Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1813 (3.3.1924)
- Date
- 1924-03-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mtl Mm, MMg ,' Wien, 3. März. * Die Kanzlerzigar«. Wie verlautet, wird die „Kanzler^ E" zu Beginn oer kommenden Woche in den Verkehr >t. Die neue Zigarre, die ein umqestülptcs Kielmunouftvcist, wird 1400 K. kosten. ' L messe , .. .. ... , 14000 anaemeldeten Aussteller sind größtenteils schon einge- < rossen und haben bereits Gesttiäsw angebobn!. Dos bedeute! «inen noch nicht erreichten Rekord. Eisenbahnunglück in Paris. Airs Paris wird uns vom 2. d. telegraphiert: Infolge falscher Weichcnstellnng ist «in Waggon eines aus dem Bahnhos von St.?a>are ansfahrenden Zuges entgleist, wobei zwei Personen getötet und ungefähr 16 verletzt wurden. * Reinlichkeit in den Zügen. Die Generaldincksion der Oesterreichischen Bundesbahnen teilt mit: Die anfangs M Vorjahres an die reisende. Bevölkerung durch Ankündigangen nn Bahrrbereich ergangenen Ansruse zur schonungs-- vollen Behandlung der Frhrbetriebsmittel blieben leider vielfach' unberücksichtigt, so daß die Bundesbahnen sich etit schließen mußten, für jeden Fall einer gröblichen Berum reinigung von Wagenabteilen und Warteräumcu eine Nachreimgungsgebühr von 10.000 Kronen festzusetzrn. Seiler ist wohl in der Renrhaltung der Wagenabteile eine Besserung eingetretcn, doch finden sich noch immer Fahrgäste, du derartige Anordnungen der Bahnverwaltunaen mißachten und sich ohne Rücksicht auf das übrige reisende Publikum Ermahnungen und Verfügungen der Bahnorgane widersetzen. Mit Rücksicht auf verschiedene in der letzten Zeit erfolgte Vorkommnisse grober Außerachtlassung der diesbezüglichen Vorschriften — ein solches Vorkommnis hat sogar den Gegenstand einer parlamentarischen Anträge gebildet richtet die Unternehmung Oesterreichische Bundesbahnen an die gesamte Oefjcntlichkeit neaicrdings die Bitte, die Bestrebungen zur Erzielung von Ordnung und Reinlichkeit durch Beachtung der bahnseitigen Verfügungen zu nnterstützen und den Bahnorganen durch entsprechendes Verhalten die Möglichkeit der Befolgung oer ergangenen strengen Anordmrngen tatsächlich zu sichern. * Ein langlebiges Zwillingspaar. Fm allgemeinen heißt es, daß Zwillingskinder kein hohes Lebensalter erreichen. Daß dies jü>och nur ein Volksaberglaube ist und allen Zwillingsknwern, vre demnächst das schone Licht der Welt erblicken, nicht da? Leben zu verbittern braucht, bat das englische Zwillingspaar Gnnn bewiesen, das kürzlich sein llt.''Lebensjahr vollendete. Die beiden Brüder Gnnn rühmen sich übrigens, daß sie Pr ganzes Leben zusammen verbracht und doch mcht einen einzigen Zwist;n verzeichnen gehabt haben. Eie sind die beiden einzigen Ncberlebendcn einer zahlreichen Familie. Brieflasten der Redaktion. A. Waisberg» Jassy. „Jüdische Morqenvr>siT 2. Dez., Daborstraße 52 d. „Jüdische Wochenschrift", 2. Bez., Praterstraße 43, .Die Wahrheit", 2. Bez., Heinestraße 19. — A. L., Sraz. 1. 2. Bez.» Castellezgasie 38, 2. Bisher 5 Klaffen. — „Forscher", Amsterdam. Ein solches Institut gibt es bei uns nicht. — Si♦ S.» Prag. London, Great Ruffellstreet 77. Gedichte von krnst Toller. Die. „Frankfurter Zeitung" veröffentlicht die nachstehenden Gedichte Ernst Toller-, der bekanntlich im Gefängnis schmachtet und mich der Ausstihrung seines vielnins!rittenen Rü'hncnwerkeS „Hinlemann" nicht beiwohnen konnte. Fütternden Schwalben zuschmiend. Wie ein Kind, daS am Bilde sich freut, am Spiele Holderer Wesen, Sab ich dir zu. Run seh ich, ein wissender Mensch. Was trogst du, Gewürgt vom krallenden Schnabel Den hungrigen Jungen herbei? Ein Tierchen gleich dir, Deine kleine Schwester Fliege. Verkettet auch du der Nrschuld de? Leben?! Weh unS! Wer lebt, mordet! Ich will dich lieben mit tieferer Liebe, Da ich weiß, waS Schicksal dich tun beißt. ES ist ein Fluch der Erde, Nirgends Atmet das Lebendige In göttlicher Unschuld, Ilu.d noch das Tote M'ck; töten. Verweilen. l - rauschen die reifenden Aehren Auch mir dem Gefangenen. Es wölbt sich des Sommers blauender Himmel Auch diesem gestorbenen Hof. f Werbet AbonnenteufSrdie t 1 „Wiener Morgenzeitung" 1 130 cm breit WICN.l. ADLFR6ASSS -» Telefon Nr 7&2.6*» Wien ist nicht arm an tüchtigen Dirigenten und doch mH nicht reich an starken DiriKentenpersönlichkeiten. UÄt so b^auerlicher, daß .Herr Klemens Krauß einem Ruf nach Frankfurt zu folgen gewillt scheint und gleichzeitig bezüglich des jungen» stets einsprnntzöe reiten .Herrn Alwin Gerüchte umgehen. Am schmerzlichsten wird die musikalische Oeffentlichkeit dadurch berührt, daß Wilhelm Furtwängler sein ohnedies nur loses Verhältnis mit dem Wiener Konzertleben völlig lösen will, um so schmerzlicher, daß ihn dabei nicht künstlerische Beweggründe leiten, daß er — anders als der „Sänger" von Goethe, der den besten Becher Weins verlangt — iinmer mehr Gold begehrt, als das verarmte Wien ihm gewähren kann. Wie sehr man ihn hier schätzt, mag ihm der bvausende Willkommgruß und Dank gezeigt haben, den man ihm gelegentlich der von ihm geleiteten Bach- und Mcchler-Konzerte bereitete. In der diesmal gekürzten Aufführung der Matthäus-Passion — schon der alte Spitta meint, sie stehe hart an der Grenze, wo die Kirchenmusik aufhort und die Konzertnmsik beginnt — standen dem Dirigenten vorzügliche Solisten zur Seite, in erster Linie der prachtvolle Herr Rehkemper, der stilsichere Herr Erb und die frische, begeisterte Frau Leonard in zweiter Reihe Frau Erler-Schnaudt und Herr Markhosf, das Orchester zeigte den Erfolg sonst in Wien ungewohnter Probeuarbeit und der Chor des Sing- Vereins war von dramatischem Leben erfüllt. Die dramatische, ja theatralische Unruhe war vielleicht größer, als sie dieser aus Größe und Breite angelegten Passionsmusik bekömmlich ist, was andererseits den Rezitativen und.den bewegten Chören der aufgeregten Menge zugute kam; in den Chorälen war freilich nrehr agogisches Spiel, als ihrer schlichten Innigkeit zuträglich ist. Die dramatische Leidenschaftlichkeit des zweiten Teiles vermochte Fnrtwängler viel stärker auszuschöpfeu als das ruhige, ruchr aufs Lyrische gerichtete Zuwarten des ersten Teiles, hier wie dort fühlte man die aufpeitsche ade Energie eines herrischen, eigenwilligen Dirigenten, der sich in seiner visionären Begeisterung stark genug wähnt, kn alten Bach durch neue Farben und moderne Unruhe mit unserem Zeitgeist zu erfüllen, int Gegensatz zu Franz Schalk, der als treuer Diener des Kunstwerkes stets bemüht ist, sich in den Geist des Thoums-iKantors einzufühlen und 'dcyntt Hx. ZMnr. dem BgLMils.iMu^utzringW. - Ohne Primadonnenwiltkür, ohne Starallürcn geht es eben bei Furtwängler nicht ab, und darum langt seine faszinierende Persönlichkeit gerne nach Werken, die Probleme bringen, deren Tradition noch nicht sanktioniert ist» die einer freien Auslegung Raum lassen. Sa drangt es ihn auch zu Mahlers Dritter Symphonie hin, in welcher sich die ganze Weltschöpfung, das Erwachen und Erblühen der toten Materie, di« Entwicklung von PflcnHe und Tier zmn Menschen hin. vollzieht, der in Nietzsches MchNed von Luft und Herzeleid fingt und schließlich, im Chore der Engel geläutert, im feierlichen Choralhymnus auf die schöpferische Urkraft der göttlichen Liebe seine Verklärung Uitb Erlösung findet. „Meine Symphonie wird etwas sein," — schreibt Mahler während der .Komposition des Werkes — „was die Welt noch nicht gehört hat. Die ganze Natur bekommt darin eine Stimme und erzählt so tief Geheimes, das man vielleicht im Traume ahnt". Mit beispiellos plastischer Kraft.und einer Monumentalität, die an Mahler selbst erinnerte, formte Furtwängler den riesenhaften ersten Sah, das Erwachen des großen Pan, den Bacchuszug, das Leberrdigwcrden der Natur, wie es eine beflissene Exegese ausdrückt, ein Sonrmerfest im Wiener Prater, tvie es ein wertiger von Poesie und Mahler-Glauben Erfüllter nennen mag. Die übrigen Teile kündeten mehr Fnrtwänglers erstaunliche Bravour als Mahlers Geheimnisse und Träume, im Firmle ilvar der grandiose Esfelt mächtiger als die himmlische Liebe. Aufs allerschönste saug Frl. Anday das Altsolo, die Philh a r rn o n i k e r joütcu — namentlich für die Solostellen — nach einen: besseren Konzertmeister Umschau halten, was il)ucn bei ihren: reichen Besitz an hervlichei: Geigern rricht schwer fallen dürfte. Sonntag mittags dirigierte Furtwängler Mahlers „Dritte", abends. Erlvin S t e i u, der waghalsig für Direktor Schalk eiltgespruttgeit tvar uiw durch einen starken Erfolg belohnt wurde, Mahlers „Neunte", die Gott sei Dank noch uich-t zur Marktware geworden ist. Was.Erwin Stein an Routine desBerufsdirigenten abgeht, ersetzt er teilweise durch fanatische Hingäbe; mochte man auch all der Ausführung des Werkes im Technischen «rauche Einzelheit bemängeln, so tvar es doch Geist vom Geiste Mahlers, der sich in km von Todesahnung erfülltem Andante ebenso offeubarle wie in dem dämonisch parodistischen und doch Bruckuerschen Ländler, int burlesken Rondo und im u.lMtMeu Finale,, . in km. DhÄhlB MrMW Wl ' 8. May IM .18» Ich atme Im Mittag Mer Beglückung. Erde! Geliebte? * Vchmetierlivg«. Ich sah Schmetterlinge spielen Im sonnenflirrenden Mittag. Wo <»ber, Wenn die Sonne sinkt, Wenn Nachtstürme Ueber die Erde rauschen Mit schwarzem Testier, Mo, lieblichste Kinder der Mtlicken Mutter, Schlafet ihr dann? 3$ glaube, Tr öffnen sich euch Die Kelche, der Blumen, Ich glaube, T§ wiegt euch z»r Nvhe Ein Blütenklang im Do« der Kastanien. Der Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Veraltete Gebrauche aus der Kindersiube. Kaum länger als zwei Generationen sind es her, seitdem man von .wirklichen, mrf dem Experimervt beruhenden wisienschaftlichen Erkenntznisim in der HeAKrnde sprechen kann. Di« ersten Untersu-Hungen galten dom erwachsenen Menschen. Erst viel später begannen sich die Aerzte mit der wifler^chaftlichen Erforschung deS Kindes- und SäuglingSlebenS zu befasien. Bis dahin waren die Hebammen und die anderen Mütter, die selber mehrere Kinder großgezogen haben, die weisen Frcnten.-die um Rat in Kinderpflege und bei Kinderkrankhertm angegangen wurden. Di« Erfolge waren auch dementsprechend. Groß war die Kindersterblichkeit. Mehr als 20 Prozent der Säuglinge starbert schon im ersten Jahre. Es ist darin besser geworden, seitdem «8 eine wisfentschaftliche KinderheMunde gibt, di« Aerzte eine besondere Ausbildung in diesem Fache genießen, geschulte Pflegerinnen zur Verfügung stehen und die Mütter durch Popularisierung der rt«uen Ideen in der Kinderaufzucht für di«>se Frage mehr Verständnis zeigen. An Stelle der irrigen Anschauamgerr, vielfach abergläubischen Vorstellungen rmd falschen Vorschriften hat sich eine vernünftige Kare Erkenntnis der natürlichen Entw ck- Lckben Abschied nimmt und zum erlösenden All m: Natur zuvückkehrt, von der sein Lebensioerk gekommen ist. Twgisch erschütternde Klänge, beschwört Max Negers „Prolog Pt einer Tragödie", «in prmnecheisch zäh ringendes Werk, in dessen lang ankrtevnden Kämpfen eine ganze Tragödie bereits abrollt. Als heiteres Äcachspiel dirigierte Leopold Reichtwein die Srrite op. 5 deS jungen, sehr begabten Rudolf Kattnigg, einen witzigen, vierteiligen Faschmgsschwaick aus Wien, der von Ta>nzsreude und lustigen Tartzrhychnten überquillt. Der km cm flügge gewordene Mener Tondichter, welcher in der Gruppierung und EnÜvicklung der nicht immer gewählten Einfälle noch nicht recht Ordmutg zu halten vermag, hat immerhin den Besähigungsuachweis zu einem Ballett hier erbracht. — Eine neue Heimstätte für junge Musiker hat der Verlag Döblinger errichtet, in dessen Musiksalon Werke gemäßigter Richtung regelmäßig ansgesührt werden. Finden sich dort in den internen Konzerten genügend Strbflribenten, so ist auch die Dntcklegung der Werke gesichert. So hörten wir vorigen Sonntag dort ein hübsches Streichsextett von Franz Ippisch, ein in Erfindung und Technik gcntz bedeutendes Stveichsextett von Egon Kornauth, stimmungsvolle chinesische Lieder von Franz Moser und eine nette Cellosonate des Grazer Tondichters Siegel. Eine neue, nicht gerade bedeutsame, aber dankbare .Cellosonate von Jean Hure, brachte das Konzert der jungen Casals^Schülerin Julieite Alp in, welche lange nicht den Adel uw) die Größe des Tones, wohl aber diL Ntusikakität ryrd das emschmeichelnde Spiel mit ihren: Meister gemeinsam hat. Noch ein ganz kurzer Bericht vont Pimtistertutarkle: Angebot stark, Mchfrage schwach! Cvsia Kauf!er, feinfühlig und intelligent in alteren uitb «eueren Werken, Ilona Kurz, virtuos, urrt männlicher Knast geladen, Sari Hir, strebsant aber noch unentwickelt, Annie Bock- Walters, sehr kultiviert im Triospiel ittii Mairecker und Buxbautn. — Die vormals so schwerblütige Liedersäugerin Ella Firibas, übermschte durch ihreit Ueberggng gmit Disousensache: Irr geist- und hunrorvollcn Liedchen von Leo Blech und Wilhelm Groß Irippel.t sie schelmisch umher, salutiert stranritt, und verzieht baU schmollend, bald kokett das liebe Mündchen. Zu vie? Mimik im lustiger: Gesichtchert, genügend Gewandtheit iw frischen Vortrag m:d zu wenig Konsistenz in dem äuge nehmen StimmchM! Erwin Felder.