Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1812 (2.3.1924)
- Date
- 1924-03-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1813 Wien, Sonnig Wiener Morgenzettung. 2. März 1924 Seite 5 Tagesbericht. Wahrheiten und Unwahrheiten der Woche. Durch die englische Kritik der Friedensverträge ist der Zlerger der Franzosen gestiegen und der Franken gefallen. Eine große Friedenssehnsucht zieht durch die Welt. Am Balkan herrscht Ruhe und Rußland hat einen Jahrgang einberufen. Deutschland und Frankreich werden sich noch zuin Fressen gern haben. — In Bayern wäre seinerzeit die Revolution um «irrige Stunden früher ausgebrochen,, wenn nicht im Bürgerbräu gerade frisch angeschlagen worden wäre. So verginget! einige Runden und die Revolutionäre hatten dann einen schweren Stand. — Amerika zuckt die Achseln, was viele als seinen Eintritt in die europäische Politik deuten. — Es ist unwahr, daß Kaiser Karl gegen Wien ziehen wollte, vielmehr hätten das Horthys Truppen besorgen sollen.— Die neuesten medizinischen Fortschritte in der Behandlung der Arterienverkalkung haben das Interesse der führenden Diplomaten Europas erregt. Vor dem Ausbruch des Weltkrieges war das neue Mittel noch unbekannt. — In Ungarn hat in den letzten viernndzwanzig Stunden kein Duell stattgefunden. — Das neueste Gesellschaftsspiel heißt: „Tutcmlhamen" oder „Mach' ans, jiiach' zu". — Es ist unwahr, daß U r i d i l nächstens im Burgtzheater auftreten wird. Zum mindesten ist diese Nachricht verfrüht. Wahr ist vielmehr. daß Uridil noch nicht als Medium versucht wurde. — Die Jeritza liebt Oesterreich, singt in Amerika und pfeift auf Dien. — In den neuesten Operetten der Woche sollen ein yeuer Witz und eine halbe neue Melodie Vorkommen, was bis jetzt noch nicht dementiert wurde. — Die Meldung eines Blattes, daß die Streikenden zum Aeußersten berci seien und die Arbeit in den nächsten Tagen aufnehmen würden, hat sich nicht bewahrheitet. — Es ist unwahr, daß für's Nasenbohren eine Lustbarkeitssteuer zu entrichten ist. — Der urgermanische Professor Zcizula hat ein monumentales Werk darüber geschrieben, baß die Juden zwar Juden sind, aber nichts dafür können. — Wegen außerordentlicher Flauheit der Börse widmet sich das Publikum anderen kulinrellen Dingen und interessiert sich lebhaft für den Prozeß Kadinetz. a. s. Sozialer Elm der Frauen. Bon Klara Mautner. Wahrend der Kriegszeit stoß man in Wien von sozialem Sin« über wie eine Protektions-Melange von Schlagobers. NmneMich dir Frauen badeten förmlich drin, und Himmel und Erde erdröhnte ob ihres Verständnisses für di-e Pflichten gegen die Allgemeinheit. Seither hat sich der Sturm gelegt und es scheint wohl am Platze, Bilanz zu machen und zu prüfen, wieviel von dieser etwas plötzlich ausgebrochenen Seelengröhe dem dauernden Bost-anh an sittlichen Werten zu-gevechnet werden darf. Diese Bilanz fällt, wenn man ehrlich sein will, nicht allzu günstig aus. Hell flammt« das Feuer der Begeisterung, «8 flammte bis in den Himmel. Man strickte Ohrenwärmer und Schneehauben, deckte den Tisch mit Wachstuch und predigte Wruken. Sogar Ansätze zur Vereinfachung der Mode waren nachweisbar — alles als Ausfluß des sozialen Sinnes. Das Strohfeuer ist erloschen. Kaum ein Fünkchen glimmt noch unter der Asche. An der geistigen und sittlichen Beschaffenheit der Durchschnittsirau hwt sich nicht allzu viel geändert. Immer noch ist die Mutter „das Beste und das Schlechteste", was die Erbe trägt, bereit, ihr eigenes, aber ebenso das Wohl aller anderen ihrem Kinde zu opfern. Immer noch weigern sich Mütter entschieden, nach schweren Infektionskrankheiten eine gründliche Reinigung des Krankenzimmers vornehmen zu Lassen, und bestreben sich bei leichteren, um die Meldung bei der Behörde „herumzukommen". Die Begründung ist von, verblüffender Naivität. Es heißt da nämlich ganz einfach: mein Kind hat die Krankheit aus der Schule heimgobrcicht — warum soll es den« anderen besser gehen? Auch in dn Schule tritt der Mirtteregoismus oft genug zutage. Da wird vom Lehrer verlangt. baß das Kmd nur neben „bessere" Kinder gesetzt werde sbaS heißt immer noch: Kinder aus begüterten Familien), und wenn diesem Wunsche nicht entsprochen wird, gibt es stürnnsche Proteste. Daß aus diese Weise eine Scheidung der Schüler in „bessere" und „miutove" erfolgen müßte, macht sich die Frau znmeist nicht klar. Wenn sie es tut, so tröstet sie sich über das Manko an sozialem Verständnis, das in diesem Wunsche liegt-, am dem Trost der Lauen: ich werde ja die Welt doch nicht anders machen, eine Resignation, die den meisten Menschen recht leicht fällt u-nd sie MM, auch nur den leisesten Versuch zum „anders machen" zu nnteruchmen. Es überflügelt durch sein Renommee, seine riesige Wirkung der echte DIANA Franzbranntwein mit Menthol sämtliche ausländischen Erzeugnisse und Hausmittel. An WervösStSt wstci K©p9sckgn®rsen Leidende wenden nur eine Massage an, um sich zu erfrischen und ihre ermüdende Tagesarbeit fortsetzen zu können. Ueberall erhältlich Diana-Franzliramiiwplfl Prortnktlim- WIEN, II. PRAG, VIII. EngerthstraßQ 169 Lieben, Drahobeljova 1079 Aber nicht nur bei der Verfechtung ihrer Mnttevinteresien, auch im kleinlichen Alltag zeigt die M hrzahl der Frauen nur sehr geringes Verständnis für ihre Pflichten gegen die Allgemeinheit. Sicherlich haben sich schon sehr, sehr viele Frauen durch die Rücksicht aus die Börse ihr.s Garten von der Erwerbung eines Pelzes oder eines Abendkleides abhalren lassen. Aber vermutlich nur herzlich wenige durch die Rücksicht ans ihre erzieherischen Pflichten, ihre erziek-erischen Pflichten nicht gegen die eigenen Kinder, sondern gegen die Heranwachsende Jugend der Stadt, eben: gegen die Allgemeinheit. Der Wodeluxus, üppiger, wüstn, verschwenderischer denn je, spricht überhaupt stark gegen die Anerkennung eines sozialen Sinnes. Ergeben sich dann Fälle wie der Fall Ing, so schreit die ganze Welt vor Entrüstung und Staunen aus, ohne die Zusammenhänge zwischen Luxus der Frauen und Prostituvion der Jugendlichen seihen zu wollen. ltebngcn§ ist, nebenbei bemerkt, zmn Staunen erst recht kein Anlaß vorhanden, denn tvir alle wissen, daß sich 16jährige Mädchen prostituieren, und das Los der Heilten Anna hätte sich vermutlich noch viel grausiger gestaltet, wenn sie den Kopf nicht in die Schlinge gesteckt balle. Aber ihr Schicksal wird eben von der Mehrzahl nicht mensÄ-ich, sondern gewissermaßen literarisch gewertet, und das ist leider, 'bewußt oder unbewusst, überhaupt der Maßstab, mit dem die Frauen soziale Erscheinungen messen. Am Grauen der Prostitution denket! fic vorbei, das Allgemeine verschwindet, der Einzelfall allein besteht. Auch sonst löst sich das soziale Mitleid gern in schöne, von Literarur anmutig umsänrnte Gefühle auf. Jeder Fürsovwr weiß davon ein Lied zu singen. Nur tvenn das Band von Person zu Person geknüpft wwden kann, hat man Aussicht <ruf Unterstützung, nur tvenn das warme Gefühl für den bedürftigen Mitmenschen erwacht. „Das Elend", die soziale Not, sind leere Bcgriffe, und für e-iu ganzes, jahraus, jahrein in Betrieb stehendes Kinderheim frfimnmt man nichl so viel Geld zusammen, wie für die eine Mutter, der aus der Flucht, in Kriegszeiten, das jüngste Kind auf dem Arm gestorben ist. Wenn ks sich um Arbeitsbeschaffung handölt, ist die Sache meist noch I] im Warenhaus llarchente und Waichwaren | Wäscheflanelle.per Meter K 118 800 Velourbarchente . . . . per Meter 18 900 K IS 0 0 Wäscheharchente . . per Meter K 111500 PramöMsche Waschveloure 80cm, d. Meter K £7.800 Etaralno, grosse Auswahl, weiss und farbig, per Meter E 14 000 Seidencloth, alle Farben .... per Meter K 85 000 Blaudruck. . . ..per Meter K 1«>00 Jackenfuiter, neueste Muster. . per Meter K £4 500 f ba wen wasche und WrkwarüT Garnituren. Hemd und Hose . 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Wie stark die Teilnahme der Frauen am öffentlicher Leben auch sein mag, man bekommt doch immer wieder Aus sprüche zu hören wie: „Ich wüßte nicht, was ich mir wünschet könnte. Wir sind gottlob gesund, -mein Fvühsahrskostüm ist auch gut ausgefallen. . ." Das in Zeiten schwerster sozialer uni nationaler B'drängnis zu hören, von gutherzigen, wohlwollender Frauen zu hören, müßte eigentlich weh tun, wüßte man nick)' so genau, daß nichts als absolute Verstau dn islosigkeu dahMtiei stcht. Uebrigens gibt es auch nicht gar so wenige jüdisch» Frauen, für die sich das ganze Probl'm des vorbreckender Hakenkreuzlertums in der Frage zusammenfassen läßt: „Wohin werden wir aufs Land gehen, turnt es in Tirol auch anfängt?* Sicherlich, es gibt Ausnahmen, doppelt wertvolle, doppelt rühmenswerte Ausnahmen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß die Regll immer noch die Frau ohne soziales Verständnis ist. Schon die kleinen sozialen Unarten. Disziplin« losigkeit int Alltagsleben, zum Beispiel die Neigung zu Sckmuggel- und Straßenbathnscbwindeleien, beweisen dieses Manko. Den Frauen ist Jahrhundertelang die Anteilnahme am 2 b en der Allgemeinheit versagt geblieben, es wäre Unrecht, zu verlangen. daß sie in ein paar Jahrzehnten das seelische Defizit ansgleichen. Aber, da beißt es doch, den Tatsachen ins Gesicht sehen und ehrlich bekennen, wie es damit bestellt -ist. Stahlbäder mögen dem weiblichen Organismus nisillich fein — das Siablbad des Krieges bat sich den Frauen webt zuträglich erwiesen. Auch der „soziale Nun" in den .Kneifen der Bevorrechteten war nur eine Erfindung tüchtiger Faiseure, war eine Form der großen Kriegsreklame. K. M. Ans der Werkstatt der Mrse. Hinter den Kulissen. Für die einen ist die Börse das rote Tuch, und sie sprechen mit Abchcu von ihr. Für die anderen ist sie das schwarze Tuch, das ihre letzten Ersparnisse verschlingt, und nur wenige sind au der Börse reich geworden. Für alle aber birgt die Börse etwas Geheimnisvolles. Bezirksrat W a l t u ch erzählte in einem Vortrag, ton er über die „Technik der Börie und das Loben hinter den Kulissen" in der Zionistischen Bezirksorganisation der Inneren Stadt im Cafe Siller hielt: Der französische Finanzmann Perrier pflegte zu sagen, festverzinsliche Werte seien solche, bei tonen man gut schlafen und gut essen kann. Es gibt Werte, bei denen man gut schlafen, aber schlecht esien kann, weil sie wie englische Konsols nicht viel tragen. Es gibt Werte, bei tonen man gut essen, aber schlecht schlafen kann, wie zum Beispiel bulgarische Rente, da man nie weiß, ob sie nicht plötzlich wertlos werden. Die einen betrachten die Börsenbesucher als Alchymiften, die anderen als Schädlinge. Dabei ist es sehr schwer, Börsenbesucher zu werden. Man kann eher Mitglied des Jackeiklubs werden als Mitglied der Börse. Ein Gesuch, Befürwortung durch Bertrauenspersonen, Recherchen nach der Bonität, Kautionslieistung, Verkündigung im Börsensaal wegen eines eventuellen Einspruches, sind die der Erlangung einer Börsenkarte vorangehenden Bedingungen. Der Börfensaal selbst, zu dem der Zutritt strenge bewacht ist, ist bekanntlich in einen eingezäunten, be'chränkten Raum geteilt, den sogenannten Schranken für die schweren Effekten, wo ein einziger Kurs zustande kommt, und in die Kulisse, wo verschiedene Kurse gemacht werden, und wo sich je nach den einlaufenton Aufträgen und den eintresfenden Meldungen über Tagesereignisse jede Minute tor Kurs ändern kann. Die Ansicht, daß der Kurs willkürlich gemacht wird, ist grundfalsch. Der Shu°S richtet sich wie überall nach Nachfrage und Angebot. Dieses natürlich wechselt zu verschiedenen Zeiten und kann durch ver chiedene Umstände beeinflußt werden. Die Reden des deutschen Kaisers Wilhelm wirkten immer verstimmend und verstauend, und ein Berliner Telegramm „Börse sehr fest aus Heiserkeit tos Mel-ech" bewirkte, das; auch die Tendenz der Wiener Börse fester wurde, da man wußte, daß Wilhelm jetzt einige Tage nicht sprechen werde. Die Börse wurde auch sehr beeinflußt durch die verschiedenen Roden, die in Budapest bei ton Reujahrsempfängen der liberalen Partei gehalten wurden. So langte in Wien ein Telegramm beim amtlichen Tele* graphen-Korrespondenzburearr ein, demzufolge Mirnfterpräsitont Tisza sagte: „Wir stehen am Vorabend kriegerischer Ereignisse." Daraufhin entstand eine große Pani? auf tor Wiener Börse. Die Kurse fielen stark. Nur ein Bankier lauste zusammen, was er bekommen konnte. Nach einigen Stunden langte eine Richtigstellung des Telegrcnnmes ein, die lautete: „Wir stehen nicht am Vorabend kriegerischer Ereig- Madrassvorhänge, 2 Teile, ein* Drapere 175.000 148.'00 R 185 000 Halbstores. 98.000. 75'00 R 49 000 Laufteppiche.30 OJO K L7 800 Bettgarnituren.348 000 R 275 000 Doppeldecken, Tüll und Batist.L 198 000 ttjePB-emwäscii© und ModeartoAen 49 800 39 8 O 19 800 98 OOO 5 900 7 900 9 800 125000 Modelielnden . ..A Kretonhemden.R Unterhosen ...... 39 000, 29.000 R Flanellpyjamas.......... A Krawatten, gestrickt. ...... .9.800 K Wintersocken .■ . . . . R tterrenstrümnfe.R Regenmänt l ..... .175.000, 1 iS 000 K WT5S In alten Abteilungen — enorme Auswahl — billige Preise