Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1805 (24.2.1924)
- Date
- 1924-02-24
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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«wie m Wien» Sonntag Wiener; Morgenzeitung. 24. Fvbvuav 1924 Wohnungen mit ztvei Räumen vorziehcn. Es ist gelungen, in dem Banko-mplcx einen geschlossenen Saal für Kiuder und Erwachsene im Plane untcrznbringen, wo Vorlesungen und belehrende Skioprikonvorführungen stattfinden werden, so daß die Bewohner dieses Häuserblockes gewissermaßen eine gesellschaftliche Einheit bilden. Die Wände des Saales sind vom Maler Z c r r i t s ch mit Märchenmotiven geschmückt. Cs scheint sich setzt ein einheitlicher Baustil anszubilden, während bisher auf Wohnkultur vom architektonischen Standpunkt aus infolge Ausnützung der Baugründe zu Zinskasernen kein Gewicht gelegt wurde. Die kommende Periode kann eine Blütezeit der Baukunst ähnlich der Ringstraßenpalais-Periode bringen. Der Ban von Wolkenkratzern wird für Wohnungen abgelehnt, kann aber für Bureauzwccke und Zentralisierung von Industriekonzcrnen in Betracht konnnen. Wieviel Wohnungen hat die Gemeinde Wien im Jahr« 1928 gebaut? Infolge der langandauernden günstigen Witterung konnte an den Bauten der Gemeinde bis in den Spätherbst hinein gearbeitet werden, wodurch ein bedeutender Rückgang der Arbeitslosigkeit cintrat. Gebaut wurden im Jahre 1923 einschließlich der Gemeindesiedlungen in Simmering, Hietzing und Floridsdorf 399 H ä u s c r mit 2310 Wohnungen, die 6972 Wohnrchtmc enthielten. Dazu konnnen noch 786 Siedlungshäuser, die im Jahre 1923 durch die Genossenschaften mit Mitteln der Gemeinde Wien cinnchtet wurden. Diese 786 Siedlungshäuser enthalte'.: 3144 Wohnränme, so daß einschließlich der Hochbauten 3096 Wohnungen mit 10.116 Wohnräumen geschaffen wurden. Die verbaute Fläche umfaßte bei Hochbauten und Siedlungsbanten insgesamt 521.885 Quadratmeter und die tatsächlich überbaute Fläche betrug 89.181 Quadratmeter. Es wurden nicht weniger als 35.683.000 Stück Ziegel verbaut, von denen der größte Teil, nänrlich mehr als 26 Millionen auf die Hochbauten emfiel. Die Zementmenge, die für diese Bauten verbraucht wurde, betrug 14,739.500 Kilogramm mtfc an Kalk waren 7.688.800 Kilogramm notwendig. Bei den Wohnhäusern, die ausschließlich von der Gemeinde erbaut wurden, lvarrn 9,150.000 Arbeitsstunden und bei den Sicdlungsbauten, ausschließlich der von den Siedlern selbst geleisteten Arbeiten, t.65>120 bangewerbliche Arbeitsstunden erforderlich. Eine„Anterlaffun-Mude". Lie deutschen Universitäten vom Vötterbundskomttee für geistige Zusammenarbeit übergangen. London, 23. Februar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) 2er „Manchester Guardian" veröffentlicht eine Zuschrift über eine „skandalöse Unterlassungssünde" des vom Völkerbünde eingesetzten Komitees für geistige Zusammenarbeit. Die Zuschrift weist daraus hin, daß in dem Aufruf des Komitees um Zuwendung von Geldmitteln für die notleidende Wissenschaft die deutschen Universitäten unerwähnt geblieben seien. Sollten die deutschen Universitäten absichtlich nicht erwähnt worden sein, so würde dies nicht nur in England, sondern auch irr anderen Ländern die Ueberzeugung verstärken, daß der Völkerbund nur ein Schiebevbündms zur Bekämpfung Deutschlands sei. Der „Manchester Guardian" fordert in seinem Leitartikel die englische Regierung auf, sofort eine Untersuchung in dieser Sache einzuleiten, denn die deutschen Universitäten hatten für \-u menschliche Wissen Unvergleichliches geleistet. Nr. 18« Zer sechste Lag der Bankenstreikr. Keine «nsstcht aus baldige »ellegnn, der Streik«. - Sie genkalsparkaffe der Gemeind« Men. — Sine SrMrnn» der Hotelier«. - Me Forderungen der Privatbanken. Der gestrige Streiktag ist ruhig verlausen, in der St-reiklage ist Leine Verändevuirg eingetreten. Wie van maßgebender Soit-e mit'gvteitt wird, gestalten sich die gemeinsamen Berhandlurrgen der Bankeuvsrtwter und der Unterhändler der Bankarlgestellten außerordentlich schwierig, von einer An- Näherung der entgegengesetzten StarrdpurM ist gar keine Rede, es ist noch nicht der geringste Fortschritt zu verzeichnen. Bon einer baldigen Wiederaufnahme der Arbeit könne nicht gesprochen tocvfcen. Aus Seite der Bankbeamten herrscht eine schr zuversichtliche Stimmung, man >ist dort auf eine längere Dauer des Streiks vorbereitet. Die Versammlung in den Streik-lokalen wurdm geistern mittags geschlossen und werden erst wieder Dlontag früh stattfinden. Die Streikposten haben bis in die Abendstunden ihre:: Dienst versehen. Nene Streikbrecher tmliden keine konstatiert. Heule findet eine Versammlung der Beiriebsobmän ner statt, in der Bericht über den bisherigen Verlauf -der Verhandlungen erstattet und Beschlüsse über die weitere Haltung in den Verhandlungen gefaßt werden. Der Dienst den Banken. Der Notdienst bei -den Bartten fnnkrimncvt, wie aus Bankkreisen mitgetsilt wird, klaglos, zumal die arbeitenden Personen jetzt eingearbeitet sind. Das Publikum beschränkt sich dararrf, die notwendigsten Tmnsaktionen vorzunehmen. Dir notwendige Korrespondenz wird in den Banbeil erledigt. Auch Buchungen tverden vorgenommen. Rückstände werden insolvcit gelösten, als keine nachteiligen Weiterungell zu erwarten sind. Der Verkehr mit der Industrie wickelt sich klaglos ab. Die Mitteilungen über stürmische Kontoabhebuugen werden als vollkommen unbegründet bezeichnet. Die Ballken, die Bezugsrechtsausübungsstellen sind, haben die Bezugsrechtssrist verlängert. Aus Kreisen der alleren Beamtenschaft sind tvohl Zuschriften eingelauftn, daß sie die Arbeit wieder aufnehmen will, doch wollen die Banken tvährend der Dauer Waffenstillstandes von diesem Anerbieten keinen Gebrauch machen, »rn den Konflikt nicht gu verschärfen. Die Arbeit in der Zentralsparkafse. Infolge des Streiks wird die Zentral'sparkasfc der Gemeinde Wien in erhöhtem Maße in Anspruch genommen. Es mehren sich die Fälle, in denen sich KvcÄittverber, die bisher nicht z» den Klienten der Zentrcklsparkaste gezählt haben, an diese -venden. Die Zentralsparkasfe macht die Erfüllung solcher neuer Kreditansuchen von der Bedingung abhängig, daß die betreffenden Kredittvepber ständige Klienten der Zentralsparkaste auch «rach dein Streik -bleiben. Aus Bankkreiscn wird daraus aufmerksam gemacht, daß irr diesem Jnstittrr nicht sieben, sondern siebeneinhalb Stunde» gearbeitet wird. Wenn dies richtigt ist, so besteht hier bereits die Arbeitszeit in dem von den Banken verlangten Maße. Allerdings hat die Zentralspartaste alle Forderungen der Beamten erfüllt. Die Antwort der Banken. Aus die von uns Vevösfeutlichte Erklärung des Reichs» Vereins der Bankangestellten über den anstrengenden Kassendienst mrd die Erhöhung der Arbeitszeit um zweieinhalb Stunden wird aus Baukkrersen erwidert: Die Banken erklären, daß auch bei einer Zweiteilung der .Kastestunden eine solche Einteilung getroffen würde, um mit der nornralen Arbeitszeit auszukommen. Gegenüber -der Anschauung, daß cs sich bei der verlangten Erhöhung um eine Durchbrechung des Achtstundentages handle, wird daraus verwiesen, daß die Gesamtzahl der Arbeitsstunden (ohne Uoberstnnden) bei den Banken im Jahre 1924 nach Abrechnung der Feiertage 2M8 betrügt, während sie in der. Industrie für die Arbeiter 2428 Stunden ausmacht Die Jndustrieangestellten arbeiten nach 2lb;ng der Feiertage 3160 Stnllden oder 41,5 2lrb-7iisstnirden in der Woehe. Die Forderungen der Angestellten der Privatvnuken Bei den Angestellten der Privatbanken macht sich eine erregte Stimmung geltend. Sie fyi'fou die Forderung gestellt, daß die Dechandlnn» gen über ihre Forderungen umgehend beginnen. Dieses Ansuchen ist den Unternehmern bereits überreicht worden. Es wird angenoululen, daß diese Verhandlungen Montag oder Dienstag beginnen toerdrn. Eine Erklärung des Gremiums der Wiener Hoieliere. Das Gremium der Wiener Hotelier« hat an den Banken« verbarrd die Mitteilung ergehen lassen, im Interesse deS Fremdenverkehres von der Forderung der geteilten Arbeitszeit und deS unbedingten Offenbleibens der Wechselstuben unter keinen Umständen abzugehen. Die Verhandlungen dürften sich in die Länge ziehen, so daß man mit der Verlängerung des Streiks eventuell dis Ultimo rechnen muß. Bevorstehender Streik der ungarischen Bankbeamten. Aus Budapest wird gemeldet: Der Landesverband fcet Bank- und Sparkastenbeamten beschloß in seiner letzten Sitzung, an die Direktionen der Geldinstitut« mit der Forderung aus eine sofortige Erhöhung der Beamtengehälter auf die halbe Friedensparität heranzntvoten. Sollt« diesem Verlangen bis 29. d. nicht entsprochen werden, wird der Bankbeamtenverband die schärfsten gewerkschaftlichen Mt11 e I zur Erzwingung der Aufbesserung ihrer Gehalte in- Anwendung bringen. Die ungarischen Bankbeamten argumentieren vor allem damit, daß di« Preise in Ungarn bereits höher sind als in Oesterreich, daß aber die Gehälter der ungarischen Banku nd Sparkassen beamten tief unter den analogen Bezügen den österreichischen Kollegen stehen. 2er Streit um den Pharao. Statt Carter die Witwe Carnarvon. Kairo, 23. Februar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Der Direktor der ägyptischen Altertümer hat gestern Herrn Carter unter Hinweis auf seinen Streit mit der ägyptischen Regierung die Herausgabe der Schlüssel zum Königsgrab Rübenvartei geben werde, je nachdem man die Zukunft des Landes im Bau von Kartoffeln oder Rüben sehe, oder wenn einer der Führer den Sieg des Bolschewismus darin erblickt, ob mau genug Brot für das Volk aufbringen werde, so scheint es, als seien die Ideale der Männer um Lenin und Trotzky vergessen im Kampf um die dringlichsten materiellen Güter. Daran ändern auch die ewigen Intrigen des genialen Radek nichts, der sich mit Recht als einzigen Zimmerschmuck ein Bild Macchiavellis gewählt, trotz seines Scharssinnes für die organischen Schwächen der europäischen Politik. Aus einem Gebiet jedoch siegt der Bolschewismus in zahllosen Schlachten, auf dem der Erziehung. Wie man sich bei uns in Oesterreich nach dem Mißlingen der Sozialisierungsversuche bemüht, durch die Schulreform die Generation heranzubilden, die für den Marxismus reis sei, so wirft sich in Rußland das Sowjetregime mit aller Energ'e auf die Aufgabe, den Menschen zu bilden, der ihre Ideen nicht nur zu verstehen, sondern auch zu verwirklichen imstande sein wird. Und doch sind es nicht die funkelnagelneuen Unterrichtsmethoden, die, aus Westeuropa bezogen, in origineller Weise angewendet werden, der Freiluft-und Arbeitsunterricht und anderes mehr, auch nicht die Konsequenz, mit der diese zähe .Masse der Analphabeten in Lesen und Schreiben eingeführt wird, das wahrhaft Große nnd das Größte an dem neuen Rußland ist die Art, wie die Natürlichkeit des Menschen entbunden wird und wie die Seelen selbst erlöst werden. Auf die Frage, ob die Menschen, die durch die Revolution gegangen sind, besser wurden, ist zu antworten, daß sie jedenfalls größer und freier wurden, trotz aller materiellen Not und dogmatischen Gebundenheit. So ahnen wir depn, wenn wir einen Blick in die Tiefe dieses russischen Werdens tun, daß kaum eine neue^ nur auf Vernunft begründete Wirtschaft emporsteigen wird, wohl aber, daß da bei sllem Proletischen und Jakobinerhaften Menschen heranwachsen, die mit harter Energie soziale. Verantwortlichkeit verbinden. Mir werden sehen, was Hülle und was Kern daran ist. in Luxor verweigert. Daraufhin hat Carter dic Türe sprengen lassen. Es wird bestätigt, daß die ägyptische Regierung Lady Carnarvon vorgeschlagen hat, die Lizenz, die ihrem verstorbenen Gatten gewährt worden war, zu erneuern. Der neue Vertrag würde aber genügend klar gefaßt werden, um in Zukunft Meinungsverschiedenheiten zu verhüten, wie sie kürzlich zwischen der Regierung und Howard Carter aufgetreten sind. Die ägyptische Regierung habe nicht die Absicht, die Ausgrabungen auf eigene Rechnung fortzuführen. Das Grab Tutankhamens wurde gestern geöffnet, um die Vorbereitungen zur Wiederaufnahme der Ausgrabungen zu treffen. Das Grab wird während zehn Tagen geöffnet bleiben, der Zutritt aber nur Altertumsforschern gestattet sein. Alle ausgegrabenen Gegenstände werden in das Atertumsmuseum in Kairo überführt werden. Man rechnet für diese Arbeiten mit einer Dauer von sechs Monaten. 2er Schekel. Das Zionistische Landeskomitee teilt mit: Die unzureichenden Eingänge anS der diesjährigen Schekelaktion geben der Exekutive Anlaß, den Angehörigen der Zionistischen Organisation diesen beklagenswerten Zustand vor Augen zu führen und sie an dir Erfüllung ihrer Pflicht zu erinnern. In Oesterreich sind rrur die wenigsten Sektionen und Vereine, die Schekelblocks in Empfang getrommen, trotz mehrmaligen Aufforderungen des Landeskomitees den von ihnen übernommenen Pflichten nachgekommen und noch weniger haben den Erlös aus den verkauften Schetalim dem Landeskomitee übermittelt. Wir richten daher an all« Sektionen und Schekelblocknchaber das dringende Ersuchen, den Verkauf der Schekalim zu intensivieren und den Erlös zwecks Uebevweisung nach London rmverzüglich an das Landeskomitee abzuführen. Die Parteisteuer. Die Schekelpropaaanda eröffnet die Möglichkeit. der Einziehung der Parteisteuer intensivere Aufmerksamkeit zu widmen und für die Sanierung der Parteifinanzen zu wirken. Die Mittel des Landeskomitees sind derzeit erschöpft; überaus dringende und unaufschiebbare zionistische Mtionen erleiden eine unliebsame Verzögerung oder können aus Mangel an Mitteln überhaupt nicht in Angriff genommen werden. Die Zionisten werden daher anf-gefordert, unverzüglich an die Einziehung der Parteisteuer zu schreiten, zumindest aber durch Leistung einer größeren Akontozahlung ans die Parteisteuer der Lettung die Möglichkeit für -m? nttmlivere Arbeit zr gewähren» Wahrheiten und Unwahrheiten der Woche. Di« Sanierung der jugendlichen Seelen -wurde ins Polizeigefangenhaus verlegt. Die Hotels werden strenge kontrolliert, nur die Polizeizellen sind davon befreit. Unter den flüchtigen Börseanern der Woche war keiiver aus Budapest, wo auch seit drei Tagen keine neuen Bombenfunde gemacht wurden. Breitner ist nicht mehr der Alte: in der verflossene« Woche fhtb ihm nur mehr sechs neue Luxussteuern eingefallen. In den Theatern geht es merkwürdig zu; in einer zugkräftigen Revue erschien eine Dame ans der Bühne vollkommen bekleidet. Sollten die Theater geschlossen werden, dann wird das Publikum wahrscheinlich die Parlamentssitzungen besuchen. Im Gemeinderat ging es ruhig zu; der Zwischenruf „Die Juden san schuld" wurde nicht häufiger als sonst gemacht. Die verschiedenen Streikgerüchte sind nicht stichhältig; die Arbeit wird nur vors Rathaus verlegt werden. Es ist unwahr, daß zur Hebung des Fremdenverkehrs noch zwei Bahnhöfe geschlossen werden. Die Passantenraserei entwickelt sich immer mehr zu einer Gefahr für die Antos; erst neulich wurden einige Wagen schwer beschädigt, aber die Passanten, soweit sie bei Bewußtsein waren, streng bestraft. Das Publikum wird demnächst vom Magistrate dazu verhalten werden, den Sand, der ihm in die Augen gestreut wird, auf dem Trottoir, aufzustreuen, um die durch die „Errechnung" der Reinigungsgelder vielgcplagten Hausbesorger zu entlasten. Die Kinos sind voll und auch sonst wird sür die Kultur des Volkes sehr viel getan; das kleine Lotto blieb dem Volke erhalten. Zur Nationalhymne wurde neuerdings das Bananenlied erhoben Wir sind zwar noch mitten im Winter, aber es muß doch einmal Frühling werden. a. s.