Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1791 (10.2.1924)
- Date
- 1924-02-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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AK. 1791 ' ' Men, Sonnig Um -■■■•---———-——— «Sichtwissen wollten, Bildurrgs-- und Kulturstätten des Volles machen. Danach sprach Abgeordneter Dr. Renner. Er l>cionte die Notwendigkeit der gründlichen wissenschaftlichen Ausbildung, hob aber hervor, daß die Studenten diese ihre Ausbildung in den Dienst der V-ollsgemei'nschaft stellen Müßten. In diesem Sinne sei es sehr wertvoll, wenn die Studenten ht der Gciwerkschafts- und Genossenschaftsbewegung tätig seien, wo sie ihre Kenntnisse praktisch verwerten Md erweitern könnten. Die Tagung wird heute fortgesetzt. Es steht noch ein Referat über Studentenrecht auf der Tagesordnung, da's die Richtlinien für die Stellungnahme der sozialistischen Studentenschaft in dieser Frage bestimmen wird, Gltte Hakenkrenzlumverei. Erlogene Zitate aus -er „Wiener Morgenzeitung". Das hakenkreuzlerische Sudelblatt, in welchem jeden Freitag unter Ausschluß der Oeffentlichkeit die Halluzinationen der biererweichten völkischen Gehirne Blasen treiben, gibt diesmal den peinlichen Anlaß, sich mit ihm zu beschäftigen, da es für seine Faseleien die „Wiener Morgenzeitung" als angeblichen Eideshelfer zitiert. Selbstverständlich kann dieses Zitat nur nach bewährtem völkischen Muster dadurch zustande kommen, daß es erfunden wird. Die neueste hakenkreuzlerische Luvrperer, welche ganz nach dem Schema der übrigen gemacht ist, sieht so aus: In einem Gewäsch, das sich „Judentum und Film" betitelt, zitiert der Sudler zum Beweise, wie richtig das Judentum die Macht und den Einfluß des Filmes (!) einschätzt, einen Artikel, der angeblich vor einigen Monaten in unserem Blatte erschienen ist und den Titel „Der Einfluß des Kinos auf die jüdische Jugend" haben soll. Das Zitat wird anfänglich als dem Sinne nach wiedergegeben bezeichnet, was jedoch nicht hindert, -aß es in Anführungszeichen gesetzt wird, um den Eindruck jnes wirklichen Zitates zu machen. Es lautet: „Wir sehen, daß die arische Jugend dem Kirwteufel vollständig verfallen ist, und ihre Lebensansichten aus den schlechten, verderblichen Sensationsfilmen schöpft. Hingegen hat sich die jüdische Jugend genug kühlen Verstand bewahrt, um trotz regen Kinobesuches über der Sache zu stehen und das Kino nur als angenehmen Zeitvertreib zu betrachten." Dann wird der berühmte und schon hundertmal angewendete völkische Dreh beim Zitieren gemacht, indem versucht wird, das ursprünglich als sinngemäß wiedergegebene Zitat durch die Worte „so heißt es weiter" dem Leser als wirkliches Zitat zu suggerieren. Ms dieses so präparierte angebliche Zitat wird der Satz angeführt: „Wenn auch die Filmerzeugung und der Kinobetrieb teilweise in jüdischen Händen ftnbr so betrachtet das Judentum die Sache doch nur als Geschält, ohne dem Film irgend-, welchen Einfluß auf die jüdische Mentalität zu gestatten." Dieses „Geständnis" soll deutlich zeigen, „mit welcher Schamlosigkeit die Juden arbeiten, um ihre Wirtsvölker sittlich zugrunde zu richten". Was das Sudelblatt hier austischt, ist vom Anfang bis zum Ende erlogen. Nicht vor einigen Monaten, sondern am 12. November 1922 erschien in unserem Blatte ein Artikel, der natürlich nicht den von dem Hakenkreuzschmierer angeführten Titel trägt, sondern „Die jüdische Jugend und das Kino" betitelt ist. Weder sinngemäß, noch wörtlich ist etwas von dem, was der arische Sudellump zusammenphantasiert, in dem Artikel enthalten. Es ist lediglich darin gesagt, daß wohl auch die jüdische Jugend das Kino besucht, daß aber diese Besuche nicht im Bilde einer schweren und hitzigen Erkrankung verlaufen, daß der Kinobesuch für die jüdische Jugend ein Vergnügen und keine Besessenheit ist. Von einer Verbindung des Films mit Judentum und jüdischer Mentalität, ist, ebenso wie von der arischen Jugend, in dem Aufsatze keine Rede. Damit fallen alle Schlüsse des lumpigen Hakenkreuzlers, die schon deshalb absurd sind, weil es nicht nötig wäre, daß die Juden daran arbeiten, ihre sogenannten Wirtsvölker zugrunde zu richten; denn dieses Geschäft besorgen schon die Hakenkreuzler. Der Fudenkataster In Salzburg. Wo der Staatsanwalt nicht einschreitet. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, daß in der Provinz das Hakenkreuztum hemmungslos gegen die jüdischen Erwerbsleute exzediert. Die Schmähungen des Judentums, sowohl der Religion 'wie der Nation, übersteigen jedes Maß und die staatlichen Behörden rühren keinen Finger, um diesem Zustand ein Ende zu bereiten. Ein Musterbeispiel ist der in Salzburg erscheinende „Eiserne Besen", das Hauptorgan des Antifemitenbundes. Jeder Artikel ist ein Schmutzkübel und kein leerer. Aber dieses Schmierblatt betreibt sein widerliches Handwerk auch noch in anderer Weise. Es veröffentlicht eine Liste der in Salzburg lebenden Geschäftsleute, Agenturen, Aevzte «und Rechtsanwälte mit voller Adresse. Der Zweck ist klar. Daneben betreibt der „Eiserne Besen" auch offene Erpressung. So finden wir m der Folge 4 vom i. Februar eine Betrachtung unter dem Titel .Der Rabbiner kommt", dar wir die folgende Einleitung entnehmen: ,,Wie wir erfahren, dürfte dieser Tage ein Rabbiner für die Judengemeinde Salzburg eint ressen. Es ist ohnedies höchste Zeit, die Juden werden immer dank unserer Behörden mehr, und da muß doch auch ePPes kommen äh Rckbbinerleben. Daß wir demselben sein Leben möglichst sauer machen, ist selbstverständlich." Weshalb wohl dieses selbstverständliche Versprechen? Es heißt weiter, daß der Rabbiner einen Jahresgehalt von Wiener Morftenzeituns. Wer durch Frmtenkunst verliert, gewinnt Frauengunst tm Hoal-Game \ . Spielregeln uub Prospekte durch die Hosbillardfabrik Seifert, Wien,V. »V-» ■* 80 Millionen Kronen erhalten soll, und da meldet sich eben der „Eiserne Besen" rasch an. ES winkt vielleicht „ä Geschäft". Uebrigens schreibt dieses Besen-Gelichter ein merkwürdiges Deutsch: „Es ist gerade bezeichnend für den jüdischen Geist, wie dieselben zu ihrem Glauben halten, während man uns immer Vormacht, die Religion sei ein Schwindel, und zum Austritt aus den Kirchen fordert." Der Schriftleiter dieses Blattes hieß früher Sepp Koller. Er wurde von der nationalsozialistischen Partei wogen nichtpolitischer Affären hmausgeworftn. Sein Nachfolger, der also gegenwärtig schriftleitert, heißt Alois (auch Agfrid) Ai st lener. Nach einem von der sozialdemokratischen „Salzburger Wacht" veröffentlichten Brief hat dieser Agfrid als Hakenkreuzler im September 1921 sich dem Konsumverein „Vorwärts" für die Stelle eines Magazineurs angeboten und schriftlich versprochen: „Meine bisherige politische Tätigkeit würde ich mit dem Falle der Anstellung einstellen." Die Mitarbeiter dieses sauberen Gesellen sind einige, Salzburger Geschäftsleute, offenbar die sachkundigen Autoren des Judenkatasters. Es sind dies der Kleidechändler Franz Kriwanec und der Kanditenerzeuger B. Rajsigl. Es ist eben auch der Antisemitismus ein gutes Geschäft, das in dem Salzburger Fall von dem Staatsanwalt gefördert wird. Der Staatsanwalt untersteht dem Justizminister, nämlich dem Herrn Frank, der immer verwundert ist, wenn man von Hakenkreuz spricht. Wir wünschest aber, daß diese Lumpereien, die da ein paar Kilometer zwischen Wien und München sich abspielen, beseitigt tverden. Regiert in Salzburg Herr Seipel oder der Hitler? ~»ni »«»■«« »in Bin Tcunst g ew erblicher rindet ab Montag de« 11. Februar l. I. in den Räumen der 1. Wiener Tephlchweblchule. 1. Bez..Falkeftr I. statt. Telephon 7<N5i. Borau sichtliche Dauer S—3 Monate. Koltmbeitraa 80 ovo K. Zum 1. Male Montag. it. d. 7 Uhr abendr. Den Kur« leitet die bekannte Kunstgewerblerin Gusti Gtein. Neuer und Mer Nonirmm. Bon Siegmund Fcldmann. Seit bald einem Jahrzehnt waren M ax Nordaus „Zionistische Schriften" vergriffen, die jetzt der Jüdische Verlag, Berlin, wieder hemusgebracht hat. Selbst wenn der Neudruck nicht durch wesentliche Bei- und Nachträge bereichert wäre, würde es sich lohnen, auf diese Veröffentlichung zurückzukommen. Die Klarheit, die Unbeirrbarkeit, die Schlagkraft der Gedanken heben sie über alle „Standpunkte" hinaus, die man zum Zionismus einnehmen mag. Diese Reden und Aufsätze sind kaum zu übertreffende Muster der Auseinanderlegung eines vom geistigen Unkraut zweier Jahrtausende überwucherten Problems, in denen tiefstaufgewühlte Leidenschaft durch die höchste Besonnenheit gebändigt wird: durch die Besonnenheit des Urteils nicht minder wie durch die Besonnenheit des Ausdrucks. Nordau war ein gewaltiges Temperament und der Sturmlauf seiner Attacken ebenso berühmt wie gefürchtet. Aber dieses Temperament wurde durch einen noch stärkeren Jittellekt beherrscht. Kein einziger rhetorischer Aufschrei gellt aus diesem Buche, keine sülchende Gebärde des Hasses fährt aus diesen fünfhundert Seiten. Es erschüttert durch das Pathos der Vernunft. Ueber das Buch hinweg gleiten meine Blicke'Zurück LU dem, der es geschrieben, und zu Theodor Herzl, dem Genosi'eu seiner Sendung, der den erster: Schritt auf dem dornigen Pfade getan hat. Neben Herzl war ich seit seinen ersten, publizistischen Gehversuchen in Wien kameradschaftlich einhergegangen, mit Nordau verband mich eine enge Freundschaft, die sich mit den Jahren zu einem fast brüderlichen Gefühl steigerte. In unerbittlicher, zeltfressender Berufsfron stehend, hatten Nordau und ich für die 10. Februar 1924 _Seite aLeude ein gemeinsames Esssen vereinbart, das uns, hÄ lästigen Zulauf unerfreulicher Landsleute fernzuhalten, LM da, bald dort zusammenführte. Als wenige Jahre nach! mir Herzl sich in Paris niederließ, wurde er der Dritte, im Bunde. Am häufigsten trafen wir uns auf dem Boule-; vard Montmartre, in der damals noch neuen Brafserie vom Pousset, der außer dem Münchener Bier leider auch den« scheußlichen Münchener Butzenscheibenstil an die Seine importiert hatte. Wir bildeten ein harmonisches Trifolium.) in dem keiner fein Eigenes preisgab und jeder den andern verstand. Unser Gespräch zog engere und weitere Kreise' um die Fragen des Tages, der Zeit, der Ewigkeit, um' Großes und um Kleines, wie es sich eben darbot, sprunghast oder verweilend, ohne Schwere, ohne Pedanterie, ohne Verhaltung, aber Schritt für Schritt genährt, vertmft/ durchleuchtet von der unglaublichen, aller Gvenzbegrissci spottenden Vielseitigkeit Nordaus, dessen Geist jeden Satz' zu einer Goldmünze der Erkenntnis prägte. Es bewegte! sich, in der von Voltaireschem Ozon noch stark oxidierten', Pariser Atmosphäre, in voller Unbefangenheit auf der Be-, wußtseinsunterlage eines Gemeinbesitzes an allen Kulturgütern der westlichen Welt, die Zu nützen und zu mehren ihnen zustand, der anzugehören ihnen niemand bestreiten^ konnte. Bis die Dreyfus-Affäre kam und die beiden Freunde aus Europäern edelster Auslese, die religiösen Bedürfnissen,' historischen Sentimentalitäten und vafsentürnlichen Anwandlungen ganz unzugänglich waren, zu überzeugten Nationalsuden wandelte. Man muß der französischen Volkspsyche in die innerften Gemächer nachzuschleichen wissen, um aus den noch,- lange nicht abgelaufenen Auswirkungen dieser seit dem Halsband Maria Antoinettens berühmtesten aller „Affären" zu erkennen, daß sie eine Wendung in der Menschheits-- geschichte bedeutet. Auch der Zionismus ist ein Kind der- Krisen und Kämpfe um den Gefangenen auf der Teufels-S insel. Es wäre auch ohne diesen Anstoß zur Welt ge-, kommen, es lag im Mutterschoß der Zeiten, es war nur noch! nicht ausgetragen; die ruchlose Ausbeutung des Antisemit tismus und dessen Ausstrahlungen von seinem deutschere Herde hätten diese Gegenbewegung später, vielleicht bald,? zweifellos ir: Fluß gebracht. Wer daß sie, in denselben^ Formen und Zielen sogar, schon früher einmal bestand und nicht nur aktiv wurde, sondern auch dem Erfolgeganz nahe war, hat mich und hätte Nordau und Herzl? gewiß höchlich überrascht. ( Ich verdanke diese Ueberraschung meiner Neigung,, die Nase in alte, verstaubte Schmöker zu stecken, die nie-- mand mehr liest, und dem Zufälle, der mir kürzlich die« zuerst 1785 gesammelten Reisebriefe des preußischen Haupt-, manns I. W. v. Archen holz in die Hand spielte,! der, nachdem er seine vortreffliche Anabasis des Sieben-? jährigen Krieges geschrieben, ein unermüdlicher Bummler? wurde, in dessen Schilderungen man heute noch mit einigem? Vergnügen blättern kann. In Livorno verkehrte er,; viel mit dem sehr zahlreichen „Judenvolk", das daselbst „außerordentliche Freiheiten" und einen großen Wohlstand genoß, den es zum Teil aus seinen Korallenfabriken zog/ „die nicht ihresgleichen in Europa haben". Wenige Jahre vorher — es wird wohl nach ihrem vernichtenden Siege bei Tscheschena am 5. Juli 1770 gewesen sein — ankerte die russische Flotte in Livorno und einige ihrer, „deutschen,Offiziers, die den berüchtigten Al: Bei persönlich kennen gelernt hatten, kamen mit verschiedenen hiesigen Juden überein, diesem damals glücklichen Rebellen den Antrag zu tun, für einen gewissen Preis Jerusalem (aus dem er die Türken verjagt hatte) der jüdischen Nation zu überlass en". Und nun erzählt Archenholz weiter, wie Ali Bei, dessen „Begierde nach Reichtümern unersättlich" war, sich zu dem Geschäfte verstand: wie es den Juden gelang, die Garantie großer Höfe und namentlich den von Ali Bei geforderten Beistand gegen den gemeinsamen türkischen Feind zu erwirken; wie sie bereits „glänzende Entwürfe für die Wiederaufbauung des Tempels" anfertigten und durch die Freigebigkeit chrer Glaubensgenossen in England und Holland in den Stand.gesetzt wurden, dem Eroberer Palästinas den verlangten Kausschilling zuzusagen. Die Summen, so hoch sie auch waren, „machten nicht die geringste Schwierigkeit, und wer weiß, wie weit es noch mit diesem seltsamen Plan gekommen wäre, wenn nicht der Tod des Ali Bei dieser Unterhandlung aus einmal ein Ende bereitet hätte".; Zionismus avant la lettre, von dem Herzl nichts ahnte, als er seinen „Judenstaat" schrieb, dem Nordau die über die Ozeane gespannte Autorität seiner großen Persönlichkeit lieh. Die „Wiederaufbauung des Tempels", an die die Livorneser Juden sofort dachten, verrät messianische Reminiszenzen, die Herzl fern lagen. Sehr bemerkenswert ist, daß die Livorneser ihren Judenftaat mit derselben Nüchternheit begründen und sichern wollten, wie die heutigen Zionisten den ihrigen: durch internationale Regierungsverträge zum Schutze ihres durch Kauf oder durch Zuwendung geldlicher Vorteile an den jeweiligen Landesherr:: erworbenen Gemeinwesens. Daß aber just der russische Zar der Hauptschützer dieses Werkes sein wollte, und daß, ausgerechnet! „deutsche Offiziers" zuerst auf diese Idee kamen, zählt zu den größten Ironien der Weltgeschichte. (Aus dem Berliner „Börsen-Courier".) Englische S?».rStoffe <5RrthurQrün C nur I. Adlergasseel D200$C