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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-12 · Heft 1793 (12.2.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1793 (12.2.1924)
Date
1924-02-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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_Wiener Morgenzeitung. 12. Februar 1924 _Nr. 1798 Wie es Meiner Hakenkreuzhochschule aussieht. PoftuvanWtz und feine Souleurbrüder. — Lar Shrenwort der Aedes. TeUe L _Men, Dienstag Ser deutsche Botschafter bet Pslmare. (Ergendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 11. Februar. Botschafter v. H o e s ch hat heute lim viertel 3 Uhr nachmittags dem Ministerpräsidenten Po in ca re sein Beglaubigungsschreiben überreicht. Die anschließende Unterrednna dauerte droivicr^el Sttnrd"'t. Im Vevlansi des Gesprächs nrachte der D't'ch^fter namens seiner Regierung einige Mitteilungen, die sich auf die Wiederherstellung des Modus vivendi im besetzten Gebiet bezogen. Der B tsch^ter legte das Memorandum der französischen N e g ierung vom 11. Jänner zugmn'de, um die Forderungen der deutschen Regierung zu entwickeln. Er überreichte Poincare ein Memorandum, in dem die Argumente und Wünsche der deutschen Regierung nnevevgelegt sind. Im weiteren Verlauf der Unterrcdmg wunden auch Fragen zur Sprache gebracht, d'.e sich aus die Reparationsfrage als solche beziehen. Die deutsche Schwerindustrie sabotiert die Lösung der Reparationsfrage. Berlin, 11. Februar. Ueber eine Sabotage der Arbeiten der Sachverständigenausschüsse durch die Schwerindustrie gilbt der „Vorwärts" eine Meldung des Berliner Korrespondenten der „Times" wieder, in der es heißt: Obwohl das Verhalten der deutschen amtlichen Stellen und der Persönlichkeiten der B a n k w e l t, mit denen die Ausschüsse zu tun.hatten, absolut korrekt uud entgegenkommend war, hat, wie ich höre, die Hqltung der Schwerindustrie gegenüber der Sachverständigenkonmriffion auf die amerikanischen Vertreter geradem niederschmetternd gewirkt. Sie tvaren nach Berlin im aufrichtigsten Geists und mit dsm Gefühl gekommen, daß sie kraft ihrer Eigen'chaft als Neutrale im Vergleich zu den sonstigen Alliierten die Möglichkeit haben würden, die Schwierigkeiten zu Überdrücken, di-e bisher einer Lösung des RePavationspvMe'Ms entcegenstanden. Die Haltung der Vertreter der deutschen Schwerindustrie habe sie jedoch in ihren Hoffnungen und Bestrebungen schwer enttäu s ch t. Versuchen Sie unseren 1. TRAT!NERHOh 2 (GnBen Die srviiMschei» strsvaninaspesetze. Paris, 11. Februar. (Tel. der „Wr. Morvenzeibung") Die Kammer hat heute die ersten beiden Absätze des Artikels 2 der Finangvorlage angenommen, di« bestimmen» daß im laufenden Jahre keine neuen Staatsämter geschaffen werden dürfen. Ein Zukatzantrag, wo-, nach an den bestehenden Rechten der Kriegsbeschädigten für die Besetzung der Staatsstellen n'cht gerührt werden dürfe, tt Äde mit 516 gegen 52 Stimmen angenommen. Die Reichstagswahlen. Nach dem geltenden Wahlgesetz. kEigcndiensl .rer „Wiener Morgenzeitimq".) Berlin, 11. Februar. Zwischen dem Reichskanzler iknd den Führern der Parteien hat gestern eine Besprechung stattgefunden, die sich auf d'ie A e n d e r u n g des Reichswahlgesetzes bezog. Man kam überein, von einer Weiterleitung des Entwurfes, der dem Reichs rat be« ceits zugegangen ist, an den Reichstag abzusehen. Es wird also, wie unser Batt bereits vor einigen Ta.zen melden konnte, daraus verz'chtet, noch vor den Neuwahlen eine Aenderung des Reichswahlgesetzes zu beschließen. Die nächsten Reichstagswahlen, die, wie bekannt, Mitte Juni stattsmden.sollen, werden also nach den bisher geltenden Bestimmungen des Reichswahge-sctzes durchgeführt werden. Die nächste Plenarsitzung des Reichstages findet Mittwoch den 20. d. statt. Die Tagesordnung ist noch nicht festgesetzt. . Die Sozialdemokraten verlieren die Mehrheit in den Landtagen von Thüringen und Lübeck. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 11. Februar. Das Endergebnis der Landtags- Dahlen in Thüringen liegt jetzt vor. .Es haben erhalten: Der Bürgerordnungsblock 302.593, Teutschvölkische 63.814, Sozialdemokraten 182.715. die Kommunisten 146.180, d.e Unabhängigen 4782, die freie gewerkschaftliche Vereinigung 1951 Stimmen. Ta nach der Verfassung ein. Mandat aus je 12.000 Stimmen entfällt, erhalten die im Ordnungsblcck zusammengesaßien bürgerlichen Parteien 32 Mandate, die Sozialdemokraten 15, die Kommunisten 12 und die Völkischen 6. Die Sozialdemokratenverloren bis jetzt 7 Sitze. Dieses Wahlergebnis bedeutet, daß die bisherige sozialdemokratischkommuniftische M e h r h e i t b e s e i t i g t ist. Auch die Mahlen zum Parlament des Freistaates Lübeck, der sogenannten „Bürgerschaft", haben die bisherige sozialdemokratische Mehrheit beseitigt. Während bis- Au der von hakenkreuzlerischem Geiste erfüllten Grazer Technischen Hochschule scheinen ganz merkwürdige Zustände zu herrschen. Anläßlich - einetz. Ehwubeleidigungsprozeffes des Professorsdieser Hochschule,. Ing. Alfons Leo n, wurden skandalöse Einzelheiten über das Abh ä n g i g k e i t s v e r h ä l t n i s ausgedrckt. das zwischen der: deutschnationalen Professoren und den hakenkreuz'erischen Studenteniverbindungen besteht. Profeffor Leon, der ziemlich große Ansprüche an die Kenntnisse der Hörer stellt, hat es sich mit den Farben studenten verdorben, die ihn ganz öffentlich als I u d e n s o z i und K o m m unisten beschimpfen well er sich wiederholt in wenig anerkennender Meise über den sittlichen Wert des Krieges und gegen den nationalen Chauvinismus ausgesprochen hat. Zahlreiche Gegner hat er jedoch auch im Prosessorenkollegium, vor allem in der Person des Professors mit dem urgermanischen Namen P o st u v a n sch i tz. lieber die Gründe dieser Gegnerschaftberichtet das Grazer sozialdemokratische Organ, dessen Darstellung wir im allgemeinen wiedergeben, folgendes: Der Sohn dieses Professors Postuvanschitz wollte sich nach dem Umsturz interessant machen und behelligte die Polize-i mit Anzeigen über angebliche Attentate, die von einem Volkswehrkorporal gegen ihn geplant seien. Einmal, so behauptete er, sei er einem solchen Revolveranschlag nur dadurch entgangen, daß. das Projektil in seiner stählernen Tabatiere stecken blieb. Professor Postuvanschitz verlangte damals, Professor Leon solle ein Gutachten abgeben. das seinen Sohn decke, da berechtigte Zweifel an der ganzen Geschichte geäußert wurden und der junge Postuvanschitz eine Bestrafung wegen Irreführung der Behörden zu befürchten hatte. Dieses Gutachten bekam er jedoch nicht. Im Herbst des Jahres 1922 setzte das Kesseltreiben gegen Professor Leon ein. Der Farbenstudent B. wurde wegen arroganten Benehmens von einem Assistenten des Professors Leon im Laboratorium zur Rede gestellt. Nach einiger Zeit kam B. ins Laboratorium und forderte den Affittenten in Gegenwart des Pwsessors. Professor Leon wurde diese Frechheit doch zu arg. Er nahm dem Studenten das Nationale ab. wobei der Bursche einen falschen Namc« nannte. Der Professor verbot nun dem Assistenten. die Forderung anzunehmen, und verlangte die dienstliche Austragung der Angolegenheit.. A'her die Korporation, der B. angehörte, war anderer Ansicht und verhängte über den Assi ste n te n den B oh k■ tt. Nun forderte Profeffor Leon die Disziplinierung der .Hörer, die in ein« dienstliche Angelegenheiten eisigogriffen hatten, aber Profeffor Postuvanschitz, der als Alter Herr denselben Korporation wie B. anaehört. forderte die Disziplinier» ng des Assistenten, der sich nicht schlagen wollte. Das Profefforentollegium stellte sich aus die Seite des Postuvanschitz und disziplinierte den Professor Leon, tveil er die Hörer aufgeklärt hatte, daß Amtspersonen nicht gefordert werden dürfen, weil er sich über das Verhalten seines Assistenten erkundigte, und weil er bei der Polizei die Ausforschung des wahren Namens des B.. der sich falsch legitimiert hatte, verlangt hatte. Und nun fand man endlich e'nen Vorwand, um Profeffor Leon zu beseitigen: Ein Hörer. Kriegsteilnehmer und Couleurstudent, halte die erste Staatsprüfung mit Ach und Krach bestanden. Einige Monate später legte er vor einem Profeffor, der ihm sehr nahe stand, die nächsten Prüfungen ab und bestand sie mit vorzüglichem Erfolg. Man wollte ihm die schriftlichen Prüfungen erlassen, doch Professor Leon, dem die Sache nicht recht geheuer schien, verlangte, daß er bei ihm eine schriftliche Prüfung ablege. Der Hörer versagte bei dieser schriftlichen Prüfung und sollte nun auch die anderen Prüfungen vor einer Kommiffion wiederholen. Das Prosefforenkollegium fand jedoch einen anderen Ausweg: Ter Student wurde zitiert und mußte das Ehrenwort a b g e b e n. daß er den Stoff beherrsche und die Prüfungen früher bestanden habe. Auf Grund die'er Erklärung schenkte man ihm die zweite Staatsprüfung und Professor Leon erhielt einen Verweis. Es ist nur erstaunlich warum überhaupt noch Farben» studenten an der Grazer Technik geprüft werden und statt der Prüfungen nicht durchwegs das deutsch-arische Ehrenwort abverlangt wird. her die Sozialdemokraten und Kommunisten zusammen 44 Mandate in der „Bürgerschaft" hatten, denen 36 Mandate der Bürgerlichen gegenüber standen, werden nunmehr die Bürgerlichen über 42 Mandate verfügen, denen 3 8 sozialdemokratische und kommunistische Mandate gegenüberstehen. Der HItler-Proreß. Ludendorfss Stiefsohn ebenfalls Angeklagter. München, 11. Februar. Zu den neun Angeklagten im Hitler-Prozeß kommt noch als zehnter der Stiefsohn. Ludendorfss, der ehemalige Oberleutnant Perneth, der dert Verbindungsmann Ludendorfss mit dem gleichfalls angeklagien Reichswehr'eutnant Wagner von der Infanterieschule gewesen sein soll. Pernekh ist der Beihilfe zum Hochverrat angeklagt, die neun anderen des vollendeten Hochverrats, Bald darauf erhielt Profeffor Leon von einem Süd« denten einen anonymen Drohbrief, der mit den Morten „Deine Henker" unterzeichnet war und von Gemeinheiten strotzte. Tatsächlich lauerten einige deutsch-arische Studenten dem Professor, mit Stöcken und Knütteln bewaffnet, auf. D'e Schriftsachverständigen stellten fest, daß der Brief von einem Studenten H. geschrieben worden sei. Professor Leon verlangte nun die Disziplinierung des H., aber dieser versicherte unter Ehrenwort, er habe den Brief nicht geschrieben, und das Prosefforenkollegium erklärte in einem schriftlichen Entschluß: Das Ehrenwort eines Akademikers ist über jeden Zweifel erhaben und — Professor Leon erhielt abermals einen Verweis. Der Techniker M. hatte im Zeichensaal das Reißzeug eines Kollegen gestohlen und verkauft. Der Diebstahl wurde ausgedeckt und M. hatte sich vor dem Bezirksgericht zu verantworten. Nachdem er anfangs ein Geständnis abgelegt hatte, leugnete er später, schließlich wurde er aber seiner Tat überführt und zu e n e r A r r e st st r a f e verurteilt. Der Akt wurde dem Prosefforenkollegium abgetreten. Vorher aber hatte die Burschenschaft, der er angehörte, sich mit dem Falle beschäftigt und dem Couleurbruder das Ehrenwort abgenommen, daß er unschuldig sei. Die Burschenschaft richtete hierauf eine Eingabe an das Rektorat' und forderte, daß das Verfahren niedergeschlagen werde. M. sei ein Couleurstudent und ein deutscher Charakter durch und durch. Er könne daher den Dieb» stahl nicht begangen haben. Das Rektorat anerkannte diese Beweisführung und stellte etm schriftt.che Erklärung aus, in der es heißt: M. hat den Diebstahl nicht begangen, denn daS Ehrenwort des Akademikers ist über jeden Zweifel erhaben und außerdem bürgt seine Couleur für ihn. Das Kesseltreiben gegen Profeffor Leon dauerte ungeschwächt fort. Rektor Kohlrausch vergaß sich so weit, die Studenten in einer öffentlichen Versammlung gegen Leon zu Hetzen. Professoren und Studenten erreichten es schließlich, daß Professor Leo« für ein Semester suspendiert wurde. Dentschnationale Stu-denten lauern ihm mit Stöcken cvuif der Technik auf und fordern jeden zum -Zweikampfder bei ihm eine Prüfung ablegen will. An dieser Hochschule herrschen die Hakenkreuzler unumschränkt und man kann sich einen beiläufigen Begriff davon machen, was die paar jüdischen Hörer, die sich etwa an die G'azer Technik verirrt haben, von den deutsch arischen Elnenwortmännern zu erdulden haben. Vielleicht intereffiert sich Unterrichtsminister Dr. Schneider, dem man einiges Gefühl für Recht und Gerechtigkeit nachsagt, für diese Zustände. Hakenkremlerlsche IuqenMele. Unter den Mitgliedern der Iungmannengruppe des Allgenreinen deutschen Turnvereines in Graz hat sich, wie der „Arbeiterwille" berichtet, eine förmliche homosexuelle Kameradschaft gebildet, in der wahre Orgien getrieben tverden. Bei den Strafgerichts- und Schulbehörden mußten über diese Vorgänge von mehreren Seiten Anzeigen erstattet werden. Es handelt sich bei diesen traurigen Vorkommnissen durchwegs um Mittelschüler im Alter von 17 bis 20 Jahren. Samtüche Terlnehmer dieser Unzuchtsorgien sind Mitglieder deS Ali geneinen deutschen Turnvereines oder v^r Iugenldgruppe des ,>V o g e l s a n g b u n d e s" und der Miitekschülerverbindung „Cheruskia". Nach den Turnstunden. die fast ausschließlich abends stattfinden. kamen d'e Jüngslinge im Stadtpark oder auf dem Schloßberg zusammen, um ihrem Laster zu fröhnen, für das sie übrigens ganz ungeniert unter ihren Kameraden Propaganda machten. Der Verführer der jungen Leute soll der Sohn eines Bankdirektors sein, der sein Unwesen auch bei den Neupfadfindern trieb, die bouPtsöchUch aus Homosexuellen bestehen und nur zum She n eine Pfadfinderorganisation parstellen. Bei einzelnen der in Untersuchung gezogenen Gym- I nasiasten. die dom Schulbesuch suspendiert wurden, fand man homosexuelle Zeitschriften und eine glühende Liebes« kor'espondenz, die sie untereinander führten. Weitere Verhaftungen. Der Führer der Roßbach-Gruppe in München, Leutnant a. D. HeineS, der im Zufammenihang mit dem Noveinbe»Putsch gesucht worden war, ist gelegentlich der Aufhclbung einer verbotenen Versammlung der National sozialisten verhaftet worden. Kahr muß Rede stehen. Berlin, 11. Februar. Wie das „Berliner Tageblatt aus München nreldet, hat der Münchner Strafrechtslehrer Profeffor Dr. Rothe nbücher gegen den Generalstaatslommissär v. Kahr Strafantrag wegen Beleidigung gestellt, weil der Generalstaatskommisiär ihm in der amtlichen Mitteilung über das Verbot tfer Rothenbücher-Broschüre „Der Fall Kahr" grobe Unwahrheiten und tendenziöse Entstellungen vovwivjt^ a

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