Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1805 (24.2.1924)
- Date
- 1924-02-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980888--17914-3004942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Wien, Sonntag könnte, der pbtnfcbcn Landnahme, der Schaffung' einet jüdischen Mehrheit Wohlwollen und Förderung zu zeigen und so ihrerseits den Pakt mit dem Völkerbund zu erfüllen. Die Mitglieder des Kabinetts, das auf d:e breiten Massen der englischen Wählerschaft sich stützt, haben wiederholt ihr tieferes Vevstäirdnis für die Idee des jüdischen Aufbaues an den Tag gelegt. Sic kennen die Stimmung des englischen arbeitenden Volkes, das den jüdischeii Freiheitskampf ehrt lind sie haben sich vielfach aktiv m den Dienst der jüdischen Renaissance gestellt. iWac Donald hat in seinem Rcisebuch „Ein Sozialist in Palästina" warme Worte politischen Mitfühlens für das Judentum geschrieben. Seine Regierung hat die Verantwortlichkeit ans sich gcnonunen. Das ii't ein Akt von sehr bedeutender Tragiveite. Er zeigt, daß das Orientprogrcnnm Englands weiter in Kraft bleibt, und daß innerhalb dieses Systems auch Palästina seinen Platz behält. Das Kabinett Mac Donald, das sich zur vollen Aktivität bekennt, wird cs auch in der indischen Frage nicht 6et den Worten bewenden lassen. Es wird den zweiten Vertragspartner, das jüdische Volk, -in sein volles' Recht einsetzcn. Es wird die Klarheit schaffen müssen, die notwendig ist, damit die jüdische -Gemeinschaft ihre Pflichten erfüllen kann. Sie Juden in der Türkei nach dem Weltkriege. Bon Julius Neumann. Die Zustände in der Judenheit der Türkei bis zum Waffenstillstände im November 1918 sind kurz charakterisiert. Es ist bekannt, daß die Juden in der Türke: eine O rganisation hatten and noch haben, welche im Großrabbinate ihren religiösen und politischen Expomnien hat. Das hamidische Regime sowohl als auch das Regime für Einheit und Fortschvitt (als jung türkisches besser bekannt), erstickte nach außenhin jede selbständige Regung der Judenschaft. In Konstantinopel bestand wohl eine legalisierte zionistische Organisation, doch es war u'nn'.öglitch, sie in die Provinz auszudehnen. Der damalige Großrabbincr Ha im Raum Efendi war ein Mann der Alliance Israe.'lite, welche die Seelen der Juden i-n der Türkei nicht erobern konnte. In: naiven Unterbewußtsein war und ist den Inden die sranchsrsche Propaganda unverständlich, die ans ihnen mitten in der Türkei Franzosen schassen wollte, statt selbst- und pflichtbewußte jüdische. Bürger des türkischen Staates. Die bekannte Erklärung des französischen Ministers für auswärtige Angelegenheiten in der französischen Kammer, daß Frankreich bei Friedensschluß die Abschaf-, sung der Kapitulationen akzeptiert und allen, auch den jüdischen Familien, welche von alters her französischen Schutz genossen, das Protektorat entzog, zerstörte die Illusion der in der Türkei geborenen und erzogenen Franzosen vollko-inmen und führte die ganze assimilatorische Ideologie der Alliance ad absurdum. Während des Krieges litten die religiösen und Wohlsahrtsinstitutionen der jüdischen Gemeinden in Konstan-- tinopel und in Smyrna so stark, daß ein vollkommener Vergäll entstanden wäre, wenn nicht die Initiative der B'nai B'rith-Logen dies mit eigenen Kräften und teilweise mit Unterstützung der Bevölkerung verhindert hätten. Die Verwaltung Ha im Raum Efendis versagte also auch in diesen Beziehungen und die schlummernde Opposition gegen seinen assimilierenden Geist brach sich Bahn, sobald nur halbwegs die Freiheit der Meinungsäußerung und der Presse möglich tvar. Diese Aera begann mit dem Waffenstillstand und der Okkupation Konstantinopels durch die Alliierten und Installierung der Herrschaft der Oberkommissäre. Kurz darauf begab sich der Großrabbi ner Ha im Raum, ohne Urlaub von seinen religiösen Behörden zu nehmen oder sie auch nur zu verständigen, aus eine Reise in diplomatischer türkischer Mission. Das gab Anlaß zur Konstituierung eines provisorischen Nationalrates in Cospoli, der sich der Aufgabe unterzog, die Verwaltung der jüdischen Angelegenheiten aus moderne demokratische Grundlagen zu stellen. Dieses Unternehmn hatte auch die Unterstützung der B'nai B'rith-Logen. Der jüdische Nationalrat machte auch die Angelegenheit der ausgewissenen Juden der Mittelmächte zu der Seinigen. Die Aktivität der jüdischen Institutionen in Konstantinopel für lokale Angelegenheiten sowohl als auch im Interesse unserer russischen Brüder, die durch die Verhältnisse nach Cospoli geworfen wurden, ist und bleibt ein Chrenblatt in der Geschichte der Juden Konstantinopcls. Als die Friedensverhandlungen im Frühjahr 1922 vor der Türe standen, ohne daß es klar war, welches Regime etabliert werden würde, machte ich die Zionistische Organisation auf die Notwendigkeit aufmerksam, im Intereffe der friedlichen Entwicklung der Stadt, des Landes und der Iudenschaft für die Sicherung von Minoritätsrechten und für die Kontrolle der Durchführung derselben zu intervenieren, bevor das neue Statut durch mternat'.onäle Verträge festgelegt werde. Diese von mir formulierten Forderungen für die Minoritätsrechte der Juden in der Türkei hat dann das Comite des Delegations Juives in Paris dem Völkerbund unterbreitet. Den trauvigsten Abschnitt in der Nachkriegsgeschichte der türkischen Juden bilden die Vorgänge während der türkischen Offensive gegen die Griechen tm Jahre 1922. Es ist allgemein bekannt, daß die Türken ohne Kampf die bereits zur Evakuierung bestimmte griechische Arme? aus Klcinasien verjagt hatten. Nicht bekannt aber ist, daß in Siiyrna alle Synagogen mit jüdischen Abgebrannten' m:b um ihr .tzyh Wh Mt ytmmm WMWM Wiener Morgerrzeitirrrg.__ vollgepfropft Um reu und wahrscheinlich noch sind. In Smyrna sind zirka 200 jüdische Wohnhäuser, die sich im armenischen und europäischen Vierteil befanden, sowie eine ganze Reihe gerade der größter: jüdischen Magazine voll- -ständig abgebrannt. Das Joint Distribution Committee -hat auf Veranlassung der Loge sofort das nötige Malst bereit gestellt, unt den unterstandslosen, erwerbslosen Brüdern und Schwestern das trockene Brot zu sichern. Me diese Leute hatten die Hoffnung, bei Eintritt von Ruhe und Ordnung für sich und ihre Familie in gewohnter Weise den Lebensunterhalt zu verdienen. Leider ist zum großen Teile -das anders gekomm-eu. Wern: auch beim Einzuge in Smyrna jüdisches Leben unverletzt blieb, wobei oft der Nachweis der Milah viele Personen vom sicheren Tode schützte, so haben doch die hohen- Würdenträger der neuen Türkei, die höflich und korrekt sind, es noch nicht dazu ge- ' bracht, die Sicherheit in der Stadt voll durchzuführen und den 'Mißbrauch der Amtsgewalt nach altem türkischen und zaristischen Muster zu verhindern. Die Arbeit der Kommission für die verlassenen Güter, von -der bald gesprochen werden soll, und welche die Verwaltung des griechischen und armenischen Eigentums übernahm, wuchs sich zu einer Schikane des nicht national türkischen, also in diesem Fall jüdischen Handels aus. Die Ruhe der Mischen Bevölkerung wurde durch Zeitnngshetzartikel bedroht, ohne daß einer jüdischen Presse eine- Entgegnung bei gleicher persönlicher Sicherheit möglich.war n-nd ist. Das bei solchen Gelegenheiten bei der jüdischen Bevölkerung rasch für den türkischen Halbmond und für ähnliche türkische Institutionen der letzte Rest des jüdischen Bargeldes „flüssig gemacht" wird, ist eine selbstverständliche Begleiterscheinuilg. Wie es scheint, hat die demokratische Türkei noch nicht begriffen, daß die Respektierung der Rechte anderer mit zu den demokratischen Prinzipien gehört und daß nicht Willkür, sondern Gerechtigkeit die Grundlage der Volksregierung sein muß. Wie bereits erwähnt, hat in der Türkei, die Kommiffion für die verlassenen Güter nach dem Sieg der Türken eine wichtige Rolle gespielt. Der Völkerbund hatte die Evakuierung der Griechen und Armenier aus der Türkei und der Türken aus Mazedonien und Griechenland in eine neue internationale Nechtssorm gebracht unter denn Titel „obligatorischer Austausch der Minoritäten". Wer don Exodus der christlichen Bevölkerung aus Anatolien und Konstantinopel, der Mohammedaner aus Mazedonien gesehen hat, der wird selbst seinem Feinde nicht die Segnungen eines obligatorischen Austausches der Minoritäten wünschen, ebensowenig wie die Uebernahme des Eigentumes der Ausgetauschten durch eine Kommiffion der verlassenen Güter, - in der Art, wie sie in der Türkei geschaffen wurde, wobei die Eigentümer!-, des Gutes gar keine Kontrolle über die Verwaltung -demselben haihemDer Gedanke an sich wäre . ü'bvigMZ ausführbar, wenn ein solches Unternehmen für i die fre i will ig e Liquidation organisiert werden könnte. So scheu wir, daß bis heute die Lag« der Juden in; -der Türkei eine unsichere ist. Die letzten Maßnahmen der; Angoraregierung,. besonders das Zwangs-Freitagsruhc« gesetz, erschweren bösonders die wirtschaftliche Lage der Juden. In der letzten Zeit.kamen auch Nachrichten über! Judenausweisungen, deren Wahrheit noch nicht festgestellt ist. ■■ 1 --N Versuchen Sie unseren seidenen 3dealstrumpf 370 1. TRAT!NERHQF 2 (Graben Wilsons Persönlichkeit. Von Oberrabbiner Dr. Z. P. Chajes. In seiner letzten Predigt im Seitenstettentempel sprach Oberrabbiner Dr. Chajes Worte des Gedenkens für den jüngst verstorbenen Expräsidenten Wilson. Er würdigte Wilson als einen Vorkämpfer der großen Menschheitsgedanken und gab ein Bild des Politikers Wilson. Der scharfumrissenen Charakteristik entnehmen wir die markantesten Züge. Wilsons Persönlichkeit ist viel umstritten. Von der Be-; wnndcrnng auf stolze Höhen emporgchoben, fand er dann! schärfste Kritik, weil er seine völkerbeglückenden Ideen nicht; ganz durchsetzen konnte. Aber dieser Umstand ist für Wilsons ' Würdigung nicht ausschlaggebend, ja, das verleiht ihm sogar - die Größe, daß er von seiner Zeit nicht verstanden wurde. Es -ist das Verdienst und Schicksal bedeutender Menschen, daß sie ihrer Zeit vorauseilen und als unverstandene Vorläufer prophetische Sendung erfüllen.; Zum ersten Male hat Wilson wiederum die Ewigkeitsgedanken der Menschheit in die Welt gerufen, die unauslöschlich weiterwirken müssen zum Wohle der Welt. Es sind unsere Gedanken, es sind die prophetischen Ideen des Judentums, dessen großer Sohn Jes a i as den kommerüen Bund der Völker . verkündet hat. In friedlicher Erkenntnis werden sich die Nationen znsammentun, um den ewigen Bund der V ö l k e r v c r s ö h n u n g zu schließen. Das ist jüdischer Sinn, wie er in den Schriften unseres Jcsaias niedergelegt ist. Unsere Tochterreligionen, das Christentum und der Islam, haben mit Feuer und Schwert die Völker zu ihrem Glauben zu bekehren versucht.-Einmal nur in-unserer Geschichte hat ein Makkabäer- 1 juch kZ MtMKWL M Llchtk. EäMiteMllAm pt KM- 24. Februar 1924 Nr. 1806 tume zu Pressen, und die Rache hat sich furchtbar eingestellt. Edvms Enkel Herodes hat das jüdische Volk der Vernichtung ausgelicsert. Wilson hat unsere Friedensgedanken, wohl unbewußt, als Sproß von Puritanern, deren sittliche Auffaffung uns Juden an: nächsten kommt, ererbt. Er hat sich für diese Ideale eingesetzt mit der ganzen Macht seiner Persönlichkeit und Stellung; darin hat er nicht nachgegeben, und dieser Kampf hat ihn aufgerieben und seine Gesundheit erschüttert. Sein Eintreten für den Völkerbund und den Minoritätenschutz, Errungenschaften, die uns Juden teuer sind, stempelt Wilson zu den Großen aller Zeiten. Es ist wenig bekannt, daß Wilson für Palästina eingctrcten ist, lange bevor die Balfour-Deklaraiion erschien. Als sich vor drei Jahren unter Führung des Milliardärs Ford in Amerika eine antisemitische Atmosphäre zu bilden begann, protestierten hervorragende nichtjüdische Amerikaner dagegen mit den Worten: „Nicht die Schande der Juden wäre der Antisemitismus bei uns, sondern urffere!" Ans diesem Ausruf stand zuvorderst der Name des Präsidenten Wilson, der sich damit sogar über amerikanischen Verfassungsbranch hinwegsetzte. Wilson hat für die großen Mensthheitsidcale des jüdischen Volkes gestrebt und gestritten, gelitten und sich dafür erschöpft. Gedenken wir der großen und reinen Männer aller Zeiten, dann muß ihm eine dankbare Erinnermlg im Herzen des Judentums für immer sicher sein. Vom internationalen Judenhaß. Die Deutschnationalen gegen die jüdische * Zuwanderung. Berlin, 23. Februar. (Tel. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Die De-utschnationa-len Hader: im preußischen Landtag den Antrag eillgeboachtz die Oslgrenzen sofort gegen jede wertere jüdische Zuwanderung zu Mießem Ferner dürfe an Juden das Staatsbürgerrecht nicht mehr verliehen werden. Weiters seien sämtliche feit 1. Aprrl 1914 zugMandwten Ostjuden bis 1. Jul: 1924 auszuweisen. Diejenigen Ostrj-uden aber, die bis dahin das preußische Staatsgebiet nicht verlassen ha.ben, Men in Flüchtlingslagern uutergelbracht und zu-m Erwerb ihres Lsbens-rmterhaltes mit Landarbeit beschäftigt werden. Gin Geheimbündeleiversahven gegen den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Berlin, 21. Februar. Me der I. T. A. mitgeteili Wird, soll gegen den Re-ichsbund jüdischer Frontsoldaten am Ermittlungsverfahren wegen Geheimbünde l e i, eingeleitet worden sein. Die Angelegenheit steht im Zusammenhang mit den ausgedehnten antijüdischen Unruhen im Berlin«r ScheunLNv i e r t e l am 5. November 1923. Bei der Polizcn stutz nämlich Anzeigen omgelausen, die den jüdischen Fvonllb-umd -befchulidigen, er hätte an dem genannten Tage einen Selbstschutz gebildet mit -der Ausgabe, die jüdischen Bürger gegen die Exzedenten und Plünderer zu verteidigen. Dieser Selbstschutz soll dann auch in einigen Fällen eiugegviffen haben, wobei feine Mitglieder bewaffnet gewesen sein sollen. Das Verfahren 'befindet sich im Aufongsstadium. Einvernehmungen sind noch nicht erfolgt. Eine Untersuchung gegen die „Erwachenden?" (Eigendienst dec „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 23. Februar. Nach dem „Esti Kurir" wird bei der Polizei eine geheime Untersuchung geführt gegen die Vereinigung der „Erwachenden Ungarn" wegen des Verdachtes, daß das Attentat gegen den Elisabethstädter Klub und andere ähnliche Aktionen aus der Mitte dieser Vereinigung ihren Ausgang genommen haberr. Der Polizei sind umfangreiche Originaldokumente und Beweismaterialien, vertrauliche Befehle sowie Nachrichten der Zentrale <m den Hauptatterrtäter Mars: in die Hände gefallen. In allen diesen Akenstücken wird Marfi ausgefordert, zur Offensive gegen die Juden überzugehen. Wegen Selbstschutzes verurteilt. Bukarest, 31. Februar. (I. T. A.) Das Barlader Gericht verurteilte «den jüdischen Änden-ten Braunstein zu 200.000 Lei Schadenersatz, da Braunstem gelegentlich der vorjährigen antisemitischen Ausschreitungen aus einen ihn angreiftnden Exzsdenten geschossen hat. Der Antrag des Staatsanwaltes auf sine Bestrafung wegen Mordversuches wurde abgelchnt. Das Urteil aus Schadenersatztelistnng wird -dadurch begründet, daß der Angeschoffene die Kugel noch immer in der Lunge trägt und a r b e i t sunsäh:g sei. Der Kassat-ionshof lehnte >den Rvkrrs BmunsteinS gegen das Urteil ab. Das Temesvaeer Technikum. Bukarest, 20. Fobvuar. (I. T. A.) Die Mischen.Höver .der technischen Hochschule in Temesvar wurden dieser Tage durch ihre christlichen Kollegen gewaltsam aus den Hörsälen entfernt. Die Te-mesvaver Handels- und Gewerbela-m-ttwr lbeischloß daraushi-n, der Technischen HochsckMe und dem Studentenheim die bisher gewährten Unterstützungen zu «ntyishen. Judenmovd durch den Ku-Klux-Klan. New-York, 20. Fe>bruar. (I. T. A.) In der Provinz Ncw-.Han:ps-hme wurde der Jude Morris Goldberg durch Mitglieder der Ku-Klux-Klan ermordet. Nach der Mordtat erhielt di« Witwe des Goldbevg die chavalkteristisch« Aiiüei-lnng der Ku-Klux-Klan, die allso lautet; „Wir haberr Ihren MaNn erledigt. Paßt