Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1811 (1.3.1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1811 Wien, Samstag Geschäft« zu lukrieren, ohne daß der Effektenhandel zugrundes gerichtet wir-, farnn auch der verelendete Staat die Gewinne Akrieren und die Wektenstener entsprechend hinauftetzen. Abg. Dr. Da n n e b e r g bemerkte, es •j’icd zu befürchten, daß da8 vorliegende Gesetz, das am 1. April in Kraft treten soll, von denen, die es troffen will, als Aprilscherz aufgefaht wird. Die Bankfommission möge in den ersten Wochen, in denen die Bestimmung über die Steuerfreiheit der Tagge lder 'm Kraft tritt, genau konstatieren, was sich in den mittleren und kleineren Danken unter dem Titel der Bankgelder vollzieht. Frau Freundlich b-ezvichnete einzelne Bestimmungen des Gesetzes als Geschenk au die Banken. Die Bankherren bekommen gleichsam eine Belohnung dafür, daß sie in der Wirtschaftskrise, in der wir uns befinden, den traurigen Mut haben, 12,000 Angestellte einfach auf das Pflaster zu werfen. Wenn die bürgerlichen Parteien wirklich daflir ein traten wollten, daß die Menschen mit einer höheren geistigen Qualifikation auch die Möglichkeit haben, rin« höhere sozial« Stellung zu erringen, dann müßten sie heute allez tun, war in ihrer Macht liegt, um den Bankherren zu zeigen, daß es in Oösterve-ich nicht möglich ist, 24.000 östevveichischen StaatSbüvgern das Recht auf «ine bessere Existenz zu nehmen. Der Abg. Reiner ist derjenige, der den Schwarzenbergplatz zu repräsentieren verpflichtet ist, und es vergeht keine Gebgeuheit, ohne daß er uns nicht von der Tribüne dieses Hauses mittollen würde, wie notwendig es ist, daß in Qestervciich alle sozialpolitischen Lasten abgebaut werden. (Beifall auf der Galer ie.) Präsident M i 11 o 8 : Ich muß die Besucher der Galerie aufmerksam machen, daß jede Einmischung in die Verhandlungen des Hauses untersagt ist, also auch Beifall oder MißfaklSbezeigullgen. Abg. Dr. Gürtler: Wir lassen «nS nicht die fachlichen Verhandlungen von der Galerie stören! (Lebhafte Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten. — Gegemufe bei den ChrisMchsozialen. — Uivriche.) Abg.' Forstner: Einmal haben Sie dar als Volkesstimme bezeichnet! (Andauernde lebhafte Zwischenrufe.) Mg. Dr. Gürtler «Märte in seinem Schlußworte, es gche nicht an, Bestimmungen, di« beit Betrieb der Banken erleichtern, immer nur als Geschenke an die Bankdirektoren zu bezeichnen. Im Einlaufe befand sichunter anderem ein Antrag Schöpfer betreffend Maßnahmen zur Verbilligung der Bankkonzessionen. Di« nächste Sitzung wird im schriftlichen Wege dittfreritfen werden. Wechsel in der italienischen Gesandtschaft in Wien. Im Zuge einer durchgreifenden Umgestaltung der italienischen Diplomatie wurde der bisherige Wiener Gesandte Luca Orsini.Baroni zum Botschafter ernannt, so daß er seinen Posten verläßt. An seine Stelle kommt der Prager Gesandte Bordonaro, während nach Prag Muvano Pignatti entsendet wird. Große Erfolge hat der scheidende Gesandte Orsini bei seinen Bemühungen um eine Wiederannäherung zwischen Oesterreich und Italien errungen, die ihm im Verein« mit seinen Humanitären und kulturellen Förderungen große Sympathien einbrachten, so daß sein Abgang allgemein bedauert wird. Tagesbericht. Nie KonWuierum der jüdischen Bölkerbundliga für Sesterreich. Die Konstituierung der jüdischen Dötterbundliga sür Oesterreich ist Donnerstag vollzogen worden. Wie bereits gemeldet, fungiert als Präsident Oberrabbiner Dr. C h a j e S, Vizepräsident Hoftat Dr. S. F r a n k f u r t e r. Zum Generalsekretär wurde Rechtsanwalt Dr. I s i d o r M a r g u l i e S gewählt. Der übrige Ausschuß setzt sich zusammen aus den Herren: Adolf Böhm, Industrieller, Siegmund E p l e r, Bankdirektor, Prof. Jehudo E p st e i n, akad. Maler, Rabbiner Dr. F e u ch t w a n g, Rechtsanwalt, Dr. Desider Friedm a n n, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Univ.- Prof. Dr. Bernhard G e i g e r, Dr. N. M. Gelber, Schriftsteller, Max G o i t e i n, Großindustrieller, Dr. Siegfried Kantor, Rechtsanwalt, Dr. Arnold K a r p l u 8, Architekt, Dr. Oskar K a r b a ch, Schriftsteller, Baurat Wilhelm K e m pl e r, akad. Maler Lazar K r e st i n, Rechtsanwalt Dr. Josef Löwenherz, Gemeinderat Dr. L. P l a s ch k e 8, Schriftsteller Felix Salten, Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Architekt Prof. Strnad, Rechtsanwalt Dr. I. Waldmann. Der Mitgliedsbeitrag wurde mit 20.000 K. pro Jahr festgesetzt. Beitrittserklärungen sind an Rechtsanwalt Dr. I. M argul i e S, Wien, 1. Bez., Wollzeile 3, zu richten. Nie Mische Autonomie in historischer Beleuchtung. lieber dieses Thema hielt im Verein sür jüdische Geschichte der Literatur Professor Dr. Salo B a r o u vor einer Zahlreichen Zuhörerschaft einen gründlich angelegten Vortrag, -er die Geschichte der Mischen Autonomie und Gleichberechligung in lebendige Bezichung zur Gegenwavt zu setzen wußte. Die Frage der Autonomie gewinnt, wie der Vortragende dar- ^egt«, gerade jetzt im Hinblick auf die Verhältnisse in Rußland erhöhte Bedeutung. Wen« die Juden als Gemeinschaft leben bwllen, müssen si« eine Selbstverwaltung, die Autonomie, haben, Daz war schon im babylon i s ch e n Exil so und in Wiener Morqenzeitung. Venn: die neue verzehnfachte Autosteuer wird In vier Raten (quartalweise) und rückwirkend ab 1. Jänner 1924 eingehoben. v Der Rückwirkung, also der Zahlung, der 1. Rate aber können Sie sich entziehen, wenn Sie das Kennzeichen Ihres Autos vor dem 3. März zurücklegen und bei der Gemeinde um Befreiung von der neuen Steuer ansuchen. Wenn Sie Ihr Auto dann im 2. Quartal wieder anmelden sollten, so haben Sie doch durch diese Ausserbetriebsetzung Ihres Autos durch einen Monat einen vierten Teil der neuen Jahressteuer erspart. Bei einem 20 steuerpferdekräftigen Wagen zum Beispiel beträgt die Ersparnis fast 75 Millionen Kronen. Niemand, auch der Reichste, kann über diese 75 Millionen stillschweigend hinweggehen, ohne zu dem berechtigten Schlüsse Anlass zu geben, dass er sich jeder Steuermultiplikation gern unterwirft, wer nichts von seiner Bequemlichkeit opfern kann, kann nicht erwarten, dass man seine Steuerkraft schont. Alle, auch die Reichsten, sollten ihre Bequemlichkeit opfern und ihre Autokennzeichen zurücklegen, um so den Nachweis zu erbringen, dass sie sich mit dem kapitalsschwachen Manne, der sein Auto ausser Betrieb setzen muss, solidarisch erklären. Das Auto muss aufhören ein Privilegium des Reichtums zu sein, es muss ein volkstümliches Verkehrsmittel werden sowie in New York, wo es IV4 Millionen Autos gibt. Autobesitzer olle Steuerträger blicken out Euch! Für das Komitee; Hugo Eros I. Mahlerstrasse 4 Wer sich für Garagierung und Garagebau ausserhalb der Gemeindeperipherie interessiert, wende sich an das Komitee. Aegypten, insbesondere aber unter dem römischen Imperiu m. Da wurde die Grundlage der späteren Autonomie geschaffen. Mit der Autonomie, welche das römiische Imperium den Juden gab, war auch die Tatsache der Gleichberechtigung verwirklicht. Die Staatsvcr träge der Hasmonäer mit den Römern erstreckten sich mich ans die außerhalb Palästinas wohnenden Juden in bezug auf Autonomie und/Gleichberechtigung, soweit jene Gebiete sich in der Einflußsphäre des römischen Imperiums befanden. Bezeichnenderweffe waren schon um das Jahr siebzig nach Christi herum ungefähr zwei Drittel des jüdischen Volkes außerhalb Palästinas angesiedelt, ein Umstand, der sür die Judeufrage der Gegenwart von Interesse ist. Selbst die den Inden feindlich gesinnten Kaiser wir Vespasian und Titus wollten an der jüdischen Gleichberechtigung nicht rüttdln. Die Juden waren von den Kulituspflichten der übrigen Bürger befreit, konnten die Sabbatruhe halten und bekamen sogar eine eigene Gerichtsbarkeit. Cäsar und A u g u st u s waren große Förderer der Juden, in denen sie besonders für die östlichen Ländern ein starkes wirtschaftliches Bindeglied sür die Pax Roma na erblickten, so daß sich in Aegypten aber auch in Italien kräftige jüdische Gemeinden entwickeln konnten Alle diese Gemeinden unterstanden der Hauptgemeinde Jerusalem. Durch die nivellierenden Tendenzen der späteren römischen Kaiserzeit änderte sich dies, was Tiefstände zur Folge hatte, wie unter Trajan im zweiten Jahrhundert nach Christi. Kaiser Hadrian unternahin es, die jüdisch« Gemeinschaft zu vernichten, indem er verbot, den Sabbat zu feiern, die Beschneidung untersagte und Versammlungen für Zwecke des Gottesdienstes und zum Unterricht verhinderte. Eine Folge davon war der B a r - K o ch b a - 3t u s st a n d. A n t o n i u s P i ns hob diese Verbote aus. Die Autonomie war damals leine religiöse. Die Juden behielten sie in Verbindung mit der Gleichberechtigung. Das hat sich auch m der christlichen Römerzüit.im Wesen nicht geändert. Die Lehre der Kirchenväter wollte die Erhaltung der Juden als Zeugen der Prophetenzeit und Christi, allerdings sollten . die Juden in schlechten sozialen Verhältnissen leben. Sie 1. März 1.924 Seite 1 wurden vom Miliiärwesen und von den Staatsämlern au8g^ schlossen, aber ihre Autonomie und Gleichberechtigung blieb ihnen erhalten. Dann kam das Mittelalter. Die Gleichberechtigung verschwand allmählich, die Autonomie jedoch wurde immer stärker und größer. Die Inden begründeten sich s e l b st ihr Ghetto. Erst das 16. Jahrhundert brachte den Ghettozwang. Dort hatten die Juden eine immer steigende autonome Sphäre. Die Jndengemcinde hatte innerhalb ihrer Mauern die Ordnnnos- und Marktpolizei, das Feuerwehr- und Gesundheitswesen vollständig imte. Sogar die Berechtigung zum Aufenthalt fremder Juden war in Polen von der jüdischen Gemeinde abhängig. Tie Gerichtsbarkeit blieb in der Hand der Rabbiner. In Prozessen zwischen Inden und Nichtjuden entschied nicht das städtische Gericht, sondern der König selbst oder dessen Stallballer, in Polen Woiwoden genannt. Da8 Steuerwesen, eine ständige große Belastung der Juden, konnte in den Einzelheiten der Aufteilung auf di« jüdische Bevölkerung von ihnen selbst geregelt werden. Sogar von militärischen Organisationen der Ghettojudenschaft in Polen wird berichtet. Auf den Ghettomaucrn sollen Juden gegen tatarische Scharen gekämpft haben. Die Autonomie ist also in diesen Zeiten sehr groß zum Nachteil der Gleichberechtigung. Immerhin haben di« Juden gegenüber der Masse der Leibeigenen und Hörigen dennoch als Minderheit bescheidene Privilegien. Das 19. Jahrhundert bringt dann wieder die völlige Gleichberechtigung; aber die Autonomie verschwindet Die Gleichberechtigung wurde den Juden zum Teil gegen ihren Willen vom absolutistischen und alles gleichmachenden Staatsprinzip aufoktroyiert. Die demokratischen Ideen des modernen Staates mit seinen den Korporationen und Sonderbildungen semdlichen Tendenzen mußten sich natürlich auch der jüdischen Gemeinschaft gegenüber durchsetzen. Wir Juden hatten zwar keinen Staat und kein Territorium, aber Ghetto und Gemeinde. Durch die Aufklärung und den Eintritt der Juden in die moderne Wirtschaft und den Kapitalismus wurden auch von jüdischer Seite die Sonderkorporationen ausgeschaltet. Alle sind in ihren Rechten gleich oder sollen es wenigstens sein. Es gibt nur klein« religiöse Sonderrechte. Das ist der heutige Zustand. Wir befinden uns jedoch gegenwärtig in einer Zeit der Rückkehr zu Korporationen und Vereinigungen, zu Kartellen und Gewerkschaften. Auf politischem Gebiete sehen wir die Entwicklung in der Richtung der S e l b st v e r w a l t u n g, also der Autonomie auf höherer Stufe. Das jüdische Volk dürfte in Zukunft wieder als Korporation erscheinen. Die Hakenkreuzler wollen uns zwar auch eine breite Autonomie geben, aber ohne Gleichberechtigung. Unser Ziel aber liegt in der Aequilibrierung von Autonomie und Gleichberechtigung Wie einst Palästina unser Mittelpunkt war und die Pax Romana über die Gleichberechtigung wachte, so wird das neue Palästina Zentrum sein unter dem Schlitze des Völkerbundes.; Revolutionier«»- des drahtlose« Verkehrs. . Eine Erfindung Marconis. London, 29. Februar. Marconi erklärte in einem Interview, daß er eine Methode erfunden habe, drahtlose Meldungen auf einen kleinen Radius zu beschränk ken. Dies bedeutet, daß die Wellen in einer geraden . Linie von Station zu Station gehen und nicht awft gefangen werden können, nur von den Hörern innerhalb des Radius. Dies wird eine Revolution! erung des ' drahtlosen Verkehrs herbeiführen, indem sowohl die Geheimhaltung erhöht als auch eine größere Schnelligkeit in der Uebertragung herbeigeführt und eine wesentliche Verminderung der Kosten erzielt wird. Aufhebung des Visumzwanges für Besucher der Prager Meste. Prag, 29. Februar. Die Negierung hat für die aus-; wärtigen Besucher der Prager Frühjahrsmesse den Visumszwang aufgehoben. Die ausländischen Besucher dürfen die Grenze der Republik überschreiten, ohne sich mit einem Visum ausweisen zu müssen; es genügt die Vortveisungder Messelegitimation. Ans Grund dieser Legitimation; können sich die auswärtigen Besucher vom 9. bis zum' SO. d. -in der Tschecho-Slowakei aufhalten. Diejenigen Messebesncher, welche nach dem 30. d. in der Tscheche Slowakei verweilen wollen, müssen mit ordnungsmäßigep Paß und Visum ausgestattet sein. Promotion eines Ireiuudsechzigiührigen. Vom Autodidakten znm Doktor der Philosophie. Gestern wurde ein DreiundsechsiMähriger zum Doktor det' Philosophie promoviert. Es ist dies Moses Juda B a r o n recte ■ Wundermainn aus Stryj. Ms Thema seiner Dissertation hatte er „Die Reinigung des GottesbegriffeS in der jüdischen Religionsphilosophie^ gewählt. Dr. Baron ist Privatgelehrter und «in der Misrachibewegung tätig gewesen. Ohne je eine Schule besucht zu haben, betrieb er in reifem Alter als Autodidakt hebräische und andere Studien. Er kam 1915 als Kriegsflüch kling nach Nikolsburg, bestand dort die Matura und besuchte dann in Men gleichzeitig die Universität, die T e ch n i s ch e H o ch s ch u l e und die E x p o r t a k a d e m i e. Er legte hernach fast jedes Jahr eine Prüfung ab, und zwar 1918 die Lehrbefähigung für Handelsschulen, 1919 die Prosessorenprüifung für Handelsakademien, 1916 für allgemeine Mathematik (an der Technischen Hochschule), 1920 Rabbinats- Prüfung, 1921 Approbation in Mathematik, Philosophie 'und Pädagogik. Das Jahr 192Z war der Dissertation und 1924 der klassischen Philosophie gewidmet. Der Gelehrte hätte bereits.. voriges Jahr promovieren können, doch mußte er aus seine Einbürgerung warten, da er die erhöhten Kosten der Prüfungen, die Ausländer zu entrichten haben, nicht aufbrmgen konnte. Die Willenskraft dieses Mannes, der trotz seiner bedrängten materiellen Lage seine Studien zu einem schönen Abschluß gebracht hat, verdient volle An»rkeun'.'itg und Interesse.