Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1801 (20.2.1924)
- Date
- 1924-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ErnnlmmerKttOO Wien- Zum Ahholen in der Expedition, fl., T aborstr .1-3, oder meiner Verschleißteile (Trafikl monatl. K 35.000 Stressenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Gold«chmiedt,1.8ez., Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien n, Oeaterr. monatl. K 35.000 Tschee H o*S lowak eis Mo». K13. lu'roslawien: , Mo».Dinar60.Polen:Mon. osterreich. Kronen 30.000, Deut sc hl»: h’on. Goldmark 4.—, Frankr„ Rel- *ien: Mon. Frcs. 12 MV* N.efc*»t»1«a**« *WW b» PreiteriiOhmirm vorMwItaa Nk. 1891 Wiener Ler Intrigant WLM >WWWWWWWWWWW>W!HW>WWWWWWWWWWWWWWWßWUWWW>UW8t Me». Mittwoch. SV. Februar 1884 . Po’en:poin.wtt 200001 Italien: Monatl. 12 I 're R n manien Mon. 130,1 ei Bulgarien Mon. 80 l.ewa Schweiz and das übrijji Ausland monatlich Frcs. ( Redaktion u.Administratioi ' Wien, II., Tahorstrasse 1— Telephone: 44-0-38,43-3.19, ab 6 Ühr abds. 19-483,25-281 TeL- Adr.:„Morxenreitnn^ Wien Oesterreichisches Postspar kassen Konto . Nr. ‘ 150.69 6. Fabrgmg Die CeeleasMermg. —y. Wien, 20. Februar. Da Hai ein sechszehnjähriges Mädchen, das keine Arbeit finden konnte, von der Sittenpolizei die Erlaubnis verlangt, auf die Straße gehen zu dürfen. Diese Erlaub- ■ nis heißt „das Büchel". Weil das Mädchen noch minderjährig ist, bekam es das Büchel nicht, wurde aber für alle Fälle eingesperrt. Zusammen mit drei anderen. In der Haft erhängte sich die Sechszehnjährige und die drei Zellenstenossinnen halfen ihr. Die eine beschaffte den Strick,.die zweite paßte ans, die dritte steckte ihr den Kopf in die Schlinge. Die Staatsanwaltschaft wird gegen diese drei die Anklage wegen Mordes oder Beihilfe zum Mord erheben. Denn es muß erstens die Moral, zweitens das Selben geschützt werden. Es ist nun einmal so eingerichtet, und wer gegen diese Ordnung anfmuckt, ist a Jud. Das ist die Seelensanierung. Dieses Wort, das vor ein paar Tagen der Bundeskanzler ausgesprochen hat, erhält einen fürchterlichen Inhalt, wenn man ,den Zustand betrachtet, in den diese Gesellschaft geraten ist. Sie hat den Weg vom Seelenauffchwunq bis zur Notwendigkeit der Seelensanicrung in rascher Zeit zurückgelegt, so rasch, daß ihr die Seele überhaupt abhanden gekommen ist. Die Ctsatzwirtschaft der Durchhalter hat dies herbeigeführt, die von der sittlich-religiösen'Erziehung ausgegangen sind und das seelische Element der .Menschheit hinter den 'Patriotismus und den.Nationalismus und andere Begriffe versteckt hat, die im.Stahlbad der Völker schwimmen.. Die Väter wurden in den Krieg geschickt, um für das überfallene Vaterland, für das bedrohte Volkstum zu morden, zu rauben und zu brennen. Fünf Jahre lang war dies von der höheren Idee abgestempelt und diejenigen, die den Befehl erteilt hatten, bildeten sich ein, diese Männer würden auf ein gegebenes Zeichen den Schießprügel in die Ecke stellen und wieder gehorsame An>beter der Obrigkeit werden, wie das braven Kriegsleuten geziemt. Nein, sie würden das nicht, sie alle tragen das Entsetzen und das Gvauen der Nächte und Tage in sich, die ihnen von ihrem ruhigen Leben abgestohlen worden sind. Und dieses Entsetzen haben sie aus ihre Binder, übertragen. Es äußert sich verschieden: -die einen morden Juden, die anderen ihre Kameraden, die dritten fluchen dieser Welt und stecken den Hals in die Schlinge. Aber die Segner dieses Unglücks, diejenigen, die am Beginne mit priesterlich ausgestreckten Händen vor den Fahnen und Kanonen standen, die jammern. jetzt über die Verderbnis der Welt. Sie können es nicht fassen, wie es so weit kommen konnte, weshalb die Seelen in den Nowosadismus hineintaumeln mußten. Sie haben ja ihr Instrument, solche Dinge dem Auge zu entziehen, auf daß .es nicht beleidigt weche. Sie haben die Polizei, die einsperrt, und sie haben die Juden, die alles erniedrigen, Was anderen heilig ist, die das Volk verderben und die Mensä/heit entsittlichen. Der achtzehnjährige Nowosad, der ins Irrenhaus gesteckt wird, damit er nicht allzu viel aussage. die sechszehnjährige Anna Ing, die sich aufhängt, die zwölfjährige Güth Kadewee, die eingesperrt gehalten wird, um irgend einen hochfürstlichen Schweinehund nicht zu belasten, sie alle und mit ihnen Myriaden von Kindern, hon Buben und Mädchen, sind Opfer des Verbrechens, bas von den Führern dieser Gesellschaft verübt worden fft, von den Führern, die freilich ihre eigene Seele nicht beschmutzt haben. Sie haben die anderen im Namen der Kultur hinausgejagt, ihnen Lieder und Märsche nachgeschmettert, sie haben sie besungen Hnd bedichtet, ja sie chabett sie im gegebenen Falle sogar abgeurteilt und verdammt, aber heute wollen sie nichts von ihnen wissen, chre seelisä^e Not nicht einmal sehen. Polizei her! Die leibliche Not kann man viellvicktt, vielleicht mit der Sapiemng bekämpfen, lindern. Aber die andere brennt tausendmal schärfer, sie zerstört die Seelen, und. der Todesruf der Anna Fug übergellt das Werk der Sanierung, das zu einem lächerlichen Fetzen ei-nschrumpft ln einer Gesellschaft, die die Sanierung der Seelen zu rrnem schier unmöglichen Problem gemacht hat. Denn bk nächste Generation ist bis ins tiefste Mark vergiftet. Sie hat es mit ansehen müssen, daß das Verbrechen anbefohlen wird, und nichts kann diese Erfahrung bannen . und in ihrer Wirkung absä-wächen, solange die Kriegs- , Hetze unter dem Schutz des Staates fortgesetzt wirb. Es 'wird wieder den Kindern der patriotische und nationale Mord mit allem,. was dazu gehört, als heilig oingetrichtert« Jetzt sehen wir die Folgen. Intervention der Neuerung im Heute gemeinsame Besprechungen zwischen Banke» mV Streikenden unter Vorsitz Dr. Eeivels. Roch bevor der Streik der Bankangestellten ausgebrochen war, sind im Laufe des Sonntags der Vorsitzende der Gewerkschastskomrnission Abgeordneter H u e b e r und Bundeskanzler Dr. Seipel miteinander in Verbindung getreten, «m über die Möglichkeiten zu sprechen, wie eine Zuspitzung des Konfliktes vermieden werden könnte. Diese F ü h l n n gn ahme ist wahrend der folgenden Tage trotz dem Ansbruche des Streiks und der Verhängung der Aussperrung aufrecht erhalten worden. Das Ergebnis war, daß gestern die Vertreter der Bankangestellten «nd» dann die Vertreter der Banken beim Bundeskanzler aus dessen Einladung erschienen, um ihm über die beiderseitigen Standpunkte zu informieren. Der Bundeskanzler vereinbarte schließlich mit beiden Teilen, daß sie heute um halb 12 Uhrvor mit tags im Bundeskanzleramt zu einer unter feinem Vorsitz abzuhaltenden gemeinfame nBe sp rechuu g zusammentrete«.. May demissioniert. Ungarns verfehlte Finanzpolitik. — Ztnrmszenen In der Nationalversammlung. (Eigeudienst der „Wiener Mörgenzeitung".) Budapest, 19. Februar. Die Nationalversammlung war heute der Schauplatz von Szenen, wie sie selbst das an Ausschreitungen gewohnte, ungarische Parlament nur selten erlebt hat. Softrt nach Eröffnung Nr Sitzung «nterbreiieft Finanzmürister Kall a y eine Gesetzvorlage^ die - es verhindern sollte, daß der Kurs der ungarischen Krone weiter znrüchgehe. Als erste Maßnahme ist die Valorisierung der Kredite des Zettelinstttuts geplant. Durch die Vorlage wird der Fina» minister weiter ermächtigt, die Zwangsanleihe - in der Weise dmchzufiihren, daß er das Fünf, und Sechsfache der Stenerquote für die Einkommen-, bezieh»rngsweift Vermögenssteuer im Jahre 1921, als Vorschuß auf die ZwangSanleihe das Zehn-, respektive Fünfzehnfache der Quote der angeführten Steuer einzutreiben. Der Finanzminister vermochte die Vorlage nur unter größtem Lärm Mens der Opposition zu begründe«. Bon allen Seiten wurde ihm zugerufen: „Demissionieren Sie!" Die Regieruntzspartei verhielt sich ganz still. Dieser Umstand deutete daraus hin, daß der Finanzminister Kallay nicht mehr die gawe Regierungspartei hinter sich habe. Nach der Begründung der Vorlage erhob sich nicht eine Hand und nicht et» Wort des Beifalls wurde laut. Jugoslawien ratifiziert dar Fiumaner Abkomme». (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Belgrad, 19. Februar. Heute abends wurde in der Skupschtina die Debatte über daS Abkommen mit Italien über Fiume beendet. Der Vertrag wurde mit 123 gegen 21 Stimme» angenommen, Für den Antrag stimmten die R a d i k a l e n und die f ü d f e r v i f ch e n T ü 111 tc Der größte Teil der O p Position hatte vor der Abstimmung den Saal verlassen, darunter alle slovenischen Klerikalen und die bosnischen Muselmanen. Ein Teil der D e m o k r a t e» und ein Teil der Bane r nbündler sowie die Deutschen haben sich der Abstimmung enthalte«. StonlttUm milche« Radikalen ttnbSttnofraten! Belgrad, 19. Februar. In parlamentarischen Kreisen «nd in der Presse wird eifrig über die Möglichkeit der Wiederbelebung der K o a l i t i o n zwischen den Radikalen und Demokraten diskutiert. Berlin, 19. Februar. (Tel. der „Wr. Mörgenzeitung".) Ucher die Unterredung der Volkerbundliga mit Mae Donald berichtet das „Berliner Tageblatt" aus London: Lord Robert Ceeil führte ans, daß man auch andere Regierungen überzeugen müsse, daß der V ö l k e r b u n d erruft zu nehmen sei und daß ein enger Zusummenhang zwischen der Politik des Völker- Lundes und der allgemeinenPolitik Englands bestehe. Er regte an, den diplomatischen Vertretern Englands ßntjprerbende Instruktionen zuerteilen, Abg. S r r l a g y kritisierte unbarmherzig Re Pkäne des Finanzmimsters Kallay, welcher trotz aller Mißerfolge es wage, zu behaupten, daß seine Politik die richtige seiund unverändert bleiben werde. Während der folgeudru Rede des MlitzlWdH b«r Regierungspartei DeinestifiVWÜ iS z« deM lärmenden Szenen, daß die Sitzung «Uterbroche rr werM -mutzte. - «Mach Mederaufnahme der Sitzung erklärt B e t hle n, daß er auf dem Standpunkt der Regierung beharre und versicherte einer Deputation der Regierungspartei, daß er von der Vorlage nichts Nachlassen werde. Er siehe und falle mit Kallay. . Abends hat Fininzminlster Kallay seine Demission eingereicht, die vom Ministerpräsidenten angenommen wurde. Mit der provisorischen Leitung des Finanzministeriums Wurde Handelsminister Ludwig Dalko betraut. Jittatorlsche Finanzmaßnahmen. Infolge der wirtschaftlichen Zwangslage werde« i« Lauft des heutigen Tages zwei Notverordnungen erscheinen. Die eine bezieht sich auf die Valorisierung der Kredite beim Noteninstitut, die andere auf die Vorschüsse, die ftttc die innere Anleihe ausgenommen werde« sollen. Mae Donald erwiderte darauf, daß die Anregungen RöbeÄ Cecils m'weulgen Tagen befolgt werden würden, sofern dies nicht bereits geschehen sei. Die Regierung tue ihr Möglichstes, um der Schwierigkeiten Herr zu werden, aber sie könne nicht über Nacht Erfolge hervorzaubern, weder in bezug auf den Völkerbund, noch sonst wo. . Die Ernte, die nur langsam wachse, reife am schnellsten. Die Deputation könne aber versichert sein, daß die Regierung alles tun werde, um den Völkerbund zu e.iner wirklichen . politischen Macht zu gestalten. Nach diesen Ausführungen Mae Donalds erklärte Lord P a r m o o r e: Die Politik der englischen Regierung müsse eine , V ö l k e r b u n d p o l i t i k fein.. Der Premierminister wünschte, daß alle den Völkerbund betreffenden Fragen in B e r ü h r u n g m i t d e nt Äuswärti genAmt gebracht würden, und er könne nicht erkennen, wie dies noch weiter vervollkommnet werden könne, als es bereits geschehen sei. Kein Wechsel I» der britischen PalMna« PÄiM. London, 19. Februar. (I. T. A.) Der diplomatische respondent des „Daily Telegraph" schreibt: Soweit sich jetzt voraussehen laßt, ist von dem jetzigen KaÄnett und dem neuen Kolouialminister keine.Aenderung iu der bis jetzt verfolgten Politik. 1« bezug auf das Palästina- und das Irak-Mandat zu erwarten. Der Premierminister selbst hat sich auch schon früher wiederholt für das Palästina-Mandat ausgesprochen. Der diplomatische Mitarbeiter des ^Evenkng Standard" schreibt, ihm sei von autoritativer Seite mitgeteilt worden, daß die Negierung keinerlei Wechsel in der Politik in bezng auf Palästina und Mesopotamien in Betracht zieht. Sowohl der Premierminister als auch Mr. Henderson haben sich über StandPnnZt der Labvur Party fchriftllch ftltgelegt.