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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-17 · Heft 1798 (17.2.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1798 (17.2.1924)
Date
1924-02-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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feil« Wisnp SVn«tLg / Wiener Morgenzeitung. 17. FeLmar 19L4 Seite» Ae WWe MllerbmiLIW dl Sesterreich. Die konstituierende Versammlung. Gestern erfolgte in: Saale des Niedervsterreichlschen Gewerbevereins dieGründungeinerjüdischen Bölkerbundliga in Oe st er re ich. Der Saal war noch vor Beginn der konstituierenden Versammlung überfüllt, v ie l c Hunderte konnten keinen Einlaß mehr finden. Unter den Anwesenden bemerkte man eine Reihe von markanten Persönlichkeiten des jüdischen öffentlichen und geistigen Lebens. Stürmisch akklamiert, hielt Oberrabbiner Dr. Chajes die Eröffnungsrede. Er legte dar: Vor fünf Jahren, im Februar 1919, zur selben Zeit, als in Paris die Friedenskonferenz tagte, traten in Bern Männer und Frauen aus verschiedenen Ländern Europas und der Uebersee zusammen. Es war das erste Mal seit Kriegsbeginn, daß Menschen aus den Ländern der Sieger und Besiegten zusammenkamen, um über den Frieden und die künftige Entwicklung der Menschheit zu beraten, im wesentlichen aber, um den Gedanken des Völkerbundes in die Völker zu tragen. Im Anschluß an die Tagung hielt ich einen Vortrag über Palästina als Weltproblem. Nach diesem Vortrag kam ein Mitglied der englischen Delegation auf mich zu und sagte mir: „Jetzt habt ihr Juden wieder eine Aufgabe, für die ihr eure Kräfte im Interesse der Menschheit zur Verfügung stellen könnt; nämlich die Idee des Völkerbundes." Da es ein Engländer war, der bibelfest ist, zitierte er mir gleich, um mir zu zeigen, daß der Völkerbund ein jüdischer Gedanke sei, den Ihnen allen bekannten Satz, der zweimal in den Büchern unserer Propheten, im Jesaias und im Micha, vorkommt, den Satz, der von einer fernen Zeit spricht, in der alle Völker sich brüderlich vereinigen werden und die Kriegsinstrumente in Waffen der friedlichen Arbeit verwandeln werden. Wenn wir nun in wenigen Worten uns klar machen wollen, was denn das jüdische Volk befähigt hat, einen so entscheidenden Einfluß auf die sittliche uud giftige Entwicklung der Menschheit auszuüben, weit mehr als irgend ein anderes Volk, das unserer Kulturwelt angehört, so läßt sich daraus folgende Antwort geben: Das jüdische Volk war im Altertum nicht nur das erste, sondern das einzige Volk, das sich ein inneres Verhältnis zu den anderen Völkern geschaffen hat. Einen solchen Gedanken findet man bei keinem anderen Volk des Altertums. Nehmen wir die beiden großen Kulturfaktoren, die Europa und die dem europäischen Kultuvkreis angehörigen Völker beeinflußt haben, Griechenland und Nom. Das griechische Volk hat sich niemals Gedanken darüber gemacht, wie sein inneres Verhältnis zu den anderen Völkern zu sein hat. Der Grieche Hai es für selbstverständlich gehalten, daß andere Völker, die er Barbaren nannte, seiner Kultur, der griechischen Kultur, huldigen. Es hat sich bei ih,n mit natürlicher Notwendigkeit ergeben, daß er sich sagte: Meine Kultur ist die höchste und die anderen müssen sich dieser Kultur fügen. Das gleiche gilt für das römische Bol k. Das römische Volk hat die Kraft gefunden, ander« Völker zu besiegen, chnen feinen Stempel auszudrücken, es hat sich aber niemals Gedanken darüber gemacht, ob diese anderen Völker seine Kultur als Sogen empfunden haben. Es hat nicht das Bedürfnis gehabt, von anderen als Segen empfunden zu werden. Es war ihm klar: Das Römertum ist Macht und fte bringt Segen mit sich. Im Gegensatz dazu hat das Mische Volk schon in ältester Zeit sich zur Aufgabe gemacht, als Segen der Völker zu erscheinen und von den Völkern als Segen ernpfunden zu werden. Wenn Sie wollen, ist der höchste Ausdruck dieses Derantwortungsgefichls anderen Völkern gegenüber der mcssianische Gedanke des Judentums, der darin gipfelt, daß die Zeit konnnen werde, wo alle Völker gemeinsam dem göttlichen Namen dienen, wo ein gemeinsames Band von geistiger Sittlichkeit alle Völker umfassen wird. Dieser Gedaniöe hat es mit sich gebracht, daß das jüdische Volk ein schlechter Hasser lvurüe. Das jüdische Volk hat tatsächlich die anderen Völker, auch jene, von denen es bedrückt wurde, nicht gehaßt oder nicht dauernd gehaßt, weil, bewußt oder unbewußt, vor dem jüdischen Geiste immer der Gedanke stand: Es wird und muß eine Zeit kommen, in der Völker durch ein Band der Brüderlichkeit, der Geistigkeit und Sittlichkeit vereinigt sein werden. Dadurch, daß da§ jüdische Volk von den: Augenblick an, in dem es in die Geschichte eintrat, dieses Verantwortungsgefühl der: anderen gegenüber empfunden hat, dadurch hat das jüdische Volk tatsächlich den Gödarüken des Völkerbundes geschaffen. Wenn wir alles überschauen, was in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten von allen Teilen der Erde uns bei Ausgrabungen, Forschungen usw. wieder bekannt wurde, so sticken wir nichts, was die jüdische Geistigkeit und die jüdische Sittlichkeit irgendwie ersetzen könnte. FRACKHEMDEN FRACKGILETS dircUiKtlll L,._^er BER1R0LI) SCREEJx mihmükmvr ttwfrt Der Grund dafür liegt darin, daß wir von Anfang au ein positives inneres Verhältnis zu den anderen Völkern, daß wir ihnen gegenüber Verantlvvrtungsgefühl hatten. Sie werden also begreifen, daß es für uns Juden ein besonderes Bedürfnis ist, für den Völkerbund offen und mit allem, was wir an Kraft und Geistigkeit haben, zu arbeiten, und es ist deswegen nufere Pflicht hier und überall, wo Juden leiben, Vereinigungen und Gesellschaften jit gründen, die den Gedanken des Völkerbundes in die Massen tragen. Es liegt darin schon die Antwort ans die Frage, die so hänsig an uns gestellt wird, warum wir eine eigene jüdische Liga für den Völkerbund schaffen müssen und uns nicht den in verschiedenen Ländern bestehenden Vereinen und Gesellschaften für den Völkerbund auschließen können. Gewiß können wir das, aber wir haben die historische Pflicht, unsere Farbe und unseren Ton in die Arbeit für den Völkerbund zu tragen. Darum haben wir die Pflicht, als Jude n, als älteste Träger dieses Gedankens, für den Völkerbund tätig ju sein. Ich habe gar nicht davon gesprochen, welches Interesse praktischer Art uns den Gedanken nahogelegt Hai, eine jüdisch^ Liga für den Völkerbund zu schaffen. Darüber wird der Hauptredner unseres heutigen Abends, unser Freund Mvtzkin, sprechen. Mir liegt daran, gewissermaßen die geistige Basis dafür zu schaffen; denn lveit mehr als persönliche Interessen liegt uns am Völkerbund als dem Vertreter der mit der Bölkerbundliga, damit man eine freie Verbindung Herstellen kann, wie es dort vorgesehen ist. Ich 'füge hinzu, daß ich Herrn Dr. Kunz, dem Leiter der österreichischen VAkerbunÄliga, von der Gründung einer Mischen Gruppe in Wien Mitteilung gemacht habe und er sich bereit erklärt hat, das Einvern ehmen zw tscheu beide u G ru > Pen herzustellen. Ich erlaube mir, die Hoffnung daß es uns bei unserer nächsten Bollverfom-mlung in Pwn im. Juni dieses Jahres möglich sein wird, die Konstrtnie.ru dieftr Gruppe zu begrüßen und einen von Ihnen als Vertrete c unter uns zu scheu." (Stürmischer Beifall.) Der Generalsekretär der jüdischen Delegation bei in Friedenskongreß, L Leo Motzkin, entwickelte sodann in einer längeren Rede die Stellung der Inden zum Völkerbund uni) die Ziele der zu gründeiDen Liga. Wir können seine Ausführungen, die eine historisch und sachlich begründete, lückenlose Darstellung der polnischen Forderungen des Judentums bilden, hier nur im Auszug geben. Der Redner, den der Beifall der Versammlung wiederholt unterbrach, führte unter anderem aus: Die Stifter des Völkerbundes, wenn sic auch jedenfalls z>un größten Teil von der vornehmeil Idee der Völkerverbrüd? - rung'geleitet »varen, haben doch infolge mannigfacher Hindernisse nicht die Verbindung der völkerpsychologischen Natureinheiten, sondern der Zwangsstaaten Interessen der Menschheit, wie es das Judentum seit Jahrtausenden erträumt ruck erhofft Hai. Daß wir gerade O e ft e v r c i ch getvühll haben, nur die erste jüdische Liga des Völkerbundes zu schaffen, das bedarf .nicht der näheren Ausführung. Oesterreich ist das Land, das seine im Werden begriffene Sanierung dem Völkerbund zu danken hat, und wenn man heute mit Recht oder Unrecht darüber klagt, daß der Völkerbund noch nicht das ist, was er sein soll, so ist das für uns kein Grund, diese Arbeit für jene Zeit anfzubetvahren, in der der Völkerbund wirklich in: wahrsten mtd höchsten Sinne des Wortes sin Bund der Völker fein wird; dann wird man uns nicht brauchen. Wir haben durch Jahrtausende für diesen Gedanken gekämpft, als man ihn noch nicht verstand, und jetzt, wo man ihn zu verstehen beginnt, ffl es unsere Pflicht, das, was geschehen kann, so rasch und so stM mix es im können, m die Wirklichkeit muzusetzen. Allel&iger Erzeuger Semese Kobe, Gründer der Llkömerke Xobä und einziger Träger des Neimens Damno Hobe. yivx SWS! PruneHe Noisette NsrasdiiM Punch 1 1’Abims Crime Ne Me Inflosturu Bitter Eckt nur in dieser runde» Fl&ackenform! ' ZeMomii: W. LffttpmninM b.it. Ie!. 2(229 Ehe ich Herrn Motzkin das Wort gebe, will ich einen Brief verlesen, den ich anläßlich der heutigen Tagung von dem. Zentralbureau der Ligen für den Völkerbund in Brüssel gestern bekommen habe. Der Brief deS Generalsekretärs der Union der Völkerbundligen, Prof. Rnyssen, lautet: „Ich habe mit großer Freude Ihren Brief axmt 7. d. erhalten, in wÄchem' Sie' mich 'verständigen, daß eine jüdi-sche Liga für den VvMerbund in Oesterreich im Begriffe ist, gegründet zu werden und ich übermittle Ihnen meine a u f r i chtigen Wünsche s ü r d e u Erfolg dieses Unternehmens. ÄL ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß der erste Gedanke des Völkerbundes sich ausgedrückt findet in der prophetischen Literatur des indischen Volkes und daß die .Juden in Wien, indem sie ihre Interessen für den Völkerbund in Gen: bekunden, fern wesentlichen jüdische T r a d i t i o n c n fortfotzen. Wenn es Ihnen oucfi. ohne Zweifel besannt ist. wie nufere Ilnion für den Völkerbund zustim meng-: setzt ist. tzaüe ich es doch für nützlich, Ihnen mü dieser Post einige Exemplare der Staturen einznschicken, in welchen ich Ihnen den dritten Artikel empfehle, der die Bedingungen festsetzt, unter denen eine neue Ge.ftllschafr zur Union der Bölkrliundllgrn zugetasseu wrcdru. kann. .Daraus, geh: hervor,., daß .die neue .W.j n«r G^ielljchaft f m Ein vernehme.g stehen m n ß verwirklicht. Infolge der Modifikationen, welche die Weltkarte nach dem .Krieg angenommen hat, sind fast alle Nationen durch bestimmte Staaten m die Lage versetzt worden, sich im Völkerbund vertreten zu sehen. Es gibt nur wenige Völker, denen diese Möglichkeit genommen ist. Dasjenige Volkstum, welches darunter am schwersten leidet, ist das jüdisch e, weil es wegen Mangel eines territorialen Staates im Völkerbund nicht repräsentier ist. Auch die vom Völkerbund sanktionierte Errichtung eines Nationalheims in Palästina gibt laut dem gegenwärtigen Pakt jetzt den Juden noch nicht das Recht ans eine Repräsentation. Für uns ist dieses Problem um so schärfer, als unsere Frage und unsere Interessen durch die Entscheidungen des Völkerbundes immer wieder berührt werden, und wir andererseits für jeden Fall noch mit Jahrzehnten zu rechnen haben, ehe wir durch das Medium Palästinas in den Völkerbund kommen werden. In den Jahren 1917 bis 1919 war wiederholt der Gedanke ausgenommen worden, daß die Juden infolge ihrer durch die Zerstreuung bedingten Sonderstellung nach einem Korrektiv streben müssen, um am Völkerbunde beteiligt sein zu können. Die erste z i o n i st i s ch e Nachkriegskonserenz, die sich mit dem gesamten Leben der Inden befaßte, stellte im Marz 1919 die unzweideutige Forderuna auf, daß das jüdische Volk im Völkerbund eine direkte Vertretung haben müsse. Diese Forderung entsprach in jenem Zeitpunkt den Auffassungen der überwältigenden Mehrheit der Juden und war durch Dutzende von Kundgebungen jüdischer Ratwnat- Versammlungen, jüdischer Kongreffe, welche Millionen Inden von Osteuropa repräsentierten, aufgestellt worden. Erst als die jüdischen Delegationen aus zirka 15 Ländern Europas, Asiens und Amerikas in Paris zusaurmenkamen und ein einheitliches, gemeinsames Organ zur Vertretung der Mischen Juteressen vor der Friedenskonferenz geschaffen'hatten, stießen sie aus die harte Wirklichkeit und mußten nach schweren und langwierige»: inneren Kämpfen während ihres Auftretens gegenüber der Friedenskonferenz diese Forderung zurückstellen. Die Majorität der Delegationen hatte sich im Interesse der möglichsten Einheitlichkeit der Minderheit gefügt. Infolgedessen unterblieb im Memorandum diese Forderung. Die Idee hattvor der Praxis Halt gemacht. Die Friedenskonferenz schuf an Stelle von Nationalitätenstaaten Nationalstaaten unter dem Gesichtspunkte, daß Ratisn, Territorium und Staat möglichst identisch sein sollten. Man weiß, daß dann das Problem in seiner Ganzheit keineswegs gelöst wurde, da auch die neuen Staaten nicht wirkliche Nationalstaten, sondern nur solche mit einer Haup tnation darstellen. Nicht mit Länder wie Polen, Rumänien, die Tschecho-Slowakei, in denen die der Hauptnation nicht angehörigen Bevölkerungsfchichten bis zu einem Drittel betragen, sondern auch die meisten anderen neuen Staaten bestehen mcln aus einer einheitlichen nationalen Bevölkerung. Um diesen Mangel korrigieren zu können, hat die Friedenskonferenz zur Vermeidung der Bezeichnung von Nationalitätenstaaten den Begriff der Minderheit geprägt und die sogenannten M i n d e r h e i t s r c ch t e ein« geführt. Die Friedenskonferenz war zweifellos von den besten Ideen getragen, im Rahmen der realen Möglichkeiten den nationalen Gruppen gewisse Garantien zu verschossen, und die nationalen Gruppen selbst, einschließlich der j ü d if ch e n, haben notgedrungen nicht anderes verlangt. Die Friedenskonferenz, gedrängt durch die für ihr Dasein kämpfende»: nationalen Minderheitsgcineinschaften, ging darm sogar so weit, daß sie die ihnen gewährte Klausel "durch eine Uebergarantie, närnlich durch die Möglichkeit des Appells an. den Völkerbund sicherte. Der Völkerbund »var an sich für eine einheitliche Idee ins Auge genoimrien und propagiert »norde»:, für die Idee d«. ewigen Friedens oder eures möglichst langen Friedens. Roch bis zum Jahre 1918 »vare»: die Kundgebiutgen für den Bölki'r bund irnmer »:ur Wiederholungen des einen Gedankens, eine Verbindung der Völler oder Staaten zu schaffen, welche den Krieg ein für allemal unmöglich machen sollte, und »varen sogar meist Anlehnungen an die früheren und frühesten Friedensbeftrebungen. Die Propaganda der mannigstiltigen Schuhe! 3563728^

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