Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1790 (9.2.1924)
- Date
- 1924-02-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wien, Samstag Sk. LNO Wiener Morqenzeitung. 9. Februar 1924 Seite 8 Felix Marburg in Palästina. New-Aork, 6. Februar. (I. T. A.) Der Vizepräsident des Bankhauses Kuhn, Locb u. Ca., Herr Mix Wartburg, welchem Präsident des American Joint D-istributio>n Eommittee isi, hat dev Einladung Äoott§ MarshalIs zur Ginbevufumg eimr Sondevkonserenz über die JWvifh Älgency und die Errichtung einer Investitionsbank in Palästina,, die, wie bereits gemeldet, am 17. Februar in Nelv- Zork stattfindet, nicht Folge leisten können, da er noch vor Empfang der Einladung nach Palästina abgereist isi, um sich über die Vechältnisse im Lande zu orientieren. Der Petroleumskandal in Amerika. Washington, 7. Februar. Der Senat ^hat den Antrag Angenommen, das Deport e me ntdes I u n e r u zu beauftragen, die notwendigen Maßnahmen zu treffen, um die rm Besitz der Standard Oil Company befindlichen Petro'leumreserven der Marine wieder in Besitz zu nehmen. kchleisuug der Festungen Antwerpen und Liittich. Paris, 7. Februar. Aus Brüssel wird gemeldet, das; die belgische Regierung die Schleifung der Festungswerke Antwers^en «und Lüttich, die während des Weltkrieges eine große Rolle spielten, genehmigt hat. Me MM und Rußland. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeirung".) Konstantilropel, 8. Februar. Die diplomatischeic Beziehungen zwischen Sowjetrußland und der Türkei sind Wieder ausgenommen worden. Ae RMr-Partel kehrt in die Sknpschtina zurück. Aufgabe der passiven Resistenz. (Eigendienst der „Wiener Morgenzcitung".) Belgrad, 8. Februar. Die Vertreter der Radic-Partei, Dr. M a z e k und Dr. K o n j e w i c, sirrd heute hier eillgetroffen, um vom Parlament die Entscheidung über das Schicksal der Mandate ihrer Partei zu verlangen. Dieser Schritt der Radic-Partei bedeutet die Aufgabe der passiven Resistenz.. Nach einer weiteren Meldung haben die Vertreter der Radic-Partei mit allen Führern der oppositionellen Parteien konferiert. Wie verlautet, wird die Radic-Partei diesmal im Rahmen des oppositionellen Blocks gegen die Negierung Pasic austreten. Der Prozeß Klebelsberg. Die Augeklagte» verurteilt. Budapest, 8. Februar. Im Prozeh Klebelsberg wurde heute das Urteil gefällt. Die beiden Angeklagten Egon Ture z a n i und Tibor Herkelh, Angehörige der EvwacheiMn Ungarn, wurden zu drei Monaten Gefängnis verurteilt; die 'beiden anderen AugcMagten vchielten .Gefängnisstrafen von 14 Tagen. In der heutigen Mendsitzung beantragte Abgeordneter Farkas, die politischen Bezichungen im Prozeß KMolsberg in der Nationalversammlung zu diktieren. Der Antrag wurde trotz Unterstützung durch die Demokraten nach längerer Debatte abgelehnt. Meine Alebmfse im mffischen Kerker. Bon David Borowoi. ' Aus dem Notizbuche eines zionistischen ’r Sträflings. Wir bringen heute den Beginn der Erl'mnerungen des soeben aus dem Kiewer Gefängnis kommenden Führers foer zionistischvn Fraktion Hitachduth. 1. . . ' “ ' sJcmt fiel das schwere Tor des Äiüver Gefänguiffes ins Schloß und trennte uns von der Außenwelt. Große Scharen unserer Freunde hatten uns bis ans Tor begleitet, trotz dos scharfen Widerspruches der Böwachungs- . Mannschaft. Immer aufs neue sprengten die Soldaten sie auseinander, immer aufs neue sammelten sie sich wieder. Die Soldaten des Tribunals konnten anscheinend gar nicht verstehen, was eigentlich los war. Tagtäglich begleiten sie Verurteilte von der Tribunalkommandantur — niemand hat Interesse dastir — und jetzt eine solche Aufregung in den sonst so stillen Straßen Kiews, und Reihen von begleitender Jugend. Die Alannschast wurde immer nervöser; es fehlte ihr an Instruktionen für solche Fälle. Aber je länger der Weg dauerte, desto ungemütlicher wurde ihre Stimmung. Und als es endlich >dicht am Gefängnis sogar so tvert kam, daß die begleitende Menge zu fingen anfing, und es nicht bie den Soldaten wohlbekannten Töne der „Internationale" waren, sondern die vollständig fremden Klänge der Hatikwah, da war es auch mit der durch Zigaretten und Obst gestärkten Geduld der Soldaten zu Ende. Es ertönten Kommandos, Schüße fielen, aber unsere Freunde blieben am Bürgersteig und sangen leise weiter, bis sich hinter uns das schwere Tor schloß. Noch in das düstere, dunkle Gewölbe der Eintritts- Halle tönten uns die aufrüttelnden Töne unserer Hymne nach. Es war das Gefühl des unzertrennbaren Bandes 'in uns wach, das uns innerhalb der Gefängnismaucrn. 'mit denen, die draußen geblieben waren und die llnser We->' fortfetzen, veOinhA Ae Hochschulen de» Hakentteuze». Im Finanz- .und Blidgctausschuß, wo gestern die B nd gc t kap it el Unterricht, Kultus und Kunst beraten wurden, gab es die übliche Kulturkaulpfdobatte, irr der wie alljährlich die Sozialdemokraten die Trennung von Kirche und Staat verlangten, während die Christlich,sozialen dieses Allsinnen mit der Erklärung abwiesen, daß sie alle politischen Ma ch t m i t te![ zur Verhinderung dieser Zlusvinanders-etzung ausbieten würden. Der Hauptredner der Opposition Äbg. Lcnehn c r befaßte sich vornehmlich mit den Verhältnissen an den österreichischen Hochschulen und beleuchtete das UcberhandUchmen des h a k e n k r c u z l e r i s ch e n G e i st e s von seinein Partcistandpunkt aus. Als Verteidiger der Hakenkrcuzlerci trat sehr bezeichnenderweise Dr. Iergäbe t nt die Schranken; seine Argumentation, daß der Numerus clausus nicht gegen den Friedensvcrtrag stoße, weil der Kampf gegen die Juden nichr als kollfessioneller Kamps, sondern als .Kampf gegen die eigene Nation, bezichnngswesic Rasse der Inden geführt wird, ist natürlich durchaus falsch, da der Friedensvertrag ausdrücklich die Rechtsgleichheit aller ö st e r r e i ch i s ch e n B u n ö e sbürger oh ne Unterschied der Abstammung, der Sprache oder der Rasse s e st st e l l 1. Abg. Leuthner führte in Besprechung der Zustände an den Hochschulen unter anderem aus: Durch das Zusammenwirken der Mehrhcir der Professoren mit einem Teil der Studenten sin-d die Universitäten seit einigen Jahren zum Mittelpunkt unausgesetzter kleiner Streitigkeiten und Raufereien geworden. Herr Tr. Jerzabek, un-ter dessen CV.eufchutz alle diese Prügeleien vor sich gehen, wird freilich finden, daß das zu den bedeutendsten Leistungen der Universität gehört. Es fällt net« türlich keinem Menschen ein, jungen Männern, die das Wahlrecht haben, irgendlvie. ihre politische Tätigkeit einschränken zu wollen. Man mutz sich nur dagegen wahren, Laß die freie Betätigung studentische, Bereinigungen mit den Handlungen der Behörden vermischt wird. Es wird auch niemand dem Herrn Professor Vorwerfen, daß er sich politisch betätigt, nur darf er dies ebensowenig wie irgendein anderer Beamter in dein Augenblick tun, in dem er sich in seiner Amtstätigkeit 'befindet, zmn Beispiel als Rektor, als Dekan oder als oberster Leiter einer Mensa. Es wird sich auch kein vernünftiger Mensch darüber aufregen, daß junge Leute ihre politischen Meinungen nicht mit abgeUärter Ruhe Vorbringen, sondern daß zur Jugend ein nichtiger Zuschuß von Heftigkeit und sogar Grobheit gehört. Es ist aber eine bemerkenswert falsche Einstellung zu allen politischen Notwendigkeiten eines Landes, wenn führende Männer unserer Parteien, wie zum Beispiel Doktor Jerzabek, in den Vorgängen an den Hochschulen eine Art Mittelpunkt dc>r P o liti.k scheu. Solange die alte Monarchie bestand, hat diese Stredentenpolitik einen Sinn gehabt. In dem aben. vielvölkischen Staate wurden gewisse Kämpfe, die sonst ans internationaler. Basis mit anderen Mitteln ausgetragen lverden, in Symbolen ausgetragen. ■ Die Raufereien im Parlament und die Kämpfe ans den Universitäten haben einen historischen Sinn gehabt, sie waren die Feuerzeichen auf dem Wege zum Untergang. Wozu führen wir aber jetzt noch cm der Universität Kämpfe miteinander? Denn das ist . nicht mehr der Ort, wo sich die verschiedenen Parteien notwmdigevwe>ise treffen müssen, weil sie sich wo anders nicht treffen können. Der Kampf mit. den Christlichfozialen und'mit den Großdouffchen vollzieht sich ohnedies ans den lebenswichtigsten und entscheidesten Punkten und mutz sich auch nrit den Mitteln der Demokratie vollziehen. Es ist unverständlich, daß sich Politiker finden, die sich bei dieser Art der Austragung von Kämpfen zu Führern machen. Man sucht nicht die Studenten für die politischen Ideale der eigenen Partei 511 gewinnen, sondern, man sucht die nichtigen und lächerlichen Streitigkeiten zu schüren, um den Schein einer.Herrschaft der Hakenkreuzler und der mit ihnen verbundenen Klerikalen auf den Universitäten aufrechtzuerhallen, mit Mitteln, die nicht mehr polnisch sind, die auch keine Detätü gung der Politik durch die Studenten darstellen, sondern die, um es milde zu sagen, einfach ungehörig sind: Die Mensa war vor dem Kriege allgemein zugänglich uns ihr Wert war gar nicht in Streit zu ziehen. Daun aber ist sie immer mehr in die Hände einer bestimmten Studentenclique geraten und unter dem Präsidium des verstorbenen Professors Schattenfroh hatten überhaupt nur Studenten dieser einen Art, der sogenannten deutschen Mensa academica, teilnehmen können. Da kamen die merkwürdigsten Dinge vor. Zu dieser Mensa hatten Reichsdeutsche feiner. Zutritt, wenn sie ferne Lust hatten, sich den Deutschariern auzuschließen. Dagegen sind arische Bulgaren ausgenommen. worden. Ebenso hat man arische so - zialde.iyoikra:ische Studenten von der' Mensa ausgeschiedeu. Es ist eine N n g e h e u e r l i ch k e i t ohnegleichen, ''daß irgendeine politische Gruppe, noch dazu unter dem Protektorat eines Wiener Professors, eine völlige Ausschließung aller arideren, die sich nicht in diese Gruppe hineinzwängen lassen, ausübt. Es fanden VerhanAungen zwischen den Studenten und zwischen der Leitung der Mensa statt, soweit aber bekamu ist, haben sie bisher zu keinem Ergebnis geführt. Alan will die deutscharischen Studenten in den oberen und die übrigen in den anderen Räumlichkeiten untcrbringeu. Das wäre ein Ausgleich, der allem Anstand widerspricht, und ebenfalls nicht gebilligt werden kann. Die Dinge aber so fortzu.sitze.rl, wie sie heule sind, ist ganz. unmöglich. Ten Kanrpf ans die Mensa zu erstrecken, wo es sich um das Essen handelt und da den Sohn eines Proletariers nicht hinein zu lassen, weil er sich nicht deutschacisch oder klerikal absrempeln läßt, das ist das Abscheulichste, das wart sich vorstellen kann. An der Technischen Hochschule, die scheinbar eine Hochschule für das Hakenkreuzlcrtnm ist, werden den sozialdemokratischen Studenten dir ' denkbar größten Schwierigkeiten gemacht, wogegen den hakenkreuzlerischeu alle Erleichterungen gewahrt werden. Die Technische Hochschule ist ein be rüchtigtes Nest aller möglichen hakenkr eusile rii chen Umtriebe. Die Behörden an der Technischen Hochschule haben sich vollständig in den Dienst der hakenkrenzlerischcn Vereinigungen gestellt und es wird selbst dem Abg. Dr. Jerzabek ziemlich schwer fallen, das Verhalten der Hochschulbchörden an der Technischen Hochschule zu vertreten. Der Numerus clausus ist, nicht e i n. z u s ü h r e n, solange die Gleichberechtigung 6) r ir u d s a tz u n d G e s e tz ist. Wohin es führen würde, die Studentenkammern fÜH' jede einzelne Hochschille besonders einzurichten, tarm mau ermessen, wenn man an die Vorkommnisse an den Hochschulen denkt. Gerechte Zustände und eine wirkliche Dartvefimg der Studenten, die driugewd notwendig ist, sind nur möglich, wenn eine gesetzliche Grundlage für die Stndrnitenkamnrern geschaffen wird. Das, was jetzt als Stu-dentenkanmrer gelegorctlich austritt. ist eine reine Parteivertretun^, wird aber trotzdem von dem einen oder dem anderen Rektor ze nach seiner Parteirichtung als legitrure und offizielle Vertretung der ge-° samten Studerltenschaft behandelt. Dagegen muß man m i t aller Entschiedenheit protestieren. Dr. Jerzabek erwiderte, bk Hochschulen seien utfprimglich tutr für die bodenständige Bevölkerung bestimmt gewef-en, darum sei es begreiflich, wenn die arischen Studenten die Forderung nach dsm Nurnerus clausus aufstellen, beziehungstveise verlaugm, daß Juden nurnach dem Prozentsatz ausgenommen werden, der ihrer Nation entspricht. Die Forderung nach dem Srumerus clausus wäre nur in dem Falle ungesetzlich, wenn der Antisemitisinus als konfessioneller Kampf gefülirt iuürde. Wir führen aber den Kampf gegen die Juden als eine eigene. Nation. Selbstverständlich verteidigte ^Jerzabek auch den Rektor der Technischen Hochschrlle. der den Rnmenrs clausus emgefichrr hat. Würde es sich da um ein ungesetzliches Vorgehen handeln, sagte er, so tväre. die Verfügung des Rektors schon längst aufgehobelc worden. . , Die drei oben erwähnten Budgetkaprlel wurden ichlwtzlich angenommen und die Weiterberatung des Bundes, Voranschlages auf nächsten Dienstag vertagt.. | Wir waren nicht das erste Mal' im.Kiewer Gestingnis. Die Eintrittsformalitäten waren rms bekannt. Als wir das erste Mal hingebracht wurden, war es aber ganz anders. Wir waren darnals au die fünfzig Mann» hinter uns eine erfolgreich verlaufene Konferenz, dis ihren Abschluß in der Kommandantur des G. P. U. (Staalspolit-lfche Abteilung) fand. Sicher ist rwch nie eine ziomstische Kmrferenz in solch gchobener Stickrmnng geschlossen worden. Vier Tage dauerte sie. Die Sitzungen würbe« immer in neue Räume verlegt. Junge Freunde standen Wache an den Zugängen. Eine komplizurtrs. Signalsystem meldete .'das .Herannahen des Feindes. Die Stimnnmg wurde dadurch gereizt, das Präsidium nervös, und es war schwer, sich zu ronzentrieren. Wie deutlich stehen noch die Bilder des entschwanden Augenblicks des Zusantmenbvuches der Konferenz vor unsirrn Augen: der. Schreiber dieser Zeilen führte den Vorsitz; Resolutionen über die Gegenwartspolüik standen zur Abstimmtlng. Dicht an meiner Seite sitzt Dr. Lnrie und schreib: noch an seiner unheimlich langen Resolution in der Lalästina-Frage. Ich lasse über die ei-nzelnen Absätze abstimmen, und auf einmal geht die Tür auf, lauge Mairosin gestalten mit gezogenem Revolver in den Händen füllen den Raum, Rufe ertönen: ,^Hände hoch!" Und ohne Komrnando beginnt ein tolles Zerreißen der Papiere und Notizen. Alles drängt sich zusammen, und keiner kann mehr seststellen, wer der Vorsitzende ist, lver am Prrsidentcntische saß.« Legenden liefen nachher in der Stadt um, daß wir'sämtliche Papiere verschluckt hätten. Solch; Schluckkünstler hat unsere Partei zloar nicht, aber der Boden der Synagoge, in der wir verhaftet wurden, war weiß vor: Papierfetzen, und die armen Matrosen hatten die Hände voll zu tun, dieses brmte Durcheinander vom Fußboden in Säcke zu sammeln. Dabei drängte sich ein kleiner schnrächtigcr Junge mit einem verräterisch jüdischen Gesicht von Gruppe zu Gruppe, um Gesprnchbrvcken auszufangen.und sie wciler- Wgeben. Nun war altes vorbei. Bon Reitern eskortiert, brachte man uns daurals arr dem schicksalsschweren Dag, den 4. Mai 1922, ins G. P. U. Unterwegs verhaftete nran die Passan- . ten, die mit uns KxüHe weW^en urck staunend uns. mit Blicken verfolgten. Unser Geleite schwoll an. Im P. G. IX. verstand man es sofort, die wiMchen. Delegierten abznsondern, imb nun waren wir eMich unter wls. Die Düreir warerl fest verschlosien. Soldaten der Roten Armee standeir Wache an Türen und Fenstern, es war keine Störung dieser Konferenz möglich. Zwar ist die Zukunft unsicher. Keiner weiß, was der nächste Tag bringt, aber eines ist Kar: diese günstigen Bedingungen müsien ausgenützt und werden und die dritte allrussische Kollferenz der Hitachduth-Partei wird ein glückliches Ende finden. Eng kauern die Delegierten auf den Holzpritschen zusammen, und ohne jegliche überflüssige Redensart geht die Arbeit weiter. Die Redlrerlisten werden gekürzt, die Redner legen sich die größte Einschränkung aus, und schnell geht die Konferenz zu Ende. Schlußreden fehlen nicht, alles ist in gehobener Stimmung und alle Delegierten sümmen die Hatikwah an. Die Wache beginnt zu klopfen. Die Aufseher kornmen angerannt, aber die Konferenz ist ja doch bereits zu Ende und ein ungeheurer XXcberm-lrt überkonmrt uns alle. Wir wissen, daß man uns sicher bald trennen wird, daß manche von üns sich lücht so glatt aus der Affäre ziehen werden, und trotzdem ist alles frrch, ja übermütig. Es ivar eben im Mai 1922 ... Schon am nächsten Tag, den 5. Mai, brachte mau uns ins Gefängnis zur Untersuchungshaft, und viele von denen, die uns jetzt mit Gesang für zwei Jahre begleiteten, waren mit uns damals zusammen hierher gekommen. Man sorgte sofort ftir Trennung. Zu zwei und drei Mann wurden wir in große Gefängniszellen gebracht, in denen wir schon 30 bis 40 Mann Vorsauden. Diese Zellen lvaren meist für 12 bis 16 Personen bestmlmt, aber die Menge der Berhaftungelr im Sowjetlande bringt eben diese Ueberfüllung der Gefängnisse mit sich. Im kommunistischen Schlaraffenlande soll es ja Hamttüdj überhaupt keine Gefängnisse geben. Nur dauert leider die Uebergangsperiode ettvas zu lange. Es begann eine lange Kette von Verhören. Wir wußterr genau, was wir sagen, durften und worauf wir jegliche Aussage zu verweigern hatten. Stundenlang und gerne und ausführlich vertieften wir uns in prinzipielle Gesprqche mir den Untersuchungsbeamten — meist wohlorientierte jüdische Kommunisten — über Soüalismus und Zionis-