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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-08 · Heft 1789 (8.2.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1789 (8.2.1924)
Date
1924-02-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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WF1 v-. Wen, Freitag Kiuijü Georges VmyAUMgM. Der Geheimpakt zwischen Clemeneeau und Wilson. London, 7. Februar. (Tel. der ,Mr. Morgenzeitung.") Die Londöner Abendblätter bringen einen Vorabdruck eines Interviews, das Lloyd Ge » rge 's der „New York World" gegeben hat. Llcyd George fetzt darin auseinander, daß er vom Beginne der Friedenskonferenz an ein scharfer Gegner der Besetzung deutschen Gebietes gewesen sei. Bis April 1919 sei er von Wilson tatkräftig darin unterstützt worden, die französischen Besetzungs- Wünsche erfolgreich zu bekämpfen. Ms Northcliffe im April 1919 im englischen Parlament ejne gegen Lloyd George gerichtete Krise hervorrief, mußte Lloyd George auf einige Zeit die F r i e d e n §k o n f e r e nz der lassen, um in London seine parlamentarischen Gegner zu bekämpfen. Clemeneeau benützte die Abwesenheit Lloyd Georges von Paris, um Wilson zu veranlassen, ein französisch-amerikanisches Sonderabkommen zu unterzeichnen, in dem der amerikanische Präsident sich nicht nur mit der Uebergabe des Saa rgebietesam Frankreich, sondern auch mit der Besetzung des l i nken Rheinufer's durch die Alliierten einverstanden erklärte. Ms Äoyd George nach Paris zurückkchrte, habe er nichts mehr gegen die Besetzungsbestimmungen des FriedenSvertragesf ausrichten können. Frankreich habe jetzt, nach dem Tode Wilsons, der zu seinen Lebenszeiten die Geheimhaltung des französisch-amerikanischen Mkommens verlangt habe, an Lloyd George die Frage gerichtet., ob er damit einverstanden sei, daß Frankreich zur Verteidigung seiner bisherigen Politik dieses Abkommen jetzt veröffentliche. Eine Abschrift dieses Abkommen fei ihm durch das englische Außenamt zngestellt worden. Ern Pariser amtliches Dementi. Paris, 7. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die. Behauptung von einem angeblichen Geheimabkommen zwischen Wilson und Clemeneeau hat in Paris lebhafte Entrüstung hervorgerufen. Das Ministerium des Aeußern veröfsentlicht ein Communique, das die Behauptungen Lloyd Georges energisch zurückweist. Die Note brütet: Es ist kein geheimes P a k t u m zwischen Clemenceau und Wilson abgeschlossen worden, und wenn zwischen diesen beiden in Abwesenheit Lloyd Georges Unterredungen stattgefunden haben, so hat dieser von den^Ergebnissen derselben bei seiner Rück--- k e h r Kenntnis erhalten, und er hat ihnen am Vormittag des 22. April 1919 zugestimmt. Tardie u, der an der Ausarbeitung des Versailler Vertrages, tätigen Anteil genommen hatte, erklärte einem' Vertreter der Agence Havas, die Behauptungen. Lloyd. Georges seien zur Gänze unwahr. Es habe niemals zwischen Clemeneeau und Wilson ein Geheimnis gegeben, und Lloyd George sei von den Unterredungen nichts unbekannt geblieben. Das Gegenteil zu behaupten, sei wahnsinnig oder ein schlechter Spaß, Lloyd George habe bewußt die Unwahrheit gesagt. Er habe den Tod Wilsons abgewartet, um sich ein nachträgliches Dementi zu ersparen. Dos sei denkwürdig. Eine Erklärung des Londoner Äustenarntes. London, 7. Februar. (Tel. der „Wr. Morge-n-eituna.") Das englische Außenamt hat eine Erklärung zu den Enthüllungen Lloyd Georges veröffentlicht. Danach ist )ie englische Regierung von der französischen Regierung um die Erlaubnis ersucht worden, ein Gelbbuch über die Vorgeschichte der Artikel 428 und 431 des Fri densvertrages herausgeben, zu dürfen. Die französische Regierung habe dem Ersuchen Bürstenabzüge ihres Gelbbuches beigefügt. Das englische Außenrmt habe dann Lloyd Georg« in einem Brief gefragt, ob :r etwas .gegen die Bürstenabzüge einzuwenden habe. Lloyd George habe diese Anfrage, die am 25. Jänner gestellt wurde, nicht beantwortet, nun aber auf ihren Inhalt ,n einem Interview Bezug genommen. Heute wird die weitere Tat'ache. bekannt, «daß Lloyd George das einzige E x e m p l a r der so ungemein wichtigen französischen Dokumente besitze, die dem britischen Foreign ofsiee zugegangen seien und daß MacDonald veren Inhalt nichikenne. Mae Donald spricht sein Bedauern aus. London, 7. Februar. (Tel. der „Wr, Morgenzeitung") Der Berichterstatter der Agence Havas meldet: Premierminister Mae Donald hat heute vormittags an den Ministerpräsidenten Poincare ein Schreiben gerichtet, worin er sein Bedauern über den durch Lloyd George hervorgerufenen Zwischenfall ausspricht, an dem, wie er betont, nicht er (Mac Donald) Schuld trage. Eine Aerrßerung Clemeneeaus. Paris, 7. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Clemeneeau erklärte dem Korrespondenten des „Jntransigeant" .in bezug auf das in der „New-P^rk World" erschienene Interview Lloyd Georges, daß ein fünfjähriges Kind die Nichtigkeit der Behauptung Lloyd Georges beweisen könne. Wilson ha'be während der Tauer der FriedensverhoMungen stets erklärt, er könne dieses oder jenes nicht tun, wenn es in den Kompetenzbereich des Kongresies falle. Ein Artikel Lloyd Georges bevorstehend. London, 7. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung.") „Daily Chronicle" erklärt, daß Lloyd George stets gesüßt habe, daß w ä h r e n d seiner Abwesenheit _ Wiener Morgenzeitnng._ von Paris ettvas geschehen sei, was Wilsons Haltung von Gr u n d au f geändert habe. Anscheinend habe er in den Bürstenabzügender'fvarizösischen Veröffentlichung nunmehr das Beweismaterial gefunden. Lloyd George werde in seinem.nächsten Artikel» der am 16. d. erscheine, diese Frage ausführlich behandeln. Poinmres Antwort auf die deutsche Aefchwerde beMich der Pfalz. Frostig, scharf und ablehnend. (Eigendienst der ..Wiener Morgenzeitung".) Paris, 7. Februar. Der Quai d'Orsay hat heute nachmittags dem deutschen Geschäftsträger F or ster die Antwort auf die jüngste Note der deutschen Regierung über die Haltung der französischen Behörden m der Pfalz gesandt. Diese Antwort hat folgenden Wortlaut: „Herr Geschäftsträger! Sie haben geglaubt, in dem Briefe vom 2. Februar, Nr. 447, auf die Anklagen zurückkommen zu müssen, die die deutsche Negierung zuvor gegen die ftanzösischen Behörden gerichtet h«t, indem Sie behaupten, daß diese die pfälzischen Separatisten unterstützt hätten. Die französische Regierung hat bereits in ihrem Briefe vom 12. Dezember aus diese Verleumdungen geantwortet. Die Behauptungen, die sich heute auf neue Tatsachen beziehen, sind durch keinerlei Beweise begründet und nicht weniger . tendenziös als die vorausgegangenen. Unter diesen Umständen wird die französische Regierung, wie schon im Falle des vorgenannten Dokuments, davon Abstand nehmen, auf die von der deutschen Regierung formulierten unbegründeten Klagen zu antworten. Die deutsche Regierung ersucht die französische Re», gierung außerdem, in der Pfalz die mit dem Gesetze und dem Vertrage übereinstimmende Lage wieder Hermstellen. In bezug aus diesen Punkt kann ich nur auf die Erklärung verweisen, die DeMagerie am 15. Dezember S t r e s e m ä n n gegenüber adgab, scwie auf das Memorandum, das ^retti della Rocca am 5. Jänner v. H o e s ch übergab. Das Pariser Kabinett, das peinlich genau den Buchstaben des Vertrages beobachtet, ist entschlossen, wie schon in der Vergangenheit, sich nicht in die Streitigkeiten der Deutschen unter sich einzumischen und lehnt darum irgendwelche Unterhandlungen mit det deutschen Regierung über innerpolitische Fragen Deutsch- I g nd s ab. ' Gez. Poincare." Kahrs bevorstehender RöÄritt. Offiziell: Schlechter Gesundheitszustand. (Eigendienst vec „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 7. Februar. Die „Boffische Zeitung" meldet aus München, daß der Rücktritt Kahrs unmittelbar bevor st ehe. Er soll mit dem schlechten Gesundheit s z u st a n d des Generalstaatskormnissärs offiziell begründet werden. In Wahrheit: Hochverrat. München, 7. Februar. Bel der heutigen politischen Aussprache rm Landtag erklärte Minister des Innern Dr. Schweyer. das Gesamtmrnisterium halbe sich damit einverstanden erklärt, daß die Verordnung über die Sicherheit der Wcchlfreiheit interfraktionell lbekcmntgegeiben werde. Die Aufhebung des Ausnahmszustandes kann einstweilen nicht in Frage kommen. Nach dem Minister nahm Mg. Sänger (Sozialdemokrat) das Wort und las unter starker Bewegung des Hauses aus der Broschüre des Staatsrechtslchvers Rotenbücher „Der Fall Kahr" vor. Er fragt den Minister, wie lange es sein Rechtsgesühl zulasse, daß ein Hochverräter seine Schergen gegen die anderen Hochverräter aufbiete. Die Nationals o z i a l i st e n können sich mit Recht von Kahr getäuscht fühlen. Er hat sie im Stich gelassen. Was sagt der IustiMinister zu den ungeheuren Feststellungen deö Münchener Staatsrechtslehre rs? Kahr babe noch Paraden über bewaffnete Hitler-Leute abgenommen. Was sage der Justirmi niste r dazu, daß die bayrische Staatsgewalt ihre Hand schützend über Kapitän Ehrhardt halte, gegen den von der Reichsaniwoltschast ein Steckbrief wegen Meineids erlassen worden sei, mit dem sich aber Luden dorff öffentlich unterhalte und der außerdem als die r e ch t.e H and Kahrs gelte. Wenn..die bayrische - Volkspavt-ei mit einem' Ehrhardt ihre Politik mache, dann könne freilich in den Staat keme Ordnung kommen. Dir deutsche Ltenernotverorduung. Berlin, 7. Februar. Jir der heutigen Beratung deS Reichsratsausschusses über die dritte Steuer not Verordnung nahm, wie die Blätter melden, die Regelung des Steuerausgleiches zwischen dem Reich, den Ländern und den Gemeinden den breitesten Raum ein. Es wurden zahlreiche Abänderung saut rage eingebracht. Wie die Blätdcr weiter erfahren, habe sich bei den Parteien des Reichstages der Widerstand gegen den Entwurf der neuen Steu-crnolverordnung vermehrt. Außer den Sozialdemokraten und den Demokraten sollen nunmehr auch die Deutsch nationalen und die 'Kommunisten entschlossen sein, die Verordnung spätestens nach I d-em Wiederzusammentritt dcs Reichstages zu Falle zu bririgen. _8. Februar 1924 Nr. 1781 8in Rassenkonflikt. New-Aork, 7. Februar. (Tal. der „Sr. Morgen» zeitung".) Durch eine Taktlosigkeit der beul» schen Botschaft, die es unteäieß, am Sterbetag Wilsons die Flagge auf HaHnrast zu fetzeu, ist em peinlicher Konflikt zwischen den Bereinigten Staaten und Deutschland entstanden. In New-Pork kam es zu deutschfeindlichen Kundgebungen. Der deutsche Reichskanzler mußte aus der Berliner amerikanischen Botschaft sein Bedauern ausspvechen. Gestern Hai di« deutsche Botschaft den Flaggengvuß erwiesen, womÄ der Zwischenfall einstweilen erledigt ist. Leider ist die amerikanische Oe'ffentlichkeit durch die Unfähigkeit der deutschen Beamten, die Stimmung im Ausland zu erkennen, wieder gegen Deutschland gewendet worden. Ueberfall auf die deutsche Botschaft. Washington, 7. Februar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitnng".) In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch drangen Unbekannte in den Garten der deutschen Botschaft ein und zogen auf einem Maste eine amerikanische Fahne auf. Diese wurde am folgenden Morgen von der Polizei gleichzeitig mit der über der Tür angebrachten Fahne herabgeholt. i - Dir Debatte über das krvose Dr. Benefch'. Prag, 7. Februar. Heute ist der Außenausschuß des Abgeordnetenhauses zur Debatte über das Expose des Mnisters des Aeußern zusammengetreten. Abgeordneter St i v i n führte aus, daß die tschechoslowakische Regierung ebenso wie die französische wisse, daß die tschechische Sozialdemokratie, die heute eine feste Stütze der Regierung bilde, Militävabkvmmen grundsätzlich ablehne. Redner erklärte auch offen, daß seine Partei der Aktion zur finanziellen Rettung Ungarns, so lange die j e tz i g e n Z u st ä n d e in diesem Lands fortdauern, nicht sympathisch gegenüberstehe. Der deutsche Sozialdemokrat C z e r m a k protestierte auf das Leidenschaftlichste gegen den Abschluß des tschechoslowakisch-französi'schen Vertrages. Der tschechische Rationaldemokrat Dr. Kr a m a r s ch erklärt, die einzige Friedensgarantie Europas bilde eine demokratisches Deutschland. Die Anerkennung derSowjetregierung wäre ein« Sünde an der tschechischen Nation. Der Nationalsozialist H r u s o w s k i sieht das Ziel des Vertrages mit Frankreich .darin liegen, daß die Rückkehr der Habsburger und der Hohenzolle rn unmöglich gemacht wird. In Beantwortung der im Laufe der Debatte gestellten Anfragen führt Minister des Aeußern Dr. B e li e s ch aus, die tschecho-slö-wakische Politik verfolge R u ß land gegenüber immer eine gerade Entwicklungslinie. Der Vertrag mitFrankreich bedürfe nicht der parlamentarischen Genehmigung, weil er keine finanziellen Kosten erfordere. Der Minister anerkennt sodann die Grundsätzlichkeit der Frage, ob es möglich sei, mit dem heutigen Rußland zusammenzuarbeiten. Er sei nicht einer ablehnenden Anschauung, doch dürfe man nicht bergeffen, daß man vorläufig nicht wisse, wie sich die die Regierung Rußlands gestalten werde. Die Reparationsfrage trete in das Stadium der Politischen Verhandlungs reife. vhandis Begnadigung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 7. Februar. Wie schon kurz gemeldet, hat die Regierung von Bombay die bedingungslose Freilassung G Han dis aus Gesundheitsrücksichten angeordnet. Ghandi wurde 1922 verhaftet und älls Aufrührer zu einer sechs-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er erkrankte unlängst an Blinddarmentzündung und mutzte sich einer Operation unterziehen. Ghandi, der sich zu der Lchve Tolstois bekennt, ist der Führer jener Bewegung, deren Anhänger gegen Gewalttätigkeit sind und die ihre nationalen Ziele dadurch erreichen wollen, daß sie jede Zusammenarbeit mit der Regierung Mehnen. ,/§s i>st eine Sünde," lautet diese Lohre, „für jeden Hindu und jeden Muselmanen, irgendwie mit der gegenwärtigen Regierung zusammenguarbeiten." So hat Ghandi seinerzeit den Besuch des Vrini^n von Wales in Indien ,-boykottiert". Seine Freilassung gehört zu dein ersten politischen Ziel der Opposition, der augenblicklich w Delhi tagenden gesetzgebenden Versammlung. Zu der Freilassung Ghandis schreibt das Avbeitevblatt „Daily Hera'ld", daß sie mchr als irgend etwas anderes j dazu beitragen werde, geordnete Zustände in Indien hevzustellen. Denn Ghandi. der mchr als ein Parteiführer sei, gelte in Indien als N a t i o n a l h e l d. Nachdem alle Gesuche um Freilassung Ghandis von der Koalitionsregierung und der konservativen Regierüng abgelehnt worden seien, sei eS der Arbeiterpartei Vorbehalten geblieben, diesen klugen und gerechten Schritt zu tun. Das Blatt erinnert in diesem Zusammenhang daran, daß der K a b i n e t t 8 r a i sich mit der indischen Frag« beschäftigt habe. Wie die „Times" aus Kalkutta erfahren, bereiten di«' Swaradjisten ein Mißtrauensvotum gegen dk Regierung vor. Di« Swaradjisten hätten Fühlung mit den Liberalen genommen und boschlosien, die Regierung MN die sofortige Einführung der Eelbstveriralt'.lnig Indiens zu ersuchen. mssäm HiUäiÜlib.

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