Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1792 (11.2.1924)
- Date
- 1924-02-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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% Seite 2 Wien, Montag Wiener Moraenzeitung. 11.,Februar 1st24 Nr. 1782 Ae Wiener Aufführung von Äffer« „Hinlemann". «ersuchte Störung durch Hakentreuzler. - «ne Ansprache des Schauspielers Saus Marr. Schon um 10 Uhr vormittags — die Vorstellung begann als Matinee um 11 Uhr -- sah es nm das Raimund Theater herum ein wenig kriegerisch ans: Sicherheilswache in Menge, eine große Anzahl von sozialistischen Schutztrupplern und einige junge Leute in Windjacken und mit fliegendem Haar. Die Hakenkreuzler wagten es nicht, die Vorst e l l u n g s e l b st zu stören. doch vor dem Theater und in der Umgebung kam es während der Vorstellung öfters 511 Tumulten un d Zusa Ulmen stoßen, besonders als die Hakenteruzler sich vereinigten, und inittags einen Sturm auf das H a u P t t 0 r ilnd einen Seileneingang versilchten. Mehrere Hakenkreuzler wurden verhaftet und ihnen Gummiknüttel, Ochsenziemer usw. abgenommen. Wiederholt kam cs zwischen den Ordnern und den Hakenkreuzlern zu Rausszeneir, wobei die Polizei stets rasch intervenierte. Gegen zehn sehr elegant gekleidete junge Männer bildeten den Generalstav der Hakenkreuzler, und hatten im Cafe Raimund-Theater, ohne daß der Gasetier ahnte, wer seine Gäste seien, Platz genommen; sie verhielten sich dort sehr ruhig, während die jungen Burschen draußen aus ihr Kommando demonstrierten und den Generalstab über den Verlauf der Demonstration durch einen ihrer Führer, namens Brandstetter, informierten. Dem Photographen eines Wiener Blattes .wollten die Hakenkreuzler, als er eine Verhaftung ausnahm, den ApPara l entreißen und warfen den Mann zu Boden. Als der Photograph ins Cafe eilte, vcranlaßte ein Mitglied der Hakenkreuzlerbande den Cafetier, gegen diesen und seinen Begleiter Stellung zu nehmen, doch wurde der Cafetier sofort unterrichtet, daß er im Irrtum war, worauf er die Gäste ungehindert im Lokale ließ. Stellenweise wurde der Tumult in der Nebengasse so stark, daß die Polizei rasch die Srraße absperren mußte. Die aus dem Theater strömenden Besucher wurden nicht belästigt. Zer Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Die Milzbrandiyfektion. In der letzten Woche erkrankten in Wien zwei Personen an Milzbrand. Dieser seltene Fall, der sich durch die Vernachlässigung der bestehenden strengen sanitären Vorschriften ereignete, hat wieder die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese Krankheit gelenkt. Der Milzbrand beansprucht infoserne ein gewisse historisches Interesse, als dessen Krankheitserreger, der Milzbrandbazillus, als erster bakterieller Erreger bei inneren Krankheiten im Jahre 1849 von Pollender entdeckt wurde. Dieser Bazillus ist verhältnismäßig groß. Die Lange seiner ziemlich dicken Stäbchen entspricht etwa dem Durchmesier eines roten Blutkörperchens. Wichtig ist, daß der Milzbrandbazillus unter Zutritt von Luftsauerstoff sogenannte Dauerformen, Sporen bildet,' die sehr widerstands'ähig gegen schädigende Einwirkungen des Lichtes und der Austrocknung sind, so daß sie sich Die Au^führunft. Vor dichtgefülltem Hause fand gestern vormittags im Raimund-Theater eine Aufführung von Ernst T 0 l l e r s Tragödie „H i n k e m a n n" statt. Da Krawalle seitens der Hakenkreuzler angekündigt waren, befand sich das Publikum in erregter Stimung. Das Theater war von Schutzmannschaft und Abteilungen der A r b e i t e r w e h r bewacht. Bor Beginn der Vorstellung hielt der Schauspieler Hans Marr eine kurze Ansprache, in welcher er ersuchte, das Kunstwerk unvoreingenommen auf sich wirken zu lassen und von politischen Kundgebungen Abstand zu nehmen. Als er milteilte, das Stück werde in den Abendspielplan nicht aufgenonnnen und die Aufführung werde nicht wiederholt werden, riefen zahlreiche Theatergäste: „Warum nicht?" Tatsächlich machte die Tragödie, die ausgezeichnet dargestellt wurde, einen derart tiefen Eindruck und ist ein s 0 reines, sittlich wertvolles Werk, daß die Verbohrtheit der Hakenkreuzler in 'ihrer Haltung dieser Tragödie gegenüber .einfach u nerhört ist. Sie versuchten durch den Ruf: „Jetzt haben wir genug davon" in der Szene vor der Artistenbude die Fortsetzung der Aufführung zu verhindern. Das Publikum vergrub den Protestruf in stürmischem Beifall. Die Zwischenrufer wurden von Ordnern entfernt. Die Schauspieler, vor allem Danegger (Bnrgtheater), bewahrten ihre Geistesgegenwart. Nach Schluß der Vorstellung bereitete das Publikum den Künstlern stürmische Ovationen. 'Der Eindruck des Werkes war außerordentlich stark. Der Spielleiter dankte und teilte mit, er werde den Dichter, der bekanntlich als politischer Sträfling im Gefängnis schmachtet, von der begeisterten Aufnahme der Tragödie verständigen. Wir kommen morgen auf Stück und Darstellung noch näher zurück. | selbst Jahre lang im Erdreich lebensfähig erhalten können. Der Mensch erwirbt diese akute Infektionskrankheit durch Uebertragung der Infektionserreger von Tieren, die an der gleichen Krankheit mit ähnlichen Erscheinungen gelitten haben. Die Tiere, hauptsächlich Rinder und Schafe, seltener Pferde und Schweine, erkranken selbst entweder durch Verletzungen der Haut oder vom Darme aus. Die Entleerungen der kranken Tiere gelangen auf Futterkräuter, durch welche ' die Weidetiere sich infizieren. Die Milzbranderreger können von den verseuchten Futlerplätzen durch Ueberschwemmungen oder durch verscharrte tote Tiere weiter verschleppt werden. Auch Abwässer von Gerbereien können zur Verseuchung von Weideorten führen. Die Infektion des Menschen erfolgt auf dreifachem Wege, von der Haut, der Lunge oder dem Darme aus. Die Einimpfung der Milzbrandbazillen in die Haut geschieht durch Felle oder Wolle der an Milzbrand erkrankten Tiere oder durch Lumpen, die derartige Bestandteile enthalten, vielleicht auch durch Insektenstiche. Es sind in erster Linie Fleischer, Abdecker und Gerber gefährdet, ferner Pinsel-, Bürstenmacher und Tapezierer, die mit Haaren von milzcVersuchen Sie unseren seidenen 3dealstrumpf 370 1. TRAT1NERHO* 2 (Graben brandkranken Tieren hantieren. Durch eine kleine Verletzung oder durch Kratzen mit infiziertem Finger entsteht bei solchen Leuten der gefährliche Milzbrandkarbunkel. Das an. fangs kleine Knötchen sieht wie ein Furunkel aus, doch unterscheidet diesen vom Karbunkel das dunkel blaurote AuSsehen. Beim Furunkel bildet sich meist eine eitrige, gelbe Kuppe, während beim Karbunkel ein Bläschen entsteht, daS zu einem schwarzen Schorf sich vergrößert. Daher rührt der Name Anthrax (Kohle),- wie der Milzbrandkarbunkel wissen» schaftlich bezeichnet >vird. Wie bei einem anderen eitrigen Knoten tritt in der Umgebung starte Schwellung auf und später fortschreitender Zerfall. Bei geeigneter Behandlung, die chirurgischer Natur ist, kann in diesem Stadium noch Heilung austreten, doch meist folgt eine Verschleppung der Krankheitserreger in die Blutbahn, womit das Schicksal des Kranken besiegelt ist. Die Infektion mit Milzbrandbazillcn. vom Darm aus ist sehr selten, .da heutzutage das Fleisch kranker Tiere nicht, gegessen wird. Hingegen kommt bisweilen der Lungenmilzbranv vor, der auch als „Hadernkrankheit" bezeichnet wird, wobei die Verarbeitung von Milzbrandbazillen enthaltenden Hadern oder alten Lappen zur Vapierwbrikation die Ursache abgibt. Auch die Einatmung banllenhaltigen Staubes beim Sortieren von Wolle wird den Arbeitern gefährlich. Das Krankheitsbild entspricht dem einer schwer verlaufenden Lungenentzündung, deren Erkennung als Milzbrand selten gelingt. Da die Aussichten für die Heilung bei ausgebrochenem Milzbrand sehr ungünstig sind, spielt die Vorbeugung der In« fcktion die wichtigste Rolle. Und diese beginnt beim Tier. Abgesehen von der Anzeigepflicht, die für verdächtige Erkrankungen schon besteht, wird die Isolierung der kranken Tiere strenge gehandhabt. Milzbrandkadaver müssen entsprechend tief verscharrt und mit Kalk ubergossen werden, da die Bazillen sich gerade im Erdreich leicht verbreiten und vom Weidevieh wieder ausgenommen worden. Das einzige Schutzmittel gegen die Stallinfektion oder die Verseuchung der Weideplätze ist heute die Schutzimpfung, wie sie im großen in Argentinien bei den großen Rinderherden mit Erfolg durchgeführt wird. Der Milzbrand ist bei uns eine seltene Erkrankung geworden, seitdem die behördlichen .Maßnahmen, die eine Dampfsterilisation aller eingeführten Felle vor der Verarbeitung verlangen, durchgeführt werden. Die falsche Braune. Um diese Jahreszeit, da Rachenkatarrhe, Kehlkopfentzündungen und grippöse Krankheiten sich häufen, ist eS wichtig, ein Krankheitsbild zu kennen, das sonst Anlaß zu schwerer Besorgnis für die Ellern abgibt. Es handelt sich meist um zwei- bis dreijährige Kinder, die nach dem Einschlafen mit einem Hustenanfall erwachen und ängstlich nach Scnafwollrips för Kleider u. Kostüme 130 cm breit Slrthur Qrün nur I. Adlergasse 5 REHH Musik. Generalmusikdirektor Julius P r üwer, der uns vor bald 20 I-ttven mir stwem Breslauer Eniemb^e die erste Wi'ner Aufführung der „Salome" bescherte, brachte in seinem letzten Orchesterkonzer e drei unbekannte Werte dreier Nationen m'.t. E'ne akademische Symphonie des Russen Glasunow deckt ih.en musikalischen Bedarf mit Dsck>aikowsky-F!oskein, Tscherkesscngetöse und glatter Varicrtioneittechnik, die „Intermezzi Goldon'iani" für Streicher des Italieners Enrico Bossi sind von hellen Farben erfüllt und glänzen in Laune und Humor, der freilich durch die Länge seine Würze verliert. Am stärksten wirkten die Variationen über oin Thema von Beethoven für Klavier und Orchester des Wieners Franz Schmidt, deren Solo van dem einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein gespielr wurde. Gleich dem kürzlich verstorbenen einarmigen Pianisten Grasen Zichy versteht sich Wittgenstein auf wahre Tigersprünge am Klavier und führte mit seiner erstaunlichen Linkshandvirtuosität die Ncwi'ät znm Sieg«: frei uttb ungezwungen, wie ein klein..s, süßes Mädel, kommt das Thema ans dem Scherzo der Bc-e.-hovenschen „Frühlingssonate" hereinspaziert, bald ist es lustig, bald nachdenklich, bald dreht es sich in Ländlerrhychmen, bald ordmt es sich zu einem kleinen Fugato oder erklingt in wirkungsvollem Choral. Doch so oft es auch seine Gewandung wechselt, der harmonische Zuschnitt ist ste's bescheiden, die Bewegung ländlich-sittlich, die Virtuosität eine genleinverständliche. Wiederholt erinnert die Technik des Werkes an Brahms' Haydn-Variationen, einzelne melodische Wendungen gemahnen auch an Schmidts Oper „Notre Dame" und ihre Esmeralda-Klänge erweckten Verlangen nach seiner in der Staatsoper noch immer nicht aufgeführten „Jredegund'.s". Wann wird sie endlich herauskormnrn! Ein Sireichquartett des jungen sehr begabten Fritz Fall wandelt in den Bahnen Max Negers, dessen Andenken es gewidmet ist. Der saubere Quartettsatz — Aus.ührende: Kolisch, Borri, Elise Stern und Steel Gjorlin-g — entwickelt sich zunächst und schwerflüssig, doch scbon ein sck'itt"nhasi Hoffmannesker Mittelsah, in dem auch eine Brucknersche Tanzwsis« anklingt, zeigt eigenen Gestaltungswillen, ein F nale. daS eine einfache dem „Heidenröslein" ähnelnde Liedweise in Variationen auflöst, dürfte durch etliche Kurmngen gewinnen. Di« germee Auswahl von Farben aus seiner Palette gestaltet de,n Tondichter nach nicht den Luxus io -ttler quarirnmäßiger Variationen, und so macht er aus der tt'chni'cben Not die Tugend der ganz überflüssigen solisti-schen Extratouren. Der gleiche Abend brachte einer Violinsuite Jena Takaes' -einen besch"idenen Erlola. Fall noch ein-» Schularbeit, niinmt das Werk durch das rhythmisch-eigenwillige Capriccio für sich ein, die Varia.ionm über e.n monotones Thema geraten freilich bald ins Stocken. Warum sich auch alle jungen Komponisten dem Teufel der Variationenleäm'k verschreiben müssm! Geschieht dies etwa gar, um den Beelzebub der strengen überkommenen Form aus dem Wege zu gehen? q- Das Festhalten an der starren, formalen Ueberlieferung ist. ja mit unserer unruhig vorwärts drängenden Zeit schwer in Einklang , zu bringen. Man sucht nach neuen Formen und ringt mit neuen Ausdrucksmitteln, nicht etwa um demagogische Umsturzpolitik zu treiben, - sondern aus dem dunklen, unierbewußten Drange, der Zeit und ihrer Eigenart gerecht zu werden. Diesem Zwecke dienen auch die Abende des österreichischen Komitees der Internationalen Gesellschaft für neue Musik im Mozart-Saale, die dankenswerten Enblick in die werdende Gegenwartsmusik gestatten. Ist sich die Gesellschaft auch Lessen bewußt daß das Neue zu allen Zeiten als Feind des Alten galt und ungern gcs«hrn und gehört wurde, so läßt sie doch jedem seinen Glauben und gewährt auch konservativen Merken Gastrecht, wie kürzlich Karl Weigls wohlgeforntter Klavier-Passacaglia oder liebenswürdigen Violinstücken von Wladigeross und Nieti (nicht zu verwechseln mit dem Wiener Rildolf Reti, dessen großzügig gemollten Klavierstücke: „Träume, Liebe, Tänze" von Franz Liszt hinweg den Weg ins Neue und Freie suchen). Aber im Grunde sollte es Aufgabe der Gesellschaft sein, der sonst überall verstoßenen modernen Musik — das heißt der Musik, der sehr erweiterten Tonalität, tve^che wir mit der noch sehr bestrittenen „Atonal ität" durchaus nicht verwechselt wissen möchten, und des wahren, freien' musikalischen Ausdrucks der Jetztzeit — ein Heim zu bieten. Daß diese so junge „Ars nuova" noch mit allen Kinderkrankheiten bchaftet und daher vovderhand im „Wollen" stärker als im „Können" ist, widerlegt durchaus nicht ihre Daseinsberechtigung. Ihr fehlt oben, wie Richard Tahmel so schön sagt, „nur eine Kleinigkeit, nur Zeit". Die Kinderkrankheit der Klanghärte tritt übrigens bei den feiner organisierten Franzosen in viel milderen Formen auf als bei den derberen Deutschen. So klingen etwa die ganz reizenden Grotesken von Francis Poulene — letzhin von Emmy Heim sehr schön gefangen — viel gemäßigter als ähnliche deutsche Tcnbildchen, und selbst Darius M i l h a u d, der link-cste der frai^ösischen Musiklinken, dessen lebenswahre zweite Bio« linsoniate von Mary Dickenson-Auner und Dr. Ernst Bachrich stilgerecht gespielt wurde, erscheinst dem Laienohr erträglicher als manches Werk der Schömberg-Schule. Die Wege der Kunst waren seit jäher dunkel und mannigfaltig. Wenn die Musikmoderne heute vom Tugendpfade der klassischen Schönheit weit abirrt, so befindet sie sich in einwandfreier Gesellschaft: Anch ihre Schwesterkünste sind aus dunklein Drange den gleichen Weg gegangen. Zeit- und Raumkunst, Poesie und Musik, Plastik, Malerei und Architektur werden den Weg aus dem Dunkel zum Lichte wieder zurücksinden, und dies um so leichter, wenn die verschiedenen Kunstrichtungen durch versöhnliche Zusaplnenarbeit den Dornenweg der krisenhaften Nebergangszeit abzukürzen gewillt sind. Erwin Felder.