Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1808 (27.2.1924)
- Date
- 1924-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BlizeTnnimr er R1200 Wien Zqm Ahho'en in der Expedition, Tahoratr. 1 -3, •der in einer Ver*ch1ei<«*telle §r«filc> monatl. K 35.000 trasaenverVanf m Wien durch die fColnorteare der FErma C5old*chm?edt, I. Ber„ Wollseile 11. i fit Pos! Versand für Wien o. Beaten, monatl. K 85.000 fseheeh o»'S towakei: Wo«. K18 Inposlawien: Mon Dinar60.Polen:Mon. B*4 Zloty, Deutschland Mon Goldmark 4, F ran^., Belgien; Mon. Frei, 12 Prof, Stein eeha Ver-* jüngungsmethode imFilm lener?0'»N!pl>Iii.M 200.001 Italien: Monatl1? * ire Rumänien Mon. 130! ei Bulgarien Mon. 80!.ew» Schweiz und daaührig; Ausland monatlich Frcs. Redaktion o. Adminiaträtio» Wien, IL TaWatrasse 1— Teleohone: 44-0-33,43-3-19 ab 6 Uhr ahds. 19-483,25»28' TeL- Adr.: „Mer *-nir/.eitung* Wien Oeaterreichisches Postspat bansen »Konto Nr. 150.69 Nr. 1808 SBien, MlttwiM87. Februar 1924 6. kiabraaua Sie Helden. —y. W i e n, 27. Februar. DaS Münchener Vollsgericht hat gestern die BerhaMung gegen die zehn Mahner begonnen, die anfangs November es unternommen hatten, die deutsche demokratische Republik in einem Handstreich zu stürzen und eine militärische Diktatur als Wegbereiter monarchisti- Sm Absolutismus auszurichten. Diesmal ist der seltene kl zu verzeichnen, daß einige Führer dieser Bewegung — beileibe nicht alle — auf der Anklagebank sitzen, so daß es dem Gericht sehr leicht fallen tviirde, die Fäden dieses Komplottes bis ins letzte bloßzulegen und der Oeffentlichkeit die vollste Klarheit über die vielfach recht mysteriöse Vorgeschichte dieses Putsches zu geben, der nur in seiner* gewaltsamen^ Aeußernng niedergeschlagen wurde. Die politische Strömung, die ihn erzeugte, rst nicht in ihrer Gänze ermßt worden. Das ist auch unmöglich, weil sonst das halbe deutsche Bürgertum aller Berufe und Altersklassen im Berichtssaal erscheinen müßte. Der erste Tag de» Prozesses hat übrigens schon erkennen lassen, daß es sehr viele und sehr maßgebende Stellen in Deutschland gibt, die' die volle Wahrheit nicht gerne vor dein Publikum ausgebreitet wissen wollen, und die bei den Angeklagten in diesem Streben auf ein sehr ansehnliches Maß von verständnisvoller Rücksicht rechnen. Sie gehen vielleicht gar nich' fehl, denn der rädelführende Tapezierer Hitler war bei aller Rauhbeimgkeit doch sehr vorsichtig^und warf den 'Haupttekl seiner Rede gegen den bereits gestürzten Genevalstaatskommissär Kahr, der in einem Sanatorium fern von München den schonen Tagen nachsinnt, da er. als Statthalter des Königs Juden durch seine Sbirren schikanieren lassen konnte. Das'ist jedenfalls leichter und bequemer, denn Revolution zu machen and ein politisches System in mühevoller geistiger Arb^t aufzubauön. . Es ist also noch sehr die Frage, ob dem deutschen Volk dieser Prozeß volle Befriedigung seiner berechtigten Neugierde schaffen wird. Aber doch gibt schon die Anklageschrift, so mild und lind sie von verzeihender, weil verstehender Seele geschrieben, einigen Einblick in ine -kelhaste Verschwörung, die gegen Deutschland und den Weltfrieden angezettelt worden war. und dies von Leuten, die sonst nicht hochmütig genug ihre Treue zum Bekenntnis und den Stolz ans ihr Manneswort zu rühmen wissen. Daß sie der Republik den Tod geschworen hatten, war ja. bekannt. Aber man hat inzwischen gesehen, wie sie den Kamps gegen Deutschland vorbereiteten, wie sie hochpolitische Erwägungen über die Haltung des feindlichen Auslandes enstellten und durch ihre Emissäre m Paris und Prag sondieren ließen. Das zeigt den Charakter dieier Kamvrva, für die der Meuchelmord eine harmlose Selbstverständlichkeit darstettt. Es ist keine Ueberrasckmng, daß sie gegeneinander mit derselben Hinterhältigkeit und List hatchelten, daß sie einander bespitzelten und belogen. . Dieses Gelichter gab sich als Generalpächter sämtlicher Mannestugenden, bereitete in Gshsi-msitzungen den großen Pogrom ans Leben und Besitz der Inden vor, deren.Geheimkonzil das Rückgrat dieser arischgermanischen Cdelingsweisheit bildet. Es: ist interessant, daß bisher kein einziger, der den Antisemitismus kultivierte und sich mit' seinein Ritna-lmorVbekenntnis in die Oeffentlichkeit wagte, eine scharfe Prüfung auf moralische Wertigkeit erträgt. Es sind , alles durch die Bank Betrüger, die wahrscheinlich selbst nicht glauben, was sie mit demagogischem Geheul dein Volk erzählen und wofür sie sich mit viel Geld bezahlen lasser.. Tie Niedertracht ihrer Gesinnung pumpen sie in die ahnungslose Jugend und erziehen solche Individuen wie den Nowosat. An ihren Früchteln erkennt Man sie. Diese. Letzte nun maßten sich an, in die politische Entwicklung des deutschen Volles belli,mmend einzugreifen und sein Schicksal zu drehen. Sie haben nach der Niederlage aus den europäischen und asiatischen Schlachtfeldern npd auf allen Meeren dem Volk keine ruhige Minute zum Verschnaufen aegount. Sie haben immer Weiter in den Konflikt mir Frankreich yineingetrieben. ' Sie sind aktive Werkzeuge des' französischen Imveralisnms gewesen, . der sich ihrer nur allzu gut b.'dieneu konnte. Aber ihnen cm 's darum, unter den deutschen Arbeitern ein Geru ,:i nznrichten und die deutsche Wirtschaft zu ■ zerstören. * nannten das Bekämpfung des Marxismus und öci. Judentums, lveil eben jedes Kind einen Namen haben raup Wer gegen Kahr. Der erste Tag des MonstervroMs in München. (von unserem Spezialberichterftalter.) (A. B.) München, 26. Februar. Der sonist so rachige Stadtteil, in dem das Gobäiude der chenEgen Kriegsschule liegt, ze-iqt seit heute früh ungemein 'bewegtes L-oben. An allen Ecken stauen sich hinter den Absperrkordons der Lawdespoliz e i Nougierige. die ivgeud e'm Eveigms erwarten. Doch ist durch die radikalen Maßnahmen jede Sensation, wenigstens auf der Straße, von Vovrchevem unmöglich gewo-vden, es sei denn, daß die Nationalsozialisten <mf irgend ein Stichwort aus dem Bechandlmigssaal hin chre bisherige T a k t i k d e 's A >b w a r t e n s aufgeben. Die Stimmung der Straße ist. was dem Fremden ganz böstmdrirS auffällt, entschieden gegen Hitler mrd sti'me Partei. Man hat in der ersten Zeit nachdem Novonvberpnijisch viel davon zu lesin bekormnen, daß München von. Sympathie für die abgebli'tzen Putfchdften übeofließe.- Run, g-estem abends wunde der Anbozug. der Hitler' unter starker Bedeckung aus Landsberg am Lech nach München brachte, auf der Straße von einer erbitterten Menge altgegriffen. Es gab einen - ' Sturm gegen Hitler, den die Polizei mit G umrn i Ln üLtc.In abwchren Müßte. * ' In Wr'ensien- Morgenstu'llden -wurden heute die: Straßen zur Kr-ieasschyle abge rjegel tv&'flfe Passanten mußten sich legitinriereu. Das Gebäude des Prozesses ftllfft sieht wie eine Kaserne aus. An allen Toren, in den Gänaen blitzen Waffen. Posten Wien jedermann an und verlangen Ausweis. Vor dmr SItznMssaal sto'hen Detektiv Z d e r P o l iz e i i n Z i v i l, die wiederum Kontrolle üben. Der Sitzungssaal, der mit seiner gepfeilten Decke einen nicht u,nfreuin>dlichen Eindruck.macht. tat®» sich gegen halb neun Uhr zu Men und in den ersten Sttchlreihen hatten bevorzugte ' Ioch-örer' Plah gen-o-uttnen. Dahinter auf sechzig Plätzen die Vertreter.der deutschen Presse und eine Reihe von Ausländern.. Kurz nach halb neun Uhr erschien der die Anklage vertretende Erste Staatsanwalt S te ng le i n. herauf die Verteidiger, die auf der rechten Seite des Saales ihre Sitze 'haben. Gegen dreiviertel, neun Uhr betraten gemeinsam die Angeklagten den Saal, als' erster GeneralLudend o r ff in ctnenl Zivilanzug. als einer der letzten Hitler im schwarzen Anzug. Die Angeklagten gegrüßten ihre Anwälte und nahmen hierauf ihre ans der linken'Seite gelegenen Plätze ein. ---■•*■■ .. Bon .den AnaeAaMu. ist u»ur Leutnant Wagner in Uniform erschienen, Hitler und Ludendorff begrüßten sich mit Häudedruck. SiebenMmortenvorneun Uhr erschien -das Gericht, /das aus zwei belehrten Richtern und drei Laierrvichtern zufaunuengefttzt ist. ' Der Vorsitzende vertieft d'e Rainen «der AngoklaiMi. Bei der Ueberprüfung der Personalien bestätigt Hitler alles mit kurzen, höflichen Ve.r.bsuMr-->!en, währeird Ludendorff sitzend eitrige Taten mÄ lan-ter Stimme korrigiert. Angc-l agt sind: Ter Tapez'erer Adolf Hitler (die Anklage bezeichmt ihn als SchnffftÄ'ler), General a. D. L u d e nd o r f f, Sil'orstlän'daerichtsra: v. P o e h n e r Oberamttnann bei der Münchner Polizeidirektion F r i ck. Tierarzt Doktor W.eber, Hauptmann a. D. R oehn. Oberleuttraut d. R. und Stnd'Mnder der Staalswissenschaften Brückner, Leutnant'W a g n e r, Oberstleutnant a. D. K r i e b e l und Der BanlsMeik. Annäherung? Die EinigunsisverhaMungen im Bankenstreik sind gestern erst um Mitternacht zu Ende gegangen. Im Lause der Aussprache hat sich, wie wir erfahren, bei einigen Punkten eine Annäherifng erzielen lassen. Die Pertreter der Banken und der Streikenden werden heute ihre» Gruppen Bericht über die gestern nachts erzielten Resultate erstatten, worauf die gemeinsamen Verhandlungen fortgesetzt werden. Oberleutnant a. D. und Bankbeamter P e r n e t, samkkich» mit Ausnahnre Luden'dorffs in Untersuchungshaft Der Vorsitzende stellt dann fest, daß die Zeugen etf für spätere Tage geladen sind und gibt dem Staats auwalt das Wvr-t zur AuLlageschrift. Der Staatsanwab begrMt sogleich, in ziemlich langsamem Tempo, die Aullageschrist zu verlesen. ' Die Anklageschrift gibt einleitend zunächst eine länger, Schilderung der Vorgänge im Bürgerbraukeller am Abent des 8. November vorigen Jahves, in der die bekannte Tatsache hervorgehoben wird, daß Kahr, General v. Los. sow und Seisser nur scheinbar auf die Forderunger Hitlers und seiner Anbäuger eingegaugen waren, um ihn Bewegungsfreiheit wieder zu gewinnen und so bald et möglich war, ungesäumt die notwendigen Maßnabmen zur Niederschlagung des Putsches zu treffen. Die Anklageschrift zitiert in diesem Zusammenhang eine Aeußevu-ng 5Mrs zu Hitler: „Sie können mich festnohmen, können mich tot» schießeil lassen. Sie können sich selber, totschießen, sterben ober nicht sterben ist. bedeutungslos". Der zweite Hauptabschnitt der Anklageschrift befaßt sich mit den Bemühungen Kahrs, Lossows und Seissers den K ä m p f b u n d von einer Aktion ftrnzubalten. DaS Generglstaatskommissariat hatte erfahren, daß schon tt» emer Besprechung der Mhrer der. nationalistischen Sturm« abteilungen am 23. Oktober von einer gewaltsamen Evr richtung einer Reichsdiktatnr Hitler-Lubendorff in Bayern gesprochen wurde. Der dritte Abschnitt der Anklageschrift besaßt sich mit der Aktion sMt und mit den an ihr beteiligten Verbänden. Aus den detailliert wiedergegebenen Vorbeveittmgen geht hervor, daß in ganz Bayern Geheimbesehle zur Mobilisierung und zum Marsche nach' Berlin aus gegeben wurden. Hierher gebort auch die Tätigkeit des Oberleutnants Roßbach (der kürst'ch in Wien verhaftet wurde und die Erlaubnis erhielt, in Salzburg zu bleiben. Red.), der. tvas bisber unbekannt war, seit anfangs Oktober 1923 mit Erfolg bemübt war, die inngeren Angehörigen der Infanterieschule für die höllische Erhebung im Sinne der.^itlerschen Ideen m begeistern. In den letzten Abschnitten besaßt sich die Anklageschrift mit der besonderen Schuldiraae der einzelnen Angeklagten. Adoli Hitler wird als Seele des ganzen Unternehmens bezeichnet. Bei General L u d e n d o r f f sei die Annahme begründet, daß er über das für den 8. Navember geplante Unterne'l'nreu schon vorber oenau unterrichtet war. Von dem Rat . am Obersten Landgericht Minchen, Ernst Poe hu er, behauptet die Anklage, daß er schon einen Tag vorber von den Planen Hitlers unterrichtet aetve^en sei. ebenso stabe der Oberanstmann bei der Poli'eidirektiou München, Willelm Fr ick. nch schon vor-- ber bereit erklärt, für den srgll einer völl'^chen Erheblmg den Posten eines Polizeipräsidenten in München anmne'l'mcn. ebenw stab-: er von den st'ir den Abend des 8. November gevlanten Ereign'ssen Kenntnis staben müssen. Bon Dr. Friedrich Weber behauptet die Anllaae. daß er die Durchsü^rung des Unternehmens vom 8. November erst ermöql'chte. indem er als politischer Führer des Bundes Oberland das Gewicht dieses Bundes zugunsten ->es Unternehmens in die Waaschale warf. Hauptmann a. D. Roehn wußte schon am 7. November von dem gevlanten Unternehnien und war derjenige, der das Wehrkreiskommando im Aufträge der neuen Machtstaber besetzte. Oberleutnant d. R. Wilstelm Brückner veranlaßte die Mobilmachung des nationalsozialistifchen Regiments, Leutnant Robert Wagner die Alarmierung der Inlanterieschuke zugunsten des Unternehmens, Oberstleutnant K r i e b e l ■ war der militärische Führer des Kampfbundes, ließ G es ch ü tz e aufsahren usw., und Oberleutnant a. D. P e r n e t (der Stiefsohn Ludendorsfs) war als Verbindungsoffizier zwischen den einzelnen Persönlichkeiten mW Besebl-stellcn vor mch während des Unternehmens tätig.