Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1801 (20.2.1924)
- Date
- 1924-02-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Wiener Morgenzeitung. 20. Februar 1924 Nr. ISA Me Mgelegten Banken. ves-rr 2P.0P0 etreifcute ttrö Vorgesderrte. - StreMrecher bei »«Katt,»«» Eparkaffen. — Lenwnfiratkouen ln ker ünuerln Lwkt. - Keine Schließung der Börse. Ae Berhaktlmn Roßbachs. . Die schwarze Reichswehr. Gerhard Roßbach wurde gestern dem Lande'stzerichl ütergrben. Seine Einlieserung erfolgte auf Grund des von den deutschen Behörden erlassenen Steckbriefes, der auf Hochverrat lautet. Dian wird sich im Justiz minnftirlmn d:S Herrn Frank diesmal auf d'.e republilanksäM Grundsätze berufen und Len Verhafteten wogen des politislh-en Eharaliers seines Deliktes nicht ausliefern zu können. bedauern. Was übrigens gleichgültig ist, d.r ihm ja doch im LudendorffeMünchen auch nichts geschehen winde. In Wien wird sich Roßbach n ir w gen seines falschen Passes - und w.g.n sner Falschmeldung als Erwin Richter zu verantworten haben. Tann wird er angewiesen werden. Tb er auch tatsäch?:ch Dirn verladen wird, ist zweifelhaft. Er ist in Teutsck and einer der Organi'atcrrn der „schwarzen Reichswehr", jenes militärischen Gehe: mverbcmdeS. dessen Existenz die amtlichen Stellen kennen und pünktlich ableugnen. wenn die Ententrvertreter unter Berufung auf -den Fried:uev.rtrag sich nach den versteckten Waffenlagern erkundigen. Dieser Verband full im Kriegsfall der cff'ziellen Re'chsarmee zur Seite treten und wird auf diese Eventual tat sorgfältig, nach allen Finessen des deutschen Trills ge'chult. Bis zum Krieg hat diese schwarze Reichswehr gemeinsam m-it den sonstigen Verbänden, wie Stahlhelm. jungdeu-tscheL Orden. Ecnsul, Wrkiwz, Blücher, sich mit der Vorbereitung des 'Bürgerkrieges zu le'chäfiigen. Dios geschieht in der bekannten Weise der Indenhetze. Tie Kad:rs der schwarzen Armee sind, die völkischen Studenten, deren Beispiel ihre Wiener Kommilitonen pünktlich und folgsam nachaHmen. Der Besuch des Roßbach in Wien galt, wie schon erwähnt. dem Z'wecke. die Fusion aller Kampfelemente in Oesterreich herteizusühren. Das taktische Ziel ist die Sabotage der Sanierung. Das strategische, der Anschluß Oesterreichs an das Ludendorffsche Deutschland. Der Revanche krieg ge^.cn Frankreich, die Tscheche-Slowake, und Po^en ist nur ein auf die Jugend berechnetes Lockmittel. Hauptsache istd re Bern ich tu ng )er Republik und Einrichtung einer nati-cnal-milvtärrichen Diktatur nach magharischem Borbild. Die politische Entwicklung Europas in der lebten Zeit, der Wahlsieg' der erfischen Arbeiterpartei, d e Aussöhnung des Faszismus mit Jugoslawien und die Symptome des Niederbruchs Horthhs habm die Völkischen nervös gemacht' und sie zu raschem Handln veranlaßt. Es soll von W en, das in diesen Kalkülen wieder eine sehr wichtige Rolle spielt, eine neue Prcpagändk der Tat eingeleitet werden, die vor allem von der B e r te u e ru ng d e.s Lebens aus betrieben werden soll. Tie mit der großdeutschen Partei und ihrer Tätigkeit in der Reg erung unzufriedenen Hlntifemiten. unter Führung Karl Hermann Wolfs, wollen mit der Arbeit ungesäumt einsctzen. Es ist demnach mit einer neuen unruhigen Agitation zu rechnen, die übrigens mit ihren frechen antisemitischen Plakaten bereits jetzt — ausgerechnet vor der Messe — begonnen hat. Sie baltische Konferenz. „Durchaus friedliche Ziele." Warschau, 19. Februar. (P. Z. A.) Nach dem amtkchen Bericht stellten die Außenminister E st l a n d s, Finnlands. Lettlands und Polens in ihrer in Warschau abehaltenen Konferenz nach einer Besprechung ■ der allgemeinen politischen Lage die Notwendigkeit fest, den ' Frieden auf der Grundlage der bestehenden Verträge und unter Berücksichtigung, der N otwendigkeit, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen. den Staaten Osteuropas weiter zu entwickeln, aufrechtzuerhalten. Ferner wurde die Einmütigkeit der vier baltischen Staaten in den durchaus friedlichen Zielen ihr.er Politik sowie das Bedürfnis noch einem dauernden Einvernehmen hinsichtlich der die vier Staaten betreffenden Angelegenheiten betont. Die Konferenz hat den Entwurf eines SchieSdgerichtSabkommens angenommen, das nach der Annahme seitens der beteiligten Regierungen demnächst unterzeichnet werden soll. Es wurde ferner beschlossen. die Bestrebungen für die Festigung und Vertiefung der gegenwärtigen .wirtschaftlichen Beziehungen durch den Abschluß von entsprechenden Verträgen und Abkommen weiterzuführen. Die Konferenz stellte die Notwendigkeit eines engen Zusammenarbeitens der baltischen Staaten auf dem Ge. biete der Presse und der Verbesserung der Post- und telegraphischen Verbindung mit Warschau fest. Es. soll eine technischeKottferenz einberufen werden, um zwischen den Telegraphenagenturen der vier Staaten einen unmittelbaren Kontakt . anzubahnen. Die Konferenz beschloß schließlich einen Aufruf zur Zusammenarbeit aller vier Staaten auf intellektuellem, wirtschaftlichem und sportlichem Gebiete. Zur Regelung vsn Rechtsfragen wird in der nächsten Zeit eine gemeinsame Konferenz von juristischen Fachleuten der vier Staaten einberufen werden. Die nächste baltische Konferenz wird in HelsingforS tagen. * Brand im Rew-Barker vhettoviertel. Rew-Lork, 19. Februar. (Reuter.) Im Ghettoviertel ist ein Brand auSgebrochen, dem 13 Personen zum Spier fielen. Ein Geisteskranker, in dem man o-. n Brandstifter vermutet, wurde je ft genommen. Mit Ausnahme der Privatbanken sind alle Banken st i 11 g c I e <i 1 urb nur ein nicht ausreichender Notdienst der Direktoren ist in. Tätigkeit. Der gestrig Tag ist ruhig der» laus.ni mit Ausnahme von Kundgebungen vor der Zentralbank deutscher Sparkassen, wo Prokuristen arbeiteten, und vor der Anglobank, wo ebenfalls Demonstrationen stattsandm. Das Massenmeeting vor dem Nathause. Gestern vormittags fand vor dem Rathause ein Massen- Meeting der streikenden und ausgesperrten Bankbeamten un«d Bankgehilfrn statt. Bereits um-halb 11 Uhr begann dcr Zuzug der einzelnen Gruppen, d:e Sch'lder nüt dem Namen der Bank, der sie ongehören, vorantrugen. Von den im Streik stehenden 13.000 Boomten dürfte der groß!« Teil erschienen sein, da noch um halb 12 Uhr tmm-er neu« Trupps im Anmarsch waren. Von einer Versammlung in der Volkshalle mußte Abstand genommen werden, da nur ein verschwindend. kleiner Teil hä"« Eintritt erlangen kenn.m und außerdem die Volkshalle als Streiklok-al für eine Bank diente. Hingegen wurden . * auf dem freien Platz vor dem Rathaufe, der bis zur Ringstraße mit Demonstranten gefüllt war, von drei Automobilen Ansprachen gehalten. Es sprachen unter ' anderen vom Reichsverein der Bankbeamten der Präsident Epstein, der Generalse-kve'ör Nat-ionalrat ANina und der Sekretär Schmidt, ferner Z u bo für die Bankgehilsen. Auch ein Vertreter der Jndustrieangestellten brachte eine Sympathiekundgebung seiner Körperschaft zum Ausdruck. Die Redner ermahnten zur strenssten Solidarität. Nach Schluß zogen die Teilnehmer in geordneten Reihen über den Ring bis zur Oper oder zur Börse imb gingen dann in die Streiklokale. Die streikenden Bankbeamten haben sich vollzählig in den für jedes Institut bestimmten S'reiklokalen o'.ngcfunden, wo von den Führern der Bewegung Bericht erstattet wurde. Tie Boomten erblickten in der Aussperrung bei sämtlichen Banken einen Umstand, der ihren Bestrebungen förderlich ist; sie sind der Meinung, daß jene Institute, welche mit der Aussperrung vorgegangen sind, zur Weiter bezahlung der Gehalte verpflichtet seien, weil ihre Beamten sich keiner Dienst.'sver» letzung schuldig gemacht hätten. Die einhellige' Teilnahme aller Beamten am Streik müsse die Notvorsorgen der Banken illusorisch erscheinen lassen, mH bei den »wenigen zur Verfügung stehenden Kräften seien schon in wenigen Tagen außerordmtliche Störungen unvermeidlich. Die Stimmung »st ruhig und zuversichtlich. Gestern trat auch bei jenen Danken, die am vorgestrigen Tage noch gearbeitet hatten, bei denen aber die Beamten nunmehr ferngeblieben waren, der Notdienst in Wirksamkeit. Es ist selbstverständlich, daß sich dieser Verkehr langsaurer als sonst abwickelte. aber im allgemeinen kam es zu keinen wesentlichen Beschwerden. Var den Eingängen zu den Bankgebäuden waren Streikposten aufgostelll, die die Eiw tvetenden um ihre Wunsche fragten und dann, wenn eS sich nm geschäftliche Anevlegenheiten Handel'«, den Eingang frei gaben Bei einzelnen Banken haben die Boomten im Einvernehmen mit den Direktoren di« Effektenkassen versiegelt, damit nicht bei der Wiederaufnahme des regulären Dienstes die notwendigen Kontrollmaßnechmen auf Schwierigkeiten stoßen; tonnten. Selbstverständlich wurden bei den Banken geringe Erläge vorgenommen, die Mehrzahl der Umsatz^ wickelte sich im Wechselgeschäft und in Abhebungen ab, da so-' wohl Privat« als auch Industrien bestrebt sind, ihre, frei der* sügbarün Guthaben während der "Streikzeit in eigener Ber* Wahrung zu halten. Bei den Privatbanken geht der Dienst wie früher vor sich. Die privaten BankfirmeN haben beschlossen, ebenso wie die Banken eine Erklärung abzugeben, daß sie keine Garantie für die rechtzeitigt Durchführung der Aufträge übernehmen können. Die Lage ist so kritisch, daß man es nicht für wahrscheinlich hält, den Geld' verkehr, wie er sonst aufrecht erhalten wird, unverändert bel' zubehalten. Man muß sich darauf gefaßt machen, daß ein* allgemein« Unterbrechung in den Zahlungsverpflichtungen cirt* treten wird. Die Verhandlungen des Rbichrvereins der Bankbeamte mit den Privatfirmen werden in dieser Woche tygronen. Es wird angenommen, daß die Angestellten der Privatbanken sich dem Streik bald anschließen werden, zumal die Gehälter hier besonders ungünstig sind. Monatsgehälter von 800.000 blS 850.000 K. für Anfänger und 800.000 K. für Längerdi-onenpe sind keine Seltenheit. Keine Schließung der Börse. An der Börse und in finanziellen Kreisen wurde die durch den Bankbeamtenstrelk geschaffene Sachlage und ihre Rück» Wirkung auf den Effektenmarkt ein-Ahend erörtert. Hierbei tr<*l ziemlich allgemein die Anschauung hervor, daß vorläufig kein Grund Vorhand en wäre, die Börse zu schließen. In dieser Auffassung wurde man durch den Verlauf der gestrigen Börse bestärkt, die einm vollkommen normalen, geordneten Charakter aufzuweisen hatte, zumal das Geschäft sich in engen Grenzen hielt. In einer im Laufe dcs gestrigen Tages abgchalten^ Vorbesprechung der Börsenkammer wurde konstatiert, daß sich der Verkehr klaglos abwickle und daher'kein Grund zur SchliJ ßung der Börse vorhanden fei. Daraufhin wurde einstimmig dev Beschluß gefaßt, die Börfenversammlungen biauf tot'1' teres wie bisher abzuhalten. Dieser Deschlnß ist auch auf einen Auftrag der Regierung zurück,»führen, die eine Schließung der Börse unter fallen Umständen vermieden wissen will. Das Versagen des Geldverkehres. Der Eintritt d"r Beanncn der Ocsterrerchi-schen National« bank in den Streik hat den Gelvvrrkebr tief?insckmeid?nd beeinflußt und di« Lage verschärft. De Jndnstricfirmen, die dringende Aus'.-ch'.ung'n für Lehne zu befriedigen haben, waren nicht imstande, sich gestern das erforderlich« Kapital zu verschaffen, auch wenn sie über Milliarden von Gn'haben Verfügten. Das Oester re :chi'che Poft sp : rkasse namt hat Teilzahlungen in Bargeld geleistet. Andererseits wevn die privaten Bankfirmen reich: in dcr Lage, die allgemeine Not zu lindern. Es fehlt die Möglichkeit, für längere Zeit den Geldverkehr zu sichor.i. Bcgeichn."ld für d? D.'rhaimisse war eie Tattache daß jede einzelne Firma and jeder einzelne ttn^rnehnur fr.e Bargeld, das zur Verfügung in der Kaffe war ftstgchalten hat und Zahlungen nur mit Schecks oX'r Anweisungen an di.« ^Loftsparkassc gemistet hat, damit die-eigenen Geldbestände keine Schwächung erfahren. Mo gearbeitet wird. Nur bei der P o lt s p a r k o s s c, ver A r b e i»e r b a n t und der Zentralfparkaffe der Gemeinde Wien wird gearbeitet. D:r Andrang bei der Postsparkasse war außerordentlich stark. Der parlamentarische Vertreter der Industrie über den Streik. In der gestrigen Si'?ung des Finanz- und BudgetauS« schusscs gab der Vertreter der Industrie Abg. Reiner eine Erklärung in der Frage des Bankbeamtenstreiks ab, worin er er vor allem als unrichtig bezeichnet«, daß er verlangt hätte, daß die Bankbeamten entlasten werden. Gegenüber den Behauptungen über die große Abfertigung an Direktor Weiner sei darauf zu verweisen, daß zur Zeit der Regierung der Sozialdemokraten der Genevals-ekretär der Oesterreichisch-nngarischen Bank Rapp einen Gehalt in Pfund erhielt, der so hoch war, wi« ihn k:in Minister und kein Bankdirektor in Oesterreich bezog. Der heutige Zustand führt nur dazu, daß sich Elemente, die wir im.Geschäf'slebrn nicht wünschen, bereichern, daß die Fremden gezwungen sind, ihre Devisen beim Kellner oder Portier umzulvechfeln, und daß wir so zu einem wirklichen Frieden nicht kommen können,., ES ist kein großes Verbrechen, zu verlangen, daß di« Arbeitswoche von 41 Stunden um eine haßbe Stunde verlängert wird, und daß der Unfug der Ueberstunüen e^waS eingedämmt werde. Ich habe nie gesagt, daß diese Mehrleistung nicht bezahlt werdm soll, aber die Forderung, daß es eine slstündige Arbeitswoche n'cht geben darf, müsten alle unterstützen. Dazu ist unser Staat nicht reich genug. Wir stellen unser« Dienste zur Beilegung ^cs entstandenen Konflikts zrir Verfügung, weil cS sich hier um Menschen handelt, die uns sehr nahe stehen und weil auch bei einer längeren Stneikdauer unermeßlicher Schaden verübt wird, de" mcht wieder gut zu machen sein wird. Stornierung der Aussperrungen in der Provinz. Innsbruck, 19. Fcdruar. Nach einer dem hiesigen Bankangestelltenkomitee heute zugekommenen Mitteilung hat der Wiener Bankendevband die Aussperrung der Provinz storniert, weshalb in allen hissigon Banden mit Ausnahme der Nati-onalbank Und der ursprünglich in Streik gestandenen drei Banken der Betrieb vorläufiwerter geht. Eine Mitteilung der Großbanken. Die unterzeichnten Institute teilen mit, daß sie infolge des Streiks ihrer Angestellten bis auf weiteres die Verantwortung für di« Durchführung erteilter Aufträge abzulehnen gezwungen sind. In den Zentralen der Institute wird ein für Wechsewer« pflichtungen bestimmter Nctkastendienst in der Zeit von 11 bis 12 Uhr vormittags eingerichtet werden. Allgemeine Deposttenbank Allgemeine Verkehrsöanr Angl..°Attstnan Bink Lw., NiederlajfvnI Wien Unionbank (Entgeltlich.) * Richtigstellung. In unserer gestrigen Ausgabe ist auf Seite 4 bei der Notiz „Eine' Mitteilung der Banken" der Vermerk „Entgeltlich" infolge eines technischen Versehens wetz, gefallen. Die Forderungen der Jndustrieangestellten. Resultatlose Verhandlungen. Ueber Antrag des Bundes der, Jndustrieangestellten und der mit ihm koalierten Angestelltenorganisationen fanden gestern im Jndustriellenverband Bechandlungen über die Februarbezüge der Jndustrieangestellten statt. Die Inidustrieangestellten verlangten eine Echöhung ihrer fortlaufenden Monatsbezüge oder Verhandlungen über die Gewährung eine- UrlaubsbeitrageS. Das Verhandlungskomi?« der Unternehmer verwies darauf, daß di« Jndustrieangestellten im Monat Dezember eine durchschnittlich jedenfalls 15 Prozent übersteigende Gehaltserhöhung erhalten haben. Andererseiis hat sich feit dem Vertragsabschluß, insbesondere aber seit Jahresbeginn, die wirtsä-aftliche Sitnation, vor allem in der Metallindustrie, zufchends verschlechtert, so daß an ein« Erhöhung der i Löhne und Gehälter nicht gedacht werden kann, Im Gegen» 7rT?nv*r.**Ä*tei