Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1788 (7.2.1924)
- Date
- 1924-02-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. 1786 Wien, Donnerstag S..- Artb, dom Einzug HorthyS au der Spitze der 'nationalen Amree rn Ungarn abgeschlossen, wobei hervorzuhoben ist. daß Sir George Clark den Vertrag nicht nur in seiner Eigenschaft als Vertreter der britischen Negierung, sondern als Haupt bevollmächtigter V e r Entente unterzeichnet hat. Die Hauptpunkte dieses Abkommens sind: 1. Es ist eine K o n z e n t r a t i o n s r e g i e r u n g aus den Vertretern der Bürger, der Bauern und der Arbeiterschaft zu bilden. 2. Es ist eine Natiotialöersamm'lmlg auf Grund des allgemeinen, gehe i inen, gle i ch en und dir e^- ttn Wahlrechtes zu ivählen. 3. Sind die vollen öffentlichen Freiheiten (Presse-, Rede-, Versammlungs- und Agitationssveiheit) wieder herzustellen. 4. Sind die politischere Verfolgungen e i n z u st e L l e n. Dieser Vertrag wurde von den Vertretern der einzel-- uiert Parteien, auch von Sonst Garami sowie von H o rthh, Stephan Friedrich als damaligem Mimsierprüsi-- denten und Sir George Clark als Bevollmächtigtem der Entente unterzeichnet. Dieses Abkommen wurde niemals eingehalten. Es setzte vielmehr der blutigste Terror ein. PeM und Garami werden -in London, das ist die allgemeine Auffassung in den ungarischen und englischen Arbeiterkreisen, bei ihren Beratungen mit M a c D o n a l 8 und den Führern der Labour Party auch heute nichts anderes als die endliche Erfüllung der mit der Unterfertigu!ng des Tlark-Bertrages eingegangenen Verpflichtungen Horttzys verlangen. " ‘ ' Neue Heldentaten de» Aongrader Lerrorlmben. Budapest, 6. Februar. (Tel. d. ,MZr. Morgenzeätung".) Von den im Zusammenhang mit der Csongrader Bombenrffare verhafteten Personen wurden bekanntlich unter anderen zwei der Hauptverdächtigen, Anton Piroska und Franz Forgo, nach kurzer Untersuchungshaft aus dom Szege-diner Sterngefängni's entlassen. Sie benützten chre wieder erlangte Freiheit dazu, alle Personen in Cson« Md, die in der Untersuchung über das Attentat belastend rusgesagt hatten, zu terrorisieren und einzufchüchtern. Sie beschlossen, zunächst mit dem Kommissionär Philipp H e ll e r, der dem Untersuchungsrichter eine Anzahl wichtiger Zeugen mnchaft gemacht hatte, aMrechnen. Bor einigen Tagen mißhandelten sie Heller auf der Straße so schwer, daß er sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. Es ist begreiflich, daß die meisten Zeugen sich fürchten, der Wahrheit entsprechend auszusagen. Auf diese Weise soll die Bereiung sämtlicher Attentäter herbeigeführt werden. verhaftete Vombenhelden. Budapest, 6. Februar. (Tel. d. ,MZr. Movgenzeitu-ng".) Die „E ft i Kuri^ meldet, fei es der Polizei gelungen, nehverc Urheber de^s im Frühjahr 1922 gegen den Elisa- »ethftädter Klub verübten Attentats zu verhaften. Einer der Attentäter, ein Finanzwachmann mmens Josef Rad o, habe bereits eingestauden, daß er mgegen war, als die Bombe im Speisesaal des Klubs hinter dem Heizkörper niedergeilegt wurde. Der Portier des Nubs namens Josef N c m e t h, der inzwischen der st o r- ' e n ist, fei gegen eine reichliche Belohnung den Attentätern sierboi behilflich gewesen. Die Bonibe soll der auch in andere Bombenattentate verwickelte Joses Ma rffy zur Versitzung gestellt haben. " Wiener Moxgenzeitung. —r WMMNW M»N,M „W wmgmnm ——in———imsi——u—m ws——— nu i > ■ Verkehrsbureau IX. Hörigasse Nr. 13 . Telephon 1S-2-20 gewährt Hypothekarkredite in jeder Höhe billigst und schnell auf Häuser, Villen, Landwirtschaften, Industrieobjekte etc., sowie Warenkredite an erstklassige Kaufleute. Vorschüsse sofort -.»u / Stichwahl in Debrerzin, Im Rekursweg angeordnet. f” «Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 6. Februar. In der heutigen Abendsitzung der Nationalversammlung beantwortete Minister des Innern Rakovski die Interpellation des Abg. Ruppert über die Ungültigkeitserklärung der Debrecziner Wahl, und teilte mit, daß er im Rekurs Wege angeordnet habe, trotz des annullierten Wahlverfahrens eine Stichwahl durch die Lokalbehörden vornehmen zu lassen. Diese Stichwahl findet demnach zwischen dem Kandidaten der Oktobristenpariei uitb dem Kandidaten der Erwachenden Ungarn Montag oder Dienstag statt. Aussicht auf Sieg hat der oklobristische Kandidat Binzen; N a g y. Hedschas und Palästina. Die palästinensischen Araber und der Hedschasvertrag. Jerusalem, 3. Februar. (I. T. A.) Wie der Sekretär der Palästinertsisch-arabischen Exekutive mitieilt, ist der Wortlaut des Anglo-Hcdschas-Vertrages der P «l ä st inensisch-arabischen Exekutive noch nicht bekannt. Die palästimiisisch-arabrsche Delegation -unter Musa Kazim Pascha 'hat daher nichts in Bezug auf den Vertrag unternehmen können. Sie will sich jetzt bemühen, eine Abschrift des Vertragsen-twttrfes zu erhalten, den sie dann im Rahnren eines allgemeinen Kongresses dem Vokke bekannt geben will. Das Organ der PaMiuensisch-arabischen Exekutive „Fclostin" drückt seine N n z u f r i eben h e i t darüber aus. daß König H u f f e i n bisher noch nichts für die palüsiinenfischen Araber getan habe. „Eines wissen wir nur," heißt es in dem Artikel weiter, „daß der Vertrag noch nicht unterschrieben ist. Die Palästinenser würden es begrüßen, ivenn Palästina überhaupt nicht in dem Vertrag erwähnt und auch nicht in den arabischen Länderbund ausgenommen 'werden würde, insofern die Zugehörigkeit zu diesem Bund die Anerkennung der Rechte der Z i o n i st e n bedeuten würde. Andererseils glauben wir, daß König Huffein sich bestrebt, für 'die PaWinenser das zu erreichen, tvas wir selber wünschen, dafür ist sein Aufruf an das britische Volk Beweis genug. Aber der Ziomsnrus ist für uns die gefährlichste Katastrophe, schlimmer noch als das Mandat." Sultan Jbn Saud gestorben. Jerusalem, 3. Febmar. (I. T. A.) Der Euür von Najed, Jbn Saud, ist gestorben. Er war das .Haupt der Wahabiten, die Transjordanien und Irak durch ihre Ueberfälle dauernd beunruhigt c n. Er galt als der unversöhnliche Feind der Familie König H u s s e i n s. Seinerzeit nrachte er Anspruch auf den Thron von Irak gegen König Feisul. Die britische Regierung 7. Februar 1924 Seite 3 sicherte ihm für das Aufgebcn seines Anspruches eine jährliche Summe, außerdem eine Pauschalsumme von 20.000 Pfund. Mit ihm ist einer der H a n p t g e g ne r r i n e r V e reinigung der arabischen Staaten dahingegangen. Es ist anzunehmen, daß sehr bald eine Bewegung für die B c r c i n i g n n g aller Emirs von Ara b i e n einsetzeu wird. DaÄ Urteil wegen des» Ueberfalls auf Herbert Samuels Gefolge. Jerusalem, 3. Februar. (I. T. A.) Das Haifa er Gericht hat soeben das Urteil über die b e i d e n D r u s e u gefällt, die an dem Ueberfall auf Gefolge Sir Herbert Samuels im Juni vergangenen Jahves, als der Oberkommiffär ans Metullah zurückkehrte, beteiligt Ivaren. Bekanntlich wn-rden damals drei Angehörige der b r i t ischen Gendarmerie getötet und vier verwundet. Einer der Drusen wurde zum Tode, der andere mit Rücksicht auf feine Miuderjähriglkeit zu lebenslängliche m Gefängnis verurteilt. Inland. znr innerpolitischen Loge. Die Rückkunft des'Bundeskanzlers Dr. Seipel and Bukarest wird für Freitag früh erwartet. Morgen nachmittags langt der Bundeskanzler in Budapest an, wo er dem ungarischen Mnisterpräsidenten Grasen Bethlcn einen kurzen Besuch abstatten wird. Abends erfolgt daun die Rückreise nach Wien. Wann die nächste Plenarsitzung des Nationalrate's siattfindet. ist noch ungewiß. Der Jusaw- Entritt des Plenums hängt vor allem von denr Gange der Verhandlungen über das Abgaben teilungs ge setz ab. Bekanntlich wurde die nächste Län der ko nferenz für den 12. d. einberufen. Ob diese in den Verhandlungen, über die strittigen Punkte weiter konrmen wird, als der von der Länderkonfererlz eingesetzte Unterausschuß, nruß erst äbgewartet iverden. Jedenfalls wird der Vorschlag der SozialÄ^nvikraten von den Läudervertretern als für em Kompromiß nicht geeignet betrachtet, . zumal die Berechnungen, welche die Vertreter der Länder anstcllten, ergeben haben, daß nach dieseur Vorschläge die Gemeinde W i en aus den Ueberweisungen 43 Prozent und sämtliche anderen Länder insgesamt nur 47 Prozent erhalten würdcir Sie Begutachtung des Salzmanopoir. Der vom Generälkormniffar Dr. Zimmevman bestell, v Begutachter für das österreichische Salzmonopol -und die Saliuenwerke, Leprince-Ringuet, hat bereits seine Tätigkeit aufgenmnnren und besichtigt die österreichischen Salinen. Vor wenigen Tagen fand in Linz eine Besprechttng de's französischen Generalinspektors mit den Beaurten t«r Salinendirektion statt, worauf er nach Auffee fuhr und dort eine Aussprache mit dem Zeutvalbetriebsrat H ö l l, dem Betriebsrat Neuhofer und dem Mtionalrat Zelenk« hatte. Soövnn besichtigte er sehr eingehend die Salinen in Auffee. In den nächsten Tagen wirb er die Salinen von I s ch l, H allsta d t und Eb e nfc e inspizieren, woraus er dem Generälkommissär einen schriftlichen Bericht über das ösierveichische Salzmonopol erstatten wird. Georg Kaisers „Nebeneinander". Raima,ld°Theoter. Dieses Bühnenwerk ist das beste Erzeugnis moderner Plakatkunst. Grell und gemeinverständlich — auch für den gemeinen verständlich — ist in einer Serie sprechender Bilder Üe süße Gegenwart gemalt. Der Dichter —- wie man weiß, )urch bestimmte Vorfälle schwer geprüft und gedemütigt — hat leine dramatische Kraft, sein Mitleid (daß er über diese un» zesunde, seelische Qualität verfügt, weiß ich so recht, feitbem ch ihn vorlesen hörte), seine Bitterkeit, seine Empörung gesammelt. Dieses „Volksstück 1823" ist mit Herzblut geschrieben! Ein Pfandleiher, in dessen Laden sich doch die Zeit aufs deutlichste spiegelt, bleibt gleichwohl ungewitzigt und ein stiller Pflichtmensch. Ein Schieber hat bei ihm seinen Frack versetzt. Der Pfandleiher reinigt das Kleidungsstück vor dem Einhängen rrdnungsmäßig mit Benzin, entdeckt bei dieser Arbeit in der Kracktasche einen frankierten, zur Absendung befthmuteu Brief, 3cffcrt Adresse durch die Benzinflut verwischt wurde, erbricht und liest ihn. Aus dem Brief ist zu entnehmen, daß ein Mädel, die verabschiedete Geliebte des Schiebers, Selbstmord begehen wird, wenn dieses Schreiben nicht rechtzeitig in ihre Hände kommt. , S)a gerät der alte Pfandleiher außer sich. Der Einfältige jat. es verabsäumt, Teilnahmslosigkeit gegenüber fremdem Schicksal zu erlernen, wiewohl ihm sein Berns reichlichst Gelegenheit geboten hat, sich in dieser heutzutage selbstverständsichen Kunst zu üben. Ihm hingegen sind plötzlich Gewerbe, Zukunft seiner verkrüppelten Tochter, persönliches WohlbestErn nebensächlich. Der Brief brennt in seinen Händen. Das »mglückliche.Geschöpf raschest zu find,en. und ihm den Brief zu übergeben, ist ihm jetzt Lebensaufgabe. Er opfert Zeit, Geld, guten Ruf, zicht einen versetzten Pelz und versetzte Abendkleiden an, um „proper" auszusehen und in einen Ballsaal Zutritt zu haben, wo er dem Mädchen zu begeguen hofft. Er findet sie nicht und sein hastiges, keuchendes Suchen ist ein Passionsweg. Verluderte Selbstsucht, widerliche Kaltschnäuzigkeit, frivole Käuflichkeit und prassende Herzlosigkeit sind seine Begegnungen. Man verlacht, belügt, betrügt, beschimpft, ihn, zerrt ihn vor den Richter, nimmt ihm den Erwerb (er hat ja daS Briefgeheimnis verletzt und anvertraute Kleider angezogen). Der Pfandleiher hat genug von dieser erquicklichen Welt. Er öffnet in feinem, von der Polizei beschlagnahmten Laden den Gashahn und stirbt freudig, mit der buckligen Tochter im Arm. Das Erlebnis, daß er sich „aus den Weg gemacht hat für einen anderen", daß er in diesem Gewühl von Schmutz und Gemeinheit eine heilige Ausgabe hatte, macht ihm den Abschied leicht. . . ^' Höhepunkt dieser Handlung, Höhepunkt dieses Werkes: Keiner hat den Pfandleiher verstanden, keiner fand Zeit und Lust, seiner Erzählitng auch nur zu folgen. Nur einer verstand ihn überraschend prompt, trotzdem der Pfandleiher die Angelegenheit in seiner Erregung und Erschöpfung nur stammelnd und andeutungsweise berichtet hatte: Der Herr Polizeikonunissär. Der aber erklärt ihn — nicht ou8 Unverstand, sondern weil er das vollendete Produkt dieser Zeit ist — für irrsinnig. Die Geißel in Georg Kaisers Händen ist in dieser Szene durch Bleikugelu verschärft und die Striemen, die er schlägt, gehen tief. Die beiden aber, welchen der Leidensweg und Opfertod des Pfandleihers galt, ahnen nichts von seinem verzweifelten Suchen, von feiner Heimsuchung und von seinem Sterben um ihretwillen. Der Schieber hat — in seiner Korrespondenz hält er. Ordnung — eine Kopie des Abschiedsbriefes weggeschickt und, dielveil der Pfandleiher in den Tod gejagt wird, mit Schieberglück nebst dem Posten eines Generaldirektors die verzückte Zuneigung jener Weiblichkint erworben, der Schiebers 100 cm breit, neueste vessins m allen Farben m Wesenheit heutzutage ideale Männlichkeit ist. .Das verlassene Mädchen aber fand ein himmelblaues, Eheglück. So gchen drei Handlmrgen, drei, Schicksale „nebeneinander". Auch in den Szenen, welche dem Ausstieg des Schiebers und der Liebesgeschichte des Mädchens gelten, ist die satirische Peitsche des Dichters mit gepreßten Lippen, mit leidenschaftlicher Wucht geschwungen. Als Bilderbogen für Schute und Haus (im Simplizissiulrrs-Stil) wurde das Stück inszeniert. Die Regie übernahm sich. Ohne die Folie, die der vorlaute Knlissenmaler den vierzehn Szenen gab, wären sie lvirksamer, insbesondere das gemalte „Auge des Gesetzes" ist von aufdringlicher Geschmacklosigkeit und eine unlautere Konkurrenz für Prllenberg. Er gestaltet den Pfandleiher. Ein alter Monn, in sein Tagewerk eingesponnen, ohne Harm, wortkarg, mrd von be scheidelrer Güte, aber himmelsern von Aktivität, wird durch jenes Erlebnis ansgewühlt — und man muß zugegen sein, wie Pallenbergs Kunst dieses Erlebnis keimen/ wachsen, von dem ganzen Menschen Besitz ergreifen läßt. In der Szene mit dem Polizeikommissär stoßt seine harte, trockene, meckernde Stinlme die erschütterndste Anklage aus, die man seit langem auf den Brettern hörte, und in seiner Sterbeszene singen Engelszungen mit. Für den Schieber bringt Herr Edthofer alle äußeren Qualitäten. Nur daß dem Liebenswerten Künstler das Gewaltmenschentmn und die schnoddrige, preußische Schnauze fehlt. Ganz ausgezeichnet Alfred N e u g e b a n e r als passive Schiebernatur und als Zuhälter seiner Schwester, die Magda Garden sehr charakteristisch als „Lulu im Volksstück 1823", mimt. Unter den übrigen Mitwirkenden voll Verdienst die Damen Karoly und Gutmann, die Herren Kenne, Weil, Schnitzler und Böhm. Der anwesende Dichter wurde mit Pallenberg stürmisch gerufen. Vereinzelter Widerspruch verstärkte den Beifall. Otto A b c f c s. ArthurGrünR nur I. AdlergasseCl