hai. Ter Staatspräsident ersucht Dr. Rosenbaum, seine Tätigkeit fortzusetzen. In jüdischen politischen Kreisen erregt diese Vevschleppungs Methode in der Frage des jüdischen Ministeriums Mißfallen. Heber die Berufung eines nerven Ministers an Stelle Dr. Roseubaums verlautet noch nichts. _ Amdenmgen in der amerikanischen Mnwanderungskontrolle. Xew-Aork, 6. März. Die Einwanderungskmnrnission hat sich damit einverstanden erklärt, daß die Passagiere zweiter Klasie m Zukunft m den Kajüten erster Klasse revidiert werden. Sie brauchen also nicht nach Ellis Island zu gehen. $>fe Seit für die Revision der Passagiere der ersten Masse ist geändert worden. Dagegen ist der Ernwanderungskommissär nicht bereit, Schiffe zu untersuchen, die nach Sonnenuntergang einlaufen. Infolge der langen Dauer des Streiks ist die Stim muug der Streikenden sehr erregt mtb ist gestern in Demonstrationen zum Ausdruck gekommen, die zu einer Annäherung nicht sehr förderlich waren. Tie Domonstrationen fanden auf dein Schottenriug vor dem Bankverein und vor der Depositenbank sowie im Bankenvienisl am Hof und auf der Freyung statt. Um einviertel 12 Uhr vormittags begannen die vor dem Bankverein angesammelten Bankangestellten gegen die Arbeitswilligen zu dentonstriercn, hauptsächlich aus denk Grunde, da die Streikposten die Nachricht verbreiteten, daß sich betriebsfremde Elemente im Bankgebäude befänden. Die Kundgebungen nahmen derartige Formen an, daß sich der Abteilungskommandant der Sicherheitswache genötigt sah, an die Demonstrierenden die Aufforderung zum sofortigen Auseinandergehen zu richten. Die Wache mußte schließlich einschreitcn, wobei es zu einer Arretierung kam. Beim Transporte des Arrestanten schlossen sich andere Streikende an, so daß sich die Wache genötigt sah, neuerlich einznschreiten und weitere Arretierungen vorzunehmen. Da jedem Arrestanten eine Menge von 500 bis 500 Demonstranten folgte, war man genötigt, zum Schutze des Gebäudes des Polizeipräsidiums ein starkes Wacheanfgcbot heranzuziehen, das auf Lastautomobilen zur Stelle gebracht wurde. Auch bei den Kundgebungen an den anderen Orten sah sich die Wache genötigt, zur Räumung des Platzes vorzugehen und 34 Verhaftungen vorzunehmen. Nachdem die Demonstrationen beinahe zwei Stunden gedauert hatten, zog die Menge in die Löwelstraße, wo sich ihr Versammlungslokal befindet. Dort wurden von mehreren Fuhrwerken aus beruhigende Ansprachen an die erregte Versammlung gehalten. Am turbulentesten hatten sich die Demonstrationen in der Umgebung des Schotieniores gestaltet. Als die Demonstranten am Schottentor gegen den Wiener Bankverein demonstrierten, erschien eine Abteilung berittener Wachleute, die die Menge zum Auseinandergehen auffoÄerte. Die Demonstranten zögenen mit der Befolgung dieses Gebotes, worauf die Polizei zu Verhaftungen schritt, wobei sich stürmische Szenen ereigneten. Mit Mühe gelang es den Führern, die Streikenden zum Auseinandergehen zu veranlassen. Die Banken fordern Garantien fürdie Ruhe. Vom Bankenverband wird mitgeteilt: Im Hinblick auf die in den letzten Tagen seitens streikender Bankangestellten gegenüber arbeitswilligen Funktionären von Wiener Banken verübten Roheitsakte haben die Vertreter der Wiener Banken heute einstimmig den Beschluß gefaßt, in meritorische Verhandlungen mit der Angestelltenschaft nur dann wieder einzutreten, wenn sie die Ueberzeugung gewonnen haben, daß derartige Vorfälle und Drohungen künftig unterbleiben werden. Eine Delegation des Bankenverbandes hat beim Bundeskanzler vorgesprochen, um ihm von diesem Beschluß Kenntnis zu geben und die Erwartung auszusprechen, daß die Regierim* die nötigen Vorkehrungen treffen wird. Die Prokuristen und Oberprokuristen wurden noch einmal aufgesordert, bis längstens Freitag früh um 0 Uhr die Arbeit wieder aufzunehmeu, widri Zerfalls ihnen die Prokura entzogen würde. Eine Erklärung des Reirhsvereines drr Bankbeamten. An den gestrigen Verhandlungen nahmen die beiderseitigen Verhandlungskonlitees vollzählig teil. Die schleppende Verhandlungsfüyrung durch den Bankenverband hat die Erregung in den Kreisen der ausgesperrten und streikenden Angestellten außerordentlich gesteigert. Dies umsomehr, als 16ckanntgeworden ist, daß das Verhandlungskomitee der Angestellten bei Wiederaufnahme der Verhandlungen im entscheidenden Streitpunkt -einen neuen Beweis seines Entgegenkommens zeigte. Die Erregung der Angestellten kam gestern in spontanen Demonstrationen vor einzelnen Bankgebäuden znm Ausdruck, bei denen es infolge des aggressiven Verhaltens einzelner Polizeioffiziere zu bedauerlichen Zusammenstößen mit der Wache kam. Gestern sprachen Abgeordneter Allina, Bundesrat K le i n, Präsident E p st e i n des Reichsvereines der Bankbeamten und Sekretär Müller vom Bund der Bankgehilfen beim Polizeipräsidenten Schober vor, um Beschwerde gegen das Verhalten der Polizei gegenüber den Bankangestellten zu führen. Die Abordnung unterrichtete den Polizeipräsidenten von der Erregung unter den Bankangestellten angesichts des rücksichtslosen und gewalttätigen Vorgehens einzelner Wache organe. Der Polizeipräsident wurde darauf aufmerksam gemacht, daß trotz der zweieinhalbwöchigen Dauer des Kampfes sich alle Kundgebungen der Angestelltenschaft durch würdige Ruhe und Disziplin ausgezeichnet haben, daß im Laufe der Demonstration noch nicht einmal die geringste Sachbeschädi-- gung erfolgte, daß aber eine Gewähr für die A u frech terhaltung der Disziplin unter den Streikenden und Ausständigen nicht übernommen werden könne, wenn die Polizeibehörden fortfahren, veraltete Methoden wieder anzuwenden. Es fei kein Wunder, wenn das Vorgehen der Polizei als ein Akt einseitiger Parteinahme für die Banken angesehen werde. Die Abordnung legte schärfste Verwahrung gegen das Verhalten der Polizei ein und' richtete an den Polizeipräsidenten das Ersuchen, entsprechende Weisungen an die ihm untergeordneten Organe hinauszugeben. Polizeipräsident Schober nahm diest- Be- (^Covercoat Si&äK wicn.uadiergasse ■ 5 : Ii flw<s oa i: m Telefon Nr 76? w«. Mblische Immen. Von E. Reisels. 'jäit ent großer Dichter, dem die Atenschen und die Begebenheiten der biblischen Zeit lebendig vor Augen ständen, wäre in der Lage, aus einem biblischen Stoff ein großzügiges Drama zu schäften. Es gibt dramatische Stoffe, mit denen auch eine bescheidene Begabung fertig werden kann; es sind jene dankbaren Stoffe, deren dramatische Momente schon an der Oberfläche sichtbar sind und sich demnach dem Dramatiker von selbst aufdrängen. Im biblischen Stoff dagegen müssen die dramatischen Qualitäten wie aus einem verborgenen Schacht ausgegraben werden; das erfordert einen Dichter, der in Zeitenftrnen sehen und die biblische Welt und ihre Menschen intuitiv erfassen kann. Die Bibel war von jeder eine der Haupiquellen, denen die deutschen Poeten die Stoffe für ihre Dichtungen entnahmen.' Zunächst hatte das biblische Epos Eingang in die deutsche Literatur gefunden. Aber auch das biblische Drama trat f rühzeitig aus den Plan. Bereits im Jahre 1562 wtlrde bei der Einweisung des Elisabethhanses in Breslau eine deutsche Komödie ,Min und Abel" aufgeführt. Im 17. Jahrhundert dichtet Matthias Holz wart einen „Saul", ein Stück, das an Schaugepränge und Personenmenge die modernen szerren- und bilderreichen Stücke weit überbot. Dieses Stück wurde in Böhmen von hundert redenden und fünfhundert stummen Personen gespielt. DaS Stück „Adam und Hewa" von Jakob Ruef, einem Wundarzt und Steinschneider zu Zürich, ging 1550 in Zürich mit hunderts-echs handelniden Personen in Szene. Christian Weise (1642 bis 1708) schrieb die Schauspiele Isaaks Opferung", Jakobs Heirat", „Der keusche Josefs und andere. Dies« biblischen Stücke wurden in Zittau, einer alten Sitte gemäß, an bestimmten Spieltagen durch die Schuljugend aufgeführt. Besonders groß war die Zahl der biblischen Dichtung in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts. Es ist in der Tat, wie ein deutscher Literaturhistoriker bemerkt, Line recht seltsame Erscheinung, daß im 18. Jahrhundert, in derselben Zeit, da m England, Frankreich und Dm,ffchland der alte Kampf gegen die positive Religion heftiger denn je zuvor entbrannte, die meisten Dichter gerade auf biblische Stoffe zurückgriffen, um die deutsche Literatur nach langer Erstarrung zum neuen Leben zu erwecken. Bemerkenswert ist ferner die Tatsache, daß viele Dichter erst durch Bödmers Uebersetzung von Miltons Epos „Das verlorene Paradies" (1732) wieder auf -die Bibel zuivückkamen. Diese Uebersetzung war bekanntlich die Beranlastung zu der berühmten literarischen Fehde mit dem Leipziger Professor Godsched, gegen besten ästhetische Theorien Bodmer und Breitinger zu Felde zogen. Auf die vielen biblischen Epen, von denen hier nur der „Noah" B o d m e r s und „Der geprüfte Abraham" Wielands erwähnt sein mögen, folgte eine Reihe biblischer Dramen. Me Bodmer der erste war, der wieder biblische Stoffe in die deutsche Literatur emführte, so Hai er sich auch in biblischen Dramen versucht. Er schrieb unter anderem: „Der erkannte Josef", „Der Tod des ersten Menschen", „Der Vater der Gläubigen", ein Drama, das die Opferung Isaaks behandelt, ferner „Der Fußsall vor dem Bruder",, ein biblisches Drama für Kinder, das die Großmut Josefs gegen seine Brüder schildert. 'Das verhältnismäßig bedeutendste Werk dieser Art ist Klopstocks Trauerspiel „Der Tod Adams", ein mehr dialogisiertes sentimentales Idyll als ein Draina. Dieses Trauerspiel Klopstocks wurde in Deutschland sowohl wie in Frankreich mit Beifall ausgenommen und viel gelesen; merkwürdigerweise gefiel es den Franzosen bester als den Deutschen, es wurde von den Franzosen nahezu übev-- fchwenglich gelobt. Chef d'oeuvre bien au destus de l'Oedipe de Sophocle, avec lequel il a quelque resternbkmce, urteilt darüber ein französischer Kritiker jener Zeit. Das Stück brachte spater Gleim in fünffüßig« .Jamben. In einem Briefe an Lessing berichtet Gleim, er habe den Tod Adams „vorgelesen und mitgeweini". Außer diesem Trauerspiel hat Klopstock noch zwei biblische Dramen -Salomo" und „David" geschrieben. Arm an Handlmtg, aber um so reicher an sentimentalen Phrasen ftt das Drama „Abraham und Isaak" von Johann Kaspar La Vater. Die Geschichte der sieben «saS dem Buche der MaK'abäer behandelt August Hermann Niemayer in dem Stück „Thirza und ihre Söhne" (1778); von demselben Berfaster ist auch „Abraham auf Moria", ein religiöses Drama, erschienen. ,Selsazer, ein Schauspiel mit Chören" betitelt sich ein den/Tod Belsazers behandelndes Drama von Christian 'Grasen zu Stolberg. Bon den biblischen Dramen, die in der ersten Hälfte; des 19. Jahrhunderts erschienen sind, wären hervorzu-- heben: „Die Mutter der Makkabäer" von Zacharias Werner, Friedrich R ü ck e r t s „Saul und David" und „Herodes der Große" und Gottfried Kinkels „Nimrod". Grillparzers Fragment „Esther" nimmt in dieser Reihe eine gesonderte Stellung ein, denn das ist ein Drama von großer dichterischer Kraft. Großarttg ist die Gewalt der Konzentration, durch welche die fast überquellende Fülle des einzelnen gebändigt wird. Welch lebendige Wahrheit in den Charakteren, welche ungeheuere Wucht in der Exposition, welche fortreißende Stimmung in der Entwicklung, die m der Liebesszene zum Gipfel emporftoigt. (Für viele mag der Hinweis nicht uninteressant sein, daß in der deutschen Literatur bereits Hans Sachs die Eschergeschichre dra matt sch behandelt hat.) Mit dem Erscheinen von Hebbels Judith" beginnt eine lebhaftere Bewegung auf dem Gebiet des biblischen Dramas. Wilhelm Gärtner dichtet den ,/Dimson", Otto Ludwig „Die Makkabäer", Alfred Meißner „Das Weib des Orias". In jüngerer Zeit haben Mbert G e i.g e r, Frank W e d e k i n d, Otto B o r n.g r ä b e r,.. Richard Beer-H ofmann, Georg Kais er, Arno Nadel, Stephan Z w e i g und Friedrich S e e Ü r e ch i biblische Dramen gefchricbe», die starken poetischen Gehalt besitzen. Auffallend ist es, daß kein bedeutender Dichter sich an den Moses wagte.. Aus dem 19. Jahrhundert ist uns nur ein „Moses" von Friedrich August Klinge mann bekannt. Ganz besondere Erwähnung verdient Karl H a u p tmanns „Moses", ein Werk voll dramatischer Kraft und poetischer Schönheit, das jedoch der gewaligen Moses- Gestalt nicht ganz gerecht wird; auch hier war das Wollen stärk'.".- :T? das Können.

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