Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1791 (10.2.1924)
- Date
- 1924-02-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sh. 1791 Wien, Sonntag träume •»i" Schuhe! - Lernene Lord-Advokat. London, 9. Februar. (Wolfs.) Der Advokat Mac Millan in Edinburg ist zum Lord-Advokat ernannt worden. Mae Millan, der Mitglied der konservativen Partei ist, wird nicht der Regierung angehören und hat auch keinen Sitz im Unterhalts. Italien und Rußland. Wiederaufnahme der politischen Beziehungen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Akoskau» 9. Februar. Der Vertreter Italiens, Marchese Paterno, hat die Sowjets wissen lassen, daß er zum Gesandten uud bevollmächtigten Minister Italiens bei der Sowjetregierung crncnrnt worden ist. Ramiinie« und Rußland. Men als Verhandlungsort angenommen. Moskau, 8. Februar. Nach einer Meldung der Russischen Telegmphenageutnr hat Rumänien dem Vorschlag der Sowjetregierung, die politische Konferenz in Wien tagen zu basten, zugestnunlt und Vovgeschlcvgen, die Konferenz in einem Monat einzuberufen. Rener Kurs ln Indien. London, 9. Februar. Nach einer ruhigen Debatte in der gesetzgebenden Versammlung für Indien erklärte der Vertreter des Vizekönigs, daß die. indische Negierung bereit sei, auf breitester Grundlage unter Mitwirkung aller politischen Parteien, aber im Rahmen der bisherigen Gesetzgebung, die Verbesserung der i n d i s ch c n S c l b st v e r lv a l t u n g zu prüfen. In einem Brief an. den Nationalistenführer Mohammed Aili erklärt Ghandhi, daß Indien niemals Selbstverwaltung erlangen werde, solange Hindus und Mohammedaner einander bekämpfen. Er sei der Ansicht, daß in den nächsten zwei Jahren versucht werden muffe, durch ein positives Programnl die Selbstverwaltung zn fördern. Es sei nicht mehr nötig, dieses Ziel durch B o y k o t t m a ß n ah m e n zu erzwingen. Dieser Brief, in dem Gandhi anidentet/ daß er wenigstens noch ein Jahr aus Gesundheitsrücksichten auf alles poliiische Wirken werde verzichten müssen, wird dahin aufgefaßt, daß die Nationalisten versuchen wollen, die Selbstverwaltung in Verhandlungen mit der indischen Regierung en erreichen. Prefsetmtruftung in Rew-Iorl. New-Aork, 9. Februar. (Telegramm der „Wiener Morgetlzeitung".) Frank A. Mons-ey, der vor einigen Monaten een New-Aorker „Globe" erwarb und mit der „Dun" vereinigte, hat nunmehr auch die „Evening Mail" angekauft, um sie mit dem „Evening Telegramm", in dessen Besitz er bereits Wiener Moraenzertung. war, zu vereinigen. Der Kaufpreis der „Evening Mail" betrug zwei Millionen Dollar. Durch diese - Neuerlverbungen ist Monsey zum mächtigsten Zeitungsverleger in New-York vorgerückt. Der 8hes der polnische« Mllltilmesenr per haftet. (Eigendienst der. „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 9. Februar. Die Untersuchung in der Affäre der unter der Abbreviatur P. P. P. bekannten faszistischen Geheimorganisation „Bereitschaft polnischer Patrioten" zieht immer neue Kreise. Es ist heute bereits trotz aller Versuche der tlationalistischen Parteien, diese P. P. P.-Organisation als harmlose Spielerei darzustellen, klar, daß diese Organisation, die einen gewaltsamen Umsturz in Polen herbeiführen lvollte, ihre Fäden bis in einflußreiche politische und vor allem leitende nrilitärische Stellen spinnen konute. Bor kurzem erst konnte Ihr Korrespondent die Verhaftung des Brigadegenerals Wroczynski melden, der zusammen mit beu Obersten Lubienski und Gorzyuski eilte führende Rolle bei der P. P. P. spielte. Nun ist gestern der Chef des polnischen Mil'itärwesens, General Macewicz, in Haft genommen worden, da im Zuge der Untersuchung festgestellt wurde, daß er in der P. P. P. eine hervorragende Stellung inne hatte. ^Ualolgsr Erzeuger Damaie Hobe, Gründer der Likör marke Hob 6 und einziger Trftger de* Namen* Damaae Hobe. 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In dem Einladungsschreiben heißt es unter aitbevem: ,.Wir glauben, daß diese Zeit es den Inden dieses Landes, die "nicht Mitglieder der Zionistischen Organisalion und mit ihr nicht verbunden sind, zur-Pflicht macht, ihre Beziehungen zu den wirtschaftlichen Fragen Palästinas und zum rnltnrellon und industriellen Ausbau dieses Landes ernsthaft zu prüfen,- Als Mandatarmacht über das heilige Land hat Großbritannien eine Regierung für Palästina eingerichtet. In dem Wortlaut -des Vertragesvon Lausanne ist eine Jewrsh Agency vorgesehen, die in einem beratenden Verhältnis zur Regierung stehen sollte. Bis jetzt hat die Zionistische Organisation eine solche Agency repräsentiert. Diese Körperschaft hat es jedoch als w ü n s ch e n swert erkannt, in der Zusammensetzung der-Agency eine Aenderung einrrercn zu lassen so daß sie durch vollkommene Entfernung des Wesens der Parteilichkeit zu einer wahrhaften Jcwish Agency irerden solle. Zu diesem Zwecke hat sie einen Plan ausgearbeitet, laut welchem Nichtzionisten einen wesentlichen Platz in der Agency einnehmen sollen." Ferner wird in dem Schreiben darauf hingewiesen, daß es notwendig fei, die für den Aufbau Palästinas geplanten Unternehmungen in eine einzige Körperschaft zufammenzufchließen und das nötige Kapital zu beschaffen. Ein Kongreß für den Palästina-Ausbau in Polen. Aus Warschau nreldet I. T. A.: Die soeben beendete Konferenz der Zionistischen Arbeiterpartei Hilachdnth in Polen har über Antrag des Sejmdeputierten L ewinsohn eine Resolution angenmnmen, in welcher die Notwendigkeit der Einberufung - eines a l l j ü d i s ch e n Kongresses für den Aufbau Palästinas festgestellt wurde. Dieser Kongreß. soll aus demokratischer Grundlage einberufen Wwrden und eine Beteiligung aller jüdischen Part e i e n und Organrnsatiomn, die aus dein Standpunkt des Palästina--Aufbaus stehen, ermöglichen. Dieser Kongreß soll dann die Vertreter des p o! n ischen Judentums in die Jewish Agency wühlen. Der rnmiimsche Aikerbanmimster in Wien. Der rumänische Ackerbauminister Consta nt ine scu, der sich auf der Durchreise von Paris nach Bukarest hier aufhielt, hat gestern dem Bundeskanzler und dem Bundesnlinister I für Aeußeres einen längeren Besuch abgestattet. Vom lOi8 21. Februar Gedanken über jüdischen Cinslutz ans Senken md Achten. Von Karl Alexander Freiherrn v. Gleichen-Rußwurm?) Bildet das Judentum ein Volk im Volke odsr ist es von bcu Leiden der Zeit in dir Gemeinschaft eingesogen, um voll- .standig und merklos darin aufzugehen? Die Frage aufzuwerfen, ist nicht müßig und kann meines Erachtens erst von der Zukunft beantwortet werden, denn dieser Prozeß ist auch da, wo er begonnen haben sollte, noch lange nicht abgeschlossen. Wenn ein versprengtes Volk von Bienen ohne Königin Ausnahme in einen Stock begehrt, legt es als Gabe Honig vor dein Eingang nieder und will damit seine Aufnahme erkaufen. Das Judentum, das in die deutschen Staatsgenossenschaften eingetreten ist, hat eine reiche Gabe niedergelegt und vieles, konnte ausgenommen werden, was den eigenen Honrgschatz auf geistigem Gebiet nicht unbeträchtlich vergrößerte. Im Judentum wuchs uns eine ältere Kultur zu, gesättigt mit jener Neber-- lieferung, auf der. Europas Religionen errichtet. sind. Ich will 'licht vom'Handel und seinen Gebräuchen, nicht'vom uralten jüdischen Wechselrecht, noch von der Kulturverm'ittlnng von Ost zu West durch Waren- und Gedankenaustausch veden, sondern nlrr diejenige Geistesrichtung erwähnen, die bei uns in einigen hervorragenden Juden zum Ausdruck kam und in den Stammtafeln unserer sittlichen, b. i. philosophischen, und künstlerischen, d. i. ästhetischen, Entwicklung verzeichnet sind. Flüchiig hingeworfene Gedanken kann ich nur geben, sie machen keinen Anspruch ans Vollständigkeit. Von der alt-ebräischen Poesie sagt Herder, daß keine Poesie schönere Bilder des Lichtes habe, „der Name des Lichtes selbst tönt in ihr hoch und edel, ein Sinnbild alter Freude, *) Dieser Aufsatz ist der im Verlag Max Hickl, Brünn- Wien, erschienenen Schrift „Nichtjuden über den Kulturwert des Judentums" entnommen, welche die erste Publikation einer Sammelbroschürenreihe „Judentum. Judenvoll. Judenland" bildet, die Rudolf Seiden herausgibt. Die Schrift enthält außer dem vorliegenden Aufsatz des als semkultiviertcr Schriftsteller bekannten llrenkels Schillers u. a. wervolle Beiträge von Walter Bloem, Hugo Salus. Ferdinand Tönnies und des vor kurzem verstorbenen Bruders Gerhart ßLutzt mannS. M Hautztmgn«.^ - alten Entzückens". Die Bilder der Dämmerung haben in ihr den Nebengedanken des Wartens, der Hoffnung und des Verlangens. Bei Hiob erscheint die Morgenröte als Held, der die Missetäter auseinander treibt, den Räubern ihren Schutz nimmt, die Decke des Dunkels zerreißt und'allen Dingen Gestalt gibt. Ans der Morgenröte wird das glitzernd Lebendige im Tau geboren. Ein solch glitzernd Lebendiges bildet in unserem Wissen und Dichten der befruchtende Einschlag jüdischen Denkens vielleicht gerade deswegen, weil er mit seiner Doppelgabe des mystisch durchdrungenen Bilderreichtums und des zersetzenden Rationalismus Tiefen unseres Geistes erschloß, die ohne fremde Nahrungszufuhr kaum eröffnet wären. Was die jüdische Gnosis dem Westen gab, wer wollte es misten? Die Welt der Geschichte, Worte und Zeichen sind uns durch die heiligen Bücher vermittelt; ans der alten und neuen Kabbala, aus dem Sohar und den Schriften des Chassidismus im 18. Jahrhundert (die allerdings mit dem orthodoxen Judentmn im Widerspruch standen) tritt uns ein VitalisrnuS entgegen, der in mystischer Lebenskraft die Erklärung der Erscheinungen sucht, eine Philosophie, die meines Erachtens m jüngster Zeit aus Berg so ns Schrfften neugeformt hervorgegangen ist. Daß von diesem Lchver der Paristr Hachschnle großer Einfluß auf das zeitgenössische Denken namentlich in gewissen literarischen Kreisen stattfand, läßt sich nicht leugnen. Dem jüdischen Geist fehlt jedoch. keineswegs die naturalistische Weltbetrachtung. Sie zeigt sich — am frühesten wohl — in der Geschichte vom goldenen Kalb, in jenem Hang zu Naturgöttern, den der ägyptische Einfluß mit sich führte. Er wuchs in der Naturphilosophie des späteren Judentums und schlug dann in Materialismus um. Das Gesetz beschäftigt sich ausschließlich mit dem rein äußerlichen, menschlichen Geschehen, und kaum mchr mit dem BerMtnis des Menschen zu Gott. In der Mischna, im Talmud, in den.Werken des Maimonides und zuletzt (wenn man von ausgesprochen jüdischen Schriften rede't) im Kodex des Josef Karo erscheint -immer schärfer hcrausgcarbeitet eine Volks-individuelle Ethik, ein nüchternes Gesetz, auf reinen Zweckmäßigleitsgründen erbaut, das beinahe zu mathematisch geregeltem Tun sühn — ein Zeichen uralter das, auf neuen Stamm aufßegfxojjfi, jedenfalls erfolg. reich wirken kann, in sich selbst aber, immer weiter gesteigert, zu jenenl zersetzender: Geiste führerl muß, den das leidenschaftlich erregte Ariertnm dem jüdischen Element immer vorgcworseu hat. Diesen Geist hat Karl Marx zur Grundlage seiner materialistischen Geschichtsauffassung gemacht. Die Treibkräfte der Wirtschaft und der Kultur überhaupt sind danach für eine eigengesetzliche Produktion gestimmt, die Welt wird cntgöttert und auf eine kritisch-reale Basis stellt. Hier muß der jüdische Einfluß auf die materialistische Weltanschanüng des 19. Jahrhunderts gesucht werden. Wo man diese Klippe vermied sich an die eigeniliche Ethik des hebräischen Geistes, an die Säule streng durchg:- führten Gerechtigkeit hielt, zeigte sich dagegen eine durchaus geläuterte und hochstehende Philosophie, die in.den Namen Spinoza und Mendelssohn hervorragend verkörpert ist. Der erstere gehört zu deu Trägern der europäischen Wissenschaft, der andere ist nicht zu tmmeu von der Entwicklung der deutschen Literatur. Den meisten gilt Spinoza nur als Metaphysiker, als Pantheist. Religiös gestimmt Zeiten liebten in dem jüdischen Echiker den Religionsphilosophen zu sehen. Aber in dieser Beziehung hat er zeitlich und begrifflich Beschränktes geboten. Denkerergebnisse, die, in der Scholastik wurzeln. Jener Spinoza, der das Bewußtsein einer neuen Zeit in sich trug und den Gedankenreichtum der Renaissance philosophisch faßte, war der erste Denker des neuen Individualismus..Er hat, als die Renaissance das Wesen der Persönlichkeit entdeckte, sic als wertbestimmenden Begriff in das Reich der Sittlichkeit gestellt. Ans diesem Ideal der Persönlichkeit heraus hat er ein Ideal des Staates gebildet:' „Der letzte'Zweck des Staates" ist »nach seiner Ansicht nicht zu herrsck^en, noch die Nienschen in Furch: zit erhalten oder sie fremder Gewalt zu unterwerfen, sondern vielmehr den einzelnen von der Furcht zu befreien, damit er in möglichster Sicherheit leben utid sein uaüirliches Recht aus Sein und Wirken ohne Schaden, für sich und andere tlneikigeschrättkt beharrpten kann. Spinozas Staat erfüllt seinen Zweck, wenn er die Freiheit der Persönlichkeit sichert, doch der eiirzelne ist dann allein als Persönlichkeit frei, wenn er im Staate nur^dem eigenen WillM untertan ist unb keinem frrm-