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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-10 · Heft 1791 (10.2.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1791 (10.2.1924)
Date
1924-02-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 _Wien, Sonntag_ Wiener Movsterrzeitung. 10. Februar 1984 Nr. 17A! Sen, diesen Teil ihres Propagandaprogrammcs züstellen. Aber sie gibt den Glauben nicht auf, daß die gegenwärtige Verwirrung in Europa 'eines Tages zu dem Knalleffekt der kriegerischen Konflagration führen wird, die dieser Argumentation nach nur zwischen Deutschland und.Frankreich mit seinen Vasallenstaaten entstehen konnte. Eine solche Konstellation würde den Anschluß Oesterreichs an Deutschland zur vollen Tatsache machen, und die österreichische Armee als Kaderarmee hätte ihre militärisch-strateoischcn Aufgaben zu lösen, und zwar als Teil des deutschen Heeres. Geht man diesem Gedanken nack, so kommt man zu einer eigentümlichen Situation. Diese deutsche Armee würden Generale führen, die kaum des Sozialismus oder des republikanischen Bekenntnisses verdächtig sind. Wir würden wieder btc Oberste Heeresleitung seben und ihr müßten die österreichischen Proletarier im Waffeilrock Gefolgschaft leisten. Die Sozialdemokratie scheint in ihren Erwägungen noch nicht so weit zu sein. Sie glaubt an den Krieg und meint, man müsse bereit sein. Das war schließlich auch der Gedankengang des Marsckalls Conrad, der Generale Hindenburg und Ludendorff. Wer a-y den Krieg glaubt, der treibtzum Krieg, wissentlich oder unbewußt. Gerät heute Deutschland wirklich in einen Krieg (was ja sein Tod wäre), dann Gnade Gott allen Sozialdemokraten. Denn die Müller und Mackensen würden doch vor allem den „inneren Feind erledigen" und auch in Wien Leute finden, die gewisse Aufträge befehlsgemäß auszuführen wissen. Hält die österreichische Sozialdemokratie ihre Linie fest, so wird sie vielleicht eine Armee schaffen, die dem Auge eines Berufsfeldwebels gefällt, deren Idee aber den Zielen des Sozialismus schnurstracks zuwiderläuft. Las Land -er chronischen Pogroms. Brief aus Posen. Von unserem Posener Korrespondenten. Posen, Ende Jänner 1924. Wenn man in Warschau gegen Mitternacht den westlich abgehenden Schnellzug besteigt, erwacht man morgens in einer Stadt, die von der Welt, die man soeben verlassen hat, völlig verschieden ist. Man steht mit einem Male mit beiden Füßen im Westen. Es ist Posen, der Sitz einstiger jüdischer Hochkultur. das seinen Aufschwung vornehmlich Juden, wie Oberbürgermeister W i t t i n g, Generalrat Herz und vielen anderen verdankt — jetzt aber das Schulbeispiel des rohesten, brutalsten Antisemitismus oder Afemrtismus bildet. Die jüdische Gemeinde mit ihren prächtigen Tempeln, ihren sehenswerten Wohlfahrtseinrichtungen führt einen schweren Kampf um ihr Dasein. Die Judenheit der Provinz Posen hatte sich völlig in das deutsche Gotnemwesen hineingelebt, wotmrch sie sich in Gegensatz zur polnischen Bevölkerung stellt«. Der jähe Zusammenbruch der Zentralmächte fand die Juden ganz desorientiert. Die meisten konnten sich keinesfalls in die neuen Lebensverhältnisse hineinfinden. Sie verschleuderten um einen Spottpreis ihren Besitz und zogen nach Deutschland. Den Polen wuchs der Appetit mit dem Essen. Sie wollten gerne auch nach dem Besitz der zurückgebliebenen Juden, greifen. Der von früher her vorhandene nationale Antagonismus wurde. durch eine maßlose Agitation in der national-demokratischen : Presse geschürt, um den Juden das 2efen Noch sauerer zu ' machen, sie 'zur A u s w a nd e r u n"g z u z w i n g e n und! den beginnenden Zuzug von Juden aus Kongreßpolen fern- , zuhalten. Selbstverständlich zeichnete sich in dieser Hetzjagd: das Kleingewerbe besonders aus. Dieses wollte sich diese Strömung zu nutzen machen, um die jüdische Konkurrenz los zu werden.und dann die Preise nach Gutdünken regeln zu können. Aus diesem Bestreben heraus entstand ein Hetzverein, der sich den klingenden Namen ,Siga zur Verteidigung des Vaterlande s und des Glaubens" beilegte. Die Vollzugsorgane dieser Gilde bilden unter anderem zwei Strolche namens ' Sekretareryk und N askorski, welche von den „Verteidigern des Glaubens" reichlich bezahlt werden, daß sie, mit Knütteln bewaffnet, die Straßen durchziehen und jeden Passanten der einem Juden ähnlich sieht, überfallen und verprügeln. Diese Wegelagerer erfüllten ihre Mission um so lieber, als ihr Gewerbe ihnen ein sorgenfreies Leben gewahrte. Nun scheinen aber auch die schönen Tage dieser Edel- . Leute mit dem Prädikate „von Pmrgel" vorüber zu sein. Als Ihr Korrespondent vor einigen Tagen die Wilekostraße passierte, entstand mit einem Male ein Tumult. Ein Jude ' wurde geprügelt. Es war ein gewisser Herr Stern, der von Sekretareryk überfallen wurde. Er hatte aber den Mut, die! Amts Insignien des Glaudensverteidigers an sich zu reißen und mit diesen dem Strolch die Theorie von dem „Stecken mit den zwei Ecken" so gründlich vorzntragen, daß der Unterrichtete seit diesem Tage das Bett hütet und wahrscheinlich über die Richtigkeit-des Sternschen Systems nachdenkt. Das Interessanteste dabei war aber, daß die christliche Bevölkerung fast durchwegs die Partei des Juden , ergriff. Auch dieser verhetzten Menge scheint endlich das Licht aufzugehen, daß in dieser Weise die Judenfrage nicht gelöst, aber Polen vor der zivilisierten'Welt gründlich -blamiert wird. Am 27. Jänner fand hier eine Delogiertenvevsammlung derjüdischenGemeindender Provinz Posen statt, an welcher die Sejmabgeordneten F a r b st e i n und Grünbaum teilnahmen. Von einzelnen Delegierten wurden Tatsachen vvrgebracht, die sonst als ganz unglaublich angesehen werden müßten, So zum Beispiel lvurde Ae Mate gegen Klebelsberg. GeMudniffe der Verantwortlichen und der Unverantwortlichen. Während die Budafester Polizei durch die endlich einmal ehrlich und. unbeeMstaßt durchgeführten Erhebungen zur restll.cs.en Äuftlävuwg des BomlbdnattentatS auf den Eli'abechsMher Klub die sogenannten unverantwortlichen Elemente, auf die sich die Regierung in den fünf Jahren der politischen Verbrechen stets berufen hat. zu Geständnissen -Dingt, hat im Gerichtssaal einer brr Verantwortlichsten zur Rettung seiner eigenen Ehre ein Geständnis abgelegt, das w-moslich noch furchtbarer, noch abscheulicher ist. als all die sadistisch gvaar'amen Eiuzelheiten der Geständnisse der unverantwortlichen Mordbuhen sein können. Der gegenwärtige Ünterr'ichtsminister Graf Kuno Klebelsberg, der zur Zeit des Bombenattentats gegen den liberalen Klub Minister des Innern, das heißt also der oberste Hüter des Gesetzes und der OÄnung im Lande war. stand als Privatkläger vor Gericht, um den BrWeiS zu erbringen, daß er das Christentum und die christlich-nationale Moral ni ch t ve rra te n habe, wie es ein von Führern der Erwachenden Ungarn vor längerer Zeit affich'ertes Plakat behauptet hatte.. Die Angeklagten wurden zu verhältnismäßig geringen Gefängnis- und Geldstrafen verurteilt. Was sich aber vom Beginn der Verhandlung an bis zur Urteilsällmvg im. Gerichtssaal abgespielt hat, ist von höchster , politischer Bedeutung, denn es bewies einwandfrei, daß der Hauptschu-ldige an all den Vorgängen, die zur Ermordung von so vielen Menschen gofjchvt haben, Horthy und seine Regierung und unter ihnen auch Graf Kuno Klebelsberg ist. Ms Zeuge eiüvernmnmen, gab Graf Klebelsberg zu. daß er als Minister des Innern von der Gefährlichkeit der Tätigkeit des Vereines der Erwachenden Ungarn für die öffentliche Sicherheit überzeugt war und darüber mit dem O^vstadthauptmann Marinov.ich konferiert habe. „Da ich in der Namensliste der Leitung", sagt der Minister wörtlich, „auch angesehene Mitglieder sah, wollte ich ans Schonung für diese es ermöglichen, daß : der Verein im eigenen Wirkungskreise Ordnung schaffe.-Ich | legte dem Sektionsrat Daranyi nahe, es möge der Verein eine interne Untersuchung einleiten lassen Als dann am. 3. April das Bombenattenlat gegen den Glisabethstädter Klub verübt wurde, zur selben Zeit, als die ungarische Regierung zu der -Konferenz in. G e n u a erschien, sah ich welch riesige Gefahr Un'rrem Väterland daraus erwachsen könnte, wenn, man uns,..auch bei dieser.Gelegenheit den Borwurf fnachen könnte, daß' diesesBew.rechen ungeahndet bleibe und daß wir gewissen Elementen gegenüber uns einer Konnivenz bestechen. Da ich jedoch noch immer Rücksicht nehmen wollte aus-die Leiter des Vereines, die hervorragende gesellschaftliche Stellungen einnehmen, ließ ich Julius F a h gleichfalls nahelegen, der Verein solle eine Untev'uchung gegen sich verlangen. Ich erhielt jedoch keine Antwort. Anläßlich der am 7. April erfolgten Beerdigung der Opfer, an der ich als stellvertretender Ministerpräsident teilnahm, meldete mir Oberstadthauptmann Marinovich, daß man in dem Vereinslokal in der Sörhaz-utca B o mb e n verteile und daß man bei der im Lokal durchgeführten Hausdurchsuchung dort Waffen 'Versuchen Sie unseren seidenen 3dealstrumpf -m 1. TRAT7NERHOP 2 (Graben >' 1 " ■ -•* .- .. ■■ in Rowicz, obwcbl dort viele Juden wohnen, die S yr,agoge ge schlossen und der Schlüssel dem Bürgermeister übergeben. Manche' Bürgermeister verbieten auf eigene Faust das Schächten. Dies alles geschieht bloß zu dem Zwecks um den Juden das Li'ben unleidlich zu machen und stzur Emigrat-on zu zwingen, damit man ihren Besitz billig erwerbet' kann, lim zu diesem Ziele zu gelangen/ wurde auch die Zuwanderung von Juden aus den östlichen Provinzen mit allen Mitteln zu hintertreiben gesüchti Es sei jedoch hervovgehoben, daß an all diesen Uebetgriffen meistens untergeordnete Organe die Schuld tragen und daß die Verhältnisse sich in letzter Zeit zum besseren gewendet haben. Die Konferenz faßte unter anderem den Beschluß, gegen die Konfiskation aufgelöster jüdischer Gemeinden zugunsten des Staates Protest sinzulegen, ferner die Schaffung eines Verbandes d.e r jüdischen Gemeinden Posens in die Wege zu leiten. > >• ' In der letzten Sitzung des polnischen Sejnl wurde der Dringlichkeitsantrag des jüdischen Klubs über die letzten ant'i jüdischen Exzesse in Posen verhandelt. Abgeordneter Farbstein, der den Antrag motivierte, stellte fest, daß Posen seit oinigen Monaten wieder der Schauplatz wilder' antijüdischer Exzesse geworden ist. Es wurde eine „L i g a a n t i s e m i t k a" gegründet, deren Mitglieder jüdische Passanten überfallen und blutig schlagen. Ein Posener Staatsanwalt erklärte dem Redner, daß es nichts und auch eine Bombe geftntden habe. Ich sah beirX Begräbnis die auf mich gerichteten Blick« der Angehörigen der Ermordeten, m denen die bange Frage zu lesen war. ob ich als oberster Hüter der öffentlichen Ordnung diesmal meine Pflicht erfüllen werde, oder ob auch dieser Anschlag ungesühnt bleiben werde." ' Dann Hamen die aufreizenden Plakate und die B-Mbenlfwnlde. Klübe-lSberg wartete noch immer, daß die Leitung des Vereins der Evtvache.i'den gegen sich selbst eine Untersuchung verlange. Die Antwort darauf waren neue Schmähungen gegen den Minister. Als er sich endlich entschloß, die Erhebungen gegen den Verein an>)uovdnen, kamen ihm abermals seine Bedenken wegen der angesehenen Miitgllieder des Vereins. und entgegen dem Antrag des Obevstadthoulptmannes. eine strafrechtliche Untersuchung zu führen, ,-entt'chied ich mich für eine administrative Untersuchung. Daß wir auf der richtigen Spur waren, ist seit gestern glänzend bewiesen, wir hätten nur weitcrigehen und die Untersuchung auch auf die Filiale im neunten Bezirk erstreckeir sollen, dann hätten wir schon damals diesollben -Ergebnisse erzielt, die die PPlizei jetzt erreichte." Wer hat den Minister daran gehinldevk, die richtige Spur bis ans Ende zu verfolgen? Darauf brachte auch diese Verhandlung kerne Antwort, denn der Derhandliungsleiter untersagte die Beantwortung der folgenden, vom Verteidiger Dr. U l a i n gestellten Fragen: 1. Ist es wahr, daß die Regierung mit dem Verein der Erwachenden Ungarn einen Pakt bezüglich der Unterstützung der Regierung durch die Erwachenden bei den Wahlen geschlossen hat? 8. Ist es wahr, daß Sie, Herr Minister, mit diesen gemeingefährlichen Personen auf anderem Gebiete unterhandelten und daß Sie ste unter dem Decknamen ,^ovacs" telephonisch anzuruife-n pflegten? 3. (Fmge eines der Angeklagten): Ist es dem Herrn Minister nicht bekannt, daß die im Verein befindlichen Waffen von der Regierung selbst uns überlassen wurden, als sie tat Jahre 1921 unsere Mithilfe im Kampfe gegen den König in Anspruch rat tan? 4. Ist dem Herrn Minister bekannt, daß die Mfolder Brigade und der Blutbund vom Doppelkreuz mit Wissen der Regierung organisiert wurde? und schließlich 5. ist es dem Herrn Minister bekannt, daß die Regierung im Jänner 1922 mit der Natiom-taerteid'gN'Ngsabte-ilung der Erwachenden einen schriftlichen Pakt geschlossen hat? Auf alle diese Fragen ließ der Vorsitzende des Gerichtes eine Antwort nicht zu^eder kennt die wahre Antwort. In der ungarischen Lmtivonalveriiaimniilung stellte noch am selben Tage der Abgeordnete Pakots den Antrag, Minister KlebeilÄberg auhiufordern, die Antwort aus diese Fragen in der Rationalversammlung zu erteilen. Der Antrag wurde abgelehnt, schade, wenn man in Posen einige Juden „ein bißche n" schlügt, speziell wenn sie nach Posen kommen, um H ä uj e r zu erwerben. Die Synagogen werdenges ch l o s s e n. In Ralvier wurde am Betbause sine Anschrift cmg-bracht: „Juden Eintritt Verboten". Der Gottesdien st in denShnagogenwi rügest ört, die Grabmäler berühmter Rabbiner werden demoliert, jüdische Leichenkondukte mit Steinen beworfen usw. An einem Tage wurden 15 Juden b l u t ig g e s ch l a g e n. Ein Exzedent, der bei der Polizei gestand, daß er die Juden geschlagen habe, wurde vom Polizeikommissär auf freien Fuß gesetzt. Im Namen der Nationäldemokraten entgegnete Abgeordneter Piytrkowski, es möge Wohl wahr sein, daß einige Juden geprügelt wurden, doch das sei bedeutungslos. Die Polen Posens hätten das Recht, sich vor einer I u d e n i n v a 11 o n zu schützen. Bei der Abstimmung wurde die Dringlichkeit des Antrages gegen die Stimmen der nationalen Minderhe'ten. der Sozialdemokraten und der Wyzwolenie-Partei abgelehnt. Sie deutsche Soldmteubauk. Berlin, 9 Februar. Das erste Sachverständigenkomite« I veröffentlicht heute folgerndes Communique: Die Arbeiten des ersten Sachverständigenkomitees haben dazu geführt, daß Einstimmigkeit darüber herrscht, den Plan festzulegen, fca* es für die Errichtung einer neuen deutschen Goldnoteubank empfehlen wird, die ihre eigenen Notengegen j e n e der Renten bank und der Reichsbank austauschen soll. Die diesem Entwurf zugrunde liegenden allgemeinen Pritrzipien sind dem - Reichsbankpräsidenten Doktor Schacht zur Kenntnis gebracht worden. Dieser Schritt wird nach allgemeiner Beurteilung zur endgültigen Stabilisierung der deutschen Währung und zur Ausbalancierung des deutschen Budgets wesentlich beitragen. Das Sach» ver-ständigenkomi.tee wird der Reparationskommission gegenüber zum Ausdruck bringen, daß der Plan, den es der Kom- Mission unterbreiten wird, baldmöglichst zur Aus-, sührung gebracht werden soll. ' Dr. Schacht wird am 18. d. mit dom Sachverständigenkomitee in Paris wieder zusammentrefse».

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