Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-01-27 · Heft 1778 (27.1.1924) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1778 (27.1.1924)
Date
1924-01-27
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980861--17598-3004599
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■* Nr. 1778 Wien. Sonntag Literatur. Michael Graf Karol'st: „Gegen eine gan'e Welt" (Mein Kampf um den Frieden). Preise: Brosch'e.t 8 Goldmark, Halbleinen 10 Goldmark. Verlag für Kultur- Politik, München. Von allen Staatsmännern, die der unglückliche Kriegsausgang bei den Mittelmächten in den Brennpunkt der Ereignisse stellte, hat Michael Graf Karolyi, der berühmte ungarische Nevi-lnt'.onspräiident, v'esteicht da) bewegteste und härteste Schicksal erfahren. Sein Werk ist -rwie allezeit auch seine Betätigung nicht herkömmlich war — nicht von der üblichen Art der Memoirensch.e'ber. Ein Hcchcr'stokrat aus einem der ältesten Del Häuser Europas breitet hier die Tragik seines Lebens und Strebens mit der ganzen Kultur der Umgcbu.ng aus, in der er aufwuchs und von der er sich .als „Coriolan seiner eigenen Rase" schließlich abwandte. Nur Graf Karolyis großer, ihm leidenschaftlich ergebener Anhang, für des'en politische und menschliche Ideal« er sich in reinem Wollen aufopserte, indem er sich« für die Demokratie der Welt ins Feuer stell»«, hat ifjn nicht einen Verräter genannt. Ein Verräter schien Graf Karolyi freilich seinem König, den er angeblich — aber nicht in Wahrhe't — vom Throne stürzte. Ein Verräter war er in den Angen der feudalen ungarischen Magnaten, die ihm nie vergeben konnten, daß einer der ihren — und vielleicht der reichste — alle fe'—» Güter unter das Volk aufteilte. Und als Verräter, des'e r Kampfruf angeblich 1918 die Truppen von der Front fortlockte, wird Graf Karolyi noch heute vom wieder reaktionär gewordenen Ungarn verfolgt. Jetzt kommt endlich auch er. der sich über Mangel an Verleumdungen durch seine politischen Gegner n'e beklagen konnte, zum erstenmal selbst zu Wort. Zum erstenmal wird sichtbar, was er wirklich erstrebte, worin er wirklich der Handelnde war, und welche Mittel er versuchte. Er hatte ein Ziel: den Frieden. Für dieses Ziel setzte er alle Verbindungen ein, die dem Politiker von früher her zur Verfügung standen. Seine Wege zu Amerika und Frankre'ch. zu Poincare, zu Caillanx werden aufgedeckt und geschildert, seine Bemühungen, Italien 1915 durch Verhandlungen mit Sonnino vom Kriege abzuhalten, endlich sein Kampf mit Kaiseo und König Karl, um rechtzeitig durch Reformen im Innern die Rettung des Reiches zu sichern. Der ganze, große, brennende Umsturz zieht vorbei: die blutige Revolution, deren vornehmsten Helden einer er war. Darüber hinaus ist das Persönliche, das Graf Karolyi gibt, von außerordentl'cher Anziehungskraft. Er schreibt seine Memoiren als ein großes Bekenntnisbuch, wie es vielleicht nur noch Krapotkin einst geschrieben hat: nicht minder ergreifend, nicht minder innerlich, nicht minder großartig im Horizont. Enttäuscht werden allerdings die Gegner des Grafen Karolyi sein: sein Kampf „Gegen eine ganze Welt" ist der schwerste Schlag, der ge^en ihre bisher unwidersprochenen und darum sehr bequemen Legenden zur Verzerrung dieses hochstehenden Staatsmannes und Menschen geführt werden konnte. Natürlich hat die ungar'sche Zensur die ungarische Ausgabe, die soeben erschienen ist, verboten. Aber sie wird nicht verhindern können, daß Europa und die Welt von seinem bedeutenden Inhalt und seiner Wahrheit Kenntnis nimmt. Mchereinlauf. „Die Geschichte der jüdischen Presse", erster Teil. 18V bis 1889. von Sch. L. Z i t ro n. „L e b -e n", von Grob» f i e n s k i. „Wenn die Wege sich kreuze n". Tagebuch eines jüdischen Kriegsgefangenen von Abraham I w e n i z k i. Sämtliche drei Werke in indischer Sprache erschien im Eigenverlag der jüdischen Schriftsteller und Journalisten in Wilna. „Die neue Bücherschau". vierter Jahrgang, zweite Folge, dritte Schrift. Heraus^ per Gerdart Vohs. Eine Zeitschrift für jüdischen Kinderschuh. Un'er der Loit>un>g des Herrn Dr M. Peker iit sooben in Warschau die erste Nummer der Zeitschrift „Das Kind" in jüdischer Sprache erschienen. Die Zeitschrift stellit de erste periodische PMiVation dar. die die Fragen des Kinderschuhes und der Erziehung nmer der jüdischen BovMkernnig bebandeft. Die Zeitschrist wird von ld-r ftidiischen Gesellschaft für Waise nsü rsor g e in Koniareßpolen beransgegoben. „Gegen eine ganze Welt" („Mein Kampf um den Frieden"). von Michael Graf Karolyi. 1924, Verlag für Kulturpolitik. München. „Sozialpolitisches im Friedensvertrag". von Maximilian Brandeisz, Wien, 1923, Verlag der Wieu-er V olksbuch - Handlung. „Kyrie elei'on". Ein Roman von Juden und Christen aus dem alten Speyer von Max Joseph. Zweiter und dritter Vnnd, Kaiserslautern. Druck und Verlag der Hofbuchdruckeroi Herrn. Kayser, 1923. Gerichtssaal. Das MariUrium eines Kindes. Die Kasper wegen Mordes zu acht Jahren Kerker verurteilt. Gestern nachmittags ging der Prozeß gegen Elisabeth Kasper wegen Ermordung der kleinen Antschi Pum zu Ende. Die Frage auf Mord wurden von den Geschwornen mit neun gegen drei Stimmen bejaht, wodurch die Beantwortung dere Eventualfrage auf Totschlag cutfiel. Die Zusatzfrage auf Sinnesverwirrung wurde mit zwölf Stimmen verneint. Daraufhin verhängte der Gerichtshof über die Angeklagte eine Strafe von acht Jahren schweren Kerkers. In einem Zusatz hatten die Geschwornen gebeten, in Anbetracht des Alters und der geistigen Verfassung der Angeklagten Milde walten zu lassen. Befragt, ob sie die Strafe annehme, sagte die Angeklagte: ..Ich bin ja unschuldig." \ BNener Mnv^entkestnnX. Aus der Rede des Verteidigers Dr. W e ch s v e r g ist folgende Stelle zu erwähnen: Der kleinen Anna Pum hat die Gesellschaft, als sie tot war, ein glanzendes Leichenbegängnis veranstaltet. Dem lebenden Kind aber gab diese Gesellschaft keinen besseren Ersatz für die verstorbene Mutter o'.S eine Invalidin der Arbeit. Tie Psychiater, die fanden, daß die Angeklagte vollkommen normal ist, dienen einem Verwaltungszwecke, ähnlich wie seinerzeit die Militärärzte. Wenn im Falle Novosad das Verfahren eingestellt wurde, ohne die Angelegenheit von den Geschwornen nachprüfen zu lassen, dann gebührt dieser Angeklagten auch statt des Kerkers der Steinhof. Der Verteidiger hat die Nichtigkeitsbeschwerde angemeldet. Eine AUmentationsklase auf Sv Millionen monatlich. Vor dem Bezirksgericht Innere Dto>dt fand gestern bie V-erhatDlung über eine von de, Priva.en Fonni Kochn gegen ihren Gatten, den Miteigentümer der Vergnügu n g8et a bi is sein e n t 8 Ta.b.rin, Chipeau ronge und Max und Moritz erhobene Mimen'.crtionsklage amif monatlich 50 Millionen Kronen statt. Der Kla,ge zufolge hatte das Ehepaar während des Krieges ein Haufiergeschäft mit Schreibutensilien betrieben, bis im Jahre 1919 der Mann nach. Berlin fuhr, wo er sich ein ungeheures Vermögen erwarb, so daß er die drei Brrgnügungsetabl'isse-- meitts ka^usen konnte. Jin Hot>e!l Bristol bezahle er jetzt täglich 470.000 Kronen täglich und besitze mehrere Autos. Der Vertreter des Gesagten betritt die Richtigkeit der Angaben und gah an. Ko>hn sei infolge Unverträglichkeit seiner Frau, die ihn sogar mit Poüzeigvwrli aus seiner eigenen Wohnung entfernen wollte, genötigt gewesen, Wien zeitweise zu verlassen. Das erste Geschäft se, kein Hausiergeschäfr gewiesen. Die Klägerin hckbe in Berlin eine Alimentationskioge eingobracht und er sei zu einer monatlichen Alimentation von zweieinhalb Millionen Kronen verhakten worden, die er zahlte. Bon dem Kaufpreis der Vergnügungsot-ablissements per 3.3 Milliarden halbe er die Hälfte, die andere HAfte Herr Josef Soyka bezahlt, der das Geld vonderKreditanstalt entlieh. Beklagter habe auch ein Darlehen von 420 Millionen von der Kreditanstalt erhalten. Er schulde noch 3 0 0 Millionen. Sein monatliches Einkommen betrage bloß 10 M ill i o nen. Ein früherer Geschäftsführer der BergnügungsHokäle gab an, daß die LoMe eine Bruttoeinnahme von 70 Millionen im Tage haben und daß in der Silvesternacht Tabarin und Ghapeau rouge 481 Millionen einbracknen. Eine Flasche Champagner kostet- 12 Millionen Das Gericht fällte eine einstweilige Verfügung, wonach der Geklagte drei Millionen monatlich an seine geschiedene Frau zu zahlen habe. In der Begründung wird erklärt daß eine Bestätigung der Angaben über das bchauipieie Milliiirdonvermogen des Beklagten nicht erbracht worden sei. Die Verhandlung selbst wurde zur Einvernahme weiterer Zeugen verragt. An Mrsenvroreß. Das LcmdcSeericht bcfc>ß.e sich gestern mit der Saildoklage des Bankhauses Harbuno u. Co gegen die Kaufle-u'e Bernhard Hivschon und Joses Dt rat iner auf Zahlung von 26 Millionen Kronen. Das BankhMtz hatte für Rechnung Stratiners unter Bürgschaft des Hrrschon an der Börse verschiedene Kauf- und Verk-aufsaufträge durch^cführt, die bet der Abrechnung einen SchuL>betrag von 26 Millionen für die Beklagten zur Folge hatten. Der Vertreter der Beklagten machte den Einwand von Spiel umd Webte geltend und bezeichnete das Klagöbegehreu bezüglich eines Betrages von 12 Millionen als gegen die guten Sitten verstoßend, weil die in Abrechnung gebrachten Borlagsprovisionen von durchschnittlich 2 Prozent pro Woche nie vereinbart worden waren und ungemein hoch seien. Die BeMag'en feien von einem Remissier des Klägers, der erklärte, man könne mit einer Million Kronen bis z u hundert Millionen Kronen an der Börse bei seiner Firma spielen, zum Bövsenspiel verleitet worden und die Wertpapiere seien von ihnen nie übernommen worden. Der Beklagte H i r s ch o n sei Kellner, und es sei volkswirtschaftlich ungemein schädlich, wenn die wirtschaftlich schwächsten Kreise zum Börsenfpiol verleitet werden. Der Beklagtenvevtrvter verlangt die Ladung des Generalkommissärs Zimmer man, des Bundeskanzlers, des Finanzministers und des Präsidenten der N a t i o n a l b a n k, die sich des öfteren in diesem Sinne ausgesprochen haben. Der Klagevertreter bMmPfbe die Einwendungen und führte aus, daß es sich nicht um Spiel und Wette gehandelt habe. Der Gerichtshof beschloß, die Berhaüldliung zur Durchführung von Beweisen, besonders zur Einvernahme eines Sachverständigen über die Angemessenhcil einer Borlagsprovision zu vertage^ §7. Jänner 1924 Sekte IL Volkswirt. . Gestempelte Krone ----- 0.0081V, Centimes. Anszahinng Wien --- 0.008188 Centimes.?n Zürich notierte 26./1. 25./1. die Lßerr. geltenivelte Krone .... 0.0081 *4 0.0081V, He österreichische Krone ...... 0.008125 0.008187 die tschechische Krone. 16.75 16.807, die Mark ...... pro Milliarde kolland . 214.85 Aew-P'ork. 580.- 579.87 London ... 24.49 24.48 Baris. 25.95 26.- Mailand .. 25.12 25.15 Belgrad............ 6.60 6.60 tknkarest . .. 2.89 2.90 Sofia.. 4.12 4.12 2.Htbctpcfl •#•••««••••» 0.0205 0.02 Warschau .. —! . Sie Aufwertung. Nachdem der österreichische Finanzminister gesehen, daß. sich die Austvevtnmig nicht auf die lange Bank werde schieben lassen, hat er in der vorgestrigen Nationalratssitzung angekündigt, daß er in der nächsten Zeit das Aufwertungsgesetz einbringen werde. Die O-effentlichkeit hat sich bisher mit dieser Frage ziemlich lebhaft beschäftigt. Die Ansichten sind äußerst verschieden. Bisher hatten es die Aktiengesellschaften ziemlich leicht. Ihre stillen Reserven konnten sie sehr leicht verbergen. Sie haben einfach den größten Teil, ihrer Aktiven in ihren Bilanzen mit den früheren Werten belassen, ohne die nach der Inflation emgetrene Wertverä-nderrmg zu berücksichtigen. Was tatsächlich einen Milliardenwert repräsentierte, figurierte gewöhnlich in den Bilanzen mit Millionen. So war es leicht, der Oeffentlichkeit ein anderes Bild üfr?r den Stand des Unternehmens zu bieten, als es tatsächlich vorhanden war. Fast sämtliche Aktiengesellschaften haben von dieser Praxis mchr oder weniger intensiv Gebrauch gemacht. Das Aktiennominale blich in den meisten Fällen ans demselben niedrigen Niveau wie vor dem Kriege. Während die Aktie mrf ent Nominale von, 100 oder 200 K. lautete, wurde sie tatsächlich an der Börse mit einer Viertel- oder einer halben Million gchandM Wenn sich schon eine Gesellschaft dazu herbeiließ, 3000 oder 4000 jetzige Kronen als Dividende zu verteilen, so konnte sie ixt fr 4 ruhig erklären, daß sie 2000 Prozent Dividende bezahle. Prozentuell gerechnet ist dies allerdings eine hohe Summe. Doch im Verhältnisse zu dem tatsächlichen Handelswerte der Aktie war diese Dividende doch nicht mehr als 0,5 bis 1 Prozent. Natürlich konnten solche Verhältnisse auf die Dauer nicht mchr bleiben. Einmal mußte doch der Tag kommen, wo die Bilanzen endlich dem tatsächlichen Werte entsprechend umge-- modelt werden, wo die Aktiven mit den heutigen wirklichen Werten eingestellt werden und das Aktiennominald endlich auf eine dem heutigen Werte der betreffenden Aktie entsprechenden Höhe lautet. Diesem Zwecke soll das Anfwertungs-, oder wie es m Fachkreisen vielfach genannt wird, das „Umwertitngsoesetz", dienen. M.rdinas weiß heule der Finanzminister, der in seinen Aktionen ziemlich zögernd und mit einer gewissen llnsicherhert vorgeht, sevber noch nicht, wie eigenftich diese Umwertung vor sich gehen soll. Ein in einem Wiener DocheMatt veröffeniilichter Bericht darüber war nur ein unverbindlicher Entwurf eines Referenten, der die Richtlinien für das Finanzministerium bei der Fassung dieses Gesetzes nicht ganz richtig wiedergegeben hat. So konnte ruhig der Finanzminvster vorgestern erklären, daß er selbst noch nicht genau über den Inhalt des Gesetzes Bescheid wisse, daß er aber nur so vi l sagen könne, daß dasselbe „fakultativ" sein tverde, das heißt, daß nicht jode Aktiengesellschaft das Gosetz werde anwenden müssen, sondern daß es in dem freien Belieben einer jeden stchm soll, ns> sie sich dazu stellen werde. Es ist also nichts mehr und nreyrs weniger damit gesagt, als daß die Aktiengesellschaften, seien es nun Banken oder Industrien, so Vorgehen werden, wie es dem botreffrttdett Verwaltungsrate, beziehnirgsweise dem gewissen Konzern, dem die betreffende Gesellschaft ang hört, passe. Durch diese bloße Erklärung hat schon der Finanzminister dem Nmwertungsgesetz jedes Gewicht giuommen, denn logisch gedacht, werden selbst diesenigrn, welche schon die Ilmwertung vornehnten, da sic dazu tticht gezwungen sind, dabei so Vorgehen, wie es ihnen gerade paßt, und cs ist gar nicht ausgeschlossen, daß sich disfelben Mißstände ergeben werden, wie sie schon jetzt durch die Verschleierung der Bilanzen zum Ausdrucke kommen. Es hieß zwar anfangs, daß das Finanzminiftorinjm die Absicht Hab.-, denjenigen Unteruehntungen, welche die Aufivertung tatsächlich Vornohmen, gewisse Steuererleichterungen zu gewähren, um sie dadurch zur rvstlosen Aufwertung anzn" eifern. Es ist aber fraglich, ob sich die einzelnen Unternehmun-« gen durch ein solches Lockmittel werden tatsächlich dazu hevbeilassen, die dem Gesetz entsprechende Aufwertung durchzuführen. Der öfterreichifche Nationalrat dürft« in dieser Hinsicht «och Alle Arten von Bankgeschäften Kommandite der Kroatischen Eskomptebank. Agram Wien, I. Seitzergasie 4 'EÄX>8e Telegrammadresse Telephone: 60-4-82, 60-4-93. 63-4-85, 64-4-42. 68-4 78. 69-4-82 10465 Kredituna Wa ren gesch äfte Frapobank 2925581509752971

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.