Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1789 (8.2.1924)
- Date
- 1924-02-08
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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agaymntEfc! ■RBBB m Gerke 8 Wien, Freetz " Whrttv ,^n>»eW*<¥faftW ftrctfrtwt« 1921 M. 1789 FM und Mo. «Eine geheimnisvolle Nacht." ES ist dies ein wirklich fesselndes Krinnnaldrama, dem sin gutes Buch zugrunde liegt, das eine spannerrde Handlung umfaßt. Griffith hat mit seiner feinen, detail- und uuattam* reichen Regie _ einen sehr guten Film geschaffen, von dem wir aber hier scheinbar nur eilten kleinen Teil zu sehen bekommen, da unsere Kinospielzeiten bei weitem nickt an die Amerikas heranreichen, und dieser Film starke Verkürzungen erfahren mußte, die dazu führten, daß er in manchen Teilen nickt leickt verständlich ist. Las wir aber hier zu sehen bekommen, ist wirklich ganz ausgezeichnet. Der Borwurf nir die Handlung zst zwar nicht gerade neu, aber reich an Verwiülnnaen. die ununterbrochen die, Spannung aufrecht erhalten. In diese hinein arbcüet die Regie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und gibt ihr kräftige Schattierungen, die die Handlung scharf profilieren. Glänzend ist auch die Präzise Milieuschilderung. Was das Spiel der einzelnen Personen anbelangt, muß dieses durchwegs, bis mr kleinsten Episodenrolle hinunter, ausgezeichnet genannt werden. Besonders ist hier wiederum hervorzuheben, daß die Darsteller vollkommen lebenswahr die Berrorperung der einzelnen Figuren durchführen, und — obwohl es sich hier um wirklick llicht sonderlich hübsche Menschen Handel: — es im hohen Maße verstehen, svmpathisch zu wirken, eine Kunst, die bis fent nur in so hohem Ausmaße den Amerikanern zu eigen ist. Bewunderungswürdig ist die hochentwickelte Technik, mit der in diesem Film gearbeitet Würde. So zum Beispiel Ne Aufnahmen des Tornados, der dicke Bäume entwurzelt und halbe Häuser mit sich sorttragt. Besonders gelungen ist bic eine Szene, in der der entsetzte Neger neben seinem Haus steht, das der Srurm davonträgt. Diese Verbindung von Katastrophe und Komik ist einzig dastehend. — Es muß hier zum Schlüsse nochmals erwähnt werden, daß die Verschneidungen dieses Filmes äußerst bedauerlich sind, da jede einzelne Szene wertvoll ist. Das Publikum hätte sicherlich mit größtem Vergnügen auf die dem Film vorausgehende Naturaufnahme verzichtet, wenn dieser Raum von etwa zweihundert Metern dem Film zugute gekommen wäre. «Das Lied der Liebe." Es stell: den Wiener Kinobesitzern nicht gerade ein gutes Zeugnis aus, daß dieser Film, der in jeder Beziehung künstlerisch wirklich wertvoll ist, bei ihnen so wenig Änklang fand, daß er in einer einzigen Kopie an nicht besonders gutbetuchten Stätten läuft. Dem sehr geschickt ausgearbeiteten Drehbuch liegt die bekannte gleichnamige Ballade Turgenjews zugrunde, und der größte Regisieur Frankreichs, Äbel Gance, setzte es in Szene. Vom regietechnischen Standpunkt aus allein verdient es dieser Film, ein wirkliches Meisterwerk genannt zu werden. Mit viel Verständnis ist dieser Regisseur auf alle literarischen Feinheiten dieses Buches eingegangen, so daß wir hier direkt vor dem Musterbeispiel eines ernst zu nehmenden literarischen Filmes sieben. Ausgezeichnet ist auch die Besetzung der einzelnen Rollen. Natalie Kowarenko rnrd Jean Angelo verkörpern diese beiden Liebenden mit einer Kunst, die gleichzeitig Lebenswabrheit und tiefe Sensibilität in sich trägt. Man könnte sich für diese Rollen keine besseren Darsteller wünschen. Sehr eindrucksvoll ist das Mystische der Handlung herausgearbeitei, die durch die scheinbar unendlichen wechen^Steintreppen und die starren Gestalten der verschnittenen Bäume und Sträucher ein bizarres Milieu gewinnen, in dem das Traumhafte des Geschehens begreiflich wirkt. Auch all die übrigen Stimmungen sind ohne irgendwelche Effekthascherei und sonst in diesem Falle beliebten Regiemätzchen ausgezeichnet herausgearbeitei. Man merkt, daß an diesem Film em Mann gearbeitet hat, der sich tief und verständnisvoll in den Stoff der Materie versenk: har. Bedauerlich ist es nur, daß dieses ganz ausgezeichnete Werk, das auch in technischer Hinsicht vollkommen genannt werden muß, nicht den verdienten Anklang in Wien fand. „Der geheime Agent." Urne reizende Rokokokomödie ist dieser Film, in dem Eva May den deutlichen Beweis erbringt, daß sie auch in schauspielerischer Hinsicht die wahre Tochter ihrer Mutter ist. Die Regie hat mit viel Liebe die harmlose und recht nette Handlung ausgearbeiiet, hat sehr liebe, kleine Nüancen geschaffen, die fein Pointieren. Die Darstellung ist durchaus gut und wirb von namhaften Berliner Schauspielern zur vollsten Zufrieden- Dch durmgeführ:, die üm die Figur Eva Mays gruppiert sind. Sie selbst entwickelt in der Rolle der kleinen Prinzessin, die natürlich zum Schluß geheiratet wird, sehr viel Charme und weiß' sehr sympathisch und liebenswürdig zu wirken. Außerdem siebt sie reizend aus und in manchen Momenten erinnert sie lebhaft an ihre berühmte Mutter, hat aber, wenn auch noch nicht die große Routine wie diese, eine viel lebhaftere Gestaltungsgabe. Als ihr Partner ist Karl L a m m a c in der Rolle des jungen Herzogs, der absolut nichts in die Regierung hineinzureden hat, ihr mindestens ebenbürtig, und weiß sich sehr gut in sein Kostüm und dessen Zeit hineinzufinden. Als seine Mutter, die mit liebenswürdiger Energie die Regierungsgeschäsie ihres Sohnes ganz an sich geristen hat, ist Luzie Höfl i ch wirklich ganz ausgezeichnet. Sehr gut sind auch die verschiedenen Hoftypen, unter deren komischen Figuren besonders isasai | Der Tiger iZirkusFarini i! Grosser S e n s a t i o ti s f i I m mit Helene Mokovsku Amoii Korff * Vom 8. bis 11. Februar: Arkadaa«K8no« VIII. Alsersirasse 23 Marnalsar Lichtspiele, XVI. Hemalser Hauptsir. 32 Vom 12. bis 15* Februar: Bllta«Kino»!. Wollzeile 34 K8rntner«Xine,!. Johannesgasse 3 RetanturiR«IC|no, I. Fleischmarkt 3 CantrahKIno, II. Tsborstraase 8 eXCELSIOR-FHM, WIEN, VU. : Vita Filmindustrie | A.Q. Wien, VII. Bezirk, Neubaugasse Nr. 1 Fabrik Rosenhügel * In Vorbereitung: (Das Bildnis) 5 Regie; Jacques Feyder c 2 Hauptdarsteller: MAGE ■ » V, m ». W a Frau Arlette Marchal ■ Herr Malcolm Tod; V - ' ,W rBURG-KINO,!.0PERNRl!lG 19 Ab haute bis 11. Februar Die unmögliche Frau Drama mit Gloria Swanson und das übrige Scblagerprog^amra Beginn der Vorstellungen: L, l/e6. 7. ‘/s9 Uhr f EfclTBfil UlilA n.raborstrasse Nr. 8 ~%EPI I KP4LIVhHW Direktion j. Schulz" Ab haute bis 11. Februar Im Schatten der Sünde; Drama aus dem Leben und das übrige Schlagerprogramm Beginn: ',.5. V,7, V«4 Uhr p—LDWEN-KINO —( Ab haute bis 11. Februar Die unmögliche Frau Drama ml* Oloria Swanson und das übrige Schlagerprogramm Beginn der Vorstellungen: */45, */.7, 7*9 Uhr 'Kino-Orchester unter Leitung des Kaoellmeisters Rümeih --ROTENTURM-KINO- WIEN,!., FLEISCRMARKT 1 üöBT Ab heute bis 11. Februar Im Schatten der Sünde Drama aus dem Leben und das übrige Schlagerprogramm Bögrnn der Vorstellungen: 4. 7*8 und s/ft9 Uhr $&gleitraosik einer eratklapsigea KÖOBtlerwpelle bet leider erst kürzlich verstorbene Leonhard H a s k e l hwvorzuheben Ware. — Kurz resümier:, ist dieses Stück ein durchaus nettes Lustipiel, das allen Anforderungen mit Harmlosem Humor und geschickter Austnachung entspricht. Daß es recht harmlos ist, ftwrc ihm eigentlich nur als Borreil anzurechnen, da dieses Genre in der letzten Zeit bei uns sehr selten gepflegt wurde. Der Tiger des Zirkus Farinr. Dieses äußerst , fpannendS Sepsationsdrama erscheint heute in den Wiener Kinos. ■ Die Hauptrollen verkörpern Helene Makovska und Arnold Korff inmitten eines ausgezeichneten Ensembles Eine oute Regie schuf sehr schöne Szenen, die die technisch Vollkommene Photographie klar und plastisch zum Ausdruck brachte:; Die Schönhettskonkurrenz der „Filmwelt". In der unter sehr reger Beteiligung stattgefundenen Schönheitskonkurrenz der illustrierten Kinorevue „Die Film Welt" erhielt die junge Klaviervirtuosin Frl. Siegrid Steen den ersten Preis. Die pttte der Woche. „Der Stierkämpfer und die Dirne." „Der Tiger deb Zirkus Farirri." — „Maske Nr. 74." — „Sein Schutzengel." - „Die Königin vom Monlin-Rouge." — „Auferstehung." — ,,Jm Schatten der Sünde." -- ,J>ie unmögliche Frau." Copyright 1928 hy Hccä&nu? 'enbettn- ÄrÄsch-OesterreichilÄe: Serteg, Sien. 15. Fsnsrtzuriz. Die HeimMoseu. Roman von Wilma v. Vukelich. Daniel aber blieb immer der gleiche. Grau, umsiänd- 5rch und gedämpft. Wenn sie kan:, ^var er liebevoll, ein dunkler, brennender Schein glomm in seinen Augen empor. Ein leises Beben flog durch seine schnrale Gestalt. Aber seine ■ Lippe verlor niemals den weichen und gütigen Zug. Und bei all seiner Weichheit war dennoch in allen Zügen seines Gesichtes eine' seltsame Beherrschung. Er hielt sich. Auch seine Gestalt suchte sich zu sirasf-en. Sein Gang wurde fester. Seine. Bewegungen bestimmter . . . und Leise, gütig und wie mit unendlicher Vorsicht griff er nach Lydias Hand, strich liebevoll über ihr -Haar, seine Stimme quoll über, wen.- sprach: denn mit ihr zu sprechen, sie zu fühlen, das - selrsamr Lichterspiel ihrer Haare und Augen zu sehen, das war für Daniel fast schon des Glücks zu viel, und es war schon Glück zu wissen, daß sie da war, in seiner Hui, -daß sie ihm jp ganz und gar vertraute, daß sie ihn: ihr Plaudern miwrachtc, ihren süßen Duft, ihr Lachen, das leicht »var und ihn selber zu einem seligen und leichten Lachen ansteckte. 7st7. daß sie da war, wie das Le-ben selbst, dashma-bsteig: in ws 'ckunkle Reich per Schatten und nicht schwer wird, son-: deru die Schonen durchgolde: mit seiner Glut, die Warmes seines Blutes' mitiei-lt, das Hüpfende seiner Nerven, das Prickelnde seiner. Einfälle . . . Und es war schon Glück, so dazusitzen im leisen Streicheln von Lydias weicher .Hand,. das Licht wie einen Glorienschein um ihren Scheitel zu jicherr und das leise Aufzucken der Flammen im Goldbraun chrer Augen!' And seine Gedanken aus-zurräumen in leisen, ringenden Worten, sie aüszusormen aus^dsm Ungewissen,' Tastenden ... an ihr sich starlringen ... au ihr lebendig werden! Das Leid zerteilen, das ihn lähmte. . . und irgendwie zur letzten Gewißheit gelangen . . .! Und so sprach er von allein, was ihn das Leben Neues gelehrt. Umfaßte das Getriebe der Hauplstad: am -ün-nn qroßM Blick. Sichrere, wählte und blieb hsngen, wo ft in Wesen Verwandtes empfand. Grub tiefer, haute hoher unh kam so' von Spur zu Spur, um schließlich die letzien Spuren aufzuhecken, die Vom Leben zurück zum eigenen Ich führten. ' Und er sprach vom Leid der Tage und seiner Q-uelle, wir er sie sah. Nicht Äagend sprach er. Konnte er Nagen, wenn Lydias zarte Finger mit seinen Schläftnhaaren spiel-- ten? Was ihn mit stillen Schauern erfüllte und schon. Genesung war . . . Lie.besgenesung, die über jeder Logik steht. Und er sprach von dem einen, das ihm am nächsten.'leg, .weil ssine Gedanken und Vorstellungen immer um jenes eine kreisten. Um jenes Leid, mit dem er sich herumgeschlagen, und da's er lange als irgend eine Art Weltschmerz empfunden. Tenn, es war nicht so. sehr Selb gewesen, als eine . NTnfähigkeit, sich zu freuen. Als eine zage Tmurchkeit, die . ihn' an gllenr Zugreiftn hinderte. Solange er daheim ge-. wesen, war ihm das als der natürliche Zustand erschienen; dem: auch seine Schwestern, die der: ganzen Tag an der Nähmaschine saßen, waren grau und leidbLdrückt. Seine bekümmerte Mutier aber war ein einziger großer Seufzerb Das war die ihm angestamurte Atmosphäre, ebenso wie sem lichtberaubter Großvater das Heid der Menschtzeii verkörperte, das längst zum Gewvhn-heitsgusband geworden und sich aufloste in fchrveigende Resignation. Manchmal schien ihn: fast, das verkörperte Leid Israels schliche in seinem Großvater lich:- und hoffnungslos durch die Jahrhunderte, bis essich' selber abgeftu-Mpft. Zu aPaWher Gl-eichgüliigLri:. 'seitdem Taniel in Budapest lebte, roar seineeigene Traurigkeit mehr für ihn geworden als ein dunkler ioohnheitszustarü). Er empfand sie als. Gegensatz zu seiner Umgebung, als innere Problematik, die irgendwo tief ' in ihm ftlöer. in seinem Schicksal oder in dem Schicksal seiner Ahnen ihre Quelle haben mußte. Und er litt mit doppelter Pein nntxr diesem unklaren Gefühl, well er Lydias Lebendigkeit als Gegensatz zu sich selber empfand und ihr in keiner Weift gewachsen war. „Sieh', Lydia!" sagte: er oft. „Es ist ein Los, das keiner errragr. Keiner. Der: Schwachen zerbricht es. Den Starken verdirb: es. Denn es l-egt die Leiden und die Qual,vieler Jahrhunderte Luf die Seele^ Mehr als ein Mnschenherz ,, ertragen kann. Es zeichnet mit Schmach. Denn Schmach waren die Jahchunderte. die Körper und Geist unserer: Vorfahren gleichermaßen verbildeten. Und die. keiner ev» tragen Härte, wenn der Glaube nicht jenex erzene SchW gewesen wäre, an dem der Haß und der Hohn wie Korner von einer Wand abprallten." Und Daniels Stimme wurde selber.zur Flamme, wenrL 1 sie vom Leiden des Volkes sprach, wenn sie die.Scheiterhaufen aufflammen ließ, die Schreie der.Mütter aufgellett, in die das wehe Winseln der Kinder sich verkroch. Eine Welt von Leid, Ungerechtigkeit und Roheit lebte auf, glomm empor in dieser Stimme und. erlosch in einer > stunrpfen, hilflosen Traurigkeit, in dem Nicht-Wchr-Woiter- ' können der zu Tode Gehetzten. Immer wieder aber erhob sich aus der grauen Asche der Resignation jener glaübensstarke Ruf, der sich im letzten Leid die letzte Gewißheit bewahrt: den Glauben an die große Bestini-mnng als Gottes auserwähltes Volk. Den Glanben an die Heimkehr in das Land der Väter. Und er konnte es nicht fassen, daß mit dom Glauben das letzte Ziel verloren gegangen war. Mit der Tradition die Sehnsucht nach der Heimat und die Hoffnung auf die Hoimat. Und konnte nicht fassen, daß eine Wült uniew gegangen ivar, die für ihn zwanzig Jahve lang das Feststehende getveftn. Die voll von lieben Erinnerungen >war. Pom Glanz der Sabbatkerzen. Bon frommen Gebräuchen und Meinungen. Jene sichere und weise Welt seines Großvaters, die das Leben veroiufacht, indem sie es aüs ife- Gmndlage der göttlichen Gebote stellt. ,^tzst es ein Wunder," sagte er, „wenn wir das Maß verlieren . . . ja, wenn -wir uns am Ende selber verlieren, da wir doch ohne allen Uebergang aus dem Zustand einer wundervcllen Geklärtheit und Pathetik in den Lebenskvsis einer seichten Aufklärung gerieten, da wir an einen Aufstieg glauben und an die Möglichkeit, Weltbürger und Juden zu sein, Europäer und Juden, wobei das Judenituw all-' mählich zurücktritt und mit ihm auch jede Erinnerung. #k ui;:ä peinlich und beschämend geworden 8 . ' (Kortü«tzn«a blatJi