Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1778 (27.1.1924)
- Date
- 1924-01-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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'©me o Dnen. Tonntag ein jüdischer Müler. Gedenkblatt für Josef Israels. Ein jüdischer Maler — das kann ein armseliger, alltäglicher Begriff sein, aber auch einer, der e'n-e große Veit schlicht umfaßt. Auf Josef Israels angewendet, tut sich in ihm eine große Welt aus. Israels N>ar berühmt zu einer Zeit, da er noch nicht bekam« war: der Ruhm einer singulären Persönlichkeit, die das Glück hatte, ein halbes Jahrhundert lang der feste Pol zu sein im Wirbel zahlreicher Richtungen. Als Sechzigsähriger ist er wieder jung geworden. Als Sechzigjähriger hat ihn die Schaffenslust und der Enthusiasmus eines Jünglings erfaßt. * Das was Israels den anderen großen Künstlern seiner Zeit voraus hat. ist die malerische Tradition seines Landes und die ethische Tradition seines Volkes. Er kommt aus Holland und er kommt aus der Judengasse. Seine großen geistigen Ahnen wie Rembrandt und sein harter Anfang haben ihm die erste Formung gegeben. Seine Größe, sein Genie ist — seine Empfindung. Nicht Zeichnung, nicht Farbe: das Milleid für die Krea'ur, die er zutiefst erfaßt, gibt ihm die bildnerischen Ideen. Er steht uns nahe nicht so sehr als. Zeichner oder Maler, sondern als Mensch, dem die Welt sich zitternd erschließt. Das Alltägliche — bei ihm wird es wunderbar. Die primitiven Funktionen des Lebens bekommen etwas Feierlich-Geheiligtes, fast Erhabenes, Pathetisches. Lange Zeit ist er der rn^eaana'n, hat er um akademische Motive nch bemüht. Als er sich als einen Sohn seines alten Volkes erkannt hat e, erkannt er auch das Wesen der Kunst. Er ward schliß und Umf Schminke und Romantik über?ord. Seine Bilder bekamen den einfachen Stil, wie die Propheten ihn haben, ohne literarische Floskeln, ohne jene Dosis Geistveichtum, das so viele gute Talente verdorben hat. Nun atmet in seinen Werken eine Innigkeit und Frömmigkeit, die ihn dm alten jüdischen Dichtern verwandt macht, die ihn zum großen Menschen stempelt. Eine starke lyrische Empfindung ist in ihnen, so daß man sich hingezogen fühlt zu den Händen, die solches gebildet haben. Und inmitten der Düsterkeit seiner Bilder, aus der Schwermut heraus: Licht! Licht!' Helligkeit! Sehnsucht nach einem Strahl des Himmels. Dieses Fünkchen Licht macht seine Bilder zu Symbolen einer lieben, zarten, gütigen Seele. Er hätte die herzliche Innigkeit gehabt, die Bibel zu malen. Ein Leben, reich an Schaffen, ebenso reich an Schafftnsglück und seltenerweise auch an Erfolg: ihn aber, den Erfolg, verdankt Israels keiner Mode, keiner Konjunktur, keiner kunsthändlerischen Mache. Er hat sich ihn d u r ch e i n L e b e n f ü r s e i n W e r k geschaffen, worin eine einzige, individuelle Naturauffassung niedergelegt ist. Seine große Liebe, seine Hingabe an die Natur! — Die schönste Widerlegung -der Fabel, daß dem Judm die Natur fremd sei. Kunsthistorisch nimmt Josef Israels längst schm den Platz ein, der einem Meister seines Ranges gebührt. Aber im Herzen seines Volkes lebt er noch nicht, obwohl ein Jahrhundert seit seiner Geburt abgerollt ist. Oskar R o s e n f e l d. Aus den Aufzeichnungen eines jüdischen Dolmetschers. Von Jakob Kransz. 2. Eisenbach als Sachverständiger.* W a - sind „P e t i t e s"? Ich war damals Redakteur des „Jüdischen Volksblattes" und führte einen erbitterten Kanlpf gegen die Verunglimpfung und Verhöhnung der Juden auf den Theater- und Varietebühnen. Ich will gleich feststellen, daß ich hierbei keinen allzu großen Erfolg hatte. Als der Kampf in meinem Blatte kurze Zeit ruhte, flog mir eines Tages die folgende Moralpredigt eines „entrüsteten Lesers" auf den Redaktionstisch: „Zehnmal war ich jetzt hintereinander bei den „Buda- Pesi-ern. Zehn Abende hindurch mußt? ich die Schmach über mich ergehen lassen, datz mein jüdisches Volk von jüdischen * Siehe „Wiener Mocgenzeitung" vom 20. Jänner l. I. Wiener Morgenzeiturrg._ Possenreißern vcrhomglt, in den Kot gezerrt wird. Wissen Sie, was es einem üb-er'euaten Inden bedeutet, zehn Nächte inmitten wesens'remder Brüder und Schwestern zu sitzen und zu sehen, wie sie sich an den jüdischen Zoten ergötzen und dabei -ich vm Lachen wäl-en?! Was tun Sie inzwischen? Warum erfüllen Sie nicht Jbre Pflicht, die Ihnen tausende von ‘M'vtt übertragen baben? Netten Sie uns. befreien S'e das jüdische Volk vru dieser Schande, ehe es zu spät ist...!!!" Ich fühlte, wie ich niedergeschmettert war. Tausende Leser brüllen mir unisono ins Ohr, daß ich pflichtvergessen bin. d'ß irb durch meine Lauheit, Gott behüte, die Befreiung dekadischen Volkes von einer Schande versäumen könnte. Die Schamröte stieg mir ins Gesicht, ich spürte es in allen meinen Gliedern, daß ich entrüstet, gayz sittlich entrüstet bin/ Mit dem unerschütterlichen Entschluß. dieser sbrnachvolleu Situation sofort ein Ende zu bereiten, stürzte ich aus Telephon und bat die Direktion der „Budapester" um einen Freisitz. „Logensitz, bitte! Möglichst vorn!" * Der Theatersaal des Leopoldstädter Hotels, in dem die „Dud.ipester" damals svielten, war dicht gestillt. Mit Rauch, Dunst, Schmutz und Menschen. Mit Menschen aller Kate« gorien. Juden. Christen, Zivilisten und Offizieren. Der B llcteur raunte mir beim Eintritt zu, daß heute auch mehrere hohe Herren gekommen seien. „Prinzen, vom Hof", unterstrich er mit Augenzwinkern. Meine Nachbarn an dem mir zugewiesenen Logensitz waren zwei junge jüdische Advokaten. ein großer dicker, mit jovialen Gesicht, und ein kurzgeratener magerer Pfiffikus. In ihrer Gesellschaft befand sich ein christlicher Advokaturskandidiat, der mit Vorliebe jüdelte. Sie waren leopoldstadtbekannte Habitues bei den „Budavestern". Ein Klavierspieler hämmerte mit unverkennbarer Wut auf die Tasten eines Marterinstruments ein. Im Zuschauerraum wurde die Unterhaltung immer lauter, je kräftiger der Pianist auf das Klavier einhieb. Auch an unserem Tische war die Konversation bald in Fluß geraten. D'e drei Juristen sprachen von ihren Prozessen, machten sich über ihre Klienten lustig und glossierten die weisen Aussprüche der Richter. Zwischendurch stieß man an, leerte ein Glas Wein und richtete die Kollegen aus. Die Stimmung wurde allmählich wärmer, gehobener. „Was machen wir ln der dummen Ehrenbeleidigungssache? Ist kein Ausgleich möglich?" srug da ganz unvermittelt der Dicke. „Du meinst die Geschichte mit den ,Petites'. Darüber ließe sich ja reden," erwiderte der Pfiffikus, „obgleich mein Klient nichts von einem Ausgleich hören will. Seit jenem Zusammenstoß in der Judengafse hat der Avme keine Ruhe mebr. Seme Frau schmollt mit ihm, weil die Frau des Beleidigers sie immer, höhnisch „von oben herab" ansieht. Er meidet sein Stammcafe, weil er von den Leuten immer gehänselt und mit der Frage begrüßt wird: „Was machen die Petites?" Aber ich will es doch noch versuchen. Prosit Kollega!" ' . , „Prosit! Es kommt ja eh nichts heraus dabei." „Lechajim die Herren!" kam jetzt auch der arische Konzipient lachend nach. „Es lebe die ausgleichende Gerechtigkeit!" Der Lärm im Saal verstummte, das Spiel auf der Bühne begann. Nicht adagio, um sich dann zu steigern. Es begann gleich mit voller Wucht, Zote auf Zote prasselte aus das empfängliche Publ'kum nieder, widerliche, unsüdische Judengcstalten männlichen und weiblichen Geschlecktes verhunzten das jüdische Väksidiom, nur um eine Zote herauszubrirg-en. Was die da droben aus den Brettern sar«gen und sprachen, tvar Gemeinheit, wie sie es gaben, war Schweinerei, jede Geste eine Zote. Und drunten an den Tischen heulte die stark gemischte Gesellschaft vor Lust und Vergnügen an den geistlosen Derbheiten. Am lävmhaftesten, ich rnöchte fast sagen, am brünstigsten ging es.an jenem Tisch zu, an dem die drei Herren, die „Prinzen vom Hof" saßen und der im Nu „zur Hofloge" avancierte. Der Dicke an meinem Tisch drohte vor Lachen zu bersten. der arische Kandidat kannte die Lieder und „Lotzelöck-er" schon auswendig und machte sich dadurch unangenehm, daß er bei jeder Nummer voraussagte, was kommen werde. Den Höhepunkt des schwülen Abends aber bildete die Szene, in der die beiden vergötterten Lieblinge des Ensembles, Max R o t t und Heinrich E i s e n b a ch, auftraten. Es war eine förmliche Zotenorgie, die da Spieler und Publikum miteinander seelisch vereinte. Rott gab den schwachen Mann einer im gefährlichen Alter stehenden, nicht schönen, aber sehr anspruchsvollen Frau, die ihn mit seinem Geschäftsfreund (Eisenbach) betrügt. Er weiß von dem Verhältnis, denn seine ganze Welt um ihn spricht davon in jener feinfühligen Art. wie es im Cafe Abeles üblich ist. Aber er nimmt die Ehebrüche seiner Gattin einfach nicht zur Kenntnis, demzufolge existieren sie nicht für ihn. Bis ihn sein Schicksal ereilte, als er eines Tages zu einer Stunde nach.Hause kam, in der er seinen Geschäftsfreund am allerwenigsten bei seiner Frau vermutete und sich daher vor Ueberraschungen am sichersten fühlte. Der Teufel hole das Pech! Er konnte nicht mehr zurück, er mußte alles sehen. Eisenbach fiel nun die Ausgabe zu, sich reinzuwaschen, die Frauenehre seiner Geliebten wieder herzustellen und den Gatten zu rehabilitieren. Wie er das tat, kann ich nicht beschreiben. ich weiß nur, daß das Publikum tobte, die Weiber quietschten, tvan-den sich in Lachkrämpfen und selbst die in der „Hof oge" hatten die Haltung verloren. Auch meine Tischnachbarn gebärdeten sich wie verrückt. Als der Nervenchock gewichen war, wischte sich der arische Advokaturskandidät' die ‘ Lach tränen . aus den Augen und meinte: * „Wie wäre es, meine Herren Gegner, wenn Sie!n , Ihrem Prozeß Eiseubach als Sachverständigen für das _87. Jänner 1924_Nr. 177& Mort „Petites" bestellten? Was, das ist eine Idee! Malen Sie sich das mal aus!" „Wirklich eine herrliche Idee," rief der Dicke, „ich verzichte auf den Ausgleich." „Mir kann's recht sein," stimmte der Pfiffikus zu. „Herr Ober, noch eine Flasche vom Bessern," schris der Dicke durch den Saal. „Auch ein schöner Einfall, Herr Doktor, noch a Klient a Kapore!" sagte der arische Kandidat und klopfte dem Dicken wohlwollend auf die Schultern. Es war dafür g"sorgt. daß das bevorstehende Auftreten Elsenbachs im G-erichtssaal kein Geheimnis bleibe. Kein Wunder, daß der Saal, in dem die Verhandlung des Prozesses stattfaud. sich als zu klein erwies. Variete paree im Gerichtssaal! Das Substrat der Ehrenbeleidigung war kurz folgendes: Zwei Chopper in der Judengasse zerrten an einem Mann herum, der offenbar die Absicht hatte, etwas zu kaufen. Jeder der beiden Chavper wollte den Kunden für sein Geschäft erobern. In der Judengafse wurden Wetten ohne Einsätze geschlossen, wer den Sieg davontragen werde. Da ritz dem armen Kunden die Geduld, er entwand sich den Fangarmen der Chopper und schritt ans eines der beiden Geschäfte zu. Da konnte der Konkurrent, der in seiner Geschäftstüre stand und dem Kampf um den Kunden mit Spannung folgte, nicht langer an sich halten und schrie so laut, datz es jedes Kind in der Judengafse hören konnte: „Ueberlcgen Sie sich es noch einmal, gehen sie nicht zu dem Petiten''!, der kauft nur Petites zusammen." Der „Petitenik" schob den Kunden in sein Geschäft, der Chapper notierte die Zeugen, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Die Formalitäten bei Eröffnung der Verhandlung fanden kein Jnterrffe. Das Verhör des Angeklagten und der Zeuge verursachte w'ederholt Heiterkeit im Auditorium und bereitete sozusagen die Stimmung fiir den .Hauptakt des Stückes vor. Die Frage, die E i s e n b a ch als Sachverständiger zu beantworten hatte, lautete: Was bedeuten die Worte „Petitenik" und „Petites"? Und Eisenbach Antwortete: „Es ist nicht immer gleich. Nehmen wir zum Beispiel au, je-ma-rid erzählt seinem Frounid von einem gelungenen Geschäftscoup, wie er einen Kommittenten hin-eingelegt hat, und sein Freund ouittiert die Erzählung mit dem Ausrufs: „Oi bist du ä Petitenik!" Da bedeutet „Petitenik" die höchste Anerkennung eines gewiegten Kaufmannes. Wie etwa, wenn draußen in Hernals ein Bursche erzählt, wie er einem G'scherten das Mädel weggefischt hat und sein Spezi begeistert ausruft: ,Wast Sepp, bist du aber a Gauner". Oder ein anderer Fall. Der Kohn, der Blau und der Grün spielen Kla-brias. Der Blau nimmt auf und -der Grün hat auszuspielen. Er spielt sich aber schwach aus, anstatt, wie Blau erwartete, mit einer starken Karte zu beginnen. Wenn nun der Blau seine Enttäuschung in die Frage Neidet: „Mas ist das wieder für ä Petite", so klingt das wie die Schmeichelei eines Verlegeren, wie etwa, wenn in Sievering beim Schnapsen der Karl dem Ferdi in einer ähnlichen Situation zuruft: „Mi wirst net pläffen, Ferdl, ziag o mit dera Schmäh!" Im vorliegenden Falle liegt die Sache jedoch anders. Zwei Chapver in der Judengasse gehen auf Kundenfang aus. Der eine zieht den armen Käufer nach rechts, der andere nach likns, es geht auf Leben und Tod. Oft bängt die Existenz des Choppers am Erfolg oder Mißerfolg. Die Chefs schauen dem Kampf ihrer Häscher zu, schätzen den Kunden ab und errechnen sich schon den zu erwartenden Profit. Der Kunde steht schon vor der Geschäftstür, plötzlich nimmt er Reitzaus und läuft zur Konkurrenz. Wenn in solcher Situation jemand den Kunden zuruft: „Geben Sie nicht zu dem Petitenik, der kauft nur Petites", so ist das eine, wenn auch in begreiflicher Erregung ausgestoßene Ehrenkränkung. Denn Petites stammt vom französischen Wort Petit und bedeutet Kleines, Wertloses, Verächtliches. Betitenik ist demnach einer, der sich mit' wertlosen. verächtlichen Dingen abgibt, also selbst verächtlich ist." Es läßt sich nicht schildern, wie dieses Gutachten auf die Anwesenden gewirkt hat. Nicht nur, was er sagte, mehr noch, wie er das Gesagte vorbrachte, wie er die Exempel mit Gesten und Gebärden illustrierte, war zum Schre'en. Selbst der Verbandlungsleiter vermochte nur mit Mühe das Lachen zu unterdrücken und ernst zu bleiben, als er dem Auditorium, das wiederbolt in schallendes Gelächter ausbrach. drohte, den Saal räumen zu lassen. Heinrich Eisenbach war ein ausgezeichneter Komiker, aber ein schlechter Pb'lologe. Seine Etymologie des Wortes Petites ist grundfalsch. Ich hatte damals, als auch die Tagesvresse sich mit dieser Etymologie befaßte, Gelegenheit, meine Meinung darüber zu sagen, der auch von fachwissenscha-ftlicher Seite zugestimmt' wurde. Das Wort „Petites" stammt nicht aus dem Französischen, sondern aus dem ungarischen Juristenlatein. Aus Ungarn stammt auck der Jargonausdruck „Petite". Als Demonstration gegen die deuffche Sprache wurde in Ungarn bis In die Siebzigerjahre Latein als Amtssprache benützt. Petitum bedeutete uvsprünglich nicht nur Bittgesuch, sondern auch Klageschrift. Wenn jemand einen Prozeß anstrengte, machte er ein Petitum, einer, der viele Petita machte, war ein Prozeßhansel. Später wurde jeder, der unklare oder unlautere Geschäfte machte, die zu Prozessen führen mußten, „Petitamacher" gnannt. Die Geschäfte solchen Kalibers wurden „Petitegeschäste" genannt. Wenn also jemand Petites kaust, so will das sagen, daß er etwas dunklen Ursprunges kauft, wordus ganz bestimmt ein Prozeß entstehen wird. Im weiteren Sinne wurde dann Petite auf alles KrumMe, Unklare, Bedenkliche angewendet. ■ÜHMttHM