Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1778 (27.1.1924)
- Date
- 1924-01-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gelte g_ Wien, Sonnlaq Gegenströmung geht von den Bekennern der reinen Lehre aus und ihr kommt es zustatten, daß die arbeitenden Massen, die von dem ganzen Prozeß nur die Aenßerlicbkeiten sehen, über dos Auftreten der aus aller Welt in Moskau sich sammelnden Schieber empört sind und dafür die mangelhafte ll)esinnungst''ll't^''keit der Volkskommissare verantwortlich machen. Russische Arbeiter sind nicht aufoeklörter und verständiger als ihre Klassengenossen im Westen, und wir hoben ja einmal auch in Wien gehört, dasi man die Schieber Hannen werde. Die Hcilima der Sünden kann nur aus der ©e-- simdung der Wirtschaft kommen und die kann nur die Folge einer veränderten politischen Mentalität Rußlands und der europäi'chen Stowten sein. Es mbt für lein Wirtsckxrslssystem die Möglichkeit der Autarkie, und es erweist sich als arundfassck. wenn ein Staat sich abschließt oder abgeschlossen wird. Daß Rußland fehlt, spürt jeder Haushalt in Europa. Es ist m begrüßen, daß sich das Umlernen zu zeigen beginnt. In R'^land haben innere Diskussionen begonnen und in E"rvpa bahnt die neue englische Regierung der Vernunft die Straße. _ Arabische und Wiche Kultur. Von Univevsitätsprosessor AÄlf Strauß.*) Obwohl zunächst die arabische Dichtung auf die Menschheit gewirkt hat, so war doch die wissenschaftliche Offenbarung des arabischen Geistes von größter Wirkung. Von den Schöpfungen der arabischen Kultur, die Ge-meingut der Welt geworden sind, sei in erster Reihe die Algebra erwähnt. Wichtig sind die astronomischen Werke, die Mesiungen betreffs der Längen- und Breitenkreise. Hervorzuhoben sind die unvergänglichen Verdienste um die Grundlegung der Chemie, deren erste Spuren wir, wie bereits erwähnt, in der Geschicklichkeit der Araber des ältesten Altertumes bei der Erzeugung von Wohlgerüchen und Balsam finden. Den Arabern gebührt auch der Ruhm, durch das Sezieren von Tieren die Grundlagen der A n at o m i e geschaffen zu haben. Die europäische Wissenschaft verehrt in ihnen die Bahnbrecher des Experiments. Auf dem Gebiete der Philosophie -haben sie sich dadurch verdient gemacht, daß die griechische Philosophie durch sie in Europa Eingang fand. Bei diefcr Verbreitung haben die hervorragenden Männer der j ü.d ischen Msienschast die wichtigste Arbeit geleistet. Wir erachten es daher für notwendig, uns. wenn auch mit möglichster Kürze, auf die jüdisch-arabische Kulturarbeit auszubreiten, wir müsien der hebräisch-arabischen Dichtkunst gedenken und der wissenschaftlichen Werke, die zahlreiche jüdische Gelehrte unter der gegenseitigen Einwirkung teils aus der hebräischen, griechischen und syrischen Sprache ins Arabische, teils aus der arabischen Sprache ins Hebräische. Griechsche und Lateinische übersetzten. Die alte jüdische Literatur umfaßt mehr als 20.000 Werke. Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, d.:ß sich die alte jüdische öiteratur hauptsächlich mit der Religion abgab. Die meisten ihrer Werke sind für die Kultur der Gesamtmenschheit grundlegend oder förderten sie. Diese Werke nehmen in der Weltliteratur einen ersten Platz ein, was auch ihre lange Lebensdauer beweist. Wo jüdische Gekehrte wohnten, entwickelten sie überall die allgemeine Kultur, was auch die alten Völker anerkannten. Die Sprache der alten Literatur der Hebräer war nicht ausschließlich hebräisch. Schon im Altertume schrieb tnan auß?r hebräisch noch aramäisch, griechisch, lateinisch und arabisch. Juden und Araber wohnten nicht nur beisammen, sondern arabische und jüdische wisienfchastliche Arbeit vereinten sich, ergänzten einander und dienten gemeinsam der Kultur der Welt. Schon in der Zeit vor Mohammed erfreuten sich die hebräisch-arabischen Dichter bei den Arabern großer Wertschätzung. Tie dichterischen Arbeiten und arabischen Verse Samuel ibn Adijas, des Herrn einer festen Burg auf der arabischen Halbinsel, dessen Persönlichkeit und Ritterlichkeit seinerzeit sprichwörtlich war, fanden den dollen Beifall der heidnischen arabischen Dichter. Jakob ibn Seara vermittelte den Arabern die ersten mathematischen Arbeiten. Masallah ben Athri verbreitete die Basis der Astronomie. Sehal el Tabari übersetzte den griechischen Wmagesta des Ptolomäus ins Arabische. Es steht fest, daß die jüdisch-arabische Literatur so alt ist, wie die national« arabische Literatur. Wir kennen zweihundertfünfzig Autoren der ältesten arabischen Literatur. Unter ihnen sind, wie Steinschneider in seinem Werke „Arabische Literatur der Juden" behauptet, insgesamt acht Mohammedaner, die gleichfalls gekorene Juden waren. Die Zahl der bis auf den heutigen Tag erhalten gebliebenen arabisch-jüdischen Werke beträgt mehr als f ü n fhundert. Von ungeheurer Einwirkung aus die Wcltkultur waren die Ue b e r s e tz u n g e n dcr arabisch-jüd'scheu wissenschastüchen Literalnr; denn die Juden über'c^en philosophische, med'z'nische und sogar volkstümliche Schriften nicht nur ins Hebräische, sondern auch ins Arab sche und in andere Sprachen. Die Beschäftigung mit wisten-- schaftlichen Forschungen wurde als ein« religiöse Handlung betrachtet. So wie die Juden in der Diaspora sich mit dom Warenverkehr befaßten, ebenso brachten sie überall, in allen Weltrichtungen, -geistige Werte in Umlauf. Mehr als tausend Werke wurden in das Hebräische übersetzt, darunter befinden sich hundert von christlichen Autoren. Einer von den vielen Bücherfreunden hatte 21.000 arabisch-jüdische Manuskripte in seinem Hause gesammelt. Die arabischen Ziffern, d'e eigentiich indische Ziffern sind, brachte ein Jude im 3. Jahrhundert auf Befch. des *) Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 80. Dezember 1923,1., UL und 20. Jänner 1924. Wiener Moraerrzeitnna. _ 27. Jänner 1924 _Nr. 1778 Poincare vor dem Sturze? Ablehnung der Finanzvorlagen. — Batthov, der kommende Mann? — Ae Sozialisten beanspruchen die Regierung. Paris, 26. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die erste Sitzung der Kammer hat gezeigt, datz zahlreiche bisher erprobte Freundeder Negierung die Finanzvorlagen ablehnen. Besonders bezeichnend ist in dieser Be iehung die oppositionelle Haltung des Abgeordneten Daudet, der bisher mit P o i n c a r e durch Dick und Dünn gegangen ist. Der radikale „Paris Soir" sicht den Sturz deS Kabinetts Potn« eareS voraus und glaubt, datz Barthou fein Nachfolger werde. Die gestrige Rede BarthouS sei bereits die eines Pradenten gewesen. Dir Kammerdebatte. Poincare gegen Deutschland. Paris, 26. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Kammer hat beute vormittags und nachmittags die Diskussion über die Steuervorlagen der Regierung fortgesetzt. Zuerst sprach der frühere Präsident der Reparationskommission Leon Dubois. Er forderte die Veräußerung aller Staatsmonopole und die energische Fortsetzung der bisherigen Reparations- Politik, da sonst Frankreich und England dom Ruine entgegengehen und sich der Gefahr eines deutschen Revanchekrieges aussehen werden. Der Sozialist A u r i o l erklärte: Die Sozialisten seien der Ansicht, daß vor allem die Ruhvpolitik für den Frankensturz verantwortlich sei und bedauerte, daß man die sc^ialistiscken Vorschläge auf Ausdehnung der Sachleistungen und Verwendung deutscher Arbeiter für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete wicht berücksichtigt habe. Der Sozialist M o u t e t erklärte: Wenn es eine Gerechtigkeit gebe, so sollten heute die Sozialisten die Negierung übernehmen, wie.es rn England der Fall ist. In letzter Instanz werde' das Volk mit dem Stimmzettel entscheiden und die heutige Lage retten. In der Nachmittagssitzung ergriff Poincare da8 Wort und erklärte, daß der Frankensturz finanzielle und politische Gründe habe. In Deutschland werde eine heftige Kampagne gegen den Franken geführt. Von Deutschland aus würden außerdem Zirkulare in die ganze Welt gesandt. um zur Spekulation gegen den Franken auszumuntern, weil man sich davon die Räumung der Ruhr verspreche. Die Sozialisten verlangten hierauf die Angabe des Datums des Zirkulars, was Poincare ablehnte. Es entstand zwischen den Sozialisten und P o i n c a r r ein lebhafter Wortwechsel, der beinahe zu Tätlichkeiten auSartete Im weiteren Verlaufe der Kammersitzung führte' Ministerpräsident Poincare aus, Abgeordneter Äuriol habe gesagt, wenn die Regierung zurücktrete, würde sich der Kurs des Franken augenblicklich bessern. Es sei möglich, daß der Rücktritt der Regierung ein Steigen des Franken zur Folge batte, aber diese Besserung würde nur eine scheinbare sein. Ein Zurückweichen der französischen Politik würde von katastrophaler Wirkung aus Frankreichs Wirtschaftsleben sein. Der Ministerpräsident legte sodann die Notwendigkeit dar, im Verordnungsweae einen Erspar« ngSplan durchnrfübren und lehnte den Vorschlag Daudets ab. die Legislaturperiode der Kammer um ein Jcckr zu verlängern. Herr io t kritisiert sodann unter lautem Beifall der Linken die Regierungsvolitik, was zu tumultuölen Zwn'chensallen fiibrt. Poincare konnte sich mit schwer Gehör schaffen und erkürte, daß er die Linke 'und insbesondere Herriot, den er schätze, n-cht beleidigen wollte. Die Debatte wurde sodann auf Montag vertagt. Versuchen Sie unseren seidenen L TRATTNERHOF 2 (Graben) Kalifen Es Sasa aus Indien zu den Arabern. Ein Jude hat auch die europäischen Mathematiker in der indischen Zahlenlehre unterwiesen. Mit der Null schuf er eine neue Epoche und durch das von ihm erfundene Dezimalsystem gab er der Mathematik einen mächtigen Aufschwung. Das arabische Werk Mohammed al Kvarismi über die praktische indische Zahlenlehre übersetzte Aden David (Sohn Davids) ins Lateinische. Dem Namen nach kennen wir 62 jüdische mathemati'che Werke aus dem Altertume und dem Mittelalter. An den Toledoer astronomischen Tafeln arbeiteten 1070 jüdische Astronomen. Einer der ältesten arabischen Aerzte war Ali, der Sohn eines berühmten Rabbiners, er war der erste, der syrische medizinische Werke ins Arabische übersetzte. Ein jüdischer Arzt namens Messer G a v a i t i aus Bassora übersetzte die medizinischen Pandekten des Presbyters Aaron aus dem Syrischen ins Arabische und übergab sie 683 den arabischen Aerzten Zur allgemeinen Benützung. Der Historiker der arabischen Medizin zählt 50 jüdischarabische medizinische Schriftsteller auf. Zahlreiche arabische medizinische Werke wurden von jüdischen Aerzten ins Lateinische übersetzt. Den größ'en Einfluß auf die europäische medizinische Wissenschaft übten Isaak Israeli und M a i m o n i d e s aus. Das Gefühl der Rassenzusammengehör'igkeit, die Innerlichkeit der Seelenverwandtschaft zwischen Arabern und Juden zeigte sich besonders als d'e arabische Herrschaft ihre höchste Stufe erreicht hatte. Im 11. und 12. Jahrhunderte war die Glanzzeit der arabisch.'» Wissenschaft und Literatur. Die mit den Arabern wohnende und mit ihnen gemeinsam tätige Judenschaft erlebte gleichzeitig die Blütezeit der Wissenschaft und der Literatur des Gcsamtsudcniums. Zusammen und gleichzeitig brachten sie die Kultur der Welt zu unglaublicher Höhe. Die arabische Herrschaft in Spanien bedeutet eine Glanzzeit der jüdischen Geschichte. Die jüdischen Schriftsteller beeilten sich. daS, was die arabischen Gelehrten Großes und Wertvolles schufen, der gesamten Menschheit zugänglich zu machen. Die arabischen Gelehrten und Denker der ehemaligen Zeit haben auf dem Gebiete der Naturwissenschaften noch heute einen Namen. Daß die rein hebräische Literatur bereits in Arabien einen raschen Aufschwung nahm, ist unmittelbar dem Auftreten Mohammeds zu verdanken. Die große Begeisterung, welche die Araber im 6. und 7. Jahrhunderte zur Entwicklung und-Glättung ihrer Sprache führte, der Eifer, mit dem sie den Koran lasen, brächte auch die Juden dazu, ihre bis dah'n verworrene Sprache zu reinigen und zu verfeinern und sich mit dom Text der alten jüdischen Bibel zu befassen. Die Notwendigkeit hierzu lag besonders in den religiösen Disvulm mit den Arabern vor, vornehmlich als die Anhänger des neuen Glaubens die Juden zum Islam bekehren wollten. Der große hebräische Gelehrte. Philologe und Philosoph Sadja Gaon schrieb in arabischer Sprache sein< religionspbilosophllchen Werke; er übersetzte die Bibel ins Aarabische und versah sie mit einem Kommentar. Zur Glanzzeit des Islams entsteht die neuhebräi'che und Svnagogendichtuna. Die ersten Synagogendicktungen ' waren kurzgefaßte Verse in gedrängter Sprache. Unter d:r Einwirkung der arabischen Dichtung verwandeln sie sich alsbald in farbige Verse. Das arabische Strophen- und Versmaß zeigt sich bei den hebräischen Dichtungen. In der hebräischen Dichtung benützte zuerst Jannai, der Lehrer des fruchtbarsten religiösen Dichters Eleazar ben K a l l i r, den arabischen Reim. Die Reihe der anerkannten Synagogen-Poeten cr-öffn-et Jose ben Jose im Jahre 750. Die Juden befassen sich aber nicht nur mit der reit* giösen Dichtung, sondern bringen alle Zweige der Dichtkunst zum Aufblühen. Hierbei erwarb sich der Arzt deS Kalifenhoses in Cordeva Ehasdai ben Isaak ihn Saprut. der ein großes Anseben genoß und ein berühmter Diplomat des arabischen Re'ches war. unvergängliche Verdienste. Der Sprachforscher Dunas ben Labrat (020 bis 980) regelte das arabische Versmaß in der hebräischen Dichtung. Der talentierteste Dichter und Phiws-'Ph die'es Zeitalters war Abu Ajiul Snliman ibn Jach'.t ibn Gabirol (1021 bis 1070), der alte Zweige der Lyrik kultivierte. Seine Gebete, Hymnen, Stoßgebete. Trauerlieber, Reliegefänge sind noch heute in das Ritual der Synagogen e'maefügt. In Armut lebte er und arm starb er. Seine Größe wurde erst nach seinem Tode erkannt. Sein Haupttverk hat den Titel: „Kether Malkuth" (Königliche Krone). Durch ihre reine dichterische Sprache zeichnen sich Moses ibn E s r a. von besten großen Werken wir das Buch „K'itab ul nmhadara Val mndsakara" Hervorbolen, und Jehuld ben Sälar Chasini ans. Die ausgezähltm Dchter. Schriftsteller mtb Gelehrten überflügelte jedoch weit der im Jahre 1086 geborene Abul Hassan I eh u da Halevi. Er war nicht nur ein religiöser Dichter, in-sotveit seine Hymnen von den Juden in ihre Gebete angenommen wurden, sondern auch ein nationaler Sänger. Er empfand am tiefsten das nationale Unglück des Judentums. Viele seiner Gedichte wurden in verschiedene Sprachen übertragen. Zahlreiche Juden erhielten Fürftentitel von den Kalifen, so Ehasdai ibn Gau, ibn Naaeda und Jgak ibn Albalia. Die Juden hatten an dm Hosen der Mlifcn hohe Würden inne. Auch im fernen Osten bekleideten die Kalifen die berühmteren Leiter der Hoch'chulen in Snria und Pumbadita mit hohen Würden. Allein im 12. Jahrhunderte suchen wir in den jüdischen Zentren Spaniens bereits vergeblich jüdische Gemeinden. Cordova, Sevilla, Gra-na-da, Lueena hörten auf, Mittelpunkte der jüdisch-arabischen Kultur zu sein. Die meisten Juden mußten vor den Verfolgungen flüchten und wer znrückblieli. war aenntiat. -feilt Leben unter der Maske deS