Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1799 (18.2.1924)
- Date
- 1924-02-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Men, Montag! Wiener > 18. Febramr 1924 Nr. 1799 §in demokratischer WaMeq in ltaaaru. Der Otobrist Nagy in Tebreczin gewählt. Budapest, 17. Februar. Das Ung. Tcl.-Korr.-Bnreau meldet aus Debrcczin: Im dritten Wahlkreis der Stadt Debreezin wurde der ehemalige Minister des Innern im Kabinett Karolyi, Vinwn; Nagy, mit dem Programm der unabhängigen Kossuth-Partei zum Abgeordneten gewählt. ' in M«nv.P»nzM. Ein Schwer- und acht Leichtvrrletzie. W i c n e r - N e u st a d t, 17. Februar. Ter steirische Schnellzug der Elenbahn Wir:— Aspang La, der nur am Sonntag verkehrt und um .13 Uhr 4V Min. hier fällig ist, wurde während seines Ansenthaltcs in der Station von einer Lokomotive, die ins Heizhaus fahren sollte, gestreift, wodurch beide Lokomotiven und der Dien st wagen des Schnellzuges entgleisten und die anschließenden Waggons des Zuges be'ch'ädiqt würben. Der Führer und Heiz erde rLokomotive sowie der Führer des Zuges und sechs Bass agiere wurden leicht verletzt, d-r Oberkellner des Speisewagens des Zuges wurde schwer verletzt. Die Garnitur des Schnellzu-cs und dessen Passagiere können erst mit dem nächstfälligen Persomnzug nach Wien befördert werden. Sitte SchreSsnsszenr beim Stalehner. Eine Zuschauerin durch Schüße auf der Bühne schwer« verwundet. Am Samstaq abends veranstaltete die alpine Jaodgesellscbait „Hubertus" in der Gastwirtschaft S t a l e b u e r in der Jörgentraße 8 ihren Hubertus-Kirtag. Das Fest war aut beucht und nadm einen ruhigen Verlaus. Nach 10 Udr wurde nun ouli auf einem kleinen Podium eine Wildererszene ausgeführt, bei der auch aus drei Gewehren Schüsse abgefeuert wurde». Plötzlich schrie aus dem Publikum ein Mädchen aus. und als man zu ihm eilte, iah mau. dag es aus der rechten Brust leite blutete. Man berief die Retlungsge'esiichcFt. und der In'peklionsarzt stellte eine Stichwunde fest. Das Mädchen wurde nur die II. Unüiflfation gebracht und rnuß'e sich hi r einrr tperotion innerstf)en. Alle drei Sckützm. die S biisse adaeaeben haben, erklärten, daß cs oubgeschlosseu sei, daß das Mädchen von ihnen vergeht worden sei, doch kann nur einer von ihnen, an dem Uinall ichnld tragend sein, da sonst kein Schuß gefallen ist. Die Verletzte, die 18,'äbrige Antonie Percina. Wolsganggasse 34. konnte bisher nicht einoernommen worden. 8eIb8motb einet f .-f y tif« gen. Mit Hilfe der Zell ■* v.< n?r .zt. Samstag abends bat .* 1 ö i r ige Hausgehilfin Anna Ing, Eichen-s'nnv jft, im Arrest des PolizeigefangenlMsts - hatte sich am 15. d. M. im Sittcnaillt m />' a ein-oeffrw.den, unter sittcnprlrzeiliche Kout erden. Diesem 'Begehren konnte jedoch m ... u: )as jugendliche Alter nicht entsvr-chrn tr n.""- g wurdeda?er über Verfü.gu.N'g des vor -o' rt Kenntnis gefetzten I:we:'>d-erchles f - :nden Fürsoraemaßuahmen in Schutzhaf n»: >n.. j Gram darüber, daß sie >hrrn Willen n . ormie, dürfte sie die Tal begangen haben ie se"--en7ssin . '. rt ibr bei dem Selbstmord geholfen, w'ü ei e mitgeteili haben. '".-'Vsi ' r ir--en''-w it-rn. erklärte sich die Pytalska zo, ' . it, ihr bei der Ausführung behilflich zu ,. i n, ging zu ihrem Bett, riß von der Bettdecke einen zirka 18 Zentimeter breiten Streifen der Länge nach ab, und die Heiden anderen hätten wohl dagegen protestiert, doch nicht, etwa, daß sie die Tat überhaupt ausführen wolle, sondern nur dagegen, daß es bei Tag geschehen solle. Man wollte b i s z u r D u n k e l b e i t w a r t e n. Während nun die vier Ällädchen sonst das Personal stets baten, länger Licht m ibrer Zelle baden zu können, ersuchten sie diesmal schrm geaen kalb 7 Ubr die Wärterin, das Licht im Saale anszulöschen, da sie schla'en wollten. In.'-wischen hatte die Pytalska eine Bank des Arrestraumes zum Klosett getragen, hatte die zusammengcknotcten Streifen der Bettdecke durch eine Bruchstelle im Gla-'dache, des das Klosett tvm Arrestraume abqrenste. dürchge-ogen. verknotet und die beiden Enden gleichfalls zusanlmen^eknüpft. Dann .zog sie die I-ug mit sich, diese stieg auf den Klosettdeckcl, die Pytalska steckte ihr den Kopf durch dir Schlinge, d'e die Unglückliche ohne ihre Hilfe nicht hätte erreichen können und dann sprang d'e Ing mit den Füßen von dem Teckel ltnb dürste, in der Luft hängend, sofort erstickt sein. Die S e l b st Mörderin wurde entdeckt, doch war jede Hilfe vergebens. Die Pytalska bestätigte diese Angaben ihrer Zellengenossinen nach anfänglichen Leugnen, behauptete zuerst, daß ihr eine von ibnen bei der Ausführung behilflich gewesen sei, mußte aber diese Beschuldigung dann widerrufen. Die Beratungen über die Art des Selbstmordes sind nach Angabe der drei gemeinsam gepflogen worden. Stefan NMalss«7. .die be'ouders derr bt und - »'erd^rben zu sein scheint,, wird wegen gemeinen Mordes dem Landesgerichte eingeliefert, während die beiden anderen dem Gefangenhause wieder überstellt wurden. Die Untersuchung.wird weitergeführt. Zer Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Schwanoerscha'Lskrankhriten. Die Schwangerschaft schasst, obgleich sie als normale^ physiologischer Vorgang zu bezeichnen ist, doch so viele Berändernngen an Körper und Seele der Iran, daß sie von den Betroffenen meist als krankhaft aufgefaßt werden. Es ist int allgemeinen viel zu wenig bekannt, daß das wicht gste Ereignis im Leben der Frau, die Befruchtung, eine völlige Umstellung im körperlichen Haushalte herbe-iführt. Naturgemäß zeigen sich d'e ersten Veränderungen an den Geschlechtsorganen. Es tritt infolge der starken Durchblutung eine Auflockerung und stärkere Abwanderung ein. Nicht ohne Einfluß kann'die in jedem Monat zunehmende Vergrößerung des Fruchchalters sein, der von einem kleinen birnförmigen, fünf Dekagramm schweren Organ zu einem etwa ein Kilogramm schweren Körper heranreift. Diese enorme Größenzunahme der Gebärmutter bedingt L-ageveränderung und Druck der umliegenden Organe, ^ie Harnbla e verliert im späteren Verlaus der Schwangerschaft ihren großen Fas'ungsranm. weshalb es oft zum lästigen Harndrang kommt. Die Dünndarm schlingen werden seitlich und aufwärts verlagert, der Dickdarm meist direkt zusammengedrückt, so erklärt sich die häufige Darmträgheit schtvangerer Frauen. ' Um noch mehr Platz fiir die wachsende Frucht zu schaffen, dehnt sich die elastische Haut der Bauchwäude, es bilden sich die bekannten bläulichen Sch'wangerfchaftsnarben aus, die, wenn auch zu tveißrn, sehnigen Narben verändert, als dauernde Zeichen nach der Geburt zurückbleiben. Der starke Blutzustrom zu dem fruchttragenden Organ schafft meist auch Störungen im Abflüsse, die die Benenausdebnunge-n der Schwangeren, die Krampfadern, zur Folge haben. Da die wachsende Furcht am Stoffwechsel der Frau teilnimmt. so sind die Anforderungen an die verschiedenen Organe, wie Lunge, Herz, Darm stark gesteigert. Gesunde Frauen und der vermehrten Besinktussung des Stoffwechsels obneweiters gewachsen, ohne besondere Reserdekräste des Körpers in Anspruch zu nehmven. Nabe der Grenze drr ^-eistun-''ssäbi-'keit liefen jedoch die Forderungen an die körperlichen Höchstleistungen der schwangeren Frau. Und so manck'e bricht unter der Last der überspannten Leistung in diesem Stadium zusammen. Bezeichnet doch ein so guter Kenner der kranken Frau wie Brofeffor Bumm die Schwangerschaft geradezu als den Prüfstein der Kraft und der Gesundheit des Körpers und der einzelnen Korverorgane. Nur zu oft gelingt dem Frauenkörper, wenn er schwach oder erschöpft ist, nicht die notwendige Anpassung an die erhöhten Forderungen, und so sieht man eine Reihe von Störungen auftreten, die teils vorübergehender, harmloser Schafwollrips Sa K Ml) 5 Ksnzrrte. Lange genug mußte Franz Schmidt als be'che'dener. Cellist im philharmonischen Orchester si'e bevor er sich als Komponist durchzuses'-en vermochte. Endlich hale.r seine Oper „Notre Dame", seine beiden Symphonien und seine erst kürzlich von uns gewürdigten Klaviervariationen die verdiente Wer.schützung gesuu.den und de Ausführung seiner Weiten Oper „FredegundiT" steht ii de: Staatsoper, wie schon wiederholt verlautet, bevor. Als Vorfeier zum fünfzigsteu -Geburtstage ihres langjährige r Kollegen veranstalteten die Philhernioniter ein. überaus erfolgreiches Franz Schmidt-Kcnzert, in dem Leopold Rcichwein mit prächtigem Schwünge — selbstverständlich ansn endig — zwei Orchesterwer'e dirigierte: Zwischei'.spiel und Karnevalsmus:? aus der Oper ,.Not.e Dame" muß man von den Philhermonii-ern mit :h em unübertrefflichen StrsiO'erglanz gebärt haben, um bVe saszi:: ereude Theatermache mit ihrti. ungarisiereuden Melodik und ihren kerngon Nhpthmen voll und ganz würdigen zu können. Ebenso mufikautifch, dcch weil gediegener in der Erfindung dünkt uns die zweite Sy.uvho::::, vielleicht d'e frischeste Symphoniemusik der nachmahlerch-eu Aera. A les aus e'ncm Gusse, ohne gewaltsame Künste'eien, vo.'l Wer.erifcher Siugseligleit, die sich in den weichen, mit '.nter „br'hmstl'den" Va iatiowen nicht genug tun kann. We'chrr S'lbershimr.-er in der Barkarole. welche Kunstfertig e't in der Wandlung der letzten Variation zu Scherzo und Trio! Mehr akademisch mutete uns die neue „Phantasie und Fuge für Orgel" an. Das lauge Work gerät in der v'e/stimmigen, überaus kunstvoll über ein Thema ge'egten Fuge abwechslungsreicher als in der schnuerigen, reich figurierten, mit Chromati? erfüllten Phaulasic. Franz S ch ü tz, dem das Werk gewidmet ist, und der es vorzüglich w'edergab, erzielte damit eüen ebenso lebhaften Erfolg, wie einige Tage vorher'der ausgezeichnete Domerganist. Karl Walter, mit einem Bach^Negee-Abcud. Tie Mancuproduktion und der Ser'enausverkattf unseres .Konzertbetriebes macht auch vor den ewigen Me'sterliu’r'cn der Tonkunst nicht halt. Selbst Be.hove'.is „missa s o l e m n i 3" wird zu einem zuglrüftigen Schlager gestci!U'>elt urld die Folgen bleiben leider nicht 'ans. Ihre einsame, unnahbare Feierlichfeil w'll sich nur mehr schwer im Koiizcrffaale einfiellerz, .selbst ruenn j» vorzüglche Kräfte quartett Kiurina, Kittel, Gallos und Mayer am Werte sind und Direktor Schalk mit aller Hingebung die Zeremonie zelebriert. Die M ssa, welche im Gegensatz zu Beethovens älterer C-Dur-Mefse durch ihre Ausdehnung und ihr Ethos jeden kirchlichen Rahmen sp engt, verlangt gleichwohl im Konzertsaale ge'stliche Feierlichkeit. Ein Bayreuth der Konzertmusik täte diestr transzendentalen Kirchensinfonik not und nicht eine nüchterne Konzertaufmachung mit abgehetzten Musi lern und einem übersättigten Alltagspublikum. Auch Mahlers Lebenswerk wird von der Konjunktur rücksichtslos ausgeschrotet. Erst waren es die eingänglicheren Wnnderhornsinsonieu, jetzt versucht inan es bereits mit den späteren „Jnstrumentalsymphmen". Kiemeus Krauß dirigierte mit Temperament und Routine die lebensbejahende „Siebente", d'e vorderhand wenig Aussicht auf Popular'tät hat. Es wären dcnu die Mittelsiihe — zwischen den be'dcn NachtstÜken, e'nem Phantastischen Naturstück und einer schwärmerischen Se-cnade, huscht ein schattenhafies Scherzo dahin — von denen sich d-ie beiden lichtdurch-- flutetcn dionysischen Ecksähe scherf abhebeu. Durch thematische Gemeinsamkeiten verbunden, kommen sie mit ihren komplizierten Berüstelun^en und ih -er monumentalen Architektur der großen musikalischen Menge noch nicht recht ent/egen. * Aleffanstro Bonci! Crinnerungen an e'ne entschwundene Ze't dw ital'e üschen Gesangskunst werden wach. Was tut es angesichts der vrlllomme: en Technik und des wunderschönen Stimmtimbres, wenn gelezentli':)« A emschwier'g eiten bas Alter des Künstlers verrann; rwrn unterliegt ja doch dem Zauber des belcanto die es geborenen Troubadours. Mögen auch unsere Sänger mü s.h:ve:«m Pathos und mit Bombenstimmen Wagner sprechsingen, so ursprünglich bezaubernde Tenorstimmen, d'e äns Herz rühren, gedeihen dock) nur unter dem blauen Himmel Jtal'eus. In e'ne ganz ändere Welt führte The.ee Schn abel-B ah r, d'e. von ihrem Gatten kongenial begleitet, in Schuberts „schöner Müllerin" durch ihre verinnerlichte Kunst erschütterte. Keine blendende Erscheinung, keine bestrickende Mimik, ke-'n füiliges Organ,--sondern eine kleine sonrehmst gebildete Altstimme, ein in seiner reickren leelifcbeu Nuancierurlg bezwingender Lorrra« und ^nnfhe ModellierunL der myopischen Linie. Weniger glücklich Olga Eisner, deren leidenschaftlich bewegte Stimme anscheiuLud gegen eine Indisposition ankämpfte, Melanie G ö n c z y, deren lauwarmer Vortrag für Hugo Wolfs Mörike-Liedcr nicht ausreichte, Ellen Martin, deren d"amat:fch schlagkräftige Sopranstimme ein internationales Programm ohne sonderliche Gesangskultur erledigte. Artur Schnabel, in dessen kunstvollem Klavierspiel Geist, Gefühl und Technik eine so schöne harmonische Verbindung eingehen, ist der vorbildliche Jnterprets klassischer Klav'ecwerle gleichw'c Gieseking der beste Nachbildner der Mustkmoderne ble'bt. Welch ein männlich großer blühender Ton, welche Klarheit im Ausbau! Nur schwer trennten wir uns — trotz mancher eigenwilliger dynamischen Verschiebnngen und agaglicher Verrückungen Schnabels in der Sonate D-Moll, op. 31 — von dem ergreifenden Beethovenspicl des begnadeten Künstlers. Dagegen brachte daS Wiedersehen mit Bruno Eisner eine kleine Enttäuschung. Welche gewaltsame und doch nüchterne Auslegung in Schumanns C-Dur Phantasie. Trockene mechawische Klavierphrasen und durchaus kein „leiser Ton gezogen für den, der heimlich „laufhet". Fräulein Hedda Ballon hat ersrenliche Fortschritte gemacht; dies ze'gte sich namentlich in Moussorgskys „Bilder einer Ausstellung", die sie pianistisch sauber vcll Lebhaft'g'eit spielte. Die Schwestern Z i l z e r gaben ein gcrne'nsames Konzert: Piraska, die ältere, und reise e, weiche Beethoven und Tschaikowsky spielte, fesscl-le durch ihr frisch zugreifendes, energisches Klavierspiel. Temperament hat auch die jüngerch Jbolhka, welche sich an Beethore'.s Violinkonzert mit heißem Bemühen und kindüch"r Unreife wagte. Beide noch halbe Kinder und spielen Beethoven-Konzerte mit Orchester im großen Musikvereinssaal. Wohl ein schare.gefaßter Entschluß! Mußte es sein? Schließlich noch ein heiteres Intermezzo! „Siegfried", großes abendfüllendes Tonpeml'lde für Violine allein, wurde nach Wagners Siegsriedmelod-en von Gustav Mäurec zusammengestückclt und von ihm selbst in schülerhafter Weis« im Konzertsaal gespielt. Der traurige Held des komischen Abends, ein Wiener Musikschuldirektor (!), hat seine Mache Frau Tofima Wagner gewidmet und m Bayreuth urausgesührt. wie das redselige Programm verrät. ES verschiveigt allerding», ob sich Frau Cosinra unter den leidtragende«