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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-17 · Heft 1798 (17.2.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1798 (17.2.1924)
Date
1924-02-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite i_ Wien, Sonntag Fragen vor ein auswärtiges Forum zu tragen. Zu den vielen Lügen, die über das Judentum verbreitet werden und von deren Verwertung die Schmierer der antijüdischen Demagogie leben, eine mehr. Was die jüdische Völkerbundliga will, .betrifft eine Grundfrage des internationalen Lebens. Wir berufen uns auf eben dieselben Nechtstitel, welche den neuen Staaten das Leben und die Existenz gegeben haben. Genau dieselben Friedensverträge, welche diesen Staaten Macht und Autorität verleihen, geben auch den Juden den Anspruch auf die Anerkennung ihrer nationalen Individualität. In den Friedensverträgen, die in alle Verfassungen der neuen Staaten ausgenommen worden sind, wird kein Unterschied gemacht zwischen den deutschen, polnischen, ukrainischen, magyarischen Minoritäten, die sich in verschiedenen neuen Staaten ' befinden, und es wird nirgends die jüdische Minorität ausgenommen. Wenn die Staatsvölker dieser Minoritäten, wenn die Deutschen, Polen, Magyaren in der Sicherung ihrer Minoritäten durch die Friedensverträge eine notwendige Ergänzung ihrer nationalen Existenz erblicken, so steht auch uns das volle Recht zu, den Schutz unserer Minoritäten in dem Ausmaß anzustreben, als wir dies für notwendig halten. Daß wir der harten Notwendigkeit gegenüber stehen, mit den Machtvcrhältnissen zu rechnen und Kompromisse anzunehmen, ändert nichts an unserem Recht. Wir sind nur dadurch im Nackckeil, daß wir uns nirgends aus die Existenz einer jüdischen Majorität berufen und stützen können. Die anderen Minoritäten haben ihre Rückendeckung durch eine geschlossene. Majoritätsnation. Wir haben nichts als die Rechlsidee, als deren Vertreter wir den Völkerbund betrachten müssen, insolange wir nicht selbst in der Lage sind, unsere Ansprüche durch politische Macht zu fundieren. Die jüdische Völkerbundliga ist also ein Hilfsorgan des Völkerbundes in allen Fragen des jüdischen Minoritätenschutzes. Sie muß das Weltgewissen wecken und wach halten, alle Rechtsbeugungen, alle Verletzungen des Friedensvertrages in der jüdischen Frage zur öffentlichen Besprechung stellen. Die Veranlassung dazu bietet sich für Oesterreich alltäglich. Hier hat sich eine ganz neuartige Methode der antijüdischen Praxis entwickelt. Hinter der Kulturfassade, welche für den Völkerbund und die Kreditstaaten hergerichtet worden ist, grinst das Hakenkreuztum, beschützt von den hohen staatlichen Funktionären. Hier werden die Gesetze wohl einwandfrei zurechtgeschnitten, aber im Wege der Autonomie der Kulturinstitutionen, im Wege der Tatsachen, wird der Numerus clausus gehandhabck, werden die Hochschulen zu Mittelpunkten einer niederträchtigen Hetze gemacht, welche die deutsche Jugend, die kommende leitende Generation des Staates vergiftet. Hier gelten die Terrorsormationen als staatserhalterrdes Element, für welches in Gebäuden des Staates Unterkunft geschaffen wird, während die Wohnungshetze gegen ausländische Juden fortdauert. Hier gibt es ein Wiederbesiedlungsgesetz, welches nicht im Wortlaut, aber in der Handhabung Juden vom Erwerb landwirtschaftlichen Besitzes ausschließt. Hier gibt es eine Judenjuftiz. Die jüdische Völkerbundliga hat viel Arbeit zu leisten. Sie muß die Sprocke des europäischen Gewissens auch in Wien zur Geltung, bringen, lind sie will gerne und freudig an der Verbreitung der Völkerbundidee, die ja die jüdische Idee von der Menschheit ist, Mitwirken. In Genf wird man auf sie Horen müssen und sich dessen bewußt sein, daß es nicht genügt, Rechtsgrundsätze auszustellen, sondern daß auch ihre Durchführung gesichert werden muß. Sonst wird Vernunft Unsinn, Wohltat Plage und der Schuh der Minoritäten zu ihrer Unterdrückung. Das liegt sicherlich nicht in den Intentionen des Völkerbundes, aber die jüdische Minderheit muß die Gefahr, die sie am stärksten bedroht, deutlich und klar, bezeichnen. Sie wird ihr fteilich erst dann mit voller Kraft entgegenwirken und auch positiv an der Schaffung eines neuen Völkerreck tes Mitwirken können, wenn sie als Volk im Völkerbund Sitz und Stimme haben wird. Dieses Ziel darf in der Arbeit des Tages nicht aus den Augen verloren werden. Zer Zweck der jüdische» Bölkerkmkd- Ein Gespräch mit Leo MoEn, Generalsekretär des Comite des Telegations des Juives in Paris, Präsidenten der Exekutive der jüdischen Wslthilfskonferenz. E-ner unterer Mitarbeiter hot'e Gelegenheit, den Gmcralü'kretäc des Komitees der jüdischen Teleqcuicmen in Paris Leo Mctzkin zu sprechen, weicher sitz: zwecks Gründung einer jüdischen Böllerbnndliga in Wien weilt. Tr Motzkin, der vielfach An.atz halte, die Sache der Juden vor . den kompetenten Faktoren des Völkerbundes zu vertreten, äuszcrte sich auf di Frage, welchen Zweck eine jüdische Völkerbundliga ha de, wie folgt: „Wie Ihnen bekannt ist. wurden zur Propaganda des Völkcrbundgcdankcns in allen Staaten Vöckerbundoecemigungen gegrün.-det, an deren Spitze die bedeutendsten Persönlichkeiten der politischen Oeffentlichkeit stehen, und d e. obgleich sie keine offiziellen Jnstitutienen sind, gerade durch ihre Täligke:. — die Verbreitung der Idee des Vöikerbun'dcs als des berufenen Organs, welches das Gedeihen für das Zusammenleben der Völker und die friedliche Beil-.gnng Veit Konflikten ermöglicht — wachsenden Einfluß suc^t nur in chr^n Ländern, sondern besonders autj beim _ Wiener Moraenzeitung. ’_ Völkerbund, dessen Arbeiten durch sie wesentlich gefördert werden, gewönnet: habe»!. Da die Judenheit eine staatl che Zusammenfassung nicht besitzt. und die'Völkerbundligen bisher das tcrritöriälstaatliche Prinzip zur Grundlage ihres Aufbaues hatten, konnten bisher die Juden, obwohl der Völkerbund selbst die Zugehörigkeit des jüdischen Volkes zur Vereinigung der Nationen.anerkannt hat, in den Ligen nicht vertreten sein. Ta aber speziell die mit der Tätigkeit des Völkerbundes zusammenhängenden Minoritäts- und Mandalsprobleme für die Judenheit heute von besonderer Wichtigkeit sind, so ist eine jüdische Vertretung im Verbände der Völkerbundligen notwendig. .Deshalb werden fetzt in mehreren Ländern, besonders M i tt c l- und O st e u r o P a s, welche der Sitz größerer jüdischer Minderheiten sind, jüdische Völkerbunds-gen begründet. Ihr Zweck ist die grundsätzlich anerkannte und auch formell durchführbare Vertretung der Juden im Verbände der Völkerbundligen, welche sowohl für die gesamte Judenheit mit Rücksicht auf ihre Min-oritätsücllnnq von großer Bedeutung ist, als auch dem Völkerbünde, an dessen gedeihlicher Fortentwicklung so viele Hoffnungen des jüdischen Volkes hängen, eine Stärkung seiner Position bringt." Von wem geht die Gründung der jüdischen Völkerbundligen aus und wie weit sind die Arbeiten vorgeschritten? „Der Gedanke der Gründung einer Jüdischen Völkerbundliga liegt bereits einige Jahre zurück. Er entstand in der Zeit der Anfänge der Konstituierung des Völkerbundes. Ihr Organ, dieienerMorgenzeitun g", war das e r st e Zeicknngsorgan, welches diesön Gedanken in der Oeffentlichkeit erörterte. Das Komitee der jüdischen Delegationen hat in seinen Plenarsitzungen die Parole dazu ausgegeben und einen entsprechenden Beschluß gefaßt. Seit einem Jahr befindet es sich in ständigem Kontakt mit der Union Internationale des Assoeiations pour la Societe des Nations in Brüssel. In den Arbeiten der Union wird auch sehr häufig aus die Enqueten des Komitees der Jüdischen Delegationen hingewiesen. Wenn ich Ihnen angebe, daß dies im Berichte der Miuoritätenkommission zur Prager Konferenz der Union bezüglich der Lage der Juden in Lettland und in dem Bericht der Minoritätenkommission zur Wiener Jahreskonferenz über die Rechtslage der Juden in der Türkei der Fall war, wo ans die in Memoranden niedergelegten Informationen des Komitees der Jüdischen Delegationen Bezug genommen wurde, so ersehen Sie schon daraus, wie wichtig eine Mitarbeit einer jüdischen Vertretung innerhalb der Union der Völkerbundligen ist. Vor ungefähr sechs Monaten hat nun ein Vertreter unseres Komitees in Litauen die Gründung einer jüdischen Völkerbundliga eingeleitet. Die Arbeiten schritten rasch vorwärts und vor einigen Wochen wurden bereits die Statuten der Liga angenommen. In Bulgarien hat der jüdische Gemeindebund dem Vorschlag der Gründung'einer jüdischen Völkerbundliga sofort zugestimmt und die Arbeiten zur Konstituierung sind in vollen: Gange. In der T s ch e ch o - S l o w a k e i führt der jüdische Nationalrat die Gründung der dortigen Völkerbundliga durch. Vorbereitende Arbeiten für das gleiche Ziel erfolgen gegenwärtig in Lettland. Wenn diese Gründungen erfolgt sein werden, schreiten wir an die Durchführung unseres Planes in den übrigen mittel- und osteuropäischen Ländern." Wie weit sind die Arbeiten in Oesterreich gediehen? „Es ist sehr erfreulich, daß in Oesterreich dank dem regen Interesse der jüdischen führenden Persönlichkeiten an dem Völkerbundgedanken die Gvü Übungsarbeiten in relativ kurzer Zeit zu erfolgreichem Abschluß gebracht werden konnten. Tie Konstituierung der jüdischen Völkerbundliga für Oe st erreich ist. wie Sie wissen, soeben erfolgt.. Ich stelle mit Genugtuung fest, daß hervorragende Persönlichkeiten der jüdischen Oeffentlichkeit diesem Plane weitgehendstes Verständnis entgegengebracht halben. In Oesterreich, das die Segnungen des Völkerbundes selbst erfahren konnte, hat tatsächlich der Völkerbundgedanke sich praktisch zum Heile der gesamten Bevölkerung anwenden lassen und es ist daher begreiflich, daß gerade in Oesterreich ein volles Verständnis für die Bedeutung des Völkerbundes herrscht. Gerade die Gründung einer jüdischen Völkerbundliga in Oesterreich, dem lebendigen Beispiel ffir die heilsame Arbeit der Vereinigung der Nationen zur Heilung der schweren Wunden des Krieges, berechtigt uns zu den besten Erwartungen für eine segensreiche Arbeit dieser neuen Institution, die dem Frieden unter den Versuchen Sie unseren 1. IR Al 7NERHOF 2 (Graben Sdealstrumpf 17. Februar 1924 Nr. 1798 Völkern, den: Aufbau und Ausbau ihrer Vclkskräfte töettßtl soll und die den au stauenden Wert des Judentums als erste erkannt und gefördert hat." Von Dr. Wolfgang Welsl. Die Labour Party hat mit ihrem internationalen, pazifistischen Programm während des Krieges genau so Sch'.'ffbruch gelitten, wie alle anderen sozialistischen Parteien. Hervorragende Führer, unter ihnen selbst Hendevs 0 n. hatten sich dem Kabinett;ui’ Verfügung gestellt und hatten ihre ganze Tatkraft für die möglichst glückliche und enovgifche Turchfübrung des Krieges eingesetzt. Hrnderson zum Beispiel gehörte dem einstigen Kriegs rat Lloyd Georges als Minister des damaligen Burgfriedens-' kab'netts an. Einige andere Führer wie Ke ix Hardie und Ran:sah Mac Donald bcharrten aber in ihrem Pazifistischen Programm und die Fo'ge war, daß sie politisch geächtet nnü gesellschaftlich bcykottiert wurden. In diesem Augenblicke stellte sich L o r d P a r m oor, der bis dahin die Karriere des großen englischen Landedelmannes auf seiten der konservativen Partei — deren Abgeordneter er vor seiner Berufung ins Oberhaus im Parlament gewesen war — geinacht hatte, Lord Pavmoor, der Jurist von hohem Einfluß war (Kronanwalt), der Richter war (Mitglied des Priory Council Seiner Majestät, des obersten englischen Staatsgericht'shofes), der Kirchenmann war (Kanzler und Gereralvikar des Erzbischofs von Jork, die höchste Würde, die die augckkanifche Kirche zu vergeben hat) — dieser Mann stellte sich auf die Seite der unzeitgemäßen Idealisten. die Rebellen hießen; auf die Seite derer, die Kriegsdienste verweigerten, für die Mittelmächte eiutraten, während des Krieges für Brief- Vermittlung zwischen den Kriegsgefangenen und ihrer Heimat sorgten. Damals schon ein Sechziger — saß er Tag um Tag in einem.kleinen Bureau und leistete Kanzleidienste in sozialen Fragen, zusammen mit Quäkern, mit conscientions objecters, Menschen, die zu jener Zeit mit einem Fuß im Gefängnis standen. Der Friede war noch nicht geschlossen, der Waffenstillstand kaum proklamiert, als er mit aller Energie den Kampf gegen den Rachegeist aufnahm. der in Paris die Friedensbedingungen diktierte. Die Grenzen waren noch gesperrt, als er die ersten Deutschen und Oesterreicher nach, London brachte — auf die ihm wohl bekannte Gefahr hin, daß sie gelyncht werden könnten; er bot ihnen zuerst die Möglichkeit, in London die ganze Not, die sich aus dem Unrecht des Frieends entwickelte und entwickeln mußte, der Oeffentlichkeit Englands zu zeigen. Der „Fight thc samine"-- Kongreß, dessen Präsident er war, war der erste Schritt Lord Parmoors zur Konsolidierung Mitteleuropas; seine warme Hilfe bei den Vorverhandlungen für den österveichischen Kredit, seine Besuche in Wien und Deutschland — alles diente dom gleichen Gedanken der Völkerverföhnnng. Lord Parmoor wurde in erbittertster Weise angegriffen, aber seine Person verlieh den Bestrebungen eines M a c D v n a l d. eines K e i r Hardie, eines K e y n e s das ganze Gewicht seines unantastbaren Wasens, seines über jeden Zweifel erhabenen Patriotismus, seiner unerschütterlichen gesellschaftlichen Position und nicht zuletzt jener Mischung von diplomatischer Erfahrung —- er war Mitglied des Dreierausschusses des Oberhauses für Außenpolitik —, von juristischer Logik und von Idealismus, die es schließlich durchsetzte, daß sich seine Feinde so lange mit seinen Gedanken beschäftigten, bis sie sie. zu den ihrigen machten. Und so erlebte Lord Parmoor das seltene Glück, daß seine gestern noch geächteten Ideen siegten, daß aus einem Häuflein von Idealisten, deren er sich angeschlossen und denen er den Weg bereitet hatte, die Regierungspartei Englands wurde. Im ersten Arbeiterministevium Englands sitzt nun dev konservative Staatsmann Parmoor als Lord President des Priory Councils — und als Vertreter Englands in: Rat des Völkerbundes, wo er an Stelle des alten Freundes des jüdischen. Volkes, Lord Ereil, den Aufbau der jüdischen Heimstätte zu überwachen haben wird. Ue.ber die Stellung Lord Pavmoors zur Judenfrage und zum Zionismus ist fast nichts bekannt geworden. Die jüdischen Führer werden diesem Manne, dessen hervorstechendste Eigenschaft die des Richters ist, erst die Gerechtigkeit der jüdischen Forderungen gegenüber den arabischen Rekrimi Nationen darlegen müssen; sie werden ihm zeigen müssen, daß die N o t der jüdischen Massen, denen Amerika und England und Mitteleuropa in gleicher Weise die Grenzen-versperren, unerträglich geworden ist. Sie werden ihm zeigen müssen, daß die unzweifelhafte Berechtigung des Anspruches von 600.000 palästinensischen Arabern, Palästina üach ihren: Gutdünken zu verwalten, verstummen muß vor dem Blut von 200.000 erschlagenen Juden in der Ukraine, vor dem Schrei von 260.000 jüdischen Waisen zwischen Pruth und Dnjestr, vor der seelischen Not eines Volkes von 15 Millionen, das toi ne Heimat hat. Lord Parmoor. der fromme, bibelgläubige Christ, er- Mt die Möglichkeit, das Ereignis zu beschleunigen, das die Bibel verheißt und das nur verzögert, aber von keiner Macht der Welt verhindert werden kann: die Rückkehr Israels in seine Heimat. Als Nachfolger Lord Balfours und Lord Cecils tritt Lord Pavmoor in die Geschichte Israels ein; in jene Geschichte, die nicht Weltgeschichte ist. sondern Ewigkeitsgeschichte, denn sie isi , d« Äeschichte des ewigen Volles,

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