Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-02-02 · Heft 1784 (2.2.1924) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1784 (2.2.1924)
Date
1924-02-02
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980867--17662-3004669
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Akr. 1784 Wien, Samstag A I vi- -.- .... 6ct Regierung vor, den Hitler-Putsch selbst per- < schuldet zu haben. Jede Regierung habe die Ratio n a l s o z i a l i st e n, die sie verdiene. Wenn jemand über den Verlauf der Dinge enttäuscht sein könne, so hätten das oberste Recht dazu die Nationalsozialisten selbst. Darum sei es verständlich, daß jetzt Pöhner dem Untersuchungsrichter gesagt habe: „Ja, ich habe Hochverrat begangen, aber ebenso wie Kahr und Lossow. Weitere Angaben will ich nicht machen, denn in sechs Monaten'sind wir ja doch so weit, wie wir wollen. (?) Für die hier geltende politische Unehrlichkeit sei Herr v. Kahr ein Musterbeispiel." Pack schlägt sich. Pack vertrügt sich. Ein theatralischer Festkommers. Äiünchjen. 1. Februar. (Tel. der „Wiener Mvrgeupeitmrg".) Zwischen Ludendorff und Ehrhardt, die seit dem Hitler-Putsch erbitterte Feinde waren, ist gestern an einem besonderen Festkommers des Nationalverbandes der Offiziere eine Versöhnung zustiandegekommen. 'Nach mehreren Ansprachen erhob sich Ehrhardt und trat in theatralischer Weise auf Lu d'endorff zu und begrüßte ihn, welche Szene von den Kommersteilnehmern mit Jubel begleitet wurde. Ludendorff selbst hielt eine Rede, worin er den Zwist im deutschvölkischen Lager bedauerte und mit der Aufforderung schloß, der Kräftigung der völkischen Bewegung jede Meinungsverschiedenheit unterzuordnen und eine Einheitsfront zur Erstarkung des völkischen dankens zu bilden. (Was sagt die Reichsregierung zu solchen Faschingsveranstaltungen des steckbrieflich verfolgten Putschisten Ehrhardt?) Wilson schwer erkrankt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Washington, 1. Februar, Nach dem ärztlichen Bericht hat das Befinden Wilsons nach einer schlaflosen Nacht eine Wendung zum Schlimmeren genommen. Die Kräfte schwinden. Der Zustand ist sehr e r n st. Der Zustand sehr ernst. Washington, 1. Februar. Der Gesundheitszustand des früheren Präsidenten Wilson hat sich verschlimmert. Budgetdebatte im SejmauMuh Die Forderungen der jüdischen Depntierte«. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 1. Februar. Die Wintcrseffion des fcoln** schon Sejm ist eröffnet. Bereits seit einer Woche arbeitet der Vudgetansschnß, welcher die einzelnen Bubgetkapitel durchödrat. Bei der Beratung des Budgetkapitels Kultus und Unterricht wies der jüdische Abgeordnete Doktor Grünbaum darauf hin, daß die ohnedies so geringe Regierungssubvention für die jüdischen veligiösen Institutionen, die bisher 8000 Goldgulden betrug, nunmehr auf 2000 Gulden herabgesetzt worden sei. Grünbaum beantragte, diese Post wieder zu streichen. Bei der dritten Lesung dieses Budgetkapitels griff Ministerpvastdent G r a b s k i ein, welcher erklärte, eine Streichung dieser Post würde nicht den Anschauungen der jüdischen Oeffentlichkeit entsprechen, gleichzeitig beantragte er eine Erhöhung der Regierungssubvention für die jüdisch-religiösen Zwecke auf 10.060 Goldgulden. Die jüdischen Abgeordneten wandten dagegen ein, daß dieser Betrag gegenüber einem Budget von 10 Millionen Goldgulden für die anderen Kultuszwecke eine Verhöhnung darstelle. Für die -Erhöhung stimmten dann die Rechtsparteien, dagegen die Vertreter der Minderheiten. Die polnischen Linksparteien enthielten sich der Abstimmung. Der Budgctausschuß nahm ferner den Antrag des Deputierten Hau s n e r an, in welchem die Regierung aufgeforderL wird, die notigen Schritte zur Reaktivierung der Baron Hirsch-Schulen in Galizien zu unternehnren. Beim Budgetkapitel Unterricht stellte der Budgetreferent Abgeordneter Rymer die Behauptung auf, die Juden frequentierten in zu starkem Maße die. staatlichen Lehranstalten, das übliche Präludium zu den Numerus clausus-Anträgen. Er führte als Beispiel an, daß die Juden an den polnischen Universitäten 26 Prozent der Hörer bilden. Diese Ziffern sind unrichtig. An acht polnischen Hochschulen (in Kongreßpolen und Posen) beträgt der Prozentsatz der jüdischen Hörer 7,5 Prozent, an sechs Hochschulen, in Galizien und den Randgebieten, 21,5 Prozent. An den staatlichen Mittelschulen beträgt der Prozentsatz der jüdischen Schüler 10,8 Prozent. In der ersten Plenarsitzung der neuen Sejmsession, bei welcher das Gesetz über die Dienstpflicht behandelt wurde, brachte der jüdische Abgeordnete Kirschbraun an Hand eines reichen Materials eine große Zahl von Beschwerden über die Behandlung der Inden in der polnischen Armee vor, vor allem wegen der systematisch geübten Zurücksetzung der Juden bei der Ernennung von Offizieren; der Redner wies auch auf den systematischen Boykott jüdischer Lieferanten durch das polnische Kriegsministeriüm hin. Kein Bankkredit mehr für -en Staat. ' ' Warschau, 1. Februar. (Dschccho-stow. Preßbnrean.) Der Mimsterrat hielt heute eine außerordentliche Sitzung ab, in der nach kurzer Beratung der Entwurf einer Verordnung des Präsidenten der Republik beschlossen wurde, wonach der Kredit des Staates bei der Polnischen Landcsdarlehenskasse ab heute gesperrt wird. Sodann begab sich Ministerpräsident Grabski zum Präsidenten der Rep-u? Wvk, der das Dekret sofort 'unterfertigte. Auf Grund dieses Dekrets wird nunmehr der tue sie re Druck von!«* dZ.BMMiK.M AMULMMA Wiener Moraenzeituna. . 2. Februar 1924_ 1 Rußland ist verhaudlungsbereit. Sine Rede Kamenrws. Moskau, 1. Februar. Auf dein allrussischen Rätekongveß hielt der stellvertretende Vorsitzende des Rates der Volkskommissare Käme new eine große Rede über die Tätigkeit der Regierung der Sowjetunion. Kamenew führte über die auswärtige Politik ü. a. aus, der charakteristische Zug der gegenwärtigen Lage sei der Bankrott des Versailler Friedens. Die von der Sowjetregierung verfolgte Politik des Friedens und der Geduld, die auf dem Bewußtsein beruhe, daß der Wiederaufbau der Weltwirtschaft ohne die Mitarbeit der in der Sowjetunion vereinigten 130 Millionen Menschen unmöglich sei, habe zu dem Ergebnis geführt, 'daß in allen Ländern das Interesse an der wirtschaftlichen und politischen Mitarbeit mit den Sowjetrepubliken ivachse. Was England betreffe, habe die Sowjetregierung bereits erklärt, daß sie nach ihrer Anerkennung bereit fei, in eine gemischte englisch-russische Kommission Vertreter zu entsenden, um die strittigen wirtschaftlichen Fragen zu lösen. Jedenfalls hoffe sie, sich mit M a e Donald besser als mit feinen Vorgängern über die Beilegung der die Welt zerreißenden Gegerrsätz« und die Herabsetzung der militärischen Ausgaben, die auf ganz Europa lasten, verständigen zu können. Mit Bezug auf Frankreich erklärte Kamenew unter Hinweis auf die Meldungen über eine Vermittlung des tschecho-slowakifchen Ministers des Aeußevn Dr. B e n e s ch. daß nach Ansicht der Sowjetregierung unmittelbare Besprechungen rationeller und fruchtbarer sein würden. Im Bewußtsein des beiderseitigen Interesses an geschäftlichen Beziehungen fei die Sowjetregierung jeden Augenblick zu Verhandlungen bereit, sobald nur eben gewisse elementare Wahrheiten wie die der Nationalisievung von Frankreich anerkannt würden, wie dies jetzt schon seitens Englands und Italiens' geschehe. Auf Deutschland übergöhend, bestätigte Käme» new, daß die Festigung freundschaftlicher Beziehungen und wirtschaftlicher Verbindungen mit Deutschland eine der Grundlagen der Politik der Sowjetregierung bleiben weche. Kamenew besprach weiters die Freundschaft mit den Völkern d e 's O st e n s als eine der Grundlagen der Politik der Sowjetregierung und faßte schließlich den Grundgedanken der auswärtigen Politik der Sowjetregierung folgendermaßen zusammen: Freundschaftliche Beziehungen zu allen Böllern und friedliche Beziehungen zu allen Regierungen. Die» jenigen, die dächten, daß Sowjetrußland für die de jupe- Anerkennung bezahlen werde, irrten sich. Letztere bedeute für die Sowjetregierung nur die Legalisierung der Handelsbeziehungen, die für die Gegenseite ebenso notwendig seien. Zur Frage des Außenhandels erklärte Kamenew schließlich: Das Monopol des Außenhandels ist unverrückbar. Wer wirtschaftliche Beziehungen zu Rußland will, muß sich, mit dieser Tatsache abfinden. Das ausländrsche K ap it a l, das in Rußland arbeiten will, muß aber anerkennen, daß die Sowjetunion kein Objekt koloniale Ausbeutung ist. Der Streit «m die Nachfolge Satins. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 1. Februar. Nachrichten ' „Morningpöst" aus Rußland zufolge dürfte der K o n f i 1t wegen d e i Nachfolge Lenins größeren Umfang awnehmen. Nach der Ablehnung eines Triumvirats, wie es von Üdr Opposition vorgeschlagen worden war, fügten futzeffive die Ablehnungen der Kandidaturen Kamenews wegen seiner jüdischen Abstanmrung, R Y k o f f s wegen feiner Sympathie mit der Opposition, und Stalins, weil er Georgier ist. Eine Gruppe Magi S i n o w j e w vor. Sie Mission des Finanzberaters in Polen beendet. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 1. Februar. In einer zwischen dem Ministerpräsidenten Grabski und dem englischen Finanzberater für Polen, 3) o u n g. ftattgefundenen Konferenz stellte Aoung fest, daß er seine MissioninPolenals beendigt ansehe und demnächst dem Ministerpräsidenten das Ergebnis seiner Studien Vovlegen werde. Sie zweijährige Sienstpflicht. Warschau, 1. Februar. (Poln. Tel.-Ag.) Der Sejm hat gestern die Debatte über die allgemeine Militärdienstpflicht beendet. Die Abstimmung über den Gesetzentwurf, der eine zweijährige Dienstpflicht vorsieht, wird in der nächsten Sitzung erfolgen. Warn« Rumänien ans die französische Anleihe verzichtete. Prag, 1. Fsbruar. (Dschecho-ffow. Preßjbureau.) Die vnmänische Gesandtschaft verlautbart fügendes Communique: Da die Verzichtleistung Rumäniens auf die französische Anleihe für Rüstungstzwecke in der Presse zu verschiedenen Auslegungen Anlaß gegeben hat, Mt es die rumänische Gesandtschaft für notwendig, mitzuteilen, daß die rumänische Regierung infolge der eingetretenen Verspätung es für besser erachtet hat, eine anderweitige Beschaffung von Mitteln für das Rüstungsmaterral ins Auge zu fasten. Dieser Entschluß ist weder durchdie englische Note, noch durch irgend welche Absicht einer neuen politischen Orientierung veranlaßt worden. Sie bulgarische Regierung löst das Parlament aus. Um dem eigenen Sturz zudorzukommcn. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 1. Februar. Aus Sofia wird gemeldet: Die Sofioter Regierung veröffentlicht über die Auflösung des Sobranje folgendes Coinmunique: Nachdem die Oppositionsparteien einstimmig beschlossen haben, das Ministerium zu st n r z e n, so daß eine ernste Krise geschaffen worden wäre, sieht sich die Regierung in der sicheren Annahme, daß die Bevölkerung damit einverstanden ist, gezwungen, das Parlament aus zu lösen. _ Ser Kampf gegen Horthh-llngarn. Peidls Reise nach London. Julius P e i d l, der Führer der ungarischen sozialdenrokratischen Pavlamentsfrakrion, reist im Einverständnis mit der ungarischen Regierung nach London, um mit dem Ministerpräsidenten Mac Donald zu konferieren. Peidl ist in Wien eiugetroffen und äußerte sich zu einem Mitarbeiter des „Nonen 8-Uhr-Blatt": „Mine Reise hat nicht lediglich politischen Charakter. Neben Erledigung der politischen Tagessragen fKiftcn wir auch die Aufgabe, die g e w e v l schaftliche I nrerna t. ionale ausznbauen und «mit den führenden englischen Genosten ip Kontakt zu bleiben. Die Forderungen meiner Partei der ungarischen Regierung gegenüber, die ich auch in London Vorträgen werde, sind: Herstellung der volleil R e ch r s o r d n u n g und Rechtssicherheit, gleiche Behandlung vor den Gexichtzn. Ligurdiexzlns tzez und der Emigration und überhaupt die Ermöglichung einer rein demokratischen Entwicklung in Ungarn« Ueber die Reise und Pläne Garamis kann ich nur sagen, daß seine Entschließungen von den meinigen unabhängig sind." Wie uns mitgeteilt wird, will Garamr auf den'nach dem Sturze Bela Kuns mit Sir Georg Clarke als Vertreter der Entente ausgearbeiteten Plan zurückgreifen, wonach eine aus allen Parteien gebildete Regierung Neuwahlen aus Grund des allgemeinen Wahlrechtes durchfuhren' sollte.. Rach Clarkes Abreise aus. Budapest wurde dieser Pakt in den Papierkorb geworfen und unter den Apgsn feines Nachfolgers Thomas Hohler begannen H o r th Y und Stephan Friedrich mit dem Regime des weißen Schreckens. Hohler ist nun — trotz aller Ableugnungen der Budaposter Machthaber — gestürzt. Sein Nachfolger ist noch nicht ernannt. Die Organe der Labour Party „Daily Herald" und „Mw Leader" haben in den letzten Tagen wiederholt erklärt, die Arbeiterregierung müsse die Erfüllung jener Versprechungen von Hort'hy und der ungarischen Regierung verlangen, die diese im Herbst 1919 George Clarke, also einem englischen Vertreter, gegenüber gemacht haben. Die große Mehrheit der Arbeiterpartei unter der Führung von Vrailsford verlangt den schärfst e n Kam pfgegenHorthv und sein System. 8n Ungarn dürfen nur Horthp-Kanbibate« gewühlt werden. Ungültigkeitserklärung der Debrecziner Ersatzwahl. (Eigendienst der „Wiener Morgenzettung".) Budapest, 1. Februar. Die Evgänzungswahl in D ebreczin, in welcher der Kandidat der Rassenschützler in engere Wahl mit dem Kandidaten der radikalen Opposition gelangt ist, wurde ungültig erklärt. Man hat angeblich in der Urne um zwei Stimmen mehr vorgefunden, als sich darin hätten befinden sollen. Abgeordneter Zoltan Horvath will eine Interpellation in dieser Angelegenheit efnbringen. Die Neuwahl wird am 21. Februar stattfinden. Horthd.Fnstiz. Enthaftung eines Bombenattentäters. (Eigendienst der „Wiener Nlorgenzeitung".) Budapest, 1. Februar. Karl Maroczy, der dem Abgeordneten Rassay und dern Zeitungsherausgeber Mikloß Bomben geschickt hat, ist von der Militärstaatsanwaltschaft ans der Haft entlassen worden. Obwohl er im Dieistte der Zollwache steht, war die Untersuchung vom Milttargericht geleitet worden. Die Polizei hat Borkchrungen getroffen, das; Maroczy neuerdings verhaftet wird. »Men ist sattsfaktionsfühig. (Eigendienst der „Wiercer Morgenzcitun^.) . . Budapest, 1. Februar. Ministerpräsident Grch B e t h l e n ließ seinerzeit infolge einer Kontroverse m der Nationalversammlung te:t Abgeordneten Stephan Rako v s z. k y zum Zweikampf herausfordexn, der jedoch die Satisfaktion mit der Begründung verweigerte, daß der. Minister-- sPräsident eine unerledigte Affäre mit dem Obersten Pronay habe. Ein Ehrenrat entschied nun gestern,.daß Ministerpräsident Graf .Bethlen in seiner Ehrenaffäre mtt dem Obersten Pronap korrekt vorgegangen sei. Infolgedessen wird das Duell Zwischen dem Ministerpräsident« und Rakovs^ky in den nächisten Tagen ausgetragen tverdM " esssssesa.^" ' v

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.