Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1805 (24.2.1924)
- Date
- 1924-02-24
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. Mrv " Wwn, Geschäfts- Lokale i A N 1 u Bureaus 1 r K A SENSAL I U JOSEF SALZER H III. GEUSAUGA8SE 46 1 F (bei Anfang Erdbergstr.) B Tel VI 734. Sprechst. v 2—4 p aller Mütter: Kleider, Schuhe, Wäsche für die Kinder. Da gibt es halbwüchsige Mädchen, die ein Hemd ihr eigen nennen, drei- und vierjährige, die man halbe Tage lang i>m Bett halte» muß, damit inzwischen die wenigen Stücke Wäsche trocknen, da kommen Kinder, für die nichtzerrissene Wäsche' ein unbekannter Begriff ist. Melleicht würde so manche jüdische Frau die abgelegten Kinderklei der doch nicht mehr in den großen „Bodenkoffer" räumen, wo sie nutzlos herumtiegen, bis sie zerfallen, wenn sie einmal einen Bor- «ittag im Jugendamt zuhören könnte. So verschieden die Fälle sind, die Not ist allen gemeinsam. Eine lungenkranke Mutter sucht ihre Kinder uttter.pt-- bringen, so lange sie selbst in der Heilstätte ist, ein Mann braucht Rat für feinen wegen Prellerei verurteilten Jungen, der in Serbien rückfällig geworden ist und nun auch hier die „bedingte" Strafe abbüßen mußte, eine geschiedene Frau wünscht durchzusetzen, daß ihre Alimente erhöht werden, Halbwüchsige bitten nur neue Lehrstellen, ein Praktikant bemüht sich um einen repräsentablen Anzug, Frauen m»ß Heimarbeit besorgt werden, eine Witwe, die in Wien geboren ist, nie die Stadt verlassen hat, erkundigt sich, wie sie die Hermatberechtigung erlangen könnte. Die Fürsorgerin mrrß raten, beschwichtigen, ernrahnerr, Lenrhigen, ermutigen und darf in denr Rummel, deer den ganzen Vornrittag währt, unter dett einstürmenden Fragen, Bitten, Beschwerderr tveder ungeduldig noch mürrisch werden. Natürlich kann man mich im Jugendamt nicht alle Wünsche erfüllen. Aber jeder gcht doch mit dem Eindruck fort, daß seine Augelegercheit geprüft, erwogen, daß alle Möglichkeiten der Hilfe in Betracht gezogen worden si«d, er geht mit der Sicherheit fort, in seiner Not nicht mehr allein zu sichen. So läßt sich Von der Entwicklung des Jugendamtes das Peste hoffen. Aber das jüdische Jugendamt kann nur dann eine gedeihliche Tätigkeit entfalten, tvenn es getragen und gestützt ist von der Anteilnahme aller. Das jüdische Jugendamt, als Sachwalter der Allgemeinheit, braucht Geld, Kleider, Schuhe, Wäsche, Lebensmittel. Aber mehr als all das braucht es das Interesse und die Mitarbeit aller. Klara Mautner, Kalenderliteratnr. Wohl in jedem Hause gibt es heute einen Abreißkalender. Do ein Abreißkalender ist wirklich ein sehr nützliches, mwnt-- behÄiches Ding. Er unterrichtet über den Jaus der Tage, über Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, über Fest- und Fastitoge. Außerdem enthält er wertvolle Kochrezepte, gute Rat- Mage für Küche und Haus, und dazu noch jeden Tag ein weises Sprüchlein oder Verslern von einem deutschen Dichter. Ich habe seit langein die G-dtvohicheit, jeden Morgen das Blatt mit dem gestrigen Da tun: abzureißen und das daraus gedruckte Sprüchlein zu lesen, dienlich fand ichfolgenden Bier- Mer: Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß,?Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Königin Luise von Preußen. Dieser Ders stammt, wie jedcrmann lveiß, von Goethe, er sicht im Wilhelm Meister. Ich habe mir nun lang den Kopf Zerbrochen, wieso der Kalendermann dazu kam, die Königin Luise von Preußen als Verfasserin dieses Verses zu nennen. Nach vielem Suchen und Forschen fand ich endlich des Rätsels Lösung. . Als nämlich die Königin Luise von Preußen 1807 freiwillig in die Verbannung ging, schrieb sie sich den Goocheschen Vers aus dem Wilhelm Meister aus und pflegte ihn dann oft im Kreise ihrer Familie zu wiederholen Nach einer anderen Slngabe soll die Königin Luise den Vers aus ihrer Flucht nach Memel mittels eines Diamantringes in die Fensterscheibe einer Herberge ehtgctht* haben. Goethe selcht schreib darüber in seinen Sprüchen in Prosa: „Diese tiefschmerzlichen Zeilen wiederholte sich eine höchst vollkommene, angebotote Königin in der grausamsten Verbannung zu grenzenlosem Elend verwiesen. Sie befreundete sich mit dem Buche, das die Worte und noch manche schmerzliche Erfahrung überliefert, und zog daraus einen peinlichen Trost." Unser Kalendormann hatte dies irgend wo gelesen und. offenbar geglaubt, daß der Vers von Königin Luise stamm-e. Man sicht, auch em Kalendevmann ist nicht unfehlbar; er weiß zwar vieles, aber alles weiß er doch nicht. Und im übrigen ist auch er nur ein Mensch, und irren ist menschlich. S. M. Wiener An unsere geehrten Momenten in Pole» l Ab 1. März haben wir die Bezugsgebühr für Polen mit 3‘/o Zloky monatlich festgesetzt. Die Umrechnung in Poleumar? hat noch drm Kurse der Warschauer Devisenzentrale zu erfolgen. Die künstliche Befruchtung. Die Entdeckung Jacques Lochs. Wie bereits berichtet wurde, verschied kürzlich in New-?)ork der Biologe Jacques L o e b. Um die Bedeutung seines LebenMerkes, der Entdeckung der Parthenogenese, einem breiteren PnlMnm darzulegen, sei zunächst auf allgemeiner bekattnte Tatsachen der Fortpflanzung verwieselt. Die niedrigsten Lebewesen, sowohl Tiere als auch Pflanzen, vermehrerl sich meist auf ungeschlechtliche Weife durch einfache Zellteilung, ein Vorgang, der bei «imzeb» neu Bakterien so rasch vor sich geht, daß schon nach etwa 'halbstündiger Lebensdauer das Jndividumn zu. ein-er neuen Teilung reif ist. Ebenso ist es bei beit niedersten Pflanzen, den Algen, die zu einer geschlechtlichen Vermehrung, das ihe-itzt V e r e i n i g u n g zweier .Zellinhalte nur greifen, um schr widerstandsfähige Dauerfornten zu erzielen. Je höher ein Lebewesen in der Entwicklungsstufe gelaugt ist, um so differenzierter werden die Funktionen jeder einzelnen Zelle, beziehungsweise .Zellengruppe; wir flnbcit die Emwickümg von Organen, denen bestimmte Funktionen zugeordnet werden. Die Fortpflangung geschieht hier ganz allgentein so, daß zwei verschiedene, eigens dazu bestimmte Zellert sich vereinigen. Diese beiden Geschlechtszellen zeigen wesentliche Unterschiede. Die weibliche Keimzelle oder Ei befindet sich meist m Ruhr und Werragt an Größe meist die mämrKche Keiinzclle utn ein Webfaches. Ohne cirte Bereinigung dieser beiden differenzierten Keimzellen ist eine Bermehrnng unmöglich, so daß man oitte geheinte, dett- Keimgellien itMewohnende FortPflanzungskvaft «mnehmetr ztr müffeic glatt bte. Hier setzten in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhu-N'dertS die bahnbrechenden Arbeiten von Jacques Loeb ein. Es gelang ihm, weibliche Keimzellen ohne Brrcimguttg nüt Samettzellett zur EuÄoicklttug zu bringen. Das klassische Objekt für die Erzielt rüg von Parthenogenese (Jungfernzeugtrug) waren die Eier des Seeigels, eines dett .bekannten Seesternen nahrste-hen-deu, aut Äiceresgrunde lebenden sogenannten „Stachelhäuters". Das Seeigelei wartet frei int Meertvasser auf.das Herattschwitnnwn eines Spermatozoons; wertige Stunden nach der Vereinigung setzt die Zellteilung eilt, wobei sich die einzelnen Zellett trennetrde Membranen bilden, die zur weiteren Emwicklung mtbedmgt nötig sind. Es gelang Loeb, 'diese Ent- Wicklung ohne Zutritt von Samentzellen dtrrch Zusatz von Magnesimnchlond ins Meerwasser zu erzielen. Dasselbe gelang tuU anderen Magnesiuntsalzen und fpäterhitt auch nrrt Giftstoffen, iure beispielsweise Nikotin und Strychnin. Diese Zusätze ins Meerwasser bewirkten eine Ettiloickltutg bis etwa zu dem Stü'diutn, wo die obenertvähute MembranbMung -xtvartet wttrde und — ansblieb. Auf küttstlichem Wege 'kottute nmn die Absonderung der einzelnen gebildeten Zellen erreichen, indettt man die — wenn man so sagen darf — ^befruchteten" Eier mit Essigsäure und ihr nahestehendett Srofsttt schüttelte. Nach lleberwiuduttg vieler Schwierigketwn, auf die hier nicht ttäher eitvgegangen ioerden soll, konnte Loeb die Aufzucht des Seeigels veröffentlichen. Seine Ansicht, daß ebenso wie die Vereinigtlng mit der Santenzelle auch die evwähnten künstlichen Methoden einen Wasserentzug aus der Eizelle bewirken, der die weitere Entwicklung auslöse, erfuhr -ritte glänzende Bestätigung, als er durch Verdünnung des Meerwassers normal lbefruchiete Sscigeleier an der Entwickltt-ng hindern konnte. Damit lvar der Schleier, der das Geheimnis der Fortpflanzung verhüllte, tvenigstens für die niederen Tiere zerrissen und der Vorgang auf physikalisch-chemische Grundlagen gestellt. Dos ist Jacques Loe-bs unvergängliches Verdienst trnd sein Äuieil atn Aufban unseres natttrwissenschaftlichen Weltbildes. Atts seitten Zahlreichen weiteren Arbeiten, die in aul-erikauischen Journalen mit» Archiven veröffentlicht und auch iu detrtschen Zeitschriften loiedergegeben wurden, sei noch einiges erwähnt. Durch Superpositi o n von künstlicher ,Mesruchtung" und natürlicher Besamtcng gelang es, aus einer oinz<igen Eizelle mehrere Individuen zu erZeugen. Die künstlich zttr Teilung aitgeregte Eizelle wurde vor der Herstellung der Membrane mit Samen zusammeitgrbracht, wodurch jeder einzelne Teil sich mit einer Spermazelle vereinigte und selbständig wurde. Weiters gelang es Loeb mttb seinen Schülern, die aus künstlich aufgezüchteten Seeigeln erhaltemn Eier Weiler sortzupsianzen und auf ungeschlechtlichem Wege ganze Generationen von Seeigeln herzustzellen. Die bis in die letzte Zeit fortgesetzten Untersttchungen ergaben die Möglichkeit der Parthenogemse für säst alle niederen Tiere, luk zttm Beispiel bei Meeresschnecken und anderen Weichlierett. Die Sensation der 1912 in Washington veranstalteten Hygiene-Ausstellung war ein Frösch, den Loeb ans rmgeschlechtliche Weise, atts einem durch keiue Satnenzelle befruchtetctt Ei gezüchtet hatte. Ebenso gelang die And v ogenese, das ist die Bermehrtrng von Santenzellen ohne Eizellen. Robert Duldner. 24. -Februar 192-1 Seite % 8l»l-8M Das Ergebnis des Kampfes. Dienstag, 19 Febmar: Sottase schlügt Selten Wr. Toal-Smne-Mub 18:10 Revanche am 22. Februar: «ottarre WM «rftm Wr. Toal'SamEtch 16:12 Hiemit ist Cottage die derzeit beste Mannschaft Wiens. Auskünfte und Prospekte durch die -osdillardf-brik Seifert, Wien, 8. 8ÜS0 Pros. Hadamars Antwort »n Sierpinski. Ein« Züchtigung d«8 Warschauer Kathederhetzers. Vor einigen Monatett erregte ein Brief des Professor H a ö 2 m a v, Mitglied am Institut de France, on dm Prodekan der philosophischen Universtiät Professor S i e r p i tt s k i inner-- und außerhalb Polens großes Anffchen. Hadamar hatte auf die Bitte Sirrptnskis um llebersendung seiner wissenschaftlichen Arbeitett für di- Warschatter Bibliothek mit dem Hinweis darauf geantwortrt, daß die Verbindutrg Vvtt dkumerus clausus- Propagauda mir der Wisseuschast durchaus verwerflich sei. Tarcmf schrieb SierpttlÄi einen arroganten Brief, den er aber >nick)t Professor Hadamar, 'sondern der Redaktion des „Knrftr Warszawski" über-sendcte. Der Brief ist eit: Abklatsch der polnischen Antisemiterlideologie. Die „Wiener Morgenzcitung" hat seiuetzeit beide Brüse veröffentlich: und auch aus die Pikanterü hingetvirsen, daß der jttdettsresserische Prodekan, wie atts polnischen Quellen sefttzestellt wttrde, jüdischer Abftam' nt u n g ist. Professor Hadamar fyat jetzt den Brief des Sierpinsk-i in derselben Weise beantwort et, tote dieser es getan hatte, indem er an die Redaktion des „Kurjer Warszawski" sein Antwortschreiben sandte. Es lautet: In dett Spalten Ihres Blattes las ich den Brief des Herrn M. Sierpinski utr-d Jhrett Kommentar dazu. Da Herr Tierpmsti mir seinen Brief nicht zusandt-e, halt-e ich es nicht für notwettdig. ihin direkt zu antworten, lloberdies halte ich es atrch tticht für notwendig, bei dem Thema lange zu verweilen ttnd gar bei der Beschuldigung, daß ich seinerzeit ntdn gegen die -antisemitischen Niederträchtigkeiten der russischen Regierung protestiert hätte: Die Beschuldigung ist originell, schon deshalb originell, weil sie gegen ein Mitglied des Zentralkomitees der französischen Liga für Menschenrechte gerichtet ist, welche unauMrlich nicht nur gcgett di« zaristische antisemitische Politik protestiert hat, sondern auü) und das möchte ich mir doch in Erinnerung zu bringen erlauben —- gegen die russische U n t e r d r ü ck u n g s p o l itik gegenüber den Polen. Wir haben unsere Gefühle gegen Ihr edles Land nicht geändert und würden sie in keiner Weise mit dem strengen Werturteil über die zaristischen Methoden im Zusantutenhcmg bringen, wenn diejenigen, welche allein darunter zu leiden hatten, es nicht für gut besättden, diese Mechoden im eigene» Kreise anzuwendeu, sobald sie Herren geworden sind. Wollen Sie mir glauben, daß mein früherer Protest nur durch meine Sympathie für die polnische Wissenschaft und den Nutzen, den sie der Zivilisation bringen kann, hervor.aertffen war. Sollte der Mann, dem tvir vielleicht später ein Mittel zur Heilung der Krätze oder der Tuberkulose zu verdanken haben werden, in ihrem Lande geboren werden, sollte er jedoch in seinem Studium nur deswegen gehindert sein, weil er nicht der Religion angchört, die inJhrem Lande dieherr schon de i st, so soll nicht gesagt werden können, daß ich nicht getan habe, was in meiner Kraft steht, um gegen eine solche Schande zu protestieren. Gezeichnet: I. Hadamar. P. S. Ich kattn es nicht unterlassen zu erwähnen, daß abgesehen von ihrer sottstigen früheren Tätigkeit die Liga für Menschenrechte die erste in Frankreich war, welche “m Jahre 1915 die Notwendigkeit der Anerkennung einer vollständigen Unabhängigkeit Polens als eines der Kriegsziele proklamiert hat. Die Liga hat dies trotz der Zensurschwierigkeiten und trotz des damals herrschenden Belagerungszustandes in Meetings und Broschüren getan. Das ist die Art, wie französische R-epublikaner „Polen hassen". Der Brief ist eine späte, aber kräftige moralische C&>>, feige für den Warschauer Kachvderhetzer und seinesglerchen. Zu bemerken ist noch, daß Sierpinski seinerzeit seinen Brief Äs ,Fkurjer WarS-zawski" mit dem Bemerken veröffentlicht hat, daß er ihn an Professor Hadamar abgesendet habe; dieser Dfui, der in seinen Rozwoj-Kreisen durch Beifall.anerkannt wurde,, hat sich als — gelinde gesagt — Hyperbel herausgcstellt; dem^' Professor Hadamar hat, wie aus seinem Antwortschreiben hervorgeht, nie «inen Brief von Sierpinski erhalten. So ^hev die Hetzer bei Licht betrachtet aus. Jeder Jude zahle den Schekel t