Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1805 (24.2.1924)
- Date
- 1924-02-24
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980888--17921-3004949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
OCR text
Nr. 1805 Men, SonMg __* Wiener Motrgenzeilunü.__ Me Wohnhausbmlten der Gemeinde Wien. Keine Verschiebung der Bauer. - Die Nichtbewilligung der Wohnbausteuer ohne Be» deutnng. - Moderne Lurchsührung de« Hausbaues. — Kein Llchthof. - KindersvielWtze l« Hanfe. - Schaffung von Hstnserkompleren mit BortragrsSlen und Bolkrbibllotheten. DaS Wohnbanprogramm bleibt ungeändert. Die Wohnhausbarcten der Gemeinde Wien stehen im Vordergründe des Interesses, da Tausenden Obdachlosen oder Schlechtwohnenden geholfen werden soll. Wir haben uns deshalb um eingehende Auskünfte über das Banprogramm an einige maßgebende Persönlichkeiten gewendet und legen die ersten Mitteilungen hierüber vor. Der Baure streut der Genieinde Wien, Stadtrat Siegel, erklärt: In diesem Jahre werden beinahe 1600 Wohnungen errichtet. Sobald die ungünstige Witterung anshört, wird mit dem Graben begonnen werden. Die Nichtbewilliguug der Wohnbausteuer durch den Bund hat auf das Bauprogramm gar keinen Einfluß. Von den vorgelegteu Projekten in -den Bezirken 2 bis 21 sind folgende vier im Ausschuß bereits früher genehmigt: 9. Bezirk: Neubau zwischen Spittelaucr- und Tepfergasse mit 112 Wohnungen, Projekt des Professors der Technik, Architekten Kraus; 10. Bezirk: in der Quaringasse mit 125 Wohnungen, Projekt des Architekten Professor Theiß; im 15. Bezirk: auf den Gründen der ehemaligen Schmelz in der Alliogasse mit 110 Wohnungen, nach den Plänen des Stadtbauamtes, Architekt Mihal und inr 17. Bezirk: in der Hernalser Hauptstraße 70, ein Wohnhaus mit 2-3 Wohnungen, das Musterküchen aufweisen wird, Projekt der Architekten Pollak und Hellwigh. Das letztere Projekt ist vom Gemeinderate bereits längst bewilligt, während die anderen am 15. d. zur Bewilligung kamen. Das bedeutendste Projekt ist das in der Saudleite,i im 16. Bezirk (von der Sandleitengasse bis zum Wichelminenberg). Hier sind gegen 1100 Wohnungen geplant, von denen in diesem Jahre mehr als die Hälfte vollendet werden sollen. Die Konkurrenz für dieses Projekt ist ausgeschrieben, jedoch noch nicht durchgeführt. Der interessanteste Ban wird der im 20. Bezirk, Pasettistraße-Stromstraße, beim Handelskai, sein, der 600 Wohnungen umfassen wird. Hier hat an dem Projekte eine Reihe der bekanntesten Architekten mit-- gearbeitet: Professor Behrens, von dem auch ein Projekt im 21. Bezirk (Konstanziestraße) stammt, Prof. Frank, der auch den Plan zu dem Hausbau in der Preischgogasse im 17. Bezirk geschaffen hat, Prof. Strnad, Prof. Josef Hoffmann, Adolf Loos, Schuster, Grete Lihotzky und Dr. ing. Wlack. Der nächstgrößere Bauplatz liegt rm 12. Bezirk zwischen der Murlingergasse und der Retzgasse und schließt sich an den Fuchsenfeldhof an. Hier werden 660 Wohnungen geschaffen werden, deren Pläne von den Architekten Schmid und Aichinger herrühren. Die Zusammenstellung der Wohnungen ist folgende: 2. Bezirk: 200; 3. Bezirk: 190; 5. Bezirk: 260; 8. Bezirk: 10; 9. Bezirk: 172; 10. Bezirk: 225; 11. Bezirk: 111; 18. Bezirk: 500; 13. Bezirk: 220; 15. Bezirk: 110; 16. Bezirk: 780; 17. Bezirk: 83; 18. Bezirk: 190; 19. Bezirk: 235; 20. Bezirk: 600; 21. Bezirk: 265; in Summe 1571 Wohnungen. Es wurde «in einer vertraulichen Sitzung des Gerne inderates im Jänner festgestellt und wird vereinbarungsgemäß durchgeführt lverden. Möglich ist, daß ein Bau nicht begonlien werden kann, weil bisher der Grund nicht frei bekommen wurde. Besonders das große Projekt rm 20. Bezirk wird noch manche Sitzungen nötig macheix, da es die modernstell und fortschrittlichsten Probleme der Baukunst zur Grundlage hat, worüber noch manche Diskussionen zu führen sind. Pros. Dr. Oskar S t r n a d ist beteiligt an dem Bau des großen 600 Wohnungen-Proj ekies im 20. Bezirk (Pasettistraße- Vorgartettstraße-Stromstraße) und hat den Plan eines modernen Wohnhauses in Liechlenthal an Stelle der baufälligen Häuser in der Marktgasse-Thurygasse-Fechtevgasse mit 60 Wohnungen vorgelegt. Er erklärt uns: Die moderne Auffassung geht davon aus, daß Licht, Sonne und direkte Beleuchtung womöglich für jeden Wohmamn geschaffen ivcvden. Die Licht- Höfe sind abgeschafft. An ihre Stelle treten die Kinderspielplätze, die so angelegt sind, daß von jeder Wohnung aus eine Beaufsichtigung möglich ist, und kleine Gärten. In früherer Zeit lvurden Häuser gebaut, um eine günstige, materielle Verlvertung zu schaffen. Sie waren Dekorationsobjekte zum Zwecke des Weiterverkaufes. Bei den jetzt kommenden Bauten tritt das soziale und künstlerische Mo ment in den Vordergrund. Die ersten Wohnbauten sind naturgemäß Volkswohnbauten, bei denen Bequemlichkeit und praktischer Nutzen als das Wichtigste erscheinen. In dem Wohnhause in Liechten-- thal, das im Spätherbst fertig sein dürfte, wird die Küche nicht als Wohnküche verwendet werden können, sondern so eingerichtet sein, daß sie nicht als Schlafraum dienen kann, während in anderen projektierten Häusern die Küche auch als Zimmer gedacht ist. Gemeinsam ist den meisten Projekten die Idee, daß bloß drei Wohnungen an einer St rege liegen, so daß die Korridore abgeschafft sind und infolge des nahen Aneincmderwohnens die so oft eintretenden Streitigkeiten unter den Parteien vermieden werben. Die Wohnungen werden mit den modernsten Einrichtungen versehen sein, so einem gemeinsamen Bad in jedem Stockwerk, Gas, elektrischem Licht. Die Stadtviertel-Bauten. Bei dem großen Häuserkomplex im 20. Bezirk wird es ruöglich sein, etwas besonders Hervorragendes zu schaffen, zumal die Architekten vollste Unterstützung beim Baureferenten der Gemeinde Wien finden. Hier wird ein Stadtviertel gebaut iverden, bei ivelchem großzügige Pläne durchgefühvt werden können. Dieser Komplex wird eine Zentralwaschanstalt, ein Kino, ein Lokal für Versammlungen oder Aufführungen, verbunden mit einem Gasthausbetrieb, eine 24. Fobvu-av 1924 Seite 9 Volksbibliothek, Spielplätze und andere Einrichtungen enthalten und das Prinzip der offenen Haushöfe durchführen, das heißt, statt der bisherigen Einzelhöfe wird der ganze Komplex einen einzigen, großen Haushof besitzen, bei welchem der Eingang von der Straße aus geplant ist. Dieser große Hof wird ein Luftreservoir bilden und gleichzeitig einen schönen Garten mH einem Erinuerungsdeukmal därstelleu. Bei diesem Projekt dürfte es gelingen, die modernzre Auffassung des Baues mit dem Sinne für das Praktische zu vereinen. Während bei den Einzelbauten an Kleinwohnungen (Küche, ein oder zwei Zimmer mit Vorzimmer) gedacht wird, kommen bei dem großen Projekt auch Mittelstandswohnungen in Betracht. Die Bauten werden einer großen Anzahl von Architekten, Baumeistern, Arbeitern und Gewerbsleuten Arbeit verschaffen und so zur Behebung der Arbeitslosigkeit beitragen. Prof. Di'. Joses Hoffman n, der gleichfalls an dem großen Projekt im 20. Bezirk beteiligt ist, hat die Pläne für ein Wohnhaus in der Felix Mottlstraße ausgearbcitet, wo 10O Wohnungen geschaffen werden. Er ist ein Anhänger der Idee der Wohnküche, insbesondere der Kochnische, die die Benützung der Küche als Wohn- und Schlafraum ermöglicht, ohne gesundheitlichen Schaden. Nach diesem Prinzip wird das Haus in Liechtenthal gebaut iverden. Statt des Lichthofes wird ein A u f e n t h a l t s r a u m für Kinder mit gedeckter Veranda geschaffen, und ein Planschbecken für Kinder sowie für ihre Spiele eingerichtete Werkstätten. Auch ein Raum für Auffichtspersonen wird in diesem Kindergarten vorhanden sein. Fünf Prozent des Hauses wird für größere Wohnungen bestimmt, während alle sonstigen Wohnungen Kleinwohnungen mit Küche (Wohnküche), Zimmer, Borranm darstellen. Das projektierte Hans dürfte im März 1925 zum Einziehen fertig stehen. Im Großen und Ganzen werden alle die geplanten Volkswohnungen nach demselben Grundsätze gebaut und nur geringfügige Abweichungen enthalten. Allen ist das Prinzip gemeinsam, daß die Leute, mn gesund zu wohnen, Licht und Lust, und die Kinder Betvegungsfreiheit in dem in jedem Hause vorhandenen Spielplätze genießen. Ein Badezimmer für jede der kleinen Wohnungen kann nicht eingerichtet lverden, weshalb die Einrichtung des gemeinsamen Bades vorgezogen wurde. Auch von einer gemeinsamen Heizung mußte Abstand genommen wevden. Es werden auch größere Bauten für Siedlungsgesellschaften durchgeführt, für die Professor Behrens mit mehreren Architekten die Pläne ausgearbeitet hat. Architekt Baurat Theiß, der ge-Peinsam mit dem Professor Jaksch die Pläne für die Volkswohnhäuser hu 10. Bezirk (Spinnerin am Kreuz) mit 130 Wohnungen hergestellt hat, ist Anhänger des D r e i r ä u m e s y st e m s (ein Raum für die männlichen Bewohner, einer für die weiblichen und der dritte als gemeinsamer Aufenthaltsort). Dieses System ist bei 100 Kleinwohnungen für die Alpine Montangesellschaft in Luttenberg mit Erfolg durchgeführt worden, konnte aber bei den Wiener Bauten nicht zur Geltung gelangen, die kleine PAUL PLANER A. G, WIEN-BERLIN Spezialverkaufsabteilung für .. HEIM-RADIOSTATIONEN Komplette Amateurempfangsstationen, sämtliche Einzelteile, Batterien, Lampen, Kopfhörer, Lautsprecher, Montagematerial ioms WIEN, II. BEZIRK, PRATERSTRASSE WB. 17 Vorführung - Instruktion - Verkauf las russische Gesicht. Von Dr. Wilhelm Stein. Man kann das, was sich seit dem Beginn der Bolschewikenhcrrschaft in Rußland zugetragen hat. auch unter dem Gesichtswinkel recht beschränkter Bourgeoisgesinnung auch so auffassen: eine Gruppe weltfremder Idealisten, die von einem dogmatischen Parteiprogramm besessen sind, haben sich mit anerkennenswerter Geschicklichkeit und Energie in den Besitz der Macht in Rußland gesetzt, um diese ihre marxistischen Ideale zu verwirklichen; sie sind zwar ait dem zähen Widerstcuw der Materie gescheitert, haben aber die Lust des Hcrrschens kennen gelernt und behaupten sich nur unter Aufgebot brutalster Gewalt, nachdem sie in Wirklichkeit ihre Ideale längst verraten und mit dem bösartigen Chauvinismus etwa Frankreichs und dem gierigen Kapitalismus der Angelsachsen ihren Frieden gemacht haben, nur um ihre persönliche Macht zu behalten. ■ Und doch ist nichts falscher als diese Auffassung der bolschcwikischeu Tat. Denn wer von wirklich sehenden Menschen in Reden oder Büchern mworeingenommen Bericht erhält, der erkennt, daß sich unter der Herrschaft des Sowjetsterns eine neue, bisher ungeahnte Welt gebiert. Erst aus einer gewissen zeitlichen Distanz heraus hat man die Funktion der großen französischen Revolution erkannt denn selbst Goethe hat die viel zitierten Worte am Lagerfeuer nach der Kanonade von Valmy: daß von hier aus und von nun an eine neue Epoche in der Weltgeschichte beginne, erst nachträglich in seinen „Feldzug in der Champagne" eingeschmuggelt. Sv auch bei der russischen Revolution. Aber schon erkennen wir auch die innere Verwandtschaft dieser ungeheuren Umsturzbewegungen. In Frankreich war cs der Versuch, die widernatürliche und unvernünftige Gesellschaftsordnung zu zerbrechen, mn an ihre Stelle eine ganz neue Gesellschaft zu setzen, die nur auf Vernunft beruhen, hu* von dem JMllekt geregelt werden sollte. In Rußland ist es die, wie die materialistische Geschichtsauffassung lehrt, durchaus unvernünftige, wahnwitzige Wirtschaftsordnung, die bis in ihre Grundfesten' hinein zerbrochen werden mußte, um die einzig vernünftige Wirtschaftsform, die sozialistische, auf ihren Trümmern aufzubanen. Beide Male ist es der bedingungslose Glaube an die sieghafte Kraft der menschlichen Vernunft, der zerstört und anfbauen möchte, „beide Male ist trotz des fundamentalen Irrtums etwas Neues, Großes, wenn auch ganz Unerwartetes auferstanden. Denn dieser Berimnftsglaube sieht im Menschen nur ein vernünftiges Wesen, dessen Denken man bloß von allen Jrrtümern und Rückständigkeiten befreien muß. Und der Mensch bleibt doch «in organisches Ganzes seiner Instinkte, Gefühle und Wollungen, ein Geschöpf der Tradition und des Milieus und vor allem der Gewöhnung, und für all das gibt die Vernunft bestenfalls die Führerin ab, aber niemals ist sie selbst schöpferisch." In einem „Russischen Tagebuch" berichtet der Däne Anker Kirkeby,^) novellistisch und nach Themen geordnet, wie er das neue Rußland erlebt hat, und Otto Flake, der wohlbekannte Romancier, schreibt dazu wirklich vorstehendes Geleitwort. Nicht auf die lebendigen Bilder des unparteiischen Kirkeby kommt es bei der Wertung des Buches an, obwohl mit ihm höchstens die seinerzeitigen Schilderungen Artur H o l l i t sch e r s verglichen werden können. Das Verdienstvolle ist, daß er ernsthaft dem Wesen des Neuen nachgräbt, das da zwischen Minsk und Wladiwostok wird. Flake sieht in den Leuten, die aus Rußland kommen und erzählen, daß dort das Leben „eigenllich" genau so abläuft wie früher, die Geistesverwandten der Schlachtenbummler, die im Kriege die Leere des modernen Schlachtfeldes als Sensation empfanden — es lag wie im Frieden da, aber es war nicht die Landschaft des Friedens. ■■■) Anker KirLebh. Russisches Taaebnch: Berlin, Verlag Elana Hvttschall. 1924. Da wird uns beispielsweise von dem Besuch in dem großen Moskauer Elektrizitätswerk erzählt, voll der entsetzlichen Bureaukratie, die zuerst überwunden werden muß, ehe man die genügende Anzahl gestempelter Einlaßkarten beisammen hat, aber auch, wie man zuerst von den Gruben abgeschuitten war während der Revolution, so daß man die ursprüngliche Kohlenfeuerung durch Holzfeuerung ersetzen mußte, wogegen jetzt, da die Bahn nach dem Kaukasus wieder frei ist, für Naphthafeuerung umgcbaut wird. Also eine nicht gerade ungewöhnliche technische Leistung. Ganz so, wie etwa der Plan, die zahlreichen noch zu bauenden Elektrizitätswerke bei den Torfmooren zu errichten, um aus diesen in recht erfinderischer Weise das nötige Feuerungsmaterial zu erzielen, Ueberhanpt ist das Projekt, die ungeheuren Wasserkräfte nutzbar zu machen, indem die Elektrizität auch auf die weitesten Entfernungen hin nicht allein der Industrie und dem Hausgewerbe, sondern auch der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt wird, ganz genial in seiner Konzeption, wenn auch der würgende Kapitalmangel das alles als berauschende Zukunftsmusik erscheinen läßt. Die weitaus größten materiellen Erfolge hat aber die Bolschewikenherrschast in der Landwirtschaft aufzuweisen, die bezeichnenderweise durchaus privatkapitalistisch betrieben wird, während die sozialisierte Industrie wie auch der Außenhandel den Staatssinruzen kaum mehr erträgliche Lasten auserlegen. Nach der Bodenverteilung, die eine Bearbeitung erst ermöglicht hat, kommt jetzt eine Umstülpung der alten Methoden durch Einführung des Vierfeldersvstems ohne Brache, dänische Viehzucht, Errichtung von Mustersarmen, landwirtschaftliche Ausstellungen, Bau eines „Zentralhauses der Bauern^ in Moskau, um diese in die Großstadt zu locken, dort zu sehen und zu lernen, und^so etwas wenigstens in ihr Dorf zu bringen. Und wenn man gar hört, T r o tz k Y habe vorausgesagt, daß in Rußland eine Zeit kommen werde, wo es zwar keine polltische Partei, wohl aber eine Kartoffelpartei oder 141