Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1778 (27.1.1924)
- Date
- 1924-01-27
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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c*tk 8_ Men, Sonntag Meine PalMna«! Von Anitla Müller-Cohen. 2.*) Zur Psychologie der Paläftina-Neisenden. Nach Paläst'ni barf man nich^ nur dru pr-zifamm Gefühlen des W-ol!n>mjcg!e:§ qeh-n. PalÄ'una ist kein Land, in dem man di« Bcchniho.se und Hotels kritisieren kann, in dem man Musern un>d 3)eifmä;er bei ich?:-:: und zum Schi'uß mir dem vergnüglichen Beioußscin weiwrrcüst, daß man alles gesehen mild über alles ein Msällipes Uv.eii zu fällen imsba-ni e ist. Ter Durchs^n:-'-!8reiseulde von diesem Typus hat in Palästina nichts §u suchen. Nach Pa>lästi.n-a muß man gehen, wie zu der Äten Mutier, die man tenne, lange nicht gesehen hat und an deren Gesicht man die Falten und Runzeln der Fahrt niemals bemerk. Palästina ist für uns Fnden d e ahe Mmrer, zu der wir aus weiter Ferne uns immer zurückschnm. Ein« erKeckliche Anzahl Palästina-Reisen» er kommt m das Land und fwfoct das Hotel, in dem man aÄ'teiigt für nicht gnmgenid bequem — obwohl das Hotelwesen PÄästams schr gm zu nennen ist, üibevwägt dann seine allerhöchste Un;uftiedenheit über die mch: bestehende Warmwasserleitung auf das SanD und zweise'l't am der Zusunift. Ein anderer wieder, und auch diese sind «in nicht germgeer Zahl, geh: mit vorgefaßten MeimunHen und Illusionen nach Palästina: leb: dort «»tweder in dem Traumreich semer Illusion:n weiter und sieht von dem Lande nich:s oder entdeckt, daß seine Phcn asie mkt der Wirklichkeit herzlich wenig zu tun hat, komm: enttäuscht zurück und ertzähbt Schauermärchen. Dann gib: es wieder Beryn'üpu nysre'/ende und Touristen mit allen dcn Hunde« charakteristischen Eigsntümilichkeiten dieser Menschen. Da gibt es Leut«, die es nicht verstehen können, warum es in Palästina kahse Berge gibt und warum so wenig Dwt^ekpcrkmen sind nutz warum man aus der Landstraße keinem Löwen mehr begegnet. Diesen sonderibaren Käuzen scheint es, als ob die ganze Erdoberfläche nur darum da wäre, nur ihn 'n bequeme Pfade für eignen Auszug und gut« Wirtshäuser zur Ladung des Ma-genS zu bieten. Gewiß, mau sicht eine Unzahl prachtvollster Narurifdlwnherten in dom Heiligen Lande, wie sie vielleicht kein Analogen in der ganzen W-ölt haben, man wa:tdev: in Städten, deren Lage einen Vergleich mit irgend einer der bekamrwn eurcpäische« Städte nicht erlaucht, man sicht den Goss vo-n Haifa und vergißt den Goss von NeapÄ, man sieht den weinvobauten Karmel und den schneobedeckteri Libanon: achcx für den PaLästina-R-eisendon, der mit geschich-lichem Berstämdms unid jüdischem Gefühl Evoz Israel bereist, ist all das von nabonsäch« licher Bedeutung. Der In de, der nach Palästina kommt, kommt in das Land des jüdischen Volkes und hat nur den einen Maß st ab für alles, was er sieht: seine Bedeutung für das jüdische Volk. Diese Richtung des Blickes aus die Zukurft und Ver^an^cnheiit des jüdischen Volkes erweckt ein GMHl inn.rlicher Zusanmnengchörigkeit u>nld richte:: den Mick immer wieder mrs Momeme, die für die Zukuns: des jüdischen VoÄes von Bedeutumg sind. Das ist der Grund, weshalb wir noch h.mte so leibhaft das Verbot, über Palästina Schlechtes zu sagen, nachempsinden kSmrm. An Palästina wich: zu glaubee:, wäre ja Keichbodeutend an der Zukunft des jüdischen Volkes zu verzweifeln. Das aber ist mrjüdisch u-nd da>her mit Recht verpönt. Was bei dieser Art des Sechms der Dinge in Palästina an Obje-livrät nach verbleibt, wird stark beeinflußt durch zufällige Umstände und hauptsächlich dadurch, wem man begegnet und wer einen informiert. Hai man das Pech und IM: man einen Rebich, der durch eigene Unüchtigkei: und Ungeschulcheit nicht vorwärts kommt, so hört mau natürlich von de>n Zu>stä>nden dir greulichlten Berche. Tenn Viole kommen nach Palästina, die für die harte Arbeit nicht taugen, die sich in die ungewohnten BerhL-tn-isse schwer sin« en und die sÄbstverstaMich für das Probieren teueres LchreM bezahlen. Gar mancher hat in seinem Heimatsland einen anderen Berus gehabt unk) sah sich in Palästina veranlaßt, Ulmzufat:skn. Er verstand seinen neuen Beruf nicht so gut wie den alten und hatte zeiÄveikig Mißerfolge. Er würde fir cdenso in Wien, Berl-in. London oder Amerika haben. Dort aber würde er seine Mißerfolge dertheimilichen, um nicht ein Schlemrl genannt zu werden rmd an Kredit ein-udüßm. In Paiasti.ua spielt er sich auf den Na-tionallmärtyrer hinaus und schiebt die Schuld dem Land« in die Schuhe. Wobei nmnerh'n zugegecden Werdau muß, daß die ökon-omischen Verhältnisse in PaMlina derart sinla, daß sie dem Fortkommen des einzelnen Schwieriakeiten bereiten, welche jedoch keineswegs bei entsprechender Tüchtigkeit und Ausdauer als unüberwindlich bewachtet werden' können. Dazu kommt noch sin Umstand. Das Land ist klein und die Anzahl der Jmden noch kleiner. Hat eÄvmail irgendwo einer der wenigen J-n'-ustriellen Mißerfolg, so erzählt man darüber sofort in dom ganzen Lande. So geschieht es, daß man von allen Pessimisten immer nur die nämlichen füns Fälle zu hören bekommt. Wenn man noch in Betracht zieht, daß der wer aus größte Teil der jüdpchen Emwohuc: Palchlinas nicht sellständig ist und nur sm ganz geringe'. Teü aas eip>m,r Kraft quasi als Unternehmer tätig ist, so wird man verstehen, weich übermäßig großes Ecko ein Mi. Fall errag', wo aus Gründen, die mit der Deschassenheit des La.ndes nich.s zu tun hoben, ein Wivtschcos'tssutbjrkt zu Falle kommt. Die Lebensbedingungen in Palästina sind so eigenartig, daß ohne die Erfahru.nyen von langen Johrm Fch'er und in ihrer Folg« mißliche wirtschoif.iliche Echleiniuroen nicht zu vermeiden sind. Dielleichl eben darum muß mau die g.rade in Wiener Morstenzeitnng. allerletzter Zeit erhofft« Ansdehming der Privat initiative wärmstenbvgrüßen, weil dadurch einer großen Anzahl Mensch.'n di« Mösllichikoit geboten wird, umzulernen. Und dieses Umlern'.'n ist die Vorbedingung der erfolgreichen jüdischen Arbeit in Palästina. Eine Ergänzung der Landwirtschaft durch die Industrie schein: mir unbedingt von nöten xn sein. Nichtsdestotveniaer bleib: die Einstellung des Palästina- Reisenden, der di« Dimae mit jüi'ischen Augen betrachtet, ein« vorwiegend gefühl-mäßige Es gibt, es kann kein Land für »ins J'.'du: göben. das so schön, so gu>'. so'prachtvoll tväre wie PaMina. und es mögen da die Nörgler und Volkstvirufchaftlichen Genies dagegen ein>wud?n, was ihnen beliebt! Ausländer Exporteure kaufen am vorteilhaf'esien 553 Gummimäntel erstklr-ssige Gummierung und Ausfohrung bei REGMANi Gummimäntelfabrik Wjrn, III. Heumarkt 7, Beatrixgasse 26. Telephon 585 Ein musikalisches PHLuomen. Pietro Mazzini. Ein fnnfeinhalbjähriges Wunderkind, der kleine Pietro M a z z i n i, beginnt das Interesse weiter Kreise auf sich zu lenken. Im November 1922, gerade als er fließend französisch und italienisch lesen konnte, lehrte ihn seine Mutter, di« Frau des in Paris lebenden italienischen Journalisten Pietro M a zz i n i und unter ihrem Mädchennamen Carla B e n a s s i als bedeutende Sängerin bekannt, die Noten. Nach fünfmonatigem Studium spielte er Mozart lmfo Wagner, und am 29. April 1923 debütierte er öffentlich in Paris in der Salle Plcyel, wo er die Cavatine aus Rossinis „Barbier von Sevilla" und einige Sonatinen von Element! auswendig spielte. Das Auditorium bereitere ihm stürmische Ovationen und der Anfang seiner Musikerlcmfbahn hatte glänrend eingesetzt. Schon wurden ihm verlockende Angebote für Gastspiele in Frankreich, England und Amerika gemacht, die teilweise angenommen wurden. Er spielt jetzt das Menuett aus der Symphonie op. 44 von Haydn, eine Sonatine von Beethoven, die Mazurka in D-Moll und das sechste Prelude von Chopin, Stücke von Rossini, C l e m e n t i, B e r g m ü l l e r usw. Man nennt ihn den „italienischen Mozart". Pietro lvar kaum zwei Jahre alt, als er bereits vollkommen richtig die Arie der Gilda aus „Rigoletto", das Gebet arls „Tosco" und einige Stellen aus dem „Barbier von Sevilla" uni) der „Lucia von Lammermoor" singen konnte. Er begleitet seine Mutter am Klavier und spielt Arien, Romanzen und Lieder von Iomnrrlin, Falconieri, Schubert, Berlioz usw. Bei seinem exsten Konzert in Paris spielte er auf dem seinerzeit, vou Chopin benützten Klavier, tvobei er sagte: „Ich bin noch so klein, Chopin hat nichts Schlechtes von mir zu erwarten." Meister Tl-eodore D u b 0 i s, zu dem sich ein .Künstler bewundernd über das kleine Wunderkind äußerte, sag'« damals: Ja, das wird der neue Saiut-Saens sein. Das ganze musikalische Paris sprach damals von dem Wunderkind«. Geboren wurde Pietro Mazz-ni am 12. Dezember 1917 in Frankreich, wo sein Vater Leiter einer französischen Revue war. Schon früh zeigte sich die Begabung des Kleinen. Mit neuen Monaten gab er mit dem Kopfe Takt, und als eines Tages ein italienischer Tenor zu Bestich kam, sang er im Mer von einigen Jahren mit Klavierbegleitung das ganze Duett aus dem ersten Akt der „Boheme" von Puccini. Die Mutter, die selbst eiue Schülerin von Alessandro V 0 n c i ist, scheint die enorme Begab'.mg des Sohnes larrgsani gapflegt und entwickelt zu haben. Man mag über solche Wunderkinder denken wie man will und darauf verweisen, daß der kleine Mazzini Vorgänger gehabt hat und nicht die einzige Erscheinuitg dieser Art ist: Das eine steht fest, daß wir hier einem musikalischen Phänomerr gegenüberstehen, das besmtdcre Beachtung verdiettt. Wien wird übrigens im nächsten Monat Gelegenheit haben, sich zn überzeugen, ob der kleine Italiener den Ruhm verdieltt, der von Frankreich aus seinen Weg genommen hat. Er wird am 10. Februar hier auftreten. Iie KaLoorle-Mtung. Wir haben berichtet, daß die palästinensische Regierung das Legat Kadoories in der Höhe von 120.000 Pfund allgemeinen Bildungszwecken in Palästina zuführcn wollte. Wie der Ierus-a-lemer Vertreter der J.^ T. A. erfährt, hat pun die Regierung nach einer Besprechung zwischen dem Mitglied der Zionistischen Exekutive Kolonei Kish und dem Leiter der Erziehungsabteilung der Zionistischen Exekutive Dr. L u r i 0 mit dem Direktor des Bildungsdepartements der palästinensischen Negierung den Ne« gierungsbeschluß, wonach aus der Stiftung des jüdischen Philanthropen Kadoorie eine allgemeine Schule für die ganze patlästineusische Bevölkerung errichtet werden soll, zurückgezogen. Cs sollen nun aus dcn Mitteln Kadoori s zwei petrcn.ue höhere Schulen, di« eine mit h >e b r ä i s ch e r, die andere mit arabischer Unterrichtssprache errichtet tverden. eine Segrlbostwerst niedergebrannt. Berlin, 26. Jänner. (Tel .d. „Wiener Morgcnzeitung".) Die am Tegelersee gelegene Werft Archimedes ist gestern abends völlig niedergebrannt. Ueber 10 Ruder» und Segelboote, i darunter auch einige Hochseejachten, die von den Seaelvereinen dort eingestellt waren, sind verbrannt. _27. Jänner 1924_ Nr. 1778 Aus dem jüdischen Allwien. Von Ludwig Bato. Aufstieg und Verfall. Um die Siebzigerjahre des 18. Jahrhunderts voll» zieht sich eine tiefgehende Wandlung in der Wiener Judenheit, die bis zu diesem Zeitpunkte das Leben der Diasporajuden führt, wie es sich im Laufe der Jahltau^nde .herauskr st 1l s ert H:t. Die'e al ehrwürdigen, üierkomme eu Sitten und .Gebräuche werden plötzlich durck) die LebenSformear der Umgebung verdrängt; der einzige Faden, der die durch die Befehle der Obrigkeitisolierten Wiener Juden mit! ihrem Volke verknüpft, wird dadurch zerrissen. Nicht allmählich, im Lau'e einer cr^anishen Entwickluing, wie allenthalten, wird dcr alten „Jüdisch'e't" Lebevohl ge'agt, nein, die Absage an die Ucberl'e erung erfolgt in Wien ganK unverhofft, ohne jegl'chen Ueiergang. Am allerdeutlichsien ist diese Wandlung am Heiligen Verein (Chewrah Kadischah), zu erkennen. Die geradezu' asketischen Statuten die er 1764 gegründeten Bnlderschaft werden nach wenigen Jahren von ihren Schöpfern ganz wesentlich gemildert, wobei die Bestimmung getroffen wird, daß alle Obliegenheiten der Mitglieder, als da sind: Fasten am Rüsttage des Neumondes, Verrichtungen bei Toten, Besuch der Talmudvorträge und der Bctftube der Chewrah, durch Geldspenden abgelöst werien können. Einer der Gründer des Vereines, Abraham Wetzlar, der die Gültigkeit der frommen Satzungen durch eigenhändige Unterschrift bekräftigt hatte, geht noch weiter: er läßt fick taufen und verschwägert sich nach seiner Erhebung in den Freiherrnstand durch die Heirat seiner Töchter miö . den feudalsten Familien Oesterreichs. Und mau begreift es: der Schwiegervater der Grasen Larisch und Festetich kann und will nicht mehr den. Nüsttag des Neumondes in Buße und Einkehr begehen... Es ist klar, daß die Abkehr von den alten Sitten mit dem freundlichen, manchmal sogar freundschaftlichen Verkehr der Juden mit ihrer nichtjüdischen Umgebung zusammenhäugt. Wie weit dieser geht, erhellt aus einer Beschwerde des Kardinals Migazzi, der sich 1778 bei Kaiserin Maria Theresia darüber beschwert, daß d e Juden „mit den Christen in vcrtraul'chem Umgänge stehe::, Gast- und Kasseehäusec besuchen", ferner daß s'e sich'wie die Adeligen kleiden und die noblen Plätze im Theater besrwheu. Um dieselbe Zeit führt auch die niederösteoreichische Negierung Beschwerde gegen die Juden: „Nur einen einzigen solchen" — heißt es in der Anklageschrift — „wegen seinem Anzuge sehr in die Augen fallenden Juden will man in der Person des sich ausgebenden' galizischern Hoffaktors Königsberger, sonst Salomon David jun. genannt, zum Beispiel darstellen, ivelcher sich sogar anmaßet Degen zu tragen und da er nicht nur in der Hoftrauer gekleidet ist, so ist er auch ansonsten m seinem Anzuge von einem Cavalier nicht zu unterscheiden . . . Sie erscheinen-in öffentlichen Tanzsälen und Gasthäusern, sie speisen in denselben mit den Christen und verleugnen hiedurch ihre Religion, welches das übelste Kennzeichen ihrer Gemütsart ist und nichts weniger als zu ihrer anhoffenden Bekehrung die Hand bietet... Sie sollen wenigstens wie bisher ihre rund abgeschnittenen oder gekrausten Haare oder die runden Perücken be'behalten . . . besonders aber sollen sie sich von Haarzops-, Haarbeutel- und Teger:tragen enthalten, welches letztere ohnehin nur deu Adelicheu zukommt. . Und nun entsteht die Frage: Wie kommt es zu diesem plötzlichen Umschwung? Jahrtausende lang hat das jüdische Volk an seinen Lebensformen festgehalten. Woher diese, plötzliche Abkehr? * Das 18. Jahrhundert in Oesterreich ist eine fast mrunterbrochene Kette von 5^riegen. Noch glimmen um die Jahrhundertwende die letzten Brände des Türkenkrieges, der nur eines leisen Luftzuges bedarf, um in der Folge immer wieder aufzulodern. Der spanische Erbfolgekncg gibt den Auftakt zum neuen Säkulum, ihm folgen auf dem Fuße der österreichische Erbfolgekrieg und der schlesische Krieg. Den Neigen beschließt der ach! so vergeblich geführte siebenjährige Krieg. All diese Feldzüge, die an das österreichische Wirtschaftsleben große Anforderungen stellen, haben das Aufblühen der Bank- und Geschäftshäuser im Gefolge. Wie nach allen Kriegen, entstehen große Vermögen und die geringe Anzahl der „tolerierten Israeliten" in Wien — 1782 gibt es insgesamt bloß 40 Familien — gelangt zu großem Wohlstand. Im selben Maße wie sie reich werien, vollzieht sich auch ihr gesellschaftlicher Ausstieg. Einige unter ihnen werden in den Adclstand erhoben, der im Zuge der Geschäftsverbindungen mit dem Staate und den Mächtigen des Reiches gepflogene und sich daraus ergebende Verkehr wird immer inniger und der Widerstand gegen die Versuchung, die alten jüdischen Lebensformen, die sich hiebei als hinderlich erweisen, über Bord zu werfen, immer geringer. Die leichte Anpassung der Juden und ihre Ausnahme in die Gesellschaft der nichtjüdischen Umgebung wird aber auch durch die geistige Nevolution, die vou den französischen Enztrllopädisten ausgcht, begünstigt. Die Leh.en Voltaires und mousseaus verbreiten sich mit einer für die damalige Zeit ganz unwahrscheinlichen Raschheit über ganz Europa und ihre gegen die überlieferten Begriffe der Religion, Ethik und Staatslehre verkündeten umstürzlerischen Ideen finden allenthalben — und nicht zuletzt in Wien — begeisterte Anhänger. Die'e Ideen sind es, die die Nrchtjudeu dem mißachteten, alten Stamm gegenüber günstiger stimmen und die Juden hinwieder der Ueberlieserung der Väter abspenstig machen. Die Aufklärung, die die Schutzivälle des Christentums abzutragen beginnt, karur vor dem Juden- *) Siehe „Wiener Mvrgcnzrwung" vom 23. Jänner 1924.