Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1791 (10.2.1924)
- Date
- 1924-02-10
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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.. •’T'r ' "TH»rrtc»< 1;, „^..mmjwpui. jmi.;,*iAi.'4,i) i ty n., ,' •V"*U' V1;"'1'1 Seite 8 DZien, Sonntag ist eine einzige Hetzjagd. Wann immer man ihnen begegnet, sind sie in Eile. Mit der Uhr in der Hand stehen sic an der Straßenbahnhaltestelle, die Frauen sind dem Weinen nahe, wenn der Wagen länger ansbleibt als sie angenommen, und sie berechnen, fiebernd vor Ungeduld und Nervosität, ihre AnSsichten, zurechtznkommen, oder von der Dame des Hauses bei der Verspätung ertappt zu worden, und ihre Chance, die Stunde abkürzen zu können, um wenigstens bei der nächsten Lektion die Verspätung „hercinznbrinqen". Angeiangt an ihrem Bestimmungsort, sind die zappeligen Lehrer mit einem Schlage beruhigt. Mag die alte Französin sich auch atemlos gelaufen haben, mag sie einem Weinkrampf nahe sein — kaum betritt sie das Zimmer, so strablt sie von Liebenswürdigkeit und Heiterkeit Man verlangt das und das Publikum kann wahrhaftig Forderungen erheben — die Auswahl ist grüß genug. Daher gehört die Heiterkeit zu den Berufspflichten des kleinen Privatlehrers. Es gibt anch noch andere solcher Pflichten, zum Beispiel muß man bei den Schülern beliebt sein. Wie oft das nur dadurch erreichbar ist, daß man den kleinen Faulpelzen durch die Finger sieht, oder dadurch, daß man auf seine persönliche Würde verzichtet -r davon lassen die zärtlichen Eltern sich nichts träumen. Me Wahl heißt: Beliebtheit oder Hunger. Und die Wahl ist nicht schwer. Eine weitere Berufspflicht betrifft die Kleidung. Sie darf ir*' vernachlässigt werden. Handschuhe, Pelznläntel, schwarze Bratenröcke sind unerläßlich. Die Lehrerin muß Handschuhe tragen. Sattesten muß sie sich nicht. Das sieht man nicht und braucht sich daher vor Dritten dessen nicht zu schämen. Zu allen übrigen Leiden kommt noch, daß der Privatlehrer fast immer ein Enttäuschter ist. Man wird ja so selten freiwillig Privatlehrer. Es ist zumeist das Ende eines Weges, der von den Höhen kommt. Die Gesangslehrerin hat sich schon umjubelt und umschmeichelt auf den weltbedeutenden Brettern gesehen, der Klavierprofessor strebte die Lorbeeren des Virtuosen oder Komponisten an, der Literoturlehrer ist ein steckengebliebener Autor und die Sprachlehrerin wollte doch wenigstens in einem Lyzeum Unterricht erteilet,. Wenn aber die Lage der Privatlehrer im allgemeinen nicht beneidenswert ist, so ist es die Lage der jüdischen Privat, lehrer erst recht nicht. Die „besseren" jüdischen Kreise bevor, zugen als Lehrer ihrer Kinder den Arier, um des Schliffs seiner Manieren, der Eleganz seines Auftretens willens Auch ist es „vornehmer", stramme Großdeutsche als Juden zu beschäftigen. Daß die begüterten Arier sich keine Juden ins Haus nehmen, ist zu selbstverständlich, um gesagt zu werden. Bleibt der „kleine" Mittelstand und die Schichten der Ungebildeten, die ihre Kinder „ein bissel" Sprachen, Musik und Literatur lernen lassen wollen, und dabei der Nebensächlichkeit der ganzen Angelegenheit entsprechend Vorgehen. Ueber das Verhalten der Eltern, namentlich der Mütter, gegen den Privatlehrer ließen sich Bände schreiben. Sicherlich: es gibt Ausnahmen, doppelt rühmliche Ausnahmen. Aber die Regel ist: Rücksichtslosigkeit, Taktlosigkeit, Hochmut und Härte. Wenn die Götter hassen, den machen sie zum Lehrer, sagt ein altes, bitteres Wort. So mancher Mann, der sich die Seele Zermartert, wie er Brot für sich und die Seinen schaffen joll, so manches alte Mädchen, das sich mit dem Gedanken quält, wie sie die „Ferien" überstehen soll, ohne zu verhungern, mag sich gedacht haben, es müsse heißen: den machen sie zum Privatlehrer. K. M. Mittsilmge» aus dem Publikum. it/epp ich h aus DUöbelkuus o/o/eheln* {Telefon-.63-5-30Jene Tüien’lJBaiiernmaphtläfd ine Filialen in wien! JlnJamstägea bis 6-obds. geoffnsl, Adele Zimer Jakob Fell Wien, Xlvr. Wien, XX. empfehlen sich als Verlobte. Wien, im Februar 1924. r- 1 --——--—.—i— Anlässlich der Vermählung unserer Cousme Fräulein LotliThal8nr«i<i(Kalusz) mit Herrn Ääo&f Weiöhorn (Zolktewj, cUt. W en, gratuliert herzlich Familie Merkur. Möbelfabrik J. Spira Feine °" W. U. MM«U 1—| Wohnungseinrichtungen. (Ecke Karl Schweighotergaase) TEPPICHHAUS DRACH& Co. I V:., Mariahääfcrst. aöe *9 ir/j j Stet1, ßi iSLlct l.ager in U;jpiclien. Vorhängen. TtscliUecken, I Bettvorlegern sowie echte Kntipi- und Billyrua*Tepp iche I Wiener MoroerizestunK. Seidenstoff® »LiÄ Neuheiten h Wollstoffen aller A't für Damen und Herren in grosser Auswahl Infolge der minimalen ^Regten ütwerqleichhch billige Preise "ITT1"' "1.T* im Hofmagaifn —-— I.Tuchlauben 17 -- DAMENWESTEN Strckwaren. 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M. GROSSE MODELL-OKKASION degauter tfall»,Tauz-u.StrasseiifclcIc!er ^r"il •inJBtja .JULIUS /H.KAIS ERSTRAS SE 111 -113-115 i 10. Mruor im Nr. 179t Aus meiner Reporterzeit. MS die »große Zeit" vorüber war, die ich lm „Felde dtz Ehre" verbracht halte, kam ich in meiner völligen Verständnislosigkeit für den Begriff „Ware" und seine das soziale Niveau verschiebenden" Möglichkeiten aus die lächerliche Idee, mich durch Arbeit fortzubr'mgen, während and.re in KaffEuserp saßen, wo man bisweilen fremde Gelder unter Bänken und anderswo fand, oder vor der Börse aus und ab gingen, was zur Folge hatte, daß sie heute zu den Stützen von Kunst, Musik und Li:erä:ur gehören. Meinen Willen zur Arbeit konnte ich nicht an den Mann bringen, und wo es mir doch gelang, dort kam er mich teuer, meinen Arbeitgebern billig zn stehen. Schließlich fiel mir ein, daß eine gewisse Beherrschung der Sprache sich doch irgendwie verwerten lassen müsse. Alts mein Drängell empfahl mich ein Mäzen hohnlächelnd dem „12 Uhr-Blatt uur Mitternacht", das aber schon um 6 Uhr erschien. Die kunstvollen Wendungen d:x Schularbeiten, wie zum Beispiel: „Wen gibt es, der zweifeln könnte, daß Cäsar, falls jener haßerfüllte Gallierfürst mit seinen Scharen weiter ins Römergvbier vorzudringen gewagt haben würde, ihn mit blutigem Kriege zu üb.rziehen beschlossen hätte," 'müßten, — so glaubte ich - doch bei einer modernen Zeitung gut verwendet werden können. Man gab mir eine Probearbeil: Was geschieht mit den weggeworsetlen Strahenbahnfcchrsch.inen? Ich machte mich cm das Problem, hob aus der Straße einen Fahrschein auf, und stieg in eine Tramway. Der Schaffner zwickte die Karte durch und gab mir noch auf 10.000 Kronen heraus. „Ein glücklichcr Anfang", dachte ich und schrieb eine sechzehn Seiten lange Geschichte. Ich fm*0 bei den „Nachkriegserfcheinuugen" an. betonte die „Stürme der Zeii", und trug die Sache in die Redaktion. Das Blatt erschien, mein Artikel war nicht zu sehen, nur die „Stürme der Zeit" fand ich im — Wetterbericht. „Lassen Sie sich nicht abschrecken", meinte mein Redakteur wohlmeinend. Ich erhielt wreder ein Thema: „Die Hausfrau heim täglichen Einkauf." Ich brachte zwölf Seiten., Ganz nett." sagte mein Chef und von meinem Schriftsatz erschien uur der Satz: „Die Kartoffeln sind wieder um 200 Kronen pro Kilogramm gestiegen." „Brillgen Sie Stimmungsbild.r ans dem Polkscase!" Ich ging in ein berüchtigtes Tschecherl, legte Hut und Ueberrock ab, was sofort die Aufmerksamkeit der anderen „Gäste" erregte. Ich näherte mich einer Spielergrnppe. Die Burschen hörten auf zn spielen und blickten mich verdächtig an. Spitzel, Spion uitb andere Worte flogen mir zu. Einer begann mich zu beschimpfen und hob die Hand. Ich stürzte ans ihn zu und erhielt eine solche Ohrfeige, daß ich einige Tage zu Hause bleiben mußte. Eirr schöner Berns! Aber geschrieben habe ich nichts darüber. Der Zusammenbruch einer Winkelbank war aktuell. „Suchen Sie, etwas Neues zu erfahren, und schreiben Sie einige - Zeilen darüber." Ich brachte meinen Bericht: „Der Prokurist der Bank steht zwar im entsprechenden Alter von achtzehn Jahren, aber der Direktor ist merkwürdigerweise schon über zwanzig!" „Ich brauche keine Feltilletons von Ihnen", knurrte mein Chef ärgerlich. Meine nächste Sache war eure Aufsehen erregend Entführungsgeschichte. Ich sollte in Erfahrung bringen, ob die Dame im Schlasrock oder Pyjama in das Auto des Freundes gestiegen sei. Ich suchte den betrogenen Gatten aus. „Schauen Sie, daß Sie weiterkommen, Sie unverschämter Mensch!" rief der Mann empört und drohend nahte ein riesiger Hund. Bitte, so etwas passiert dem Vertreter einer seriösen Zeitung! „Sie sind ein Patzer", empfing mich mein Chef, „umsere Konkurrenz, das „Blatt zwischen 12 und 1", das eine Stunde früher herauskommt, bringt schon das Tagebuch der Entführten. Bringen Sie jetzt wenigstens heraus, was die Hausbesorgerin Krupitschka in der Vorgartenstraße mit den Scherben des BierkrügelS gemacht hat, das sie auf den Kops ihrer halbbloden und dadurch ganz blöd gewordenen zchneinhalbjährigen Zichtochter schleuderte." Ich machte mich auf den Weg und schri-cb eine erschütternde Elendstragödie. Sie strotzte von erblicher Belastung, Armeleutgeruch, Waschküchendunst, Zinskaserne, Kapitalismus. Arbeitslosigkeit, alles war drrnn. „Sie hätten sich den ganzen Schundroman ersparen können", sagte der Chef nitwillig, „nur die zwei Zeilen, daß die Frau die Bierkrügelscherben ins Mistkistel der Nachbarin geworfen hat, sind wichtig!" Ich wurde zu Versammlungen geschickt, über die ich anfangs leidlich berichtete. Später aber machte ich die Wahrnehmung, daß dieselbert Redner in verschiedenen Versammlungen mit dem gleichen Pathos immer die ganz gleichen Worte verwendeten, so daß ich einmal berichtete: „Die Redner Dc. Dpringinkerl und Doktor Leberthran sprachen zündende Worte, siehe Versammlung vom 18., 19. und 26." Der Chef war wütend: „Sie haben ja recht, aber so können wir doch daL nicht bringen. Mir scheint, aus Ihnen wird nichts Rechtes werden!" Einmal war ich bei einer Amiglkoholikerversammluitg. Mein Bericht lautete: „Die Gemüter erhitzten sich und zum Schlüsse fuhren die Veranstalter zum Heurigen!" „Sind Sie verrückt?" schrie mein Chef. „Aber bitte, die Leute sind wirklich zum Heurigen g.fahren!" „Das glaube ich, wohin denn sollen sie gefahren sein. Aber das bringt man doch nicht!" Ich war etwas deprimiert und begann, mir die Sache bequem zu machen. Ich schlug mein Hauptquartier in einem Kaffeehaus aus, von wo ich einige Personen meiner Recherchen anrief und meine Wenigkeit durch den Begriff „Redaktion" erhöhte. Es ging ganz gut und man war einige Tage mit mir zufrieden. Einmal traf ich dort zwei Kollegen von der Branche. Wir arrangierten ein Spielchen und sprachen nb.r dies und das. „Bei uns", sagte ich mit wichtigtuerischer Miene, „wird fabelhast rasch gearbeitet. Kaum hat sich etwas ereignet, haben wir schon den ausführlichen Tatbestand und alle Details." „Das ist nichts", meinte d.r eine Kollege. „Ihr recherchiert noch, und bei uns lieft cs schon jeder auf der Gasse." „Das ist noch gar nichts", meldete sich der Dritte. „Wir bringen einen Fall haar> genan, noch bevor er passiert ist." Das war der höchste Trump', der mir ungeheuer imponierte.