Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1798 (17.2.1924)
- Date
- 1924-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ElnzernütnmerKUOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Tahorstr. 1 -3, oder in einer Verschleißteile SlVafflci monatl. K 35.000 trassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, 1.8er., Wollzeile 11. Mit Postveraand ffir Wien n. Oeaterr. monatl. IC 35.000 Tacheeho-Slowakei: Mon. K18. ln?oslawien: Mon. Dinar60. P o I e n: Mon. Saterreich. Kronen 30.000, Dentachl.: Mon. Goldmark 4«—, Frankr., Belgien: Mon. Fret. 12 HP* N eh * a h I a ■ r * *VW e» PrelierhXhnnren verbehatt«* Rr. 1798 Bsnm Wiener ' t* Men. Sonntag, 17. Februar 1924 Ä ie.1 $2 Po,en:pon.200000 Italien: Monatl. 12 i rre, Rumänien Mon. ISOLei, Bulgarien Mon. 80 Lewa, Schweiz und daa übrige Ausland monatlich Fres. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Tahorstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ah 6 Uhr abda. 19483,25-282 Tel.- Adr.7„Msrxenze!tung* Wien Oesterreichisches Postspar'«' kaasen-Konto Nr. 150.693 6. Slahrgang Die Süden in der Bölkerbundliga. Gründung einer Mischen Liga für Sesteneich. Gestern fand im Saale des Niederösteereichischen Gewerbeveveines die Gründung einer jüdischen Bölkerbundliga für Oesterreich statt. Der Zudrang zur GründungSversammlung, welcher alle Kreise der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs mit lebhaftem Interesse entgegengesehen hatten, war ungeheuer. Die Konstituierung der Jüdischen Bölkerbundliga ergab die Wahl des Oberrabbiners Dr. C h a i e s zum Präsidenten und des Hofrates Dr. S. Frankfurter zum Vizepräsidenten der Liga. (Ausführlicher Bericht auf Seite 3.) Sie Grundsätze der deutschen Sanierung. Dar Urteil der Sachverständigen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 16. Februar. „Gaulois" und „Excelffot", die anscheinend die gleichen Informationsquellen haben, berichten, daß die Sachverständigen in Berlin festgestellt haben, daß die Deutschen weniger Steuern zahlen als die Angehörigen der meisten alliierten Länder. Die Stenern seien außerdem ungerecht verteilt und trafen besonders das B ü r g e r t u m und den A r b e i t e rst a n d, während die L a n d w i r t e und die G r o ß i n d uprielleu bevorzugt würden. Außerdem hätten die SachverstLndigen das Vorhandensein eines Kriegs- und eines Marinebudgets festgestellt, die den Friedensverhaltkissen ebenbürtig seien. Nach ihrer Ansicht könnten zwei bis drei Milliarden Goldmark jährlich für Reparationen und für die Verzinsung einer für die Schaffung der Goldnotenbank bestimmten Goldanleihe verwendet werden. Die Sachverständige« habe« folgende Grundsätze angenommen: 1. Deutschland kann nur in dem Matze bezahlen, als seine Ausfuhr die Einfuhr überschreitet, was nur möglich ist, wenn den deutschen Waren der f r e i e Zugangzu denMärkten gewährt wird. 2. Die deutsche Zahlungsfähigkeit kann nicht bestimmt werden, bevor in Deutschland wieder normale wirtschaftliche Verhältnisse hergestellt sind Ler englische Lockarbeilerstreik. (Eigendicnst dec .^Diener Morgenzeitung".) London, 16. Februar. Die heute im Arbertsministerium abgchaltene Besprechung zur Vermeidung des großen Dockarbeiterstreiks hat kein befriedigendes Ergebnis gehabt. Der Streik begann beschluß-gemäß vormittags. Die Streikenden verlangen eine Lohnerhöhung von zwei Schilling täglich, was einen Minimallohn von zehn Schilling bedeutet, und Garantie für die ganze Woche Arbeit. Die Unternehmer boten ihnen eine Lohnerhöhung von einem Schilling sofort und die schiedsgerichtliche Entscheidung über die Zuerkennung des zweiten Schilling. Der'Iudex der Lebeusmittelkostcn weise in der letzten Zeit eine Erhöhung um einige Punkte auf. Die Regierung verweist darauf, daß diese Erhöhung der Lebenshaltung die Forderungen der Streikenden voll rechtfertige, doch bleiben die Unternehmer unnachgiebig. Der Führer der Dockarbeitcr Ben T i l l e t, der nach dem ergebnislosen Verlauf der Verhandlungen von Ihrem Korrespondenten interviewt wurde, erklärte: „Wir bedauern nicht, daß die Verhandlungen gescheitert sind und daß es zum Streik kommt. Viele andere Gewerkschaften wollen mit uns mitstreikein" Der Streik bedeutet, daß von nächster Woche an chic vollständige Einstellung aller Ein- und Ausfuhr eintreten wird. Sie Kronenpanik in Budapest. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 16. Februar. Der Dollarkurs hat im privaten Verkehr einen Stand von 9 2.0 0 0 erreicht. Die Devisenzentrale schlägt auf die amtlichen Notierungen weitere 82 Prozent auf. Weder die gestrigen Erklärungen des Finanzministcrs noch die heutigen Darlegungen des Ministerpräsidenten vermochten die Oefsentlichkeit zu beruhigen. Von und bevor die besetzten Gebiete wirtschaftlich befreit werden, was aber nicht notwendigerweise die Einstellung der militärischen Besetzung bedeutet. 3. Deutschland soll ein Moratorium von zwei bis drei Jahren gewährt werden, während welcher Zeit an Frankreich Sachleistungen geliefert werden können; eventuell sollen auch Vorschüsse auf die geplante Goldanlcihe gewahrt werden. 4. Es besieht Interesse dafür, die gesamten R e p ar a t i ans schulden auf eine Grundlage zurückzusühren, die verwirklicht werden kann. Dazu ist eine Einigung über die Kriegsschulden erforderlich. ' 5. Als Garantie für die % o l b N o t e n b a n k wären die R e i ch s e i n n a h m e n zu bestimmen, in deren Verwaltungsrat Neutrale ausgenommen werden sollen. Im Ausland soll ein G a r a n t i e f o n d s angelegt werden« Reise Schachts nach London und Paris. Berlin, 16. Februar. Um die weiteren Vorarbeiten zur schnelleren Durchführung seines Projekts der Goldkreditbank zu fördern, hat sich Reichspräsident Doktor Schacht nach London und Paris begeben. Er wird dort mit einem hierfür in Betracht kommenden Bankinstitut verhandeln. wirksamen Maßnahmen der Regierung ist nichts zu hören. Alle Schuld wird auf das Publikum geschoben oder auswärtigen Plätzen, in erster Linie Wien, aber auch Prag und Berlin zngeschrieben. Der frühere Finanzminister S z t e r e n y erklärte, der K u r s st u r z habe seine Hauptursache in der verfehlten Finanzpolitik des Staates. Die Teuerung in Ungarn mache riesige Fortschritte, eine Katastrophe stehe bevor. Ungarn sei jetzt teurer als Oesterreich, Deutschland oder andere Staaten. Im gestrigen Ministerrat besprach Finanzminister Kallay die Maßnahmen der Regierung. Er, beschränkte sich auf die Mitteilung, daß gegen die Verbreiter beunruhigender Berichte energisch ein geschritten werden würde. In Kreisen der Opposition ist man der Ansicht, daß K a l l a y werde z urü ck treten, müssen. Vorläufig bcharrt allerdings der Ministerpräsident Bethlen darauf, daß Kallay die Anleihe zu Ende führe. Im Finanzministerium fand eine vertrauliche Beratung mit den Bankdirektoren statt, in welcher der Finanzminister sich abermals über die geplanten Regierungsmaßnahmen äußerte. Ueber die Einzelheiten dieser Beratung ist nichts in die Oefsentlichkeit gedrungen. Die Mehlu u b Zuckerindustrie wurde aufgefordert, der Devisenzentrale einen Valutavorschuß zu gewähren. Die französischen Neuwahlen. Die kandidierenden Minister müssen demissionieren. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 16. Februar. Die Minister und Unterstaatssekretäre such heute unter dem Vorsitz Poincares zu einem Kabinettsrat zusammengetreten. Unter anderem wurde beschlossen, daß alle Mitglieder des Kabinetts, die die Absicht haben, sich bei den nächsten Wahlen als Kandidaten aufstellen zu lassen, ihre Demission noch vor dem 21. Februar einznreichen haben. Aus de« Inhalt der heutigen Nummer: Der Zweck der jüdischen VSlkerbundligen. Ein Gespräch mit Leo Motzkin. Kreditnot von Dr. M. Sussan. Der arische.Rundfunk". Leilah, die Araberin von E. Ben Shem. Ich suche... von Klara Mautner. Die Kunst der Eiszeit von R. Hundt. Re Wische «SlkrbmMi«. —y. Wien, 17. Februar. Die Rückkehr Englands zur kontinentalen Politik hat auch die Stellung des Völkerbundes gestärkt, der — vielleicht noch in diesem Jahre — durch den Beitritt Deutschlands und Rußlands zu einer Institution ausgebaut wird, welche den gesamten europäischen Staatenkomplex umfaßt. Es wird sich dabei Wohl kaum umgehen lassen, die,ganze polirische Konstruktion des Völkerbundes zu überprüfen. Zweck des Völkerbundes war es, das Verhältnis der Staaten untereinander, aber auch die Beziehungen, der Völker zueinander in einer Weise zu regeln, die eine gewaltsame Austragung von Konflikten einerseits, die fernere .Unterdrückung der Minoritäten andererseits ausschließi. Die Nachkriegsentwicklung hat diese Absicht nicht ansreifen lassen. Das Selbstbestimmungsrecht und seine Durchführung hat kauin erst die Anfangsstadien hinter sich. Aber dennoch .hat sich das Prinzip selbst Anerkennung' verschafft. Die Festsetzung. der politischen Voraussetzungen für die jüdische Heimstätte in Palästina und die Sanierungsaktion für Oesterreich auf der Basis der territorialen Integrität sind Zeugnisse hierfür. Beide Entschließungen entsprechen der Demokratie, die jedem Volk das Recht auf freie Entfaltung zuspricht. Die neuen Staaten, die aus Grund der Friedensverträae entstanden sind, besitzen ebenfalls eine demokratische Verfassung und eine demokratische Regierungssorm. Sie haben zum großen Teil die äußeren Merkmale der Demokratie zum Schmuck ihres staatlichen Baues verwendet, ahcr der demokratische Geist, der ihr Leben erfüllen soll, ist noch stark vermischt mit den alten militaristischen und chauvinistischen Elementen. Dies ist einer der Gründe dafür, daß der Minoritätenschutz, für den zu sorgen die hauptsächlichste Aufgabe des Völkerbundes Ware, in den meisten Fällen gar nicht besteht. Diese Rückständigkeit trifft insbesondere die Juden, deren Schicksal es ist, überall in der Minorität zu bleiben. Ihnen allein ist es zu danken, daß die Klauseln des Minoritätenschutzes überhaupt vom Völkerbund ausgenommen wurden. Aber trotz dieses Verdienstes um die Sache der Gerechtigkeit hat man nicht daran gedacht, den Juden die ihnen gebührende eigene jüdische Vertretung im Völkerbund einzuräumen. Die Schöpfer dieser Institution stehen ans dem territorialen Prinzip und anerkennen nur Völker mit Landbesitz. Dabei ist es bisher geblieben. Das Recht des Staates ist noch immer heiliger als das des Volkes, und es muß darum das ernsteste Ziel aller Stiefkinder dieser Theorie bleiben, das „cujus regio, illins natio" Fall zu bringen. Kein Volk darf außerhalb des Bundes stehen und diese Forderung ergibt sich automatisch aus der offiziellen Bezeichnung der „Liga der Nationen". Der jüdischen Völkerbundliga, deren konstituierende Versammlung für Oesterreich gestern stattgefunden hat, fällt eine sehr schwere und verantwortungsvolle Ausgabe zu. Sie muß die Oefsentlichkeit daran erinnern, daß der Zweck des Völkerbundes mit dem bloßen Auswerfen von Problemen nicht erreicht ist, sondern daß er ein Organ werden ntuß zur Lösung der noch vorhandenen und sich sogar von Tag zu Tag steigernden Schwierigkeiten in den Beziehungen der Völker zueinander, der Völker als Gesamtheiten, aber auch der Splitterteile einzelner Völker zu der Mehrheit, mit der sie zusammen leben. Die Chauvinisten und Nationalisten werden natürlich denunzieren, die jüdische Minorität macke den Versuch, innere ExzelsiorSchnellSchreibmaschinen ,AuIehIa’ K5