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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-28 · Heft 1809 (28.2.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1809 (28.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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_ Wien, Donnerstag Hierauf entspirmt sich zuäschen dem Staatsau^walt uiw oer Verfeibigrlng eine länger? Dritte, weil bor zweite Staatsamvalt Dr. Weber fragt, ob er gewußt Hrbe. daß Lu-denborff in weiten Kreisen der norddeutschen Reichswehr höchst unbeliebt sei. (Lärm im Auidiwrium. Rufe: „Unerhört!") Justizrat Kohl antwo-rtet auf Enese Frage: Die Frage, die der Staatsanwalt gestellt hat» ist für einen deutschen Offizier beleidigend. Man^nüßte eigentlich eine andere Antwort darauf geben. 'Seitens der Verteidigung wurde an Hitler die Frage gerichtet, ob zu irgend einem Zeitpunkte eine Besprechung mit den einzelnen Parteien stattgefunten habe, wobei die Rede davon gewesen fei, daß ein Direktorium Hitler-Ludendorff als Konkurrenzunternehmen gegen Kahr-Lossow beabsichtigt sein sollte. Hitler verneinte diese Frage. Zu Beginn der Rachmittagsverhandlung wurde der frühere Polizeipräsident Poehner vernommen. Er spricht langsam, stockend, jedoch sehr überlegen. Man merkt die Absicht, jede polemische Färbung zu vermeiden und besonders gegen Kahr seine Objektivität zu demonstrieren. Er greift Kahr nicht nur nicht an, sondern er verteidigt ihn sogar. Sein Zusammentreffen mit Kahr sei aus Wunsch des Kapiänleutnants Ehrhardt erfolgt. Poehner habe Ehrhardt am 29. September zu sich geladen, wobei Ehrhardt äußerte, es würde jetzt doch ernst mit dem Bormarsch gegen Berlin. Poehner schilderte dann sein Zusammentreffen mit Kahr, bei dem auch Oberst S e i s s e r zugegen war. Kahr habe dabei Poehner gefragt, ob Poehner mit ihm zusammenzuarbeiten bereit sei und die Funktion eines Zivilgouverlreurs in Sachsen und Thüringen bekleiden wolle. Diese Besprechung sei schließlich ergebnislos verlaufen. Ehrhardt sei etwa Mitte Oktober wieder zu Poehner gekommen und habe ihn gebeten, eine U n t e rredung mit Hitler §u vermitteln. Diese fand am 7. November statt, ohne aber zu einem Ergebnis zu führen. Am 8. November früh sei er dann von Hitler besucht worden, der ihn dahin informierte, daß nunmehr die Aktion gegenBerlinnotwendigsei. Hitler habe in dieser Besprechung seine Pläne entwickelt, wobei er Poehner das Amt eines Ministerpräsidenten anbot. Diesen Vorschlag habe Poehner angenommen. Hierauf gab Poehner eine Schilderung der Vorgänge im Bür gerb raukeller, Wobeier hervorhob, daß Kahr über die Vorgänge äußerst empört war und sagte, HitlerhättenochachtoderzehnTagew arten können. Es stünden noch einige Antworten von norddeutschen Herren aus. Als Ludendorff eintvas, habe er sich sofort an Kahr gewandt und ihn gebeten, er möge in dieser Schicks als st unde doch das tun, was alle sehnsüchtig von ihm erwarten. Nach längerem Zureden Lndendorffs habe schließlich Kahr seine Einwilligung gegeben; er würde aber nur als Statthalter des Königs dieses Amt übernehmen. Nach der ganzen Charaktereinstellung des Herrn v. Kahr könne es absolut nicht wahr sein, daß er mit den beiden anderen Herren nur eine Komödie habe spielen wollen. Wenn Kahr das jetzt behaupte, so sage er eine Unwa hrheit gegen sich selbst. Nach den Vorgängen im Bürgerbräukeller sei er mit Kahr wegen der Aufstellung der Ministerliste beisammen gewesen. Aus eine Frage des Vorsitzenden erklärte der Angeklagte, er habe es für selbstverständlich betrachtet, daß man nötigenfalls die Absetzung der deutschen Reichsregierung mit Gewalt durchführen werde. Von seinem Standpunkte aus seien alle Verbrecher. Die Zerstörungen in der „Münchner Post" und die geplanten Judenverfolgungen habe er zu verhindern versucht. Poehner bat sodann den Staatsanwalt, Ehrhardt alsZeugeu über die Verhandlungen Kahrs zu vernehmen. Allgemeine Beklemmung. Der Staatsanwalt erklärt, Ehrhardt nicht laden zu können, da sein Aufenthalt unbekannt sei. Die Verteidigung fordert Aufklärung darüber, ob es richtig sei, daß die Staatsanwaltschaft erklärt habe, sie wolle Ehrhardt verhaften, wenn er hier als Zeuge erscheine. Nachdem die Staatsanwaltschaft das energisch verneint hat, nennt die Verteidigung Ehrhardts Münchner Adresse: Sendlingertorplatz 1. In die Enge getrieben, beschließt nun das Gericht, die heikle Frage, welche sich auf Kahrs frühere politische Tätigkeit bezieht, erst dann zu behandeln, wenn Kahrs Einvernahme erfolgt sei. Staatsanwalt Dr. S t e n g l e i n stellte schließlich den Antrag ans Ausschluß der Öffentlichkeit. Die Verteidigung fragt: 1. Ist Herrn Poehner bekannt, daß in der Nacht dom 12. aus den 13. März 1920 der damalige Präsident der Regierung von Oberbayern v. LLahr sich ohne Zögern in den Besitz der öffentlichen Gewalt gesetzt Hai, auf dem Wege, der dem am 8. und 9. November 1923 geebneten vollkommen entsprach? 2. Ist Poehner bekannt, daß im Jahre 1923, als die Gesetze zum Schutze der Republik in Bayern große Erregung verursachten, . Herr v. Kahr ohne Bedenken sich dieser Bewegung anschloß, deren Ziel war, die damalige Regierung Lerchenseld ans dem gleichen Wege durch „Druck, ohne Druck" zu entfernen? Sodann wurde die Sitzung ans morgen vormittags. vertagt. ■_Wiener Morgenzeitrmg._ LaMrmger in Alk tim. Von Dr. Ignaz Schmerz, Berlin. Es ist leider üblich geworden, die Bodenfrage in Palästina als iwfyr oder minder nebensächlich anzusehen und ina>n vergißt, daß wir in Palästina eine PMU der Tatsachen zu treilben halben und daß — wenn wir diese Politik nicht mit aller Energie durchführen — wir eines schönen Tages als Leidtragende hinter dem Sarge des Zionismus da her schreiten und unsere Unterlassungssünden beweinen werden; aber dann wird es zu spät sein. Die letzte Konferenz der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation in Palästina hat in ihren Beschlüssen festgeistellt, ,/daß es unmöglich ist, die Landwirtschaft in gehörigem Maße zu erweitern und das Siedlungsbodürfnis der landwirtschaftlichen und städtischen Arbeiter zu befriedigen, weil die B o d e nfl ä che, welche srch im Besitz des Nationalsonds befindet, nicht a u s re i ch t. Die Beratung lenkt die Aufmerksamkeit aller derjenigen, die an der Siedlungsarbvit interessiert sind, aus die Tatsache des Bodenmangels hin, die das ganze kolonisatorische Werk im Land»' gefährdet." Erst durch jene Mahnung der palästinensischen Arbeiter und erst durch Berichte von Palästina-Reisen-- den wurde ein verschwindender Bruchteil der zionistischen Oeffentlichkoit auf di-ese Tatsache aufmerksam gemacht — bisher mit recht fragwürdigem Erfolg, Die zuständigen Instanzen in Jerusalem und London schweigen und da Jerusalem und London schweigen, liegt für die zionistische Masse erst recht kein Grund vor, den Mund aufzutun. Indessen sitzen die Araber auch nicht still; sie sind im Lande, sie' werden von ihren Nachbarn im Westen und im Osten moralisch icnd materiell unterstützt, und England, das sich durch die Balfonr-Detlaration einmal tatsächlich gebunden erachtete, kann und wird seine Politik mcht dauernd von Sentimenten, sondern nur von ovalen Tatsachen abhängig machen. Bei aller Dynamik, bei aller Anpassungsfähigkeit der englischen Politik — die verantwortungsvollen englisiten Staatsmänner, sie mögen nun aus der Labour Party oder aus dem Lager der Konservativen stannnen — werden und können ihre Entscheidungen ausschließlich von eindeutigen Tatsachen abhängig machen. Und die Araber in Palästina und rings um Palästina sind eine viel machtvollere Tatsache, als wir, realpolitifch gesehen, ihr gegenüberstellen können. Gewiß, was 'bisher in Palästina geschossen wurde, beweist einen enormen Willen — aber mit dem Willen allein ist es eben nicht getan und mit dem Reden schon gär nicht. Die Tatsachen aber, die wir schaffen sollten, fehlen' noch immer trotz aller Versprechungen, die wir vor nunmehr vier Jahren im Begeisterungsrausche so freigiebig abgegeben haben. Versuchen Sie unseren seidenen Üdealstrumvt 370 1. TRAT1 NERHOfi 2 (Graben Die Araber, die schließlich und endlich auch nicht auf 'den Kops gefallen sind, kommen immer mehr zu der Erkenntnis, daß der Boden eine ganz besondere Sache ist, daß nämlich derjenige der maßgebende Faktor im Lande ist, der diesen Boden besitzt und ihn bearbeitet. Denn: nicht die städtische BövA'kermig gibt einem Laude den Charakter, sondern die ländliche, die Bauernschaft. Es besteht heute in manchen zionistischen Kreisen die Geneigtheit, der verzuwifolt kleinbürgerlichen Struktur der zionistischen Wtassen immer mehr nachzugeben, und man predigt eine euphemistisch sogenannte „industrielle" Kolonisation, bie im Grunde nichts anderes sein würde, als daß der Schneider, 'der Schuster, der Hutmacher soimen Wohnsitz aus Warschau oder dem New-Horfer Ghetto, aus der Wiener Leopoldstadt oder dem Whitechapel nach Jerusalem, nach Del-Awi'w, mü) Haifa, nach Liberias verlegt und dort Men „Berus" weiter ansülben wird, mit dem Unterschiede Wohl, daß er sich von Rock und Hose aus den Burnus, von Schuhen auf Sandalen, von Hüten auf den Turban umstellen wird . . . Bauer aber wc>vd der Fellache sein, den die englische Lan-- desverwaltunig, noch dazu die einer Arbsiterregierung Verantwortliche, nicht auf die Dauer in „sklavischer Abhängigkeit' vom' Esendi" belassen wird. Es geschieht so manches und es wird noch mehr geschehen, auch von englischer Seite, scheu aus naheliegenden Gründen politischer Raison, um den Fellachen eine menschenwürdige Existenz zu geben. Mas dann? Dann werter^ die Juden in den Städten sitzen und Handwerker größeren oder kleineren oder kleinsten Stils sein — und ruigs um sie arabische Bauern, ein Meer arabischer Bauern —, und das wind das lächerliche Ende ovnes heroischen Liedes fein! Allerdings, noch ist es nicht so weit, noch halben wir die Möglichkeit, Land zu kaufen und landwirtschaftliche Kolonisation zu treiben. Noch, nicht lange mehr, noch gibt es verfügbaren Boden, noch ist der Araber bereit, Land zu verkaufen, noch st es möglich, von der Negierung Land zu erhalten, heute noch. Aber morgen oder, übermorgen? Der Araber wird erkennen, wie mir erkannt haben, daß der Boden, eine nationale Angelegenheit ist, und es wird so weit kommen — es soll sich Aehrlliches bereits ereignet 28. Februar 1924 Nr. 1809 haben —, daß er den Verkauf von Boden an Nichtarabei als nationalen Verrat brandmarken wird, daß er sogar die Regierung verhindern wird, uns Boden zur Verfügung zu stellen. Und was-dann? Daun werden wir Uns Wohl auf die städtische Kolonisation znrückziehen, die darin bestehen wird, daß wir, wir selbst, zu den Ghetti in der Diaspora noch oin halbes Dutzend Ghetti in Arabistan errichten werden. Und indessen werden Balour-Deklavainon und Mandat unter dem Tisch verschwu-nden sein und nüt ihnen die nationale Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina. In den nächsten Tagen tritt in London das Aktionskomitee zu einer Sitzung zusammen. Es wird sehr viel über die äußere und innere Politik der Organisation gesprochen, viele Reden werden gehaltert und ebensoviele Resolutionen beschlossen werden. Vielleicht wird Zeit dazu bleiben, auch über die Finanzpolitik zu sprechen. Und dann vielleicht wird auch die Tatsache des Botemnangels erörtert werden. Hoffemlich wird die Zeit auch ausreichen, um Maßnahmen zu beschließen, wie der Ge.fa.hr rechtzeitig begegnet wevden soll, deutlicher: wie nran den National fonds irr die Lage versetzen soll, so bald ails möglich größere BodenkornPlexe zu. erwerben. Dr. Weizmam über die Netv-Vorker Zewish Agench-Konferenz. Jerusalem, 24. Februar. (I. T. A.) Die Palästinensischzionistische Exekutive erhielt ein Telegramm von Dr. We i zmann aus New-Tjork, im tvelchom er seine Befriedigung über die Ergebnisse der am 17. d. unter dem Bor-, sitze von Louis Marshall abgehaltenen Konferenz, führender Juden Amerikas über die Beteiligung an . der I e w i s h Agency und der Palest in e I n v e stment Corporation ausdrückt. Dar Waad Äeumi hat seinen Vorsitzenden, Herrn David Yellin, Mm Vertreter der palästinensischen Judenhecl in den: zionistis chen Aktionskomi 1 ee gewählt. Die zionistische Arbeit in Europa und Amerika. Aus London berichtet I. T. A.: Auf der letzten. Sitzung des Exeoutiv Council der englischen zionistischen Bereinigung wurde ein Brief Dr. Weizmanns , aus Nsw'Novk verlesen, in lvelchem es unter anderem. heißt: „Es scheint mir, daß Sie alle die Wirkung, die die. Situation in E u x o p a auf Amerika ausübt, unterschätzen. Diese Wirkung läßt sich kaum schildern, der Schaden ist weit größer, als Sie sich vorftellen können. In den hiesigen zionistischen Kreisen herrscht große Er- , d i t t e r u n g. Man scheint den Eindruck zu gewinnen, als ob die Europäer sich damit begnügen, Presseartikel über die innere Politik der Bewegung zu schreiben und die schwere Last der Versorgung Palästinas den Amerikanern übevlassem Zuverlässige Fördever einer allweltlichen Organisation glauben, daß die jetzige Lage der Dinge nicht mehr zu rechtfertigen ist, ich selbst teufe mit Besorgni? an die Folgen, die eine solche Lage für die Organisation haben könnte. Verzeihen Sir mir, wenn ich über das, was diplomatisch erlaubt ist, .hirnausgegangen bin. Aber wenn ich die., täglich aus Palästina kommenden Telegramme über Arbeitslosigkeit usw. lese, sichle ich es als meine Pflicht, unverfchleiert zu reden. Ich darf das um so mehr tun, als wir hier alle jeden Nerv anfpaunen, um die Dinge werter zu bringen, und Anlaß haben, zu glauben, daß wir.. in unseren Anstrengungen von allen übrigen nicht in der gleichen Weise unterstützt werden. Ich würde mich freuen, zu Höven, daß ich mich geirrt habe." Das Budget der PMftina-Regierung. Jerusalem» 22.Februar. (J.T.A.) Der „Regienmgscmzeiger" > veröffentlicht den Budgetentwurf für das Verwaltungsjahr 1923/24. . Die vollständige Budgetsumme beträgt 1,783.399 engl. Pfund. Die-nachträglichen Bewilligungen für 1924 belaufen sich auf 98.927 rngl. Pfund. Die einzelnen Ausgabeposten sind folgende: Pensionen 16.466 Pfund, öffentliche Schulden und Anleihezinsen 58.540 Pfund, für das Oberkommiffariat 6926 Pfund, für die Gesetzgebung 600 Pfund, für das Sekretariat 17.639 Pfund, für die D i st r i k t s v e r w a l t u n g 100.267 Pfund, ftir die Nechtsabteilung 73.227 Pfund, für die F i n a n z v e r w a U tung 20.088 Pfund, für das Nechnungsdepartement 6217 Pfund, Steuer-, A b g a b e nu u d H a f e n v e r w a l t u n g; 38.725 Pfund, H and e l n n d I n d u st ri e 10.511 Pfund, ' Gesundheitsdepartement 93.258 Pfund, Landwirtschaft und Fischerei 39.588 Pfund, E i nwandernngundVerkehr 9287 Pfund, Bildung 104.296 Pfund, Altertümer 5802 Pfund, Landwirtschaf t s d e p a r t e m e n t 15.092 Pfund, L a n d v e r» Messungsdepartement 2123 Pfund, Polizei und Gefängnisse 189.762 Pstmd, Gendamcerie 91.097 Psimd, P o st, Telegraph n n d Telephon 108,830 Pfund, Eis e n-' bahnen 388.887 Psimd, öffentliche Arbeiten 157.879 Pfund, besondere Eisenbahnausgaben 97.785 Psimd Verschiedenes 138.588 Psimd. Die nachträglichen Bewilligungen betreffen im' einzelnen: Pensionen 2824 Pfund, öffentliche Schulden und Anleihezinsen 17.377 Pfund, Sekretariat 1118 P,und, RechnungSdepartemeut 493 Pfund. Departement für Steuern, Zahlverwaltung und Häfen 2367 Pfund, Gesunddeitsdepartement 8779 Pfund, Polizei und Gefängnisse 18.867 Pfund, Departement für Einwanderung und Verkehr 337 Pfund, öffentliche Arbeiten 29.692 Pfund. Verschiedene» 17.573 Psimd.

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