Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1807 (26.2.1924)
- Date
- 1924-02-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Kr. 1807 _Wen, DveriSkH _ Miene« Morgenzeitung. Regiernng selbst schuld sei, und daß die n-eusrntzefülhrte Spar kröne kein neues Geld, sondern lediglich einen iMbeiimmten Züricher Kirrs bedeut-e. Die Einführung der Sparkrone werde mrr neue Panik und Teuerung zur Folge halben. La» System der strammen Männer. Budapest, 25. Februar. "(Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Der Verhandlungsleiter im Mordprozeß gegen den weißterroristischen Gefreiten Tassy, Majorauditor Györffy, verabschiedete sich nach der Zeugeneinvernahme des berüchtigten Massenmörders Michael Francia-Kiß von diesem mit den Worten: „Leben Sie wähl, Michael!" Wie der „Pester Lloyd" mitteilt, setzte iükasomuditor Györffy vor der Urtei'lsPubliLction den anwesenden Journalisten die Motive seines innigen Abschiedsgrußes au Francia-Kiß folgendermaßen auseinander: „Ich nehme die Gelegenheit wahr, um vor der Ocffentlichkeit festzustellen, daß ich über niemand den Stab breche, den noch kein Urteil schuldig gesprochen hat. Als hier im Saal ein so hübscher, stra-mmer Ungar als Zeuge erschien, dom keinerlei Schuld nachgewiesen ist, konnte ich nicht umhin, ihn mit einem freundlichen Wort zu verabschieden. Ich bin überzeugt, daß hundert so stramme Männer genügen würden, dieses sündige Budapest zu säubern." Soziallstenverhastungm in Warschau. Mit Berufung mtf das Tschecho-slo'wakische Preßbureau brachten einige Wiener Zeit-uugen von: 20 d. eine Nachricht über angebliche Berhaftttnaeu politischer Persönlichkeiten in Warschau, darunter hauptsächlich Führer und Mitglieder der 'o'/alisrischen Gewerkschaften. Auf Grund eingehakter iLrkund.gnr.geil ist die polnische Gesandtschaft in der Lage, sostzust llen. daß obige Meldu-ng den Tatsachen in keiner Weise entspricht. Ein .zweites Dementi. Warschau, 25. Februar. (P. T. A.) Die Gerüchte über öic bevorstehende Ddnttssion des Ministers des Innern S o l t a n tverden mntlich dementiert. Die Wischen Gemeindewahlen in Polen. (Eigeudienst der „Wiener Akorgenzcitung".) Warschau, 24. Febrrmr. Der Obmann des jüdischen Schmklnbs Dr. Reich konferierte mit dem Unterrichtsminister M i k l a s z e w s k i über die Mahlen in die jüdischen Gemeinden. Nach Jnsomnationen des „Moment" ist der ursprüngliche Plan für die Durchführung dieser Wahlen abgeändert worden. Vorerst sollen nur die Wahlen in den jüdischen Gemeinden Kongreßpolens statt-- finden, in G a l i z i e n und in den Randgebieten werden sie erst später, nach einer Verständigung mit den maßgebenden Kreisen über die Art der Durchführung, vorgeuommen werden. Die Verordnung über die Wahlen in Kongreßpolen soll in allernächster Zeit erscheinen. Abg. Dr. Reich -wurde auch vom Ministerpräsidenten Grabski empfangen, dem er die Wünsche und Beschwerden der jüdischen Bevölkerung vorlegte. Der Ministerpräsident ersuchte Dr. Reich, ihnk zu der nächsten Besprechung, die für die kommende Woche in Aussicht genommen ist, ein ausführliches Memorandum zu übermitteln. Abg. Griinbaum gegen die Verleumdungen der Hetzpresie. Am 29. >v. beginnt vor dem Warschauer Strafgerichts ein interessanter politischer Prozeß. Kläger ist der jüdische Abg. Grünbaum, angeklagt erschstnen die verantwortlichen Redakteure der antisemitischen Warschauer Blätter: „S e r e t a", „W a s z a w s f a", „R zoczpospolita" und „Rozwos". Die genannten Zeitungen haben die Nachricht gebrach:, Abg. Grünbannt habe im Jahre 1920 au einer geheimen Konferenz in Soubon teilgeiiomrnen, die ans Initiative Grünbanms feindliche Beschlüsse gegenüber Polen gefaßt hoben soll. Es wird sich nun zeigen, wie die Gerichte sich der Hetzpresse gegenüber verhalten werden. Die Behörden haben seinerzeit die verleumderischen Artikel anstandslos passieren lassen. Prozeß gegen jüdische Komnunnsten in Krakau. Ans Krakau wird uns unterm 19. d. berichtet: Der mehrere Tage dauernde Prozeß gegen neun Mitglieder der jüdischen Arbeiterorganisation „Kombund" in Krakau, bei denen anläßlich von Hausdurchsuchungen kommunistische Broschüren gefunden wurden und die deshalb wcgen staatsgefährlicher Propaganda unter Anlage standen, fand gestern seinen Abschluß. Ein Angeklagter wurde zu zwei Jahren, ein anderer zu anderthalb I a h - e n schweren Kerkers verurteilt: die übrigen wurden f r e i g e >'p r c> ch e n. Dir Auswanderung aus Polen. Wie polnische Blätter melden, nimmt die Auswanderung aus Polen nach Frankreich stetig zu. Nach der neuesten offiziellen Statistik beläuft sich die Kopfzahl der nach Frankreich ausgewanderten polnischen S t a a t s a n g e h ö r i g e n auf 10 0,000. Es sind dies zumeist Land- und Bergarbeiter. der Streit um den Pharao. London, 25. Februar. (Tel.-Kcmp.) Man meldet aus ddairo, daß der Prozeß Howard Carter gegen die ägyptische Negierung gestern -in Kairo eröffnet wurde. Die Verhandlung wurde aber nach kurzer Dauer auf drei Tage unterbräche n, da Carter auf Ersuchen des Gerichtes eine Bestätigung seiner bisherigen Vollmachten von der Witwe LadyCarnarvon einho'le-n muß. Kennen Eie schon dte grandiose Wirkung des Franzbranntwein? Feder Gesunde jeder Kranke wird es Ihnen bestätigen, dass die denkbar beste Wirkung durch Aaua Frnnzbrauntwein mit Menthol erzielt wird CT^tHTTt k a lt l t ch Iiana-Franzbranntwrin ProdnMons Ges. wjen, ii. Puag. rni. Engerthstrassc 189 Lieben, Drahobeljova 1073 Ier Kamps um den Nordpol. London, 25. Februar. (Tel. der „Wiener Morgen-- zeilung".) Nach Me-ldu-ngen aus W a s h ington hat der anrevikairische Marineminister gestern die Offiziere der Luftschiffstation von Lakebnr-n (Naw-Jerfey), ivo sich das Lnstschiff „Shenandoa" befindet, verständigt, daß der Plan einer Nordpolsahrt des Luftschiffes endgültig fallen gelassen worden sei. Zeittmgsnachrichten zufolge soll an Stelle des nntcMieibenen aimevikmischen Fluges nach dem Nordpol von englischer Seite ei-n Versuch unternommen werden, den Nordpol hu Flugzeug zu erreichen. Zu diesem Zweck ist der Luftkrenzer „R. 36" auserschen, der seine Kreuzfahrt nach dem Nordpol unter der Führung des Kommandanten Boothy anfangs Mai antreten dürste. Ae Rew-Aorker Konferenz über dir gewish Agenrh. New-Hort, 22. Fckbruar. (I. T. A.) Ueber die am 17. d. stattgefundene Konferenz der 150 angesehensten jüdischen Pevsönlichkeiten, die der Präsident des amerikanisch-jüdischen Komitees Louis Mars hall zum Zweck einer Aussprache Wer die Beteiligung an der Jewish Agency und über die Schaffung einer Invest:- t i o n s b a n t für Palä st i n a zusainmenbemfen hatte, wird weiter berichtet: Auf dw Konferenz sprachen neben Marshall Dr. W e i z m a n n, dem stürmische Ovationen bereitet wurden, und dem Mitglied hr Zionistischen Exekutive in Palästina Dr. N u p p i n Dr. Cyrus Adle r, Colonel H. Lehmann, Richter I. Lehmann, Prof. Salomon S o l i s - C o h e n n. a. Alle Redner betonten, daß die jüdische Heimstätte in Palästina -nunmehr eine vollendete T a t s a ch e sei. Es sei darum die Aufgabe alle r Jude n, ob sie nun der Zionistischen Organisation angehören oder nicht, durch Beteiligung an der Palä sti ua - Investie rungs - Körperschaft und der Iewish Agench.positiv für die Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Palästina und ihre Stellung ans eine feste Grundlage tätig sein. Es kann als siche r angesehen werden, daß das I o i n t. D i st r i b u t i o n - C o m m : 11 e c, der P a I estine D c v e l o p m e n t C o u n c i l (Brandeis-Gruppe) und die vor zwei Jahren von Mr. Benderley gegründete A nr e x i c an Pale st i n e C o m p a n y sich der neuen Jnvestierungskovperschaift anschließen werden. Auf diese Weise würden alle finanziellen Bemühungen für den wirtschaftlichen W i e d e r a u f b a n Pal ä-- st i n a s vereinigt se i n. Schneestürme in Rew-Pork. New-Aork, 25. Februar. Neiv-Pork ist, wie Universal Telegraph Agency meldet, von eineuc beispiellosen S ch n e e st u r m heimgesucht worden. 14.000 Arbeiter wurden aufgeboten, um wenigstens die Hauptstraßen von den Schneemassen zu säubern, die jeden Verkehr unmöglich machten. Telegraphenunb Telephonlinicn sind gestört. Längs der ganzen atlantischen Küste hat der durch zwei Tage andauernde Schueesturm schwere Schäden angerichtet. Viele Schiffe sind gesunken. 26. Februar- 1921 'Seite o Zuland. ein Hirtenbrief. Die Erzbischöfe und Bischöfe Oesterreichs haben einen .Hirtenbrief erlassen, in bom es unter anderem heißt: Wonn die Kirche gegen die moderne Zivilis a t i o n oder Bildung ankämpft. so ist keineswegs die wahre Bildung gemeint, die vielmehr von der Kirche jederzeit freudig anerkannt und in ihre eigenen Dienst,- genommen wird, sondern jene HaMildnng und hohle Kultur, die das Diesseits über das Jenseits stellt, im materiellen und technische-n Fortschritt das höchste und wahre ErdenMck evblickt und den Geist zum Sklaven des -Fleisches erniedrigt. Aeußere Zivilisation geht oftmals Hand in .Ha-ud mit innerer sittlicher Fäulnis. Zm Namen des Fortschritts, des Lib e ra l is nrus und der Zivilisation verlangt man die Trennung von Staat und Kirche, von Religion mrd Schule, die Zivilehe und Ehetrennung, einen rein weltlichen Moralunierricht, die Loichenvevbremrung, die s ch r a n f c n I o s e P r e }V u n d Redefreiheit; alles Irrtümer und Fordeeun^ gen, die mit den Grnndamschannngen der Kirche im Widerspruch stehen. Die S e u ch e d e s nt o d e u n e n G e i ste s ist ein fressendes Gift, das in denen, die davon angesteckt sind, den ü der n a tü r l i ch e n Glauben und die troukirchliche Gesinnung in -uuheimlicker Weise zerstört. Tagesbericht. Willibald Wewirk. D«r Bahnhoftürsteher am Grazer Hauptbahnhof. In die dürren Atieit des Nationalrates dringi. mandnna! auch der ftische Wind des Lebens. Das Limntt, wie gesagr, n.ich: sehr oft vor, und wenn es geschicht, so tttt die hohe Obrigkeit alles, um den Wind abznschwächen und ihn nicht über das Säuseln hinauskommen zu lasten. Sie stell: die Tinge so dar, wie sie sich eben ans Akten, Einvernahmerr dienstlichen Charakters und ebenso di-enstlichen Relationen ergeben.' Aber so ganz bremsen läßt sich das Tempo wicht, und so erfährt man zum Beispiel aus einer Anfragebeanrwor-tung des Herrn Buiwcsministers für Handel, daß der Lüchcher (Portier) des Grazer Hauptbahnhoses, Herr Willibald Zw ei dich seine eigene Meinung über Absperr-maßnahmen hat und dies an: 18. Februar gezeigt hat. Der Mmrster stellt dies (unter 8-A. B. zu A-iJ.) so dar: „Hinsichtlich des Falles .vom 18. Jünm-r 1924 wm-de Mwben, daß der Wiener Sckm-ellzug Nr. 10 vo>: Spielfeid-^ -Dtraß eme Verspätung von 35 Mnuten gvmekdet statt: uua m Graz um 5 Uhr 55 Mm. antommen sollte. Die Türst?!',:' wurden vom Fahrdienstleiter verständigt, daß der Schnell zug gleich nach der Abfahrt des Marbnrger Personennlc.es - Nr. 16 emfahren werde Der Dursteher Willibald Zweidut. . Dem das -Oeffnen der BahwfteWaren zum Warlerraum zweiter Masse und zu den Bcchnhofgasttvivtfchafrsräur::eu ost lag, hat die Reisenden von der Verspätung des Schnellzuges anläßlich des Oeffnens -der Türen zun: Entsteigen 'n ö?n Marburger PensonenMg verständigt und die Türe,: wc.zcu der b-elvovstehenden Abfahrt diests Personenzuges vom er sie? BohnsteiWeleis« wieder geschlossen. Während der Ä-nsfahr: Vitt es Zuges ist mi zweiten Gvleise der Wiener S-chneiLona erngefchren. -den Zweidick angeblich überhör: nna iuschädes dichten Nebels auch später nicht gesehen hat - Zweidicr vor dem Wavtevcmm zweiter Klasse vergeblich aus di: Ciu fahrt des SchMllzuges gewartet und sich WieUich z>:m dienstleiter begeben, nur die Ankunft des Schnellzuges zu cv fragen. Mittlerweile ist der um 3 Uhr 50 Min angetoiumer.e Schnellzug um 5 Ilhr 59 Min. abgefahren. Zweidict ho: -unterlassen, sich sofort nach Ausfahrt des Marburge': B::- wnenzuges um den Wiener Schnellzug zu fi'tmmau. D:m Fahrdienstleiter tarnt mit Rücksicht auf-seine einwane-sr-eie Berständigmlg der Türsteher kein Borwurf gemach: werden, so daß Zweidick allein das Verschulden an dem-Vorsatr rriss:. wofür er von der Bahnvevwallung zur Verantwortung gezogen werden wird. Nach den bahnseitigen Echebunocu stoben nur acht Reisende — nicht etwa 30, wie es in der Anfrogc heißt — den Wiener 'Schnellzug versäum:. Wie .rurlgeuttt tvmde, haben mehrere Lettie auch den um 6 Uhr Itt'Mrn. mach Wien abgchenden Personenzug Nr. 20 versäum:, da sie durch Beschwerdeführung beim Fahridienstteiter und ttll'is auch durch die begreifliche Unentsch'lost'enheit, dir Reise überstanv: anzutveten, die Abfährzeii dieses Zuges versiroichen ließen'." Die Sache war also, wenn man die obrigkeitliche Dar-, stellutltz ins Deutsche übersetzt, so vor sich -gegangen: Willibald Zweideck machte die Türe auf, schrie hinein: ..Einsteig'n zau Morburger Schnvllzug'/' und machte die Türe wieder bnmstst zu, weil der Wiener Schnellzug einsahren sollte. Wenn d:r Wiener Zug kommt, brauchen die Leut:, die nach A.'arbiirg sichren, nicht «inzusteigen ■ Da aber Zw erd ick diesen Wiener Zug nicht sich, ging er weg. Und wavd nicht mehr gesesten. Die Bahnsteigtüren (lies Perronttiren) und die zu den Badnhosgasttvivtschastsräunren (lies Restaurant) waren zu und die SchlüsM bei Willibald Jwsidickder mit ihnen im Nebel verschwunden war. Es fuhr der Schnellzug nach Marburg, darru jener von Marburg weg. In: Warteraum tobten ach:, n'.ckn 3Ü Passagiere und schrien nach Willibald Zweidick. Der, wie schon bemerkt, weg war, nachdem er durch ein laudläusio: Zitat ans Götz von Berlichingen seine Ansicht über oeu D-ieiui im allgerneinen und über die Grazer Bagasch eindeutig nno kräftig ausgesprochen hatte. Inzwischen fuhr aber auch -noch der Personenzug nach Wien ab. Die Paffagiere hatten beim Fastr i dienstleiter (?) Beschwerde geführt, weil sie durch Willibald Zweidick emgespervt tvorden waren (man kann sich Ton und In