Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1808 (27.2.1924)
- Date
- 1924-02-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Velle 8 _Dien, Mittwoch Die Berkesuny, deren Monotonie die Aufmerksamkeit stark ermilldot, ist um 10 Uhr 20 Miwuten beendet. Sofort stellt der Staatsa-nwalt den überras-cheuid kormnenden Antrag, wogen der außerordentlichen Gefährlichkeit des Stoffes dke Oeffenilichkeit fiir die ganze Verhandlung auszuschlietzeu. Die Verteidigung widerspricht sehr energisch und heftig. Die Anklage enthalte diele Punkte, deren Behandlung für Doutsch^nb und Nahem tatsächlich gefährlich sei, jedoch sei die BefchiuldiMmg der Angeklagten ofren verlesen worden, während die Verteidigung geheim bleiben solle. Der Antrag des Staatsanwaltes gehe rls > zu^ weit. Es würde genügen, für einzelne Teile e s Prozesses die Oeffentlichkeit ausznschlichen. . Tas Gerichts zieht sich zur .Beratung zurück und beschließt, zunächst über den Antrag des Staatsanwaltes mit der Verteidigung und den Angeklagten-zu verhandeln und für diese Beratung die Oeffentlichkeit ans-; u s ch l i e ß e n. Der Sitzungssaal wird sodann gegen Mittag geräumt. Kur: vor 12 llhr wurde die Oeffentlichkeit wieder hergestellt. Das Gericht trat sofort in die Vernohimiug der Angeklagten nn. Man geht nickt fehl in der Aimathme, daß wahrend ):efer Ituteobrechnug des Prozesses von der Verteidigung ganz bestimmte Zusagen 3cm Staatsanwalt gegeben wurden, daß sich die Verteidiger and die Angeklagteit entsprechend vorsichtig bei chren Reden verhalten würden und in Zwcifelfällen den ich ans der» Ausschluß der Oeffentlichkeit berntragen würden. Hitlers Vernehmung brachte eine mehr als dreistündige Rede, die Zeugnis abiegte für das sehr geschickte demagogische Talent Hitlers. Lr gab zunächst in kurzen Umrissen ein Bild über seinen Lebenslauf im Felde bi's zur Uebernahme des Amtes als Vorsitzender der nationalsozialistischen Partei anr 29. Juli t.921. Aus dem Vevhör, das der Vorsitzende ans der: Akten heraus vornahm, gehr hervor, daß Hitler die bayrische ^aatsznyehorigkeit nicht besitzt. Er ist nach Linz zuständig. §r kam 1912 als Architekturzeichwer nach Münchelf. Er wollte hier söine Studien weiter fortsetzen mvd hat sich auch mit anderen wissenschaftlichen Fragen, insbesondere mit )er Rassenfrage, beschäftigt. Im Jahre 1914, bei Kriegsausbruch, trat er als K r i e g s f r e i w i l l i g er w. das 16. Infanterieregiment List ein. Er hat den ganzen Krieg A's zmn Ende nritgemacht und erhielt für seine Ber- -ienste unter anderen! das Eiserne Kreuz 1. Klasse wegen hervorragender Tapferkeit vor dem Fc,inde. Seine Führung war nach seiner Stammrolle während seiner MiMävhiensttzeit eme sehr gute. Er wurde einntal durch einen Granatsplitter verwundet und erlitt ein andermal eine schwere Gasvergiftung. Ter Vorsitzende, Laudesgerichtsdivektor Neidhart, schlug vor. Hitler über die Beweggründe seiner Tat Darlegungen machen zu lassen. Damit er seine Ausführungen nicht unterbrechen müsse, wurde die Sitzung auf 'halb 3 ' Uhr vertagt. Der Vorsitzende legte Hitler nahe, seine Ausführungen erschöpfend, aber n i cht z u weit ausholend zu gestalten. Hitler nickte bejahend. Hitlers Verantwortung. Hoher Gerichtshof! Der Landqerichtsdirektor hat heute vormittags aus meiner militärischen Dienstleistung erwähnt, daß ich mich in meiner Aufführung sehr g u t benommen habe. Es ist vielleicht eiiMtümlich, daß ein Mann, der über viereinhalb, praktisch über sechs Jahre gelernt hat, den Vorgesetzten zu achten, niemanden zu widersprechen, sich blindlings zu sügen, ans einmal in den größten Widerspruch, den es in einem Staate geben kann, in 'den Widerspruch zur Verfassung kommt. Ich muß hier in meine Jugend zurückgreifen. Ich war schon mit sechseinhalb Jahren gezwungen, nnr meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Ich kam damals nach Wien und habe dort zum evstennial die sozialen Fragen kennen gelernt, das große Elend und die große Not breiter Schichten. Zweitens: das Rassenproblem habe'ich in Wien, in der Stadt, in der sich Ost und West mehr oder weniger treffen, besser studieren können als irgendwo in Deutschland, weil dort der nach meiner politischen Weltanschauung größte Feind der arischen Weltanschauung stärker anistritt als im übrigen Deutschland Drittens habe ich in Oesterreich kennen gelernt die Partei und die Bewegung, deren Folgeerscheinungen gum Zusammenbruch führen mußte: die marxistische Bewegung. Ich bin von Wien aus als absoluter A n t i s e m i t und als Todfeind der gesamten marxistischen Weltanschauung fortgegangen. Hierauf ging ich nach München und habe mich hier schlecht und recht durchgebracht. Es war selbstverständlich, daß ich mich am ersten Tage der Mobilmachung dort, wo das Schicksal der Nation ausgefochten wurde, und dazu rechne ich nicht den Splitter von 10 Millionen Deutschen in Oesterreich, die ein unseliges Schicksal von Deutschland abgetrennt hat, zur Verfügung gestellt habe. Ich hatte > die Ueberzeugung, daß das deutsche Schicksal auch für das deutsche Oesterreich nicht ausgefochten wird in Oesterreich, sondern von der deutschen Armee, und demgemäß habe ich mich der deutschen Armee zu Diensten gestellt. Ich will hier nicht über den Krieg sprechen, ich will bloß erwähnen, daß es meine volle und feste Ueberzeugung war, daß dann, wenn Deutschland in diesem Kriege nicht die inneren Fra-- gen zu lösen vermochte und die Regierung riicht die Ent- MgeHeit M«, _Wiener Moraenzeltung._' das marxistische Problem zu lö'en, daß dann Deutschland mit zwaugsläuffgw Folge diesen Krieg verlieren mußte. ' Hitler ging dann zu stillen weiteren Erlebnissen in zwei Lazaretten über. Am 9. November 1918 wurde es mir klar. In dieser Nacht habe ich mich dafür entschieden, welcher Partei ich mich zuwenden soll. Ich kam in Beruh-' ntnn mit der nationalsozialistischen Arbeitspartei, die darnals sechs Mitglieder zählte. Das-siebente war ich. Darauf ergeht'er sich in eiiwr längeren Ausführung über seine Allsichten vom Marxisnius und fährt dann fort. Die Novemberrevolution vom Jahre 1918 werde als gelungener Hochverrat bezeichnet. Hochverrat sei das einzige.-verbrechen, das nur dann bestraft werde, wenn es mißlinge. Die Tat des ä. November 1918 sei aber nicht Hochverrat, sondern Landesverrat. Für die Nationals"ziäsisten bleibe die Tat des 9. November der D o l ch st o ß gcgcll die kämpfende Armee. Die nationalsozialistische Panoi Püte zwei Ziele: Massenansklärnng und Schaffung einer Sturmabteilung mit dem Zweck, den marxistischen Terror zu bekälnpfen. Im Herbst 1922, sagt? der Angeklagte, haben wir erkannt, daß das R u h r g e b i e t doch noch verloren gehen werde. Die Frage der Erhaltung des Ruhrgebietes konnte nicht eine Frage rein passiver Tätigkeit sein, sondern in erster Linie eine Frage der Wiedergewinnung des deutschen Willens. Der Passive Widerstand wäre, nur dann zweckmäßig gewesen, welin aktiver Nationalwillc dahintergestauden wäre. Dir ganze Entwicklung des Ruhrkampses habe beit Nationalsozialisten recht gegeben. . Hitler berührte sodann das seinerzeitige Verbot der 14 nationalsozialistischen Massenversammlungen. 1920 habe er Kahr kennen gelernt, von dorn er persönlich den Eindruck eines -biederen, e h r e n h a f t e n B e a m ten gewonnen habe. Seinerzeit sei ein Grund für das Versammlungsverbot nicht angegeben worden, erst später habe er erfahren, daß die Versammlungen Wegelt Putschgefahr untersagt worden seien. In diesem Falle wäre es aber selbstverständlich gewesen, daß Kahr ihr: (Hitler) sofort hätte verhaften lassen. Kahr aber habe nur den Hitlerschen Vertreter begrüßt und eilte Erklärung über die Stellungnahme der Nationalsozialisten verlangt. ' Zum Fall L o s s o w vertrat Hitler die Auffassung, daß der General damals dem Chef der Neichsregierung tatsächlich den Gehorsam verweigert habe. Hitler erklärte fortfahrend, in der Unterredung mit Lossow habe er gesagt, daß als Diktator nur P ö h n e r in Frage kommen könne, der der fähigste Kopf sei. Hieraus schilderte Hitler sein » Zusammentreffen mit Ludendorff im Jänner 1918. Seine zweite Ultterredung mit Loffow habe den Eindruck verschärft, daß der Kampf unausbleiblich 4var. Verschiedene Herren aus Berlin teilen mit, daß auch in Berlin die Ausrufung der Diktatur beabsichtigt sei. Wenn unser ganzes Unternehmen, betonte Hitler, Hochverrat gewesen wäre, dann müßten die Herren Kahr, Lossow und Saisser die ganze Zeit mit uns Hochverrat getrieben haben. Er habe dann noch zwei Unterredungen mit Saifser geführt, von denen eilte bei Ludendorff stattgefunden habe. Baron Aufseß habe in einer anffehenerregenden Rede erklärt, Kahr sitze mit der Lunte bereits am Pulverfaß. Diese Brandrede, sagte Hitler, mußte auf unsere Leute wie Pulver wirken. Auf Grund der Verhandlungen in der Sitzung vom 6. November habe Hitler den Gesamteindruck gewonnen, daß Kahr. Lossow und Saisser nicht mehr zurück können. Daraufhin seien die Beschlüsse vom 6. November gefaßt worden. Es sei auch bestimmt worden, daß Ludendorff als Offizier nichts wissen sollte. Die entscheidende Sitzung habe am 7. November stattgefunden. Als Termin für das Handeln wurde der 8. N o v e m b e r bestimmt. Hitler kommt hieraiuf aus die Vorgänge im Bürgerbräukeller zu sprechen uiltd stellt fest, daß die Herren nicht mit der Waffe bedroht worden seien. Ludendorff habe beim Eintreffen erzählt, daß er genau so überrascht sei wie die Herren, daß es aber nun notwendig fei, einen Entschluß zu fassen. Hitler habe Kahr nahe geleigt, den Kronprinzen Ruprecht sofort zu verständigen, daß die Revo---'on nickdir Abrechnung mit dem N o v e m b.e rverbrechen. Ein Kampf gegen die Reichs- und Polizeiwehr sei von seltner Seite nie ins Auge gefaßt worden. Hitler gab sodann eine Schil>devu>ng des Einmarsches in die Stadt und trat dabei der Bchauptnng entgegen, als ob seine Leute die ausgestellten Soldaten entwaffnet -hätten. Beim Zusammenstoß vor der Residenz habe er infolge eines Sturzes einen Schlüsselbeinbruch erlitten. Nachdem Hitler mehr a l s v i e r Stunden gesprochen hatte, faßte er feine Ausführungen in folgende Schlußsätze zusammen: Ich kann mich nicht schuldig bekennen. Ith bekenne mich zur Tat. Es gibt keineil Hochverrat bei einer Handlung, die sich gegen den Landesverrat von 1918 wendet. Welin wir scheu Hochverrat getrieben 'halben sollten, dann wundere ich niich, >dvß die, die damals das gleiche getrieben baben, nicht an meiner Seite sitzen. Ich fühle mich hier nicht als Hochverräter, sondern-als Deutscher, der das Beste gewollt hat für fein Volk. Er eri Wvte. weiters, daß den .Putsch niemals unter- 27. Februar 1924 Nr. 1808 nommen hätte, wenn er nicht fest davon überzeugt gewesen wäre, daß sowohl Kahr wie Lossow und S e i s s e r unbedingt mitihm halten würden. Ferner weist er ganz energisch darauf Hill, daß er als alleiniger Urheber der ganzen 'Dache zu gelten habe und daß seine UntevfühlM mit Ausnahme weniger, die Ijcutite schon tot feien, nicht gewußt hätten, was eigentlich los wäre. Hierauf wurde die Verhandlung auf morgen vertagt, wo mit der Eiuvernehmnng -des AngeMagken Dr. Weber begonnen wenden wird. f Sie völkische Einigkeit. Verkitt, 26. Februar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Kluft zwischen den D e n t sch na ti onal e lt und beit D eu t s ch v ö l k i s ch e n wird immer tiefer^ In den letzten Tagen wurde in deutschnationalen Mastern ■ von Verhandlungen zwischen den beiden Parteien zur Gründung eines völkischen Ordnungsblocks berichtet, der für nie Rcichstagswahlen eine gemeinsame Kandidatenliste anfstcllen sollte. Nunmehr veröffentlicht der Führer der Teutschvöllischeu, Reichsratsabgeordncter Mulle, eine Erklärung mit der Feststellung, daß zwischen den Nationalsozialisten und der Freihcitspartei einerseits und beit Deutschnationalen, andererseits überhaupt keine Verhandlungen stattgefunden haben. Die beiden ersteren lehnten beit Gedanken einer Blockbildung mit den Deutschnationalen vya vornherein ab, lvürden aber unter sich selbst einelt völkischen. Block für die Rcichstagswahlelt bilden. Die völkische Freiheitsbelvegung sei nicht gesonnen. Vorspanndienste für die sogenannten Rechtsparteien zu leisten. tzngland für die Knfetzung eines Garantiekomitees in Deutschland. London, 26. Februar. (Tel. d. „Wiener Morgen-f zeitung".) Die englische Regierung hat der Botschafter-' konferenz einen Vorschlag über die Militärk o n t r o l l e in Deutschland unterbreitet.. Darnach soN die Kontrollkommission durch ein Garantiekomitee ersetzt werden, wie ein solches schon für die Marine- und Luftflotte besteht. Das Garantiekomitee habe seine Tätigkeit mit einer Jnventurder gesamtenmilitärischenMacht Deutschlands, des Mannschaftsbestandes und des Kriegsmaterials, zu eröffnen. Der englische Vorschlag ist dem interalliierten Militärkomitee in Versailles unterbreitet worden. _____ . . Ser getteralfommiffär für Deutschland. Paris, 25. Februar. Das erste SachvevstäMgew kamilee hat sich gestern mit dem deutschen Budget/ für 1924—1925 beschäftigt. Ta zwischen der Lage Deutschlands und jener Oesterreichs eine gewisse Analogie besteht, die in Oesterreich die Schaffung omes besonderen Kontrollorgairismus nötig machte, der unter »ber Führung des Völkerbundes tätig üst, beschloß das Komitice, den Vorstand des Wirtschastsdieirstes de's VMerbnndes, Satter, der früher Generalsekretär der Reparativnskommission war,. einzuladen, dem Komitee Mitteilungen über >das Ergebnis des österreichischen Sanierungsprogram ms zu machen. Salter beifindet sich gegenwärtig in Paris und wird wahrscheinlich vor der Komimissivn am DonnerZitag. evsche'inien. _ Re griechische Nationalversammlung Vertrauensvotum für die Regierung. — Ausrufung der Republik. (Eigendienst der ,Wiener Morgenzeitung".) Athen, 26. Februar. Die Negierung hat heute nach» mittags in der entscheidenden Abstimmung der Nationa-l- ' Versammlung mit 233 gegen 107 Stimmen das Vertrauen erhalten. Ve n i s e l o s hatte noch in letzter Stunde an seine Freuende appelliert, für die Regierung zu stimmen. Damit ist die Frage des Plebiszits in Griechenlarck b e d r o h t. Die Regierung beabsichtigt, die Volksabstimmung im M a i über folgende Punkte durchzuführen: , 1. Mlösung oder Beibehaltung der gegenwärtigen Dynastie. 2. Wahl einer neuen Dynastie. 3. A u s r u f u n g d e r R e p u b l i k. Die Regierung wird in dieser Proklamatton das- Plebiszits auf Grund des Beschlusses der Nationalversammlung über die Republik empfehlen. __ zamoiskl über die baltische Konferenz. (Eigendienst oer „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 26. Februar. Heute fand eine Sitzuilg der Sejmkommission für auswärtige Angelegenheiten statt. - Der Außenminister Zamojski sprach über die Resultate der baltischen Konferenz und erklärte, daß diese günstig feien. Es wurde beschlossen, enge Annäherung auf wirtschaftlichem und kulturellent Gebiete anzustreben.^ Der Minister informierte sodann die Kommission über ' ‘ das Verhältnis Polens zu Danzig und erklärte, daß ' Polen vor denr Völkerbünde alle Fragen, die dort in bezug auf Polen zur Verhandlung kommen, mit alle? : Energie verteidigen werde.