Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1784 (2.2.1924)
- Date
- 1924-02-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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0b. tt8l Wien, SarnZtag ■v FRACKHEMDEN E^i4 IL E 5 direkt beim JSweugtt BERTMOLB SC HEER lll. Lrmdtiratttr GOrial 19, Litumi 0,118,4 Sesterreich und Rumänien. Zue Reise des Bundeskanzlers nach Bukarest. —r. Wien, 2. Februar. Herrte «jsear der öfterveichische Bundesländer, der Außenminister und sine Reche von FachreserenLen nach Bukarest, mn an Ovt -und Stelle mit der rumänischen Regierung gewisse, die Wirtschaft beider Staaten tangierende Fragen zu besprechen. Es ist der letzte der Nationalstaaten, jwelchen der Leiter der österreichischen Regierung nuunrchr besucht. Doch sind die Motive dieser Reise ganz andere als bei den früheren Besuchen. Spielten Lei den Reisen -nach den anderen Nationalstaaten in erster Reihe politische und in zweiter Reihe erst die tvirtschaftlichen Momente mit, so fftht jetzt die wirtschaftliche Frage im Vordergrund. Beide Staaten sind an geregten gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen sehr intevesiiert. Oesterreich als Wnehmer der rumänischen AgrarpvoduLte und als Versorger Rumäniens mit Jndnstrieprodukten, aber auch als Handelsstaa-t, der das Bindeglied zwischen der westlichen Produktion und' dem rumänischen Konsum bilden soll. Für Rumänien hingegen hat Wien eine besondere Bedeutung als Händler und Konsument für rumänisches Getreide, rumänisches Vieh, rumänischer Mineralprodukt-e itutb einer Anzahl von Halbfabrikaten. Vor dem Kriege hat der Wiener KaPitalsMaM sich in Rumänien sotvohl an den Banken als auch an der Petrokeurnr» und Holzindustrie intensiv beteiligt. Durch bete Krieg ist -die Verbindung unterbrochen worden. Nur in einzelnen Teilen Neurnmäniens, welche früher zur österreichischen Monarchie gehört hatten, konnte der Kontakt unter großen Anstrengungen aufrecht erhalten werden. Die Verhältnisse beginnen sich allerdings in dieser Hinsicht wesentlich zu bessern. Im letzten Jahre hat Oesterreich nach Runränieu Waren im Werte von 64 Millionen Goldkronen ausgeführt und Rumänien hat nach Oesterreich einen Export von 23 Millionen aufzuwe-rseu. Die Zahlen der Handelsistatistik besagen nicht viel, deren der ZaMngsvevkchr zwischen -Oesterreich und Runränien war ein viel intsnsiverer. Der Reiseverkehr, die gegenseitigen Kapitalstransaktionen und ähnliche das Kapital in Bewegung setzende Momente dürften hier keine unwesentliche Rolle fPrÄen. Trotzdem kann noch immer nicht bchanptet werden, daß die Wräsichastsrnöglichkeiten tatsächlich zwischen Leiden Staaten voll ausgenützt sind. Hier winkt sowohl der österreichischen Industrie und dem Handel als auch der rumänischen Produktion ein weites Arbeitsgebiet. Von beiden Seiten sind bisher gar manche Verstöße öegangem worden. Vielleicht hat der österreichische Kaufmann in den vergangenen Jahren nicht die'Energie Lei der Mederaufnahme der Verbindungen an den Tag gelegt, die nötig gewesen wäre, wenn er sich tatsächlich in Rünranien ein größeres Betätig-nngsgebiet hätte schassen wollen. Es darf aber auch nicht übersehen werden, daß in Rumänien die Hindernisse nicht gering waren. Die schmierigen Fragen der Äquestration des früher seiMiche« Eigentums, Fragen, die. bis heute noch nich gelost sind und die der österreichischen Privatüvirtschaft manchen, Verlust brachten, halben hier mitgewivkt. Andererseits hat aber auch Rumänien mit seinonr Streiben, eine nationale Wirschaft zu bilden, nur der neonrertantilistischen Richtung huldigend, durch hohe Zollgrenzen sich gegen die Produktion des Auslandes abgefperrt. Darunter hatte« nicht nur Oesterreichs, sondern auch Deutschlands, Frankreichs und Englands Industrienzu leiden. Manches beginnt jetzt anders zu werden. Die Fesieln des geibunden-en Handels, des Systems der komplizierten Ausuuid Einfuhrverbote werden in Rumänien allmählich gelost. Es -beginnt jetzt eine freiere Auffassung für die Wirtschafts-betätigung Matz zu greifen. Gerade der jetzige Zeitpunkt ist für die AiEniüPfu'ttg gegenseitiger inniger Wirtschaftsibezichlmgen der richtigste. Rumänien beginnt sich mit dom Gedanken zu befreunden, daß der österreichische Markt für feine Produkte einer der wichtigsten ist. Die rumänische Agrarproduktion hat gegen die Konkurrenz sämtlicher Agrarländer der Welt schwer zu kämpstu. Sie hat deswegen ein natürliches Interesse, sich das günstige Absatzgebiet Oesterreichs zu erlhalten. Wie« ' ist der wichtigste Stapelplatz für den Warenverkehr auf der Donau. Das rumänische Getreide, welches nach Mitteleuropa gebracht werden soll, nimmt über Wien seinen Weg. Der Wiener Handel spielt hier eine «maßgebende Rolle. Da gebietet die Notwendigkeit, mit dein Staate, -irr welchem dieser Handel ansässig ist, engere Wirifchastsbande zu knüpfen. Geradeso wie Rumänien dom österreichischen Kapital und der österreichischen Wirtschaft manches -bieten kann, ebenso kann -Oesterreich der rumänischen Wirtschaft ungeheure Dienste leisten. ' Es wäre hier verfehlt, von einer Bevorzugung oder Bevormundung des einen oder anderen Teiles zu sprechen. Beide sind gleichwertige WirtschaMaktoven. Mr jede Kompensation, die der eine Teil gewährt, kann der andere Teil einen ähnlichen Gegendienst leiste«. Es ist nur not- ■ wendig, daß die Unterhändler beider Teile die Situationauch richtig erkennen und sich danach richten. Die Intentiomy dazu sind auf beiden Seite« vorhanden. Wiettee MvkMrr^rküM. ' ' Die LabouvRegiemng md die PalLsttna-Frage. Der Londoner I. T. A-Kmvespondent schreibt: Außer tofai neuen Premierminister Mae Douald, dessen Stellung zum jüdischen und PalMua-Problem bekannt ist und von uns mehrfach hervongehobein wurde, haben auch die meisten übrigen Mitglieder der Arbeil-teMgieMug schon GÄegeicheil gehabt, ihre Einstelkmg zur Palästina-Frage u-Nd zu anderen Mischen Fragen deutlich zu bekunden. Der Lord-Präsident des Council und Führer des Ober- Hauses Lord Parmoor hat das HungeÄMswerk für Rußland mit ortzLnisiert und auch dvn Aufruis Dir die Mischen Progromopfn mit unterschrieben. Erft vor knrgsm, 4m Herbst 1923, hat er an die Koniferen; des Verbandes der ukrainischen Jude« in London geschrieben, es solle alles getan werde«, >nm die VoMMmisse in der Ukraine dsnr enMchen Volk bekannt zu güberr. Der Lovv-Kanzler, Biscaum Halda ne, -ist wegen seiner liberalen Gesinmlng gegenüber den ausländischen Juden bekannt. Professor Albert Emstein war wcchrend stiines Aufenthaltes in London sein Gast. Er hat auch als einer der ersten m England über die Einstein - The orie geschrieben. Der Staal«sekae-tär des Juuvrn M>r. Avtur Heudrrsorr ist der jüdischen BeiMevuug besonders durch sein offizielles Eommunique über die Z io niste npoltik der Labour Party während der Hmptwahlrn im Jahre 1922 begannt geworden. Eoht nur in dieser liindlöfi Flaschenform! Zenlralbureiu: Ulleiiv I. Brillparzerstrasie Br. 14. Ist. 2422a Alleiniger Erzeuger Damase Hobe, Gründer der Likörmarke Hob€ und einziger Tr&ger des Hamens Damase Hobt. Prunellß Mcrnseiiins Puneb d r Ananas um Der Äandivirrslhasrs- und Fischerrimiüister Mr. Roel B « x 1 o n ist ein alter Fneuu-d/oer zio-mstischrn Belveglr-ng und eine Autorität auf dem Gehi-et der osteuropäischen Fragm und der Miuderh eirsrech-: e. Der Kanzler der Grafschaft Lonraster Colonel Jojial) Wedgwood steht -in enger Verbindung «nt der Arber: für den-P a l-ä st ina - Anfib auf« nd ö. In verschichrnzn Schriften «ruch Reden hat er sich schon als Anhänger der zion-istisch-en . Bewegung und der BciLMr-Dellüration bekann». Schatzuri nister M-r. Philip Suowden ist ebeufaltH eur Fwnud -des Zionismus. Seine Gat-l-in Mrs. Gtheil S n o -w d e u ist in einer Reche von Arvikelu und öfsrnGchen Reden -für dos j ü d 5 s ch e A ->l s d a u w e r l in Mtchttua eirrgetreteu. Bei dem vom Keren Hajessod zu Ehren der Airs. Snowden vor einiger Zeit gegebeiren Bankett hat auch Mr. Snowden für dm Keren Hajeschd das Mort ergrWen. Der für PMstrna wichtigste Posten, Vas Setrktariat für die Kolonien, ist Mr. I. H. Thomas ü-berrragen worden, dessen Stellung z-unr Zionisuvus noch .nicht ganz Aar ist. Er hat früher über diesen Punkt noch nichts EndgüHiges verösfenslicht. Es heißt, er sei in dieser Hinsicht voMommen lneutral und ohne irgendwelches Vorurteil. Während der WechlLampagne im Roveim!be.r IE hat et in einer Wah,weide gesagt: „Wir siiÄ» VMswirtschasÄer und es liegt uns nur daran, zu erfahren, was das britische Reich für feine in M-esopolanrien >nrd Palästina ausgegebenen Millionen wieder erhaA.. Wenn diese Länder nur drrrch das Schwert und die Bas Elte gehalten werden löomren, wäre es besser, sie ausKugeben." Erster Lord der AdmiralitÄ, Biscouni C h e l m s s01‘ d, der als Bizekömg irr Jüdion dem srüheaten StaatKsekretär für Indier: Mr. E. S. Wämtagu sehr nahegestarcken hat, opponieote indem sogenanMu „ChiÄmsifovd-Resormen" gegen das Palästina-Mandat wegen seiner Wirkung aus die indischen MohmmMdaner. Der Posten des ParlmnewtsseiLrr-tärs des Grubendepa-ri-emeni s isk Mr. GmanmÄ Shinwoll übertragrn worden, der >als erster jüdischer MgeordMer der Arbeiterpartei ins Unterhaus einMogen war. Mr. Shuvtvell steht dem Zionisimrs, Ibesoride-rs der Arbeit der Poale Zion, rnit Sympathie gegonnNer; er hat bei einer Gelegercheit ' geäußert, rr wolle alles tu-n, «m ,/dem Leid «und dem Unglück des Mischen Volkes ln der MnM Welt" zu 'st-eiuern. -Lotveit nrcvn also aus der bisherige« Haltung der Regie«M'gs-mitHliÄ)er folgern kann, ist die Mchrzahl den zionistischen Beftrebu-nM! im Rohmen des Mandats und der -bisherigen cnOi-schen Poiüik in Palästina wohly-sirlm. ' ' 9. Febvuär IM - Sette» Schuhe! <n*t\ Impromptu historique. Bon T. A.M. Piü andante. Die neue tschechische Zeitschrift „Pvitomnost" .. („GegeUwart^) bringt in ihrer Nummer vom 31. Jänner an leitender Stelle dies«: hier wieder» gehobenen Aufsatz des Präsidenten Masaryk. , Aus der Zeitung trug ich i« «rein Tagebuch vom 21. Jänner die Nachricht über die Dlmnitteonachtsabstimmu-ng Än englischen Unterhaus ein, durch welche entschieden wurde, daß das Kabinett Mae Donald die Regierung antrsten soll; am 22. Jänner veyzeichrrrte ich die Nachricht dam Tode Lenins. Ich vevkniüpste allerdings diese beide u Vogebenhaiten, und indem ich über die bemerkenswerte Koinzidenz nachdachte, sagte ich mir: Schade, daß sie nicht zeitlich voMourmener war. Aber es kamen neuere Nachrichten: tatsächlich vevschied Lenin an demseWen Tage, au dem in London über die neue Regierung abgeftrmmt wurde. Und überdies ging Lenins Hnlscheidcn der Londoner Abstirrmmng voraris. Das grüßte WÄtreich hat üernnach eine foziatrstische Regierung; das größte Reich in Europa (was die BeooKerunMMt anlvngt) ist schon einige Jahre soziaUstisch, offiziell kommunistisch. Wenn irgend etwas, so können diese beiden Mkteu darüber be-lehren, daß der Weltkrieg die Weltrstw-b.rtion war. Es ist nicht nwglich, daß Millionen europäischer imd amerikanischer Männer einander 'durch Jahre mordeten, ohne darüber nachzudonken und durch Nachdenken zu dem Schluß zu gelangen, daß das Regime, dom der Weltkrieg entsprang, unhaltbar war. Und es haben nicht nur die S-oldaten über den Krieg u.nd seine Bcheutung nachgedacht, sondemi auch ihre Familien, die zu -Haufe blieben arnd den Krieg und seine Schrecke« viel i-ntensiver durchlebten als die Diänner, Väter, Brüder, Freunde, die im Felde nicht so viel Muße zum PMosoPhieren hatten. Ae haben siö jetzt. In England haben die Sozialisten ohne blutige Revolution gesiegt, in Rußland siegten sie durch blutige Revolution. Lenin und seine Anihänger veMndeten, daß ihre Taktik die einzig richtige sei und der Lehre Marxens entspreche. Daß sie nicht die einzig richtige tvar, beweist das englisM Beispiel schon jetzt; und daß der BoWelri-smus (als die marxistische Taktik) nicht die eirrzig marxistische ist, muß jedem Kar sein, der Marx u-wd Erygels kennt. Für die Revoilution, wo-Wemerkt für die blutige Revolution, war Marx in der revoUrlionären Glut von 18-18. Wer später akzeptierte er für de» Sozia-lisnms als hauptsächlichste und entscheidende Taktik den Parkamenbarismus, die Revöl«- t-isn mit Hilfe des Stinnnzeitels. Das hat Engels kurz vor srinLM Tode mit einer Bestinrmcheit ausgesprochen, die Iwe-isil und DiÄnssivuen ausMießt. In E-ngiland hat also Marxens Taktik auch gesiegt, nicht 4rur in Rußland; in England hat 'der reifere, der sozialistische, marxistische Marx gesiegt, und ertrat durch Rrchimarrifton den Sieg erningrn. Das Beispiel Englands wird die politisch TenLwden iu der NTberzeugnng bestärken, daß die blutige Rcvolutw-n eine alte Taktik -ist. Die unblutige Revolution (nicht nur die parlameniarische, sondern auch die literarische usw.) ist die MN-e TaM. Ohne die Revolution der Köpfe und Herze« bleibt die politische und soziale R-evolution oberflächlich. Man darf nicht jede Äufige Revolution auZfchiüen; aber, ma« mutz die Regel betonen, daß sie erst nach Aufbietung aller übrigen Resovmversnche gerechtfertigt ist. Und sie mutz vorbereitet sein: Eine Revolution ohne Reform ist ungerechtfertigt und nur ein GÄvaltak-t, ähnlich einem un» . FLrechrsertigrrn Krieg. Ter Mensch hat keine höhere Richtschnur für sein ganzes Leiben und für die Politik als die Erkenntnis, daß iba$ Leben und die. Pechöuilichleit des Menschen dem Menschen heilig sein unrß. Die russische Revolutiou hat nicht gebracht, Ivas Lenin erwartete, eben deswegen, >veL sie nicht genug refovmistifch war. Wir wollen ah-warten, was die englische RevMtion bringt. Wirch'chafÄich, siÄ-ich und überhaupt kulturell untersche.ider sich Rußland von England. Deswegen waren auch die -Revolutionert hier mtd dort verschieden. Das gilt schon für die Anfänge der englischen Revolution im siebzehnten Jahchundert. Vergleichen wir -die Perurtallu-ng Karls des Ersten «nd sei-u-e öffen-Äche Hi«riHt-N'Ng mit der Ermordung des Zaren. -Auch in -der Persölllichte-ir der Führer da und dort gi bt es Unterfchisde: Der russische Führer, erzogen und ausgewackMn unter dem gstvalttätigeu Zarismus, wurde fnih ein Revolutionär rrach russischem Muster; ein Verschwörer, ge-ivöhnt an die Geheimniskrämerei der Revlckriiouäre vom Fach, der Avift-okraten-Rovolntionäre, die au die Revolur tmn Rußlands und der Welt von oben glaubten — Bllvnqui, Baku-nin, NeLschijow. Im weseuÄichen die Taktik des Zarismus — die einen wie die anderen akzeptieren das alte Prinzip, daß die Völker geführt und beherrscht.werden von Min-orimten, großen Männern. Ein in seimui Wesen undemoLratisches Prinzip. Lenin harte gewiß auch das Schickfail seines eigenen Bruders vor Auge«, der im Kampf gee^n den Zarismus auf dem Galgen ^endete. Der englische . Revolutionär wurde in eiu-ern wustitutionelleu Lande und i m MOeitrroWyijattd» erzogen. .Er war am Unfang