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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-28 · Heft 1809 (28.2.1924) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1809 (28.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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beite 6 Wien, Donnerstag Ttrettgesahr in den Apotheken. Persönliche Eifersüchteleien'? Der pharmazeutische Reichsverband beabsichtigt, eine Streikbewegung der Apotheker zu veranlassen, well in einer Apotheke nach dem Tode des Leiters der neue Leiter zu spät bestellt und inzwischen der Dienst von einer Dienerin versehen wurde. Der Reichsverband hat der Regierung ein Ultimatum bis I^iitc gestellt und für heute abends eine Versammlung mnbcrnft'n, in der di>e weiteren Maßnahmen beschlossen werden sollen. In dieser Versammlung wird es sich Herausstellen, ob es sich um einen rein persönlichen. Streit eines deutschnationalen Apothekers mit dem Personalreserenten im Ministerium für soziale Verwaltung, dem Christlichsozialen Resch, handelt oder ob wirklich Interessen der Apotheker auf dem Spiele stehen. Da der Reichsverband im Falle der Nichteinigung die Sperre über alle Bundcsapotheke.r verhängen will und der Nachtdienst in. sämtlichen Wiener Apotheken aushören soll, worauf am 3. März ein allgemeiner Ausstand in allen größeren Städten einsepen würde, hat die Oeffentlichkeit wohl ein Recht, ftrf) xn:ii:ii zu kümmern, daß die Interessen der Bevölkerung durch einen etwa ungerechtfertigten Streik nicht berührt werden. Gestern hat im Ministerium eine Besprechung mit den Vertretern des Re'chsverbandes bereits stattgefunden, so daß zu erwürben ist, daß die Angelegenheit bereinigt werden wird. Die amtliche Erklärung. Amtlich wird hierzu mitgeteilt: Die Behauptung, als bestünde die Absicht die Abgabe von Medikamenten in den Spitalsapotheken durch Laborantinnen oder andere nichtqualifizierte Hilfskräfte besorgen zu lassen, ist völlig aus der Luft gegriffen und reine Erfindung. Vielmehr bleibt es auch in Zukunft bei den bisherigen Vorschriften. Eben so wenig entspricht die Behauptung den Tatsachen, daß der Nachtdienst in den Spitalsapotheken überhaupt aufgelassen werden solle. Wenn nach ärztlichem Ermessen der Nachtdienst unentbehrlich ist, bleibt er aufrecht. Der Obcrprovisor Magister Resch hat selbst die Einleitung des Disziplinarverfahrens gegen sich beantragt. Sine ansllSrende Schrift über den Keren Hafeffod. Adolf Böhms treue Broschüre. Adolf Böhm, dem neben seiner grundlegenden Geschichw des Zionismus manche vortreffliche Schrift über die Probleme des Palästina-Aufbrnes zu danken ist, hat nun auch eine Broschüre über den Keren Hajessod geschrieben, „Der Pa lä st ina-Aufb au fouds". Alle, welche in der Arbeit für dieses wichtigste Finanzinstrument des Palästina-Aufbaues stehen, wissen, wie sehr es bisnun an einer sachlichen, erschöpfenden und dabei lebendigen Schrift über Wesen, Zweck und Bedeutung des Keren Hajessod mangelte. Alte die'e Voraussetzungen einer gediegenen und doch fesselnden Darlegung sind Böhms Broschüre nachzurühmen. Ter erste Teil seiner Schrift behandelt den Aufbau P a l ä st i n a s. Mit überzeugender Klarheit ist zunächst erläutert daß es sich nicht darum handelt, Palästina aus nationalen Mitteln aufzub auen (ioas ein aussichtsloses Beginnen wäre), sondern darum, „für den Aufbau, der nur durch Kapital und Arbeit erfolgen kann, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, an denen es infolge des heutigen Zustandes des Landes noch mangelt. Der Keren Hajessod hat also den Zweck, in dieser Richtung so lange zu arbeiten, bis ein normaler Zustand hcrgestellt wird, bis die jüdische Siedlung so erstarkt ist, daß sie Aufwendungen für soziale und Gcmcinschaftszwccke aus eigener Kraft tragen kann, während Produktion und Handel sich normal, teils privat-, teils gemeinwirtschastlich, entwickeln". Nach diesen Kernsätzen werden die politisch-rechtlichen Voraussetzungen dieses Aufbaues dargelegt, insbesondere auch mit Berücksichtigung der Araberfrage, und in weiteren Kapiteln wird natürlich ganz besonders der Fragenkomplex behandelt, welcher die Landwirtschaft betrifft. (Man weiß, daß Adolf Böhm in diesen Fragen ein Fachmann von Rang ist.) Dieser erste Teil der Schrift, der natürlich auch prägnante Kapitel über städtische Kolonisation, Industrie, Handel, Sanitätswesen und Erziehung enthalt, schleßt mit der Darlegung des Programmes der Keren Hajessod-Verwaltung für das laufende jüdische Jahr. Bekanntlich werden aus Keren Hajessod-Mitteln sieben neue Kolonien errichtet, der Bestand an Arbeitstieren wird erhöht, Saat- und Futterstoffe werden beigestellt und eine große Anzahl von Wirtschaftsgebäuden wird errichtet. 'In zwei weiteren Abschnitten ist die Organisation oeS Keren Hajessod geschildert und seine Fjnanzgebarung dargelegt. Die stets wachsende Zahl der Juden, die nun auch in Oesterreich für den Keren Hajessod gewonnen werden, sind in kurzer Zeit selbst Propagatoren des beschleunigten Palästina-Aufbaues. Ihnen allen müßte diese ausgezeichnete Schrift in die Hand gedrückt werden. Wien, 28. Februar. * Probevorträge. Freitag den 29. d„ halb 6 Uhr abends, urrd Samstag den 1. März, halb 9 Uhr vormittags, wird Herr Oberkantor Jena Weis z aus Groß:Wardein im Leopoldstädter Tempel, 2. Bez., Tempelgasse 3. Probevorträgo hatten. Raubüberfall auf den Rabbi von Stefanesti. Wir berichtrlen nach der Information der I. T. A. vor kurzem, daß awf den Rabbi von Stefanesti ein Raubüberfall verübt worden sei; wie uns nun aus der nächsten Umgebung des Rabbi Ehemisch mltgetci-L: wird, entspricht die' Meldung nicht den Tatsachen. Wiener Mnr«*enre?1un^._ ttteilMgeu susdem Publikum. DAMENWESTEN I Stückwaren. Wirkwaren u. Sporlartikel in grosser Auswahl Maw ULjaiockengasse & erH€8Jfc «iNHZLcks'W'U Toienhon 45-608;jö2 ZU' 28. Febmar 1924 Nr. 180T Gross4« Auswahl im Wirkwaren-Spezi&lhaus ,ZUM LÖWEN', IX. Porzellangasse 52, Tel 5088! IL B Wirbiefen Ihnen hieziiGelefjenheit und Sie kunnen schon ym SC 70.000 einen eigenen Pinnt haben. Zur Vorführung dieses Films können w r Ihnen mit unseren pat. angetn. 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Kein Geringerer als der berühmte Stadlschreiber von Zürich Gottfried Keller bat in seinem „Grünen Heinrich" eine klassische Erklärung gegeben« Im vierten Bande Romans ist zu lesen: „Das Wort Putsch stammt aus der guten Stadt Zürich, wo man einen plötzlichen porüdergehenden Regeiwust einen Pntsch nemü, und demgemäß die eifersüch'igcn Nachbarstädte jede närrische Goiriürsbeiveguttg, Begeisterung, Zornigleit, Laune oder Mode der Zürcher einen Zürichputsch neunen. Da nun die Zürcher * Ein neues Wiener Wochenblatt in jüdischer Sprache. Unter dem Titel „Die neue Zeit" wird ab Mitte März ein großes, unabhängig s jüdisches Wochenblatt erscheinen. Die .Herausgeber di.ses Blattes machen es sich zur Aufgabe, den kulturellen und gesellschaftlichen Interessen der jüdischen Bevölkeruiig'in Wien ihr Hauptaugenmerk zu widmen und ihnen vas Schassen und Wirken der Iitden in den anderen Ländern zu vermitteln. Eine Werbevcranstaltnng der zioniitisthen Frauen. Tie zionistischen Frauen des 9. Bezirkes verawtalrewn am Mvnrag in den vormhmen Ränm.n des K u u it s a l o n s Else Ackermann einen Palästina-Vortrag. der von dem Prandenton der Hakoah, Herrn Dr. I. H. IX o: ne r. gehalten wurde. Bekanntlich hat .Herr Dr Körner mii der Hcik.rah die Palästina-Reise mitgemacht und verst-'ht es außerordcutlich wirkungsvoll, seine Eindrücke, die er »n Erez Israel empfangen hat, widderzugeben. Seine ausgezeichneten und fesselnden?lusführungen übten auf die sehr zahlreich erschienenen Fvaucn «eine tiefe Wirkung. ' * Ein Entführer. Dieser Tage wurde der Ldjährige angeblich? Student der Medizin Gerasym Jasedow risch dem .stand.sgericht cingelieferr, da er von dem russischen Obersten Iwan Iau.vwic beschuldigt wird, desstn Gattin aus Belgrad entführt und beabsichtig: zu haben, sie nach Rußland zu bringen!nnd dort zu chottchen. die albaus dem politischen Laboratorium der Schweiz herrühren. Ter Züricherputsch war aber eine religiöse Bewegung g-ttvesen, da der müßige Fortschritt eingedenk de8 Sprichworis, daß Müßiggang aller Laster Anfang ist, etwaan der Religion weilte, wie die Bauern sich ausdrückten, und zwar auf dogmatischem Wege . . . Die folgendst Putsche aber gelv.u.iien durch dießn Anfang ihr Losnttgswort." Ter sögenannte „Zürichputsch", auf den Keller hier anspielt, ist jenes Ereimiis im Jahre 1PM9, welches dazu flchrie, daß der bckannt-e Theologe David Friedrich Strauß, den die sreisinnige Züricher Regierung an die Ilniversität Zürich berufen hatte, fein Lehramt verlor. Ter Verfasser des „Leben Jesu" galt als Goettcsleugner rmd deshalb waren über seine Berufung nicht nur orchodoxe Geistliche, sondern auch weitere Volkskreise entrüstet. Um eine Kundgebung zu veranstalten, zogen -1000 Bauern, die von konservativen Fabriksherron und Pfarrern acgen die liberale Regierung aufgehetzt waren und die, zum Teil mit Pmgeln, Dreschflegeln, aber auch duschten. Flinten beloafswet waren, gegen Zürich. Hier standen Äkili'är und Studenten bereit, um einen etwaigen Angriff abzuwrhen. Es kam taisächlich zu einem Zusammenstoß, wobei die „Putschisten" unter Verlust von einigen Toten und Verwundeten .'.urückg-eschlagen wurden. Die Negierung jedoch sah sich infolge dieser'VorgäN'V aenöligt. die Berufung von Strauß zurückzuziehcn. * Staatspensioirc» für Märtyrer der Wisienfchaft. Aus London wird uns berichte:: Der Londoner Provinzialausschuß des englischen Apotheker- und Ebemikerverbandes hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, der Negierung eine Resolution vorzulcgeu. wonach alle Personen, die sich als Radiographen im Spitaldienst X-Strahlenentzündung zugezogen und insolgedesscn eine dauernde Berufsstörung erlttten haben, Staats- Pensionen erhalten sollen. In der Begründung dieses Beschlusses wird daraus hingewiesen, daß eine nicht gering« Zahl von T-Strahlenforschern bei ihrer Arbeit körperliche Schäden erleidet, die häufig zum Verlust eines oder mehrerer Glieder führen. Diese Märtyrer der Wissenschaft seien einer geregelten staatlichen llnterstühung würdig. Den letzten Anstoß xil die'er Äkiion gab der Fall des Reginald B l a ck a l l, der nach SOjährioem Dienst als Nadiograph eines Londoner Spitals beide Hände verlor und nun durch den von Carnegie gestifteten Heldenfonds unterstützt wird. * Tanzinstitut Hermann Braun, 14. Bez., Reindorfgasie 43 Heute moderne Perfektion. Beginn halb 7 llhr ab'vdS. (Entgeltlich.) Vereine, Vorträge und Berfammlungen. Zionistische B r z i r k 8 s e k t i o it XVI/XVU. Heute. 8 Uhr abends, im Loyale, 8. Bez., Beunoplatz 1. Vortrag Rabbiner Dr. Bach: Jüdische Geschichte. — B n k o w i u a e r Zentralverband. Sonntag, 2. Man, Punkt 9 Ubr vor-- mittags, im Hotel Stephanie, 2. Bez., Taborsttgße 12, Monats-- Versammlung. — V e r e i n T i k w n t h I e f> u b «, 8. Bez., Bennoplatz i. Heute, vräzste V,0 llbr abends, Lichtbilder- Vortrag: Geburtenbeschränkung und VintterfchaftSzwang. Am Vorttugststch: Johann Ferch. Nach dem Vortrag geselliger Teil, Tanz. — 'Sepbardi^ch-akademischerVerein „E s o e r a n z a". Heut e, 8 Ubr abends, in der ^UnitaS- Bude", 8. Bez., Auerspergstraße 21, Vortrag. Zionistische Strirfcsstktlon reopoiSrlsSl tueKiaj'K'E: Donnmtftfl den 28, Februar, oräzise V281Jbr abds., im Wiener vuraer e»le. 2. Bezirk. Praterstraßc 11 Vortrag Paul Feldes „Unsere Palästina-Reises“ Jeden Donnerstag zwanglose Zusamnienkünste mit Vorträgen ): BShne und Kunst. km Schönbers-Komert. Nach wie vor tobt der Kampf der Meinungen um AruolS Schönberg, den ehemaligen Fühver des Expressionismus, der inzwischen längst ein Einsamer geworden vst und im stillen Mödling in: Verkehr mit w'-rügen Getreuen zurückgezogen lebt. Im Rahmen eines WohltäügS.itskonz-ertes trat er nach langer Panse wieder einmal an die Spitze eines Kammemrchesters und huldigte zunächst Bevlhoven, dessen Violinkonzert von Rudolf Kolisch ganz virtuos, aber äußerlich und nüchtern gespvalt wurde und im Orchester viel zu unruhig geriet. Es folg'sn — von Stella Eisncr-Längste in mit hübscher Stimme und schwächlichvm Ausdruck gesungen — die jetzt so beliebten Kinderlicdcr von Mussorgskh, den Schönberg um seines starken nnverkünstelten Ausdruckes willen besonders schätzen mag, am Ende des Programm! s stand Schönbergs „Verklärte Nackt" in der Bearbeitung für Streichorchester, die vom Publikum stürmisch bojnbett wurde. Man erkenn: hier, wie leich: Schönberg aus diesem gangbaren Weg? berühmt, ja populär hätte werden können, wenn er sich selbst untreu geworden wäre. Doch fern dunkler Drang führte ihn weit weg von Wagmr, von HarmonÄ und herkömmlicher Melodik, wofür seine neue Alavii.wsuite, Opus 23, einen Beweis liefert, die von Eduard Steuermann, seinem getven-m Ekkchard, klar und picmrstrsch gediegen gospiett wurde. Es ist üb:raus sihrver, sich über dieses kom-li»»iarte Werk nach oimnaligem Hören mir einem Laientzublikum auLvmandeie-. 0

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