Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1796 (15.2.1924)
- Date
- 1924-02-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Freitag »«moralischer Weise ein Minister materielle Vorteile sich angeeignet. Das ist des Systems würdig und ist die d i r e k t e F o r t s e tz u n g der R i ch t u n g. die ein M'n'.ster des Innern hervorgebracht hat, den man des Pferdedieb st ahls zechen konnte. Es wird am richtigsten sein, wenn der Minister seinenPlatzverlötzt. Auf der Rechten des Hauses riesen diese Ausführungen stürmische Kundgebungen hervor. D'e Opposition aler forderte noch stürmischer den sofortigen Rücktritt des Ministers. (Preisabbau und Geschäftsstagnation. — Wechsel im Prä« pdlum der Finanzdireftion. — Aus der jüdischen Oesseritlichkeit. Bon unwrenl Lemberaer Korrespondenten. Etwas später als in Warschau machen sich auch hier leise Ansätze einer S ia b i l i s i e r u n g . d e r Preise, wenn auch vorläufig nur für einzelne Bedarfsartikel, wahrnehmbar. Gleichzeitig tritt in gewissen Geschäftszweigen wie auch auf industriellem Gebiete hier wie im ganzen Lande eine Stagnation zu Tage, die auch den Aktienmarkt seit Wochen gänzlich lahmgelegt.hat. Der Dollarkurs halt sich seit einiger Zeit ziemlich stabil und bewegt sich augenblicklich zwischen 9,25 bis 9,50 Millionen polnische Mark. Auch in Bankkvei-sen ist die Stimmung ziemlich gedrückt und man spricht bereits von einer durch den schwachen Geschäftsgang gebotenen Reduzierung des Bcamtenpersoirals wie auch von einer Herabsetzung der Gehalte unter dem Titel der Valorisierung im Ausmaße der Vorkriegsgebühren. Das wäre der Beginn der auch anderwärts in Erscheinung getretenen Kalamität der Arbeitslosigkeit, wodurch freilich die aünstigen Folgen der Sanierungsaktion in Frage gestellt würden. Wahrend also einerseits die in dürftigen Verhältnissen lebenden Familien mit Sehnsucht einer Stabilisierung der Preise entgegensehen, werden in den durch Entlassung von Angestellten in ihrer Lebensrxistenz bedrohten Kreisen neue Sorgen und Befürchtungen laut, denen gegenüber guter .Rat teuer ist. Die Presse aller Parteirichtungen schlägt jedoch seit einigen Tagen eine optimistischere Tonart an und es macht sich begreiflicherweise allseits der Wunsch geltend, daß die bisherigen Schwarzseher unrecht behalten und daß die in letzter Stunde unternommene Sanienrngsaktion Erfolg haben möge. * Der seit Jahren an der Spitze der Lemberger Finanzverwaltung gestandene Präsident Bugno ist endlich den Quertreibereien seiner Gegner zum Opfer gefallen Und hat um seine Pensionierung angesucht. Wie verlautet, ist der unmittelbare Anlaß - feines Rücktrittes in dem Verhalten Buanos in Sachen dersetzt aktuell gewordenen, weite Kreise der Bevölkerung in ihrer materiellen Existenz bedrohenden Vermögens st euer zu suchen. Präsident Bugno hat dem Drucke der Warschauer Zentralbehörden; wegen möglichst rascher Eintreibung der zweiten Rate der Vermögenssteuer Widerstand entgegengesetzt, da er mit den tatsächlichen Verbältnissen im Sande rechnete und' befürchtete, daß durch die zu rigorose Durchführung der Steuergesetze zahlreiche Großbetriebe labmgelegt würden, was die Steuerkraft für die Zukunft ungünstig beeinflussen müßte. Das Finanzministerium ließ jedoch die Befürchtungen dieses langjährigen gewiegten Beamten nicht gelten, woraus Bugno die Konsequenzen zog. Zu seinem Nachfolger wurde der frühere Finanzmmister Dr. W e i nf e l d. ein getaufter Jude, ernannt. Dr. Weinfeld, dem der Ruf eines tüchtigen Oekonom'rsten und Organnaior auf administrativem Gebiete vorangeht, gehört zu jener Gruppe von Polen ehemals mosaischer Konfession, die sich vor dem Kriege in aufdringlicher Weise als Beglücker und Versorger der jüdischen Bevölkerung aufspielten und ihre Hand nach allen möglichen jüdischen Ehrenämtern ausmstrecken bereit waren. Als jedoch der politische Umsturz kam, bat der größte Teil dieser Leute dem Judentum den Rücken gekehrt und die früher oder später unvermeidliche Konsequenz aus ihrer den Zusammenhang mit dem jüdischen Volke verneinenden Weltanschauung gezogen. Infofevne sie es bis beute nicht selbst getan, haben sie ihre Kinder der Taufe zugeführt. Gestalten, wie der vor kurzem gestorbene Doktor Eleafar Byk oder der verewigte Vizepräsident Dr. Asien a z e, bei denen das Bekenntnis zum assimilatorischen Programm, einer rein idealen Anschauung entsprang und die Treue zum flidischen Stamm nicht auslöschen konnte, gehören heute zu den Seltenheiten. -ft In der flidischen Öffentlichkeit Lembergs sind letzthin zwei erfreuliche Tatsachen zu registrieren. Zunächst der organisatorische Zusammenschluß der bewußt i ü d i s ch e n I n t e l l i g e n z, die sich um das zionistische Banner schart. Es gibt wenig Großstädte, wo die Anzahl der zionistisch gesinnten Intelligenzler aus allen Berufskreisen so zahlreich wäre wie gerade hier. Um so bedauerlicher ist es, daß es bis jetzt an einer Organisation dieser für die zionistische Arbeit so wichtigen Elemente fehlte. Der Initiative des neuen zionistischen Lokal-, komitees unter Leitung des Advokaten Dr. D o g i l e w s k i ist es zu danken, daß sich die zionistische Intelligenz endlich zusammengefunden hat und den organisatorischen Fragen, dem Problem des Palästina-Aufbaues ihr Augenmerk zuwendet. - In den letzten Tagen hat hier die konstituierende Versammlung eines Komitees stattgcfunden, das sich den Bau eines jüdischen Turnerheimes zum Ziel gemacht bat. Die hiesige Kultusgemeinde hat für diesen Zweck ein sehr günstig gelegenes, geräumiges Grund- Miener Morftenzeitung. 15. Februar 1924 Nr. 1796 >cück im Anschlüsse an das jüdische Gemeindetvaisenhaus gewidmet, wodurch das Projekt einer baldigen Realisierung bedeutend näher gebracht wird. Das Komitee, a>n dessen Spitze der Regierungskommissär der Kultusgemeinde Doktor D'kamand steht und dem eine Reihe von Persönlichkeiten der flidischen Gesellschaft, darunter auch mehrere Architekten angehören, wird sein« Tätigkeit bereits in den nächsten Tagen aufnebmen. Es wäre dringend zu wünschen, daß bei der Errichtung dieses Hauses auch die Möglichkeit ins Auge gefaßt werde, dem Jüdischen Musikver« e i n, der seine unter so günstigen Auspizien begonnene Tätigkeit infolge Ungunst der Verhältnisse unterbrechen mußte, durch Einräumung eines Lokales in diesem Hause die Fortexistenz zu ermöglichen. Vielleicht könnte dabei auch die seit Jahren ventilierte Frage eines Lokales für die Tovnbee balle. deren aedeibliche Ent. Wicklung aus den nämlichen Gründen wie d'e deS Musik- Vereins unmöglich erscheint, einer günstigen Lösung näher gebracht werden. Mac Janaldr Antwort auf die Unterhmsdebatte. Keine Kapitalsteuer. — Scharfe Ersparnisse im Budget. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 14. Februar. Das Unterhaus hat die Debatte über -das Regi eouugsprogra-mm heute becwdet. Austen Chamberlain forderte den Ministerpräsidenten ans, im Interesse der Beruhigung des Landes seine Haltung bezüglich der K a P i t a l st e u e r zu erklären. Nachdem noch eine Reihe anderer Redner gesprochen hatte, erhob sichMac Donald, um zur Debatte Stellung zu nehmen. Bezüglich der nationalen Verteidigung betonte der Premier, daß die Regierung sich damit sehr eingehend befasse. Es gebe keine Nation, welche nach dem großen Krieg wünschen konnte, wieder in einen Krieg hineinzugeraten. Jedes moralische und menschliche Gefühl wendet sich gegen irgend eine Art militärischer Unternehmungen, deren schließlicher Erfolg ein Krieg wäre. Die großen Massen aller Völker haben den Wunsch nach einem Uebere'nkommen, welches die Rüstungen,- wenn auch nicht ganz, überflüssig macht, so aiber dennoch in angemessene Grenzen bringt. Die Regierung wünscht vollständig Klarheit darüber zu schaffen, daß ihre Absicht, die national« Verteidigung nicht zu vernachlässigen, nicht gleichbedeutend damit ist, die'e als eine militärische Angelegenheit zu behandeln. Die feste Absicht der Regierung sei, Ersparnisse zu erzielen. Er kündigte auch an, daß in,dieser Hinsicht sehr scharf vorgegangen würde. Was die Frage betrifft, welche Niederöage'als Tadelsvotum der Regöemng betrachtet würde, -sagte Mac' Donald, er würde jede Niederlaae bei prinzipiellen Anlässen als Tadelsvotum anffasion. „Ich kann das Haus versichern," sagte der Premier, „daß die Regierung nicht fünf Minuten länger im Amt bleiben wird, wenn dieses Haus sie dieses Amtes nicht mehr für würdig erachtet." Bezüglich der Kapitalstener, die in der Wahlbewegung eine sehr große Rolle gespielt hat, erklärte Mac Donald, e's sei gewiß, daß sie in diesem Parlament nicht verwirklicht werden könne; nur wenn die Mehrheit des Landes dafür gewonnen sein werde, könne darin eine Aenderung erfolgen. Als zweiter Redner der Regierung antwortete schließlich der Schatzkauzler S n o w d e n aus verschiedene Anfragen. Er sagte, daß alle Erfordernisse getan worden seien, um durch Sachverständige die beste Art der Tilgung der Inlandsschulden prüfen zu lasten, wie es 'der Premier versprochen hat. Lord kecU über da« Wettrüsten. London, 14. Februar. Lord Robert C e c i l, der sich in seiner gestrigen Oberhausrede vor allem mit der Frage der militärischen Rüstungen und ihrer Auswirkung auf die internationale Politik beschäftigte, sagte u. a., im Jahre 1913, als man von Europa als von einem bewaffneten Lager sprach, hätten 3,744.000 Mann unter den Waffen gestanden. Im Jahre 1923 standen 3,632.000 Mann unter Waffen. Man dürfe aber nicht vergessen, daß die ehemaligen Feindesstaaten von den Alliierten gezwungen worden seien, ihre Streitkräfte um etwa 700.000 Mann zu vermindern. Es ständen heute nicht 100.00 weniger, sondern 600.000 Mann mehr unter den Waffen als im Jahre 1913. Dazu käme die große Verbesserung der technischen Kriegsmittel. Was England anlange, so seien seine Streitkräfte bis auf das denkbar geringste Maß herabgesetzt worden, und man sollte die anderen Länder zu eine-ni gleichen Vorgehen veranlassen. Wenn ein« allgemeine Sicherheit, wie sie zum Beispiel Frankreich im besonderen fordere, geschaffen werden könnte, so wären neun Zehntel der europäischen Schwierigkeiten behoben. Die Marinekonferenz in Rom. Rom, 14. Februar. (Tel. der „Wiener Movgenzeitung".) Zu der heute beginnenden internationalen Zusammenkunft von Marinesachverständigen in Rom sind Delegierte von 16 Staaten angemeldet. Die Konferenz wird verbindliche Beschlüsse nicht fassen, sondern nur beratenden Charakter haben und allenfalls das Programm einer Weltkonferenz vorbereiten. Die Bereinigten SKiaten von Nordamerika nehmen an den Beratungen nicht teil. Bemerkenswert ist die Te ilt nähme Rußlands. Die Türkei hat die Einladung ‘ zur Konferenz' nicht angenomen, weil der Vertrag von Lausanne «och nicht von allen Staaten ratifiziert fei. Da die Konferenz über eine Regelung -der Zahl und Starke der Linienschiffe beraten wird, und Deutschland derartige Schiffe nicht besitze, ist auch Deutschland an dev Konferenz nichtver treten. Das Fernbleiben der Bereinigten Staaten wird mit der Furcht der amerikanischen Regierung vor Verpflichtungen in Europa erklärt. Liberale WahlunterMung Hendersons. London. 14. Februar. Im Wahlbezirke Burn l e y, wo der Arbeiterfiihrer H e n d e r s o n kandidiert, wird die liberalePartei keinen Gegenkandidatenauf st eilen. Hendersou wird im Wahlkampf ledialich mit dem Konservativen Harold Camps Zusammentreffen. DieEntlKeidungbängtalso Hi der Stellungnahme der liberalen Wä' ' I e r a b. Die SachberMvdigemrbeit. (Ergendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 14. Februar. Die Mitglieder der beiden Sach» verstäudigenkomiteeS find nach Paris abgereist. Wie der hiesige Korrespondent der „Daily Mail" zu melden weiß, wird der Bericht DaweS folgende Vorschläge enthalten: 1. Ein Moratorium siir die Bezahlung der Reparationen. 2. Rückgabe der Zivilverwaltung des RuhrgebieteS an Deutschland. 3. Aufhebung der Zollschranken zwischen besetztem und unbesetztem Gebiet. Dagegen soll das Komitee die Räumung der Ruhr durch die französischen und belgischen Truvven nicht Vorschlägen. * Der deutsche Botschafter in London S t h a m e r hat heutb den Premierminister Mac Donald in Angelegenheit des Berichtes der SachverstandigenkomiteeS besucht. Allgemeine ArkriMvMt in Bayer»? Em Vorschlag «ahrS. (Eigendiensr o-n „Wiener Morgenzeitung",) München, 14. Februar. Ter Generalftaatskommistär hat, wie verlautet, dem Staatsministerium einen Gesetzentwurf über die Einführung -der staatlichen Arbeitspflicht zur Begutachtung unterbreitet. Als Dauer der Arbeitspflicht ist für Männer die Zeit vom 20. bis zum 30., für Frauen die Zeit vom 18. bis zum 25. Lebensjahre, als Dauer des Arbeitsdienstes für Männer ein Jahr, für Frauen ein halbes Jahr vorgeschlagen. Der Vollzug des Gesetzes kann ohne Schaffung besonderer Behörden durch -die innere Verwaltung erfolgen. Jer Kampf um die Strnererhöhung in Snrafc reich. Paris, 14. Februar. (Tel. der „Wr. Morgeweitung".) Die Kammer hielt heute eine Sitzung für die Finanzvorlagen der Regierung ab. Bon den 109 Artikeln der Vorlage sind bis jetzt nur zwei angenommen wovdrn. Poincare hatte ursprünglich die Absicht, auf die letzten Ausführungen der Abgeordneten H « r r i o t und A u r i o l selbst zu antworten. An seiner Stelle hat aber heute nachmittags der Finanzminister De La st ehrte das Wort ergriffen. Schließlich hat die .Kammer den Antrag auf Abtrennung des Artikels betreffend die 20prozentige Steuererhöhung mit 301 ge->en 212 Stimmen abg eleh nt. Der Ministerpräsident hatte die V ertrauen s f r a g « gestellt. Ein Vorstoß der Radikalsozialisten. Paris, 14. Februar. Der sozialistisch-radikale Seine» Verband hat beschlossen, von der Parteileitung den Ausschluß der sozialistisch-radikalen Kabinettsmilglieder Albert S a r r a u t und Laffont, die für die Vollmachten der Regierung gestimmt haben, zu verlangen. Jer Lausanne» Vertrag vor dem französische« Senat. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Paris, 14. Februar. Die Senatskommission fütz äußere Angelegenheiten hat gestern die Prüfung des Lausanner Vertrages begonnen, der so bald als möglich dem Senat zur Ratifizierung unterbreitet werden soll. Die Kommission hat mit Mehrheit die Ratifizierung des Vertrages befürwortet. tzin Bubenstück gegen den düuische» Austen» minister. Berlin, 14. Februar. (Tel. der „Wiener Morgen» zeitung".) lieber einen Racheakt gegen den dänischen Außenminister C o l d berichtet die „Vosstsche Zeitung" aus Kopenhagen: Minister Eold, auf den seitens der radikalen Linken andauernd heftige Angriffe wegen der Spekulation, die er in feiner früheren Eigenschaft als Direktor der Vereinigten Dampfschiff-Gesellschaft mit den Aktien feiner Gesellschaft unternahm, gerichtet werden, ist Gegenstand eines äußerst rohen Scherzes geworden. In der Villa fanden sich m feiner Abwesenheit die Repräsentanten einer großen Blumen- Handlung ein und erklärten, sie seien telephonisch zur Ausschmückung des Totenzimmers des eben verschiedenen Ministers bestellt worden. Gleichzeitig erschien der Vertreter einer Beerdigungsanstalt, um für den Sarg des Ministers die Maße zu nehmen. Die'bestürzte Familie des Ministers befürchtete zuerst, daß der Minister das Opfer eines plötzi lichen Unfalles geworden sei, erfuhr aber auf die Anfrag« im Ministerium, daß Minister Eold in bestem Wohlergehen bei der Arbeit sei. Es'stellte sich hemüs. daß die betreffenden Firmen die Opfer einer Mystifikation geworden waren