Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1789 (8.2.1924)
- Date
- 1924-02-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Skr. 1780 _ Wien, gyettog Wiener MorttenreitttttS. Der Bluteid der Kmacheuden. Ae Mer de« Bombenattentats auf den SlifadEödter Klub. (Eigendienst der „Mener Morgenzeitung".) Budapest, 7. Februar. Nunmehr sind auch die Einzelheiten des am 3. April 1923 verübten Bombenattentats auf den liberalen E l i s a b e t h st ä d t e r Klub i n Budapest klavge stellt worden. Es ist wieder dieselbe unter der Führung deH in so viele Bombenattentate verwickelten Marffh arbeitenden Mordabteilung der Erwach e n d e n U it ß ö i’ n. $u welcher die Fädvn der Untersuchung sichren. Die Erhebungen/die zur Verhaftung aller noch am Leben befindlichen Teilnehmer an dem Attentat führten, stellten einwandfrei fest, daß auch dieses blutige Verbrechen, welches nenn Mensche n l c ben forderte, der Franzstädter Filiale der Erwachenden Ungarn, beziehungsweise deren Auftraggebern in der Zentrale, zur "Last fallen. Es ist auf Grund des Geständnisses der Haupt-!äter M a r o s h und N a d o erwiesen, daß die Höllen- 'naschine in der Wohnung Marffys, des Leiters dieser Fiiale der Erwachenden, angefertigt und von Mitgliedern der Wale, die als Monteure verkleidet waren, in das klubhaus gebracht und dort versteckt wurde. Die Gesellschaft wußte sich die Mithilfe des Kluburners Josef H e r c z e g durch eine ausgiebige Bestechung u sichern. Einer der Mitschuldigen, Josef R a d o, gibt im : erhör an, daß die tempierte Höllenmaschine im Badezimmer der Wohnung Marffys ezeugt worden sei. Als .Hauptfachmann fungierte Stephan 'hriastin, der mit Hilfe des Werkes einer Weckeruhr eine so Präzise Tempierung der Bonibe herstellte, wie 'c kein geübter Fachmann besser hätte durchführen können, 'ic Hülse der Bombe wurde von Johann K a s n y I anefertigt. Dieser Kasnhk, der seinerzeit mit dein gegen den Abgeordneten R a s s a y geplanten Bombenattentat in Verindung gebracht wurde, ist kurze Zeit nach dem Attentat itf den Elisabethstädter Klub spurlos verschwunden nd dann in einem Dorfe neben Budapest als Leiche on der Donau ans Land geschwemmt worden. Es stellt ch nun heraus, daß er, dessen Verschwiegenheit die Rädelsihrer nicht recht trauten, von diesen beseitigt waren ist. Man sagte ihm, daß die Polizei von seiner Teilahme am Attentat Kenntnis erhalten habe und riet ihm, iber die Donau nach der Tschecho-Slowakei zu fliehen, luter diesem Vorwand wurde K a s n y k zur Donau gelockt ind von feinen Komplicen ins Wasser gestoßen Cirf gleiche Weise sollte auch Rado aus der Welt geschasst »erden, da man auch seine Geschwätzigkeit fürchtete. Rado mtbc zum Jpolyfluß gebracht, nachdem besprochen »orden war, daß man gemeinsam den Fluß übersetzen und ns Ausland flüchten werde. Rado sprang auch in den Fluß, :ine Spießgesellen folgten ihm jedoch nicht. Als Rado dies -ch, schwamm er ans diesseitige Ufer zurück, wo ihn Marosy ufsorderte, mit ihm einen Blutvertrag der gegenseitigen Verschwiegenheit inzugehen. Zu diesem Zwecke sollte sich Rado mit dem Rasiermesser des Marosy am linken Arm eine Ader anf- -itzen, worauf Marosy das gleiche an seinem Arm tun verde. Rado schöpfte schon damals Verdacht und so sei ms dem Blutvertrag nichts geworden. Rado fuhr nach Üudapest und erhielt mit Hilfe des Marfsy eine gute Anstellung bei der F i n a n z w a ch e. Sämtliche an dem Attentat Beteiligten einschließlich des Portiers Josef Herczeg befinden sich bereits i n H a f t. Tie polizeilichen Recherchen ergaben ferner, daß diese Bande noch e ine ga nze Reihe vo n anderen Bombenattentaten geplant und entworfen hatte, deren Dtwch- Ser „gute Ruf" Ungarn«. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 7. Februar. Vor dem Strafgericht begann Mte das Verfahren gegen zwei Jomnälssten, die in der nmgyarischen Presse der Nachfolgestaaten kürzlich über die Unzukömmlichkeiten bei den Wahlen in die Nalionalversarnnrlung Artikel veröffentlicht hatten, deren Richtigkeit zum größten Teil von den oppositionellen Mgeordneten im Parlament bereits na chge>wiesen wurde. ' Trotzdem bestand der Staatsanwalt auf der Anklage, da durch diese Artikel der gute Ruf und der Kredit Ungarns im Auslande geschädigt würde, und verwahrte sich gegen die Durchführung des Wahrheitsbeweises und des Beweisverfahrens, da sich Stc Regierung keinerlei Ungerechtigkeit zuschulden kommen ließ. Die Haupte Verhandlung wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Rakovrklr RUcktrittrabfichten. Budapest, 7. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenzeiiung".) Irr sehr gut informierten politischen Kressen verlautet, daß der ungarische Minister des Innern Jban v. Rakovski seine Demission dem Ministerpräsidenten Grafen Stephan Bethlen überreicht habe. Der Ministerpräsident hat die Demission einsttveilen nicht an den Reichs- Verweser tveitergeleitet, sondern den Mnister des Innern ersucht, die Geschäfte fortzuführen. Man ist überzeugt, daß die endgültige Demission des Ministers des Innern i m L a u f e der n ä ch st e n Woche unbedingt zur Ent-' scheidung kommt, und daß vor Mitte des Monats Rakovski seine Stelle verlassen wende sowie daß das Kabinett und der Reichsdcvweser die Demission zur Kenntnis nehmen iverdev'. führung aus irgendeine lnsher noch unbekannten .Grlt-nd unterblieben ist. Fast bis in die letzten Tage hinein, arbeitete die Gesellschaft an immer neuen Bornbenatten'tatsplänen. Karl Marosy gibt zu, daß der Auftrag ausgegebeu war, am 23. November 1923 die orthodoxe Synagoge in Neupest in die Luft zu sprenge«. Dann hatte da's Gebäude der B u d a p e st e r O b e r st a d t h a u p t m a n n s ch a f t dem gleichen Schicksal anheimfallen sollen. Marosy behauptet nun, daß er es gewesen sei, der diese beiden Attentate verhinderte. Alle Verbrechen, die in den letzten zwei Ihren in Ungarn gegen Juden, Arbeiter und liberale Politiker und Gesellschaften verübt wurden, haben die Erwachend e n Ungarn zu Urhebern. Trotz allerem besteht dieser Verein noch und genießt den S ch u tz d e r R e g i e r n n g. Als vor einigen Wochen Unterrichtsminister Gras Kuno Kleb e l s 'b erg wegen eines Plakates der Erwachenden, auf welchem der Minister in unflätigster Wesse beschimpft wurde, mit einer V e r l en m d u n g s k l a g e zu Gericht ging, wurde er von der gesamten rechtsstehenden Presse mit den unglaublichsten JnvektivLn überhäuft, und mehrere liberale Blätter, die seinerzeit den Verdacht anssprachen, daß das Attentat aus den ElisabethstÄher Klub von den Erwachenden alsging, mußten sich einen Preßprvzeß gefallen lassen, der übrigens noch in Schwebe ist. Es ist auch jetzt noch fragliche ob die Regierung den Mut auf-- brrngen wird, rricht nur gegen die gedungenen, unmittelbaren Täter, sondern auch gegen den ganzen Pestherd, den Verband der E r w a ch e n d e n U n g a r n und seine unter den verschiedenen Namen arbeitenden Filialen vorzugehen. Der verschwundene Szanto. Me der „Becsi Kurir" erfährt, scheint das ncysteriöfe Verschwinden des Budapester Oberkassiers Mkolaus Szanto nunmehr vollkommene Mufilärung gefunden zu haben. Bekanntlich >war Szanto eines Tages auf rätselhafte Weise verschwunden. Da die Polizei den Berschwundemn nicht ausfovschen konnte, wandte sich die Familie Szantos an den Wiener Telepathen Moser, der sich mit feinem Medium „Megalis" nach Budapest begab und die Suche nach dem Verschwundenen begann. Megalis sah, in Trance gebracht, alsbald den Szanto -in Begleitung zweier Milt t ä r p e r so n e n über eine Donaubrücke bei Budapest gehen und beschrieb den Verschwundenen, den sie, wie verlautet, nie gesehen habe/genau und behauptete, er fei i n einem Hanse mit vielen Fenstern verschwunden. Der Telepath und sein Medium bestiegen ein Auto, da's Megalis, noch immer in hypnotischem Schlafe, dirigierte. Man fuhr zur Brücke, die das Traumbild der Megalis verraten, und landete schließlich — immer von , Allegalis geführt — beim Ofner Militärgefängn i s. Dort wurde den Teilnehmern der Exkursion aber der Einlaß verwehrt, die Polizei verbot alle weiteren Nachforschungen und wies das Telepathenpaar aus. Die Erhebungen der Polizei gingen weiter; aber Szanto wurde — obwohl seine Fannlie zwanzig Millionen als Prämie für feine Ausforschung ausschrieb nicht gefunden. Nun soll, wie ein entlassener Häftling dem „B ecsi Kuri r" mitteilte, der Obevkasfier Nikolaus Szanto im Ofner Militärgefängnis angeblich Wege n Spionage im Geheimverfahren zum Tode verurteilt und gehängt worden sein. Interessant sind die Grürrde, weshalb Rakovski seine Stelle verläßt. Ministerpräsident Graf Bethlen hat sin Laufe seiner Londoner und Pariser Verhandlungen und in seinen Bedingungen fiir die Anleihe sich verpflichten müssen, seine Politik in ein liberales Fahrtvasser zu lenken. In dieser Richtung soll als erster Schritt die A n flösung der Geheimorganisationen des Vereins der Erwachenden Angarn wie auch des gesamten Vereins erfolgen. Rakovski macht'kein Geheimnis daraus, daß seine frühere Politik und auch feine konservative AnffassunK e i n e s o l ch e K u r 8 a n d e r n n g nicht erlauben itnb daß er infolgedessen genötigt sei, seinen Platz?,u verlassen. Ae Auslandsreise des rumiinischrn König»- paare«. Bukarest, 7. Februar. (Tel. der „Wr. Morgeuzeitung".) lieber die für den Mai geplante Auslandsreise des Königspaares lvird nritgeteilt, daß der König und die Königin sich zuerst nach R o nt begeben werden, wo sie ebenso wie das säuische Königspaar vom Papst werde»! enipfangen werden. Sodann wird das Königspaar Paris, London und B r ü s s e l besuchen. Es verlautet, daß die Reise auch auf Madrid ausgedehnt werden soll. Lar Bürgerrecht der Memeler Juden. Kowuo, 6. Februar. Wie der I. T. A.-Verireler erfährt, w-ird das Bürgerrecht im Meurelland nicht allein auf diejenigen Juden ausgedehnt, die früher deutsche Staatsangchövige waren, sondern auch aus jene, die vorder 8. Februar 1924 ' ' ' Seite A l - . ...—~.-- -— ■—« litauischen Okkupation nnndcstens ein halbes Jahr lan^ in Nliemel gewohnt und du-rch die französsschen Besatzungs» behörden Wohnrecht erhalten haben. Auf diese Wesse wird em« größere Anzahl jetzt in Mernel wohnender Juden, die keine deutsche Staatsangehörigen waren.' das lrtauische Bürgerrecht erhalten. Diese Nesgelung ist auf die Bestvebrmgen des Ministers Dr. Rosen bäum und des Komitees der jüdischer! Delegationen in Paris zurückzuführen. Inland. Ae tzrgebniffe der Bukarester Reise Seipel«. Uebereinstimmuttg zwischen Oesterreich «nd Rumänien. Budapest, 7. Februar. Bundeskanzler Dr. Seipel hat sich dein Budapester Vertreter der Wiener amtlichen Nachrichtenstelle gegenüber geäußert, er sei von den Ergebnissen der Reise nach Rumänien befriedig t. Die Ergebnisse der Beratn.n'gen seien n i ch t g c r i n g einzuschätzen. Bringen wir doch ein von den beiden Außenministern unterzeichnetcs Abkonrme.n über die M e i st b e g ü n st i g u n g im Handelsverkehr und zwei zur Unterzeichnung reife R e ch t s h i l f c - A b k o m «t c n mit nach Haus c. Die sinanziellen und die vevkchrspolitsschen Fragen, wie sie zwischen Rnmäalien und Oesterreich schweben, ließen sich allerdings bei diesem Besuch nicht sofort lösen, Uiic sie ja auch schon seit lairgonr die beiiden Regierungen beschäftigen. Aber es ist insofern ein bedeussailner Fortschritt zu verzeichnen, als die beiden Regievungen übereingekornmen sind, sofort eine gemischte Konrmissiou nach Wien emzubemsen, mn diese Fragen unter einem zu erledigen. Verschiedene dieser Fragen sind allerdings solche, die nicht nur Rumänien und Oe-sterveich allein betreffen, daher auch von keinean der beiden Staaten ohne Rücksicht auf die übrigen beteiligten Mächte gelöst werden können. Auch diese Fragen hat der gepflogene Meinnnigsaustauisch der Erledigung wesentlich näher gebracht. Es hat sich bei dieser Gelegenheit neuerlich gezeigt, daß zwischen Oesterreich und Rumänien keinerlei Differenzen bestehen, dic einem Z>lsainmleuäv.irken pwi gemeirvsamen Ziel der Konsolidierung Mitteleuropas im Wege stehen lvürden. Auch die Tatsache, haß Oesterreich außerhalb jeglicher engerer politsscher Kontbinaition zwischen den europäischen Mächten steht, während Rumänien ein wichtiges Glied der kleinen Entente bildet, kann beide Staaten nicht hindern, das Hauptziel ihrer Politik in der Herstellung d-es allgemri ne u Friedens zu sehen und diesem Ziele zuzuftvelbeu. Der BrnödeMnzler hat tu Budapest die wiederholten Besuche der ungarischen Staatsmänner in' Wien erwidert. Budapest, 7. Februar. Ministerpräsident Graf Bethlen veranstaltete heute um 8 Uhr abends zu Ehren des osterreichsschen Bundeskanzlers Dr. Seipel ein Diner, an dem auch Außemmusster Daruvary, Finanznrmister Kallay, Handelsminister Wal ko, ferner die Sektions chefs Peter und Dr. Schüller, Gesandter Iunka sowie der Wiener ungarische Gesandte v. M a s i r e v i ch tellnahnren. Um 10 Uhr 50 Mn. nachts trat der österrei- . chische Bundeskanzler die Rückwsse nach Wien an. Leipel LchiedsvichLer zwischen Rumänien und Rußland? (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Bukarest, 7. Februar. Wie die „Presa" berichtet, bestehe sowohl auf seiten Rumäniens wie auf seiten Rußlands Geneigtheit, den österreichischen Bindeskanzler Dr. S e i p e l als Schiedsrichter anzurufen. wenn die bevovstehenden VerhaMungerL zwsschen Ruumnien! und Sowjetkußland einen Schiedsspruch erwünscht erscheinen ließen. Sie Sfterreichisch-tschechischen Sremverhandlangen. Wie öervi-tS berichtet, ist in Wien eintschechische Kommission zur Führung von Verhandlungen über Fragen des kleinen Grenzverkehrs eingetroffen. Die Kommission steht -unter Fichvnng des SeLtwnschefs Roubik, während bei den österreichischen llrtterlMdlern Sekttonschef Seydl den Vorsitz fiihrt. Me Verhandlungen lretreffen ' aidrnmsstrativ-juridische Ange-legenheiten des Grenzverkehres, wie zum Beispiel des Wasserrechtes, des Fischereirechtes und der Erhaltung und periodischen Visitation der Grenzsteine. Wie wir erfahren, werden die Haudelsvcrtrags- Verhandlungen zwsschen Oesterreich und der Tscheck.«- Slowakei am 6. März in Wien beginnen. Ler Achtsttlildenlag. 'Gestern vormittags hielt die GÄveMchaftskoui.missiM eine Sitzun.g ab, die sich mit den von Vevschiodeuen Seiten ausgegangenen Anregungen zum A b b a u des A ch t« st und e n ta ges beschäftigte. Es gelaugte einhellig eine Resolution zur Anuahnre, die sich g e g e n alle V c rs u ch e wendet, das geltende Gesetz über den Achtstundentag ari-ßer Kraft zu setzen oder cs durch dour Geiste dieses Gesetzes tvrdersprechende Interpellationen unwirksam zrr machen. Gegen . alle solche Bestreibimgcn wivd der schärfste Widerstand der gesamten Avbeitwscha.fr angekündigr. Den unNlittMaren -Anlaß für diese Kundgebung bildet der Arbeitskonflikt bei der Alpinen M o u t« n g c f cl l schast.