Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1784 (2.2.1924)
- Date
- 1924-02-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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NotgeldmQnzen. Professor GEORG KOLBE. Berlin, hat eine für Sammler wertrolle Münze entworfen, die mit amtlicher Genehmigung als Notgeld heraospegehen worden ist. Der Ertrag ist für die Notleidenden der besetzten Gebiete in Dent«ohland bestimmt. Die Münzen sind in beschränkter Anzahl von der Stsatsmtinze geprlgt und in folgenden drei AnsfiJt'rnnpen herpesteil» worden: 50 MlllloBün-Hnk-S'ick ln Messlito. IleMsnM K 20.000 ICQ Hi laou-Mark-SlOck. sersl bert. .. KM SBlfii’lliinin-Mark-SIOck. li'imllnt. „ 1 00000 Der vollständige AlDn/satz wird zum Preise von K 100.060 abpepeben. Di« Mftn«<ni sind durch de Reichs£e8Chäftsfitell6 der Deutschen Nothilfe, Berlin W 8, Wilh.ehnstr»flie 62, zu beziehen. feiner Laufbahn Lehrer und religiöser Prediger: als Lehrer begriff er die ruhige Steilheit der Entwicklung der menschlichen Seele und der menschlichen Gesellschaft. 9eher seine Ideale der Menschlichkeit und seine menschliche Taktik. Und er hat dabei heimische Musterbeispiele, von M"vus bis Owen und den zeitgenössischen englischen Scziab'st.-n. Aber Mae Donald ist auch d'rch das Vorgche« der Liberalen und Konservativen zur Regierung gelangt. Man braucht nicht zu untersuchen, ob dies-eS Borgehen taktisch oder auch Progralnmat:.sch war; in jedem stalle ist der Umschwung in England auch eine anschauliche Leihre für die kontinentale Bourgeoisie. Im übrigen auch der ruffische Umsturz und die ganze Entwicklung Europas im Krieg und nach dem Krieg. Es ist doch nicht nur der russisch«, sondern auch der preußische und österreichisch-ungarische Zarismus gefallen. P. S. Jur alle Falle eine Bemerkung: Pm andante bedeutet in der MuMprache nicht „langsamer", sondern „rascher"; andante heißt gehend, in der Bewegung s vtschreitend. Wer stetig geht, kömmt weiter, als wer bitweise laust und dann innehAt. Die Reorganisierung des Arabertvms. Bon Nniversitatsprofeflor Adolf Strauß.*) In Asien bereitete die Mongolerstut der Araberherrschaft ein Ende und Tschirgis Khan vernichtete die Abassidenherrschaft in Bagdad. Auf die Buhne der Geschichte traten dann die Deldschuken und hierauf die Türken, unter deren Herrschaft die Araber nach langen Kämpfen gelangten. Tie alte arabische Kultur verfiel ganz. Die Türken waren, obzwar sie heldenmütig waren und über moralische Werte verfügten keine Faktoren der Kulturverbreitung. Das Wcstn des arabischen Verfalles wird am deutlichsten durch' die Tatsache charakterisiert, daß die Nation, die den Grundstein zur Naturforschung und modernen Wissenschaft gelegt hat. hinter der europäischen Naturerkenntnis und ollen Errungenschaften der Technik weit zurückgeblieben ift und diese jetzt ebenso von Europa empfangt, wie Europa einst von ihr. *) Siehe „Wiener Morgenzeitungvom 30. Dezember 1923, 1., 12.. 80. und 27. Jänner 1924. M kalaschah-3uden in AbeMnien. Don Oberrabbmer Dr. Z. P. Chajes. U ber dieses Thema hielt Herr Oberrabbiner Dr. Chaj.s am 30. Jänner im De!h-Wera>d- Laiwvim vor einem schr zcchveichen Publikum einen überaus int.reffauten DorLmg in hebräischer Syrache; mit der freundlichen Genchmigung des Verfaffers geben wir einiges aus dem Inhalte des aufschlußreichen Vortrages wieder. Die F a! a s ch a h (d. h. Eingowanderten), die sich sllbst fo nennen und sich als Kinder Abrahams, Isaaks und Jakobs betrachten, sind fast zweitausend Jahre ohne jeden Zusammenhang mit dem übrigen Judentum; dennoch haben sie unter sehr schwierigen Berhültnisien ihr Judentum bewahrt. Ihre Zahl 'st nicht groß, sie wohnen zerstreut in unwegsamen Gegenden und sind äußerlich und in manchen Lobensgewohnheiten von den übrigen Einwohnern Abessyniens nicht stark zu unterscheiden. Dagegen haben sie gewiss? jüdische Sitten bewahrt, die sich bei keinem anderen Teil der Juden mehr vorfinden und Reste sehr alter jüdischer Sitten sein dürften. In d x ganzen Literatur der Falaschah-Juden findet sich kein hebräisches Won, außer denjenigen Worten, di« in Hrtz BibMberftyung übernommen wurden (so die Eigennamen ujw.). Diese Uedersetzung ist, ähnlich wie bei den übrigen Abessyniern, in altabcsiynischor .Sprache (im Gegensatz zu dem gesprochenen Abessynisch). Was die Dauer der Ansässigkeit der FükaschahS in, Abefjhnien betrifft, so ist anzunchmen, daß ein kleiner Teil von ihnen schon in sehr früher Zeit, etwa im dritten Jahrhundert vor der üblichen Zeitrechnung, dochin einwanderl« und später durch Zuzug sich vergrößerte. Sie befassen ssvbstständige Provinzen (nach einer Legende soll im Mimlaiter «me Jüdin Königin des ganzen Landes gewesen sein), wurden oder spät« dach setz de, » Hieraus darf indes nicht gefolgert werden, baß die Fähigkeiten der arabischen Rasse aufaehört haben. Es ist ein schmerzliches Bewußtsein der Menschheit, daß die hervorragenden Männer des Geisteslebens, selbst das glänzendste Genie, erträgliche materielle Verhältnisse benötigen, um schaffen zu können. Was Wunder, daß ganze Nationen, der Macht beraubt, in Gefangenschaft geraten, aller Kulturmittel bar, ihre Fähigkeiten nicht zur Geltung bringend Wir sind des G.'aubens. daß in den Arabern die wirklichen Qualitäten nur schlummern. In ihren Neigungen zur Dichtkunst. Philosophie und Theologie, die auch jetzt noch too* rnehmbar sind weil sie am wenigsten aus eine eriwickelte, blühende staatliche Existenz angewiesen sind, erblicken wir Anzeichen des alten Talents. Die Erneuerung des AnkertUmS hängt davon ab. mit welcher Plan maß gkeit, dirch alle Fehler und Jrrtümer bellhrt. an eine den heutigen Verhältnissen entsprechende Renaissance geschritten wird. Die modernen Vertreter des heutigen Arab'rtnms höben französische Kultur genossen. Neben der verhältnismäßig dünnen Jntelligen-z'ch'chtc hrcru die Beduineninassen. die ihre uralte Lebenttvelle fonsetzen. Der Beduine hat schwer um die Existenz zu kän'.psen. In seinen Bedürfnissen ist er heute ebenso ansprnchsl.s wie ehedem. Ebenso besche.den ist der Fellah in Palästina, während der nach französischer Art vornehmere Araber einen beispiellosen Prunk und Luxus in seiner Lebertsführung entfaltet. Die Habe der Beduinen ist gering und hat auf dem Rücken eines Kamels Platz. Diese Habe besteht aus den nötigsten Teilen eines Zeltes und minimalen Hausgeräten. Auch bcffere, edle und geistig hervorragende Araber leben unter derart primitiiven Verhältnissen, wohnen in Zelten, und wünschen sich nichts Besseres. Die Genüascvmkeit wäre ein schöner Charaklerzug, wenn man nicht andererseits den außerordentlichen Luxus und die prunkvollen Palais der vornehmen Araber in den Stadien sehen würde. Diese Eigentümlichkeit der gesellschaftlichen Organisation hinterläßt ein beunruhigendes Bewußtsein. Ein Teil dieser in den Städten inmitten Luxus und Komfort lebenden Araber ist bestrebt, eine Rolle zu spielen. In letzterer Zeit baben wir gesehen, daß sie sich gerne als Mittel für fremde Interessen hergeben und an Agitationen teilnehmen, die den Interessen ihres eigenen Volkes widersprechen. So sehr das Arabertum auch einst der Macht und des Ruhmes teilhaftig war. die Erinnerung der Vergangenheit kann ihm leicht zu neuerlichem Unheil wecken. wenn es die Lehren der Vergangenheit nicht beherzigt. Abenteuerliche Pläne und waghalsige Hoffnungen dienen in keiner Weife der nationalen Wiedergeburt. Bei nüchterner Selbstkritik muß auch das Arabertum feststellen, daß cS trotz der einstigen Weltherrschaft heute ebenso am Anfang der Arbeit steht wie scme bescheideneren unv an Zahl geringeren Brüder, die Juden. ES trifft zwar zu, daß daS Arabertum beisammen wohnen geblieben ist und seine Sprache vm VolkSnnvnde bewahrt hat — allein dieser Umstand laßt seine Zurückgebliebenheit nur noch trauriger erscheinen. Di« Juden leben zerstreut, haben sich aber überall eine höhere Kultur angeeignet und verfügen über außerordentliche materielle und geistige Kräfte, welche die Schaffung des neuen Heimes ermöglichen. Diesem Werke bringen nationale und religiöse Juden gleiches Inte reffe entgegen; unterstützt werden si« darin von all jenen Nichtjuden, die brüderlich? Liebe für das Judentum und Dank für de emstigen Religionsmeister empfinden. Das Arabertum kann die Juden darin unterstützen, daß es die Heimstätte des ihm am nächste« stehenden Volkes ungestört ausbauen läßt. All dies zeigt klar den Weg, auf dem b e i d e R a 1 i onen eine neue Blüte erreichen können. Es handelt sich um ein Erwachen des nationalen Geistes, der mit imperialistischer Ausbreitung nichts zu schaffen hat und kurzem verstorbnen Königs Menekik des Zweiten hat sich ihre Lage bedeutend gebessert. Die erste Nachricht über die obeffynffchen Juden brache Gkdad Hadani (etwa im neunten Jahrhundert), ein Wandrer und Abenteurer, der sich als einer von ihnen ausgab, dessen Angaben aber kein Glauben geschenkt wurde. Spater haben wir schon «ine genauere Nachricht. In einer Response eines Talmud-Gelehrten (R. D. B. Z.) wird die Frage ausgeworsen, ob eine aus Abeffynien gekommene Frau, die sich ÄS vom Stamme Dan abstammend ausgibt, als Jüdin zu behandeln sei. Der erste, der-sich ernsthaft der Falaschah-Juden annahm, war Pros. Josef Hglevy (Professor an d:r Pariser Sorbonne, hebräischer Dichter und Zionist), der vor sechzig Jahren sich entschloß, zu ihnen vorzudringen. Einige jüdische Mäzene gaben chm die Mittel zu dieser Expedition, und Halevy brachte einen Falaschah-Jüngling aus Ab ffynien nach Paris mit. Er wendete sich hieraus an die Alliance Jsraelite Universelle um Unterstützung, welche chn nicht bloß äbwies. sondern sogar verdächtigte, diesen schwarzen Burschen irgendwo als Sklaven gekauft zu haben, um so voryntänschen, er s.i in Abessynien ge-, wesen. Der Falaschah-Jüngl'mg, um den sich niemand kümmerte, starb bald. Jedoch Professor Halevy ließ den Mttt nicht sinken, und nach einigen mißlungenen Versuchen fand er endlich den Mann, mit dessen Namen die Geschichte der abeffyn'öschen Juden aufs engste verknüpft ist. Es ist dies Dr. F a i 11 owitsch (aus Lodz), der es sich zur Lebensaufgabe stellte, jüdische Shrthtr unter die cvbeflymschen Juden zu trägem Von Professor Halevy in Sprache und Sitten Abeffyniens unterwiesen, reffte er vor etwa zwanzig Jahren mit Hilfe d.S Pariser Barons Rotfchild nach Abeffynien, verweilte dort ein Jahr und brachte zwei Jünglinge mit, die er in der Alliance- Schuile unterbringen wollte; doch die Alliance verhielt sich wieder ablehnend' gegen dieses Unternehmen Da nun Äbcffynien zwischen einer französische« und Sesterreich rüstet, um mtt Kanonen des Goal-Game dieKrttzn erobern **> Spielregeln und Prospekte bttvcfi die tzofbillardsabrik Seifert, Wien, V. seine Aufgabe nicht darin erblickt, das Schwert zu zücken und in blitzender Wehr dazu stehen, sondern innere Kullur und Konsolidation erstrebt. Ein derartiger nationaler Geist gewährleistet nicht nur bei der Durchsetzung seines Rech'.eS den anderen Nationen ihre Existenz, sondern erkennt in deren Föritzrung den eigenen Vorteil. Wir zweifeln nicht an der Kraft und dem Heldenmert des Beduinen, an seiner zälen Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, auch die religiöse Weltauffaffung des Avabertums wollen wir nicht berühren. Der Weg des Arabertums ist es nicht, die Natur anderer Raffen anzunehmen oder sich zu einer anderen religiösen Ueberzeugung zu bekchren. Rur fremde Jntereffen stellen ein derartiges Ansinnen an ein Volk. Erwünscht ist nur, daß, wie einst Mohammed und seine Anhänger erkannten, welche Mittel zum Erfolg des damaligen AraberiumS führten, auch die heutigen berufenen Führer der arabischen Nation den Weg finden, der zum Wohlergehen in der Gegenwart und in der Zukunft leitet. Das einzige Mittel , zu diesem Ziele ist heute und m absehbarer Zukunft der Uebergang zur produktiven kulturellen und wirtschaftlichen Arbeit, wodurch d'e Möglichkeit geboten wird, ein Faktor im Meltgetriebe zu werden. Denn heute fällt bei einem Volke nicht ins Gewicht, welchen theologischen oder gar philosophischen Scharfsinn seine Führer besitzen, sondern eS wird danach eingefchäyt. wieviel Gutes und Nützliches seine im Geiste des Fortschrittes zur Ordnung, Disziplin und Arbeit erzogenen Söhne produzieren können. Man mag über diese ourcpä'sche wirt-sthaftliche Staatsordnung wie immer denken. sie als materiell und gemütloS und vrm Gesichtspunkte des ^'rientalen aus für niedrig halten: ihr gehört doch der Erfolg, und eine Nation, die auferstehen will, muß sich daran halten. Der fernste Orient, so sehr auch seine Weltauffaffung von der Europas entfemt ist. hat sich diesem Wirtschaftssystem anpaffen müssen und paßt sich ihm in stets |tei<yn'bem Maße an. Und Vas ist nur so möglich, wenn eine Nation, die zu diesem Bewußtsein erwacht ist, alles, was in ihrem Geiste, in der Vergangenheit, in ihrem Glauben oder Charakter der Geltendmachung im Wege steht, wohl nicht aufhebi. aber in den Hintergrund zu schieben bc-ftrebt ist. Möge sie ihre ursprünglichen Eigenschaften als wertvoller erachten und sie mit innerlicher für die Falafchah nicht internierten, wendete sich Doktor Faitlowitsch nach Italien, und zwar an Prvfeffor MargulieS und Pvofeffor Z. H. ChaseS in Florenz, um in der Nähe der italienischen Kalcm-ie eine Schule für die Falaschcch- Juden zu gründen. Es wurden sofort einige Falaschah-Jünglmge nach Florenz zur Erziehimg gbracht. Sie erwiesen sich äls sehr begabte und wertvolle Menschen. Wie Dr. Faiklowitsch erzählte, hatten die Fäla-schah geglaubt, sie seien die einzigrn > Ju>den auf der Wslt. Anfangs hielten si? Fa-itlowiffch für einen der zahlreichen MWonäre, deren Tätigkeit es gelungen war,, viele von ihnen zur Taufe zu verleiten. Seit Faitlowitsch sich. der Fa-laschah annahm, sind keine Ta-nfen mehr vorgekommen. Biele der ftüher Getan-ften sind wieder zwm Judentum zurückgekchrt. Um den Falaschah zu beweisen, daß sie eines Glaubens mtt den Juden der ganzen Welt seien, übergab ihnen Doktor Fattlowlisch einen (abeffvnisch abgesaßlen) Brief mtt den Unterschriften vieler Rabbiner ans der ganzen Weit. Während des Krieges reffte Dr. Faittowitsch mit Hilfe de-amcrikanischen Joint Distribution Committee noch zweimal nach Abeffynien und gründete in der Hanplstadt des Landes eine jüdische Schule. Laut der Nachrichten, die mir einer meiner früheren Schüler, ein junger Falaschah-Jude, in einem Briefe vor kurzem gab, benöt-iigen nun die abeffynffchen Juden keine wi? immer geartete materielle Hilfe, sondern geistige: Lehrer und Bücher. Sie hangen sehr an Palästina, jedoch ist eS noch verfrüht, sie dort anzusiedttn, obwohl sie eS 'bereits vor mehreren Jahrzehnten spon-tan^ unter großen Opfern selbst versucht halten. Ein junger Falaschah-Jude kommt in der nächsten Zeit nach Wien, um hier zu studieren und dann als Lehrer und Erz-ieher in seiner Heimat tätig zu fein. Später sollen zu gleichen Zwecken noch andere FalaschahiJünglinge' Nachkommen. Es wird unsere Pflicht sein, diese jüdischen Brüder so aufzunehmen und uns nahazubringen, damit sie den Zusammen- ' bang mit dem übrigen Judentum seclisch und geistig emp-