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Wiener Morgenzeitung · 1924-01-27 · Heft 1778 (27.1.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1778 (27.1.1924)
Date
1924-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Das Tschecho-flowakische Preßbuveau veröffentlicht heute den nachstehenden Wortlaut des Freundschafts- und Bündnisvertrages zwischen Frankreich und der Tschecho-Slowaker. Die Negierung der französischen Republik und die 9kegierung der tschecho-slowakischen Republik, fest auf dem Grundesatze stehend, die durch den Pakt über den Völkerbund feierlich bestätigten internationalen Verpflichtungen zu respektieren, gleichmäß'g beflissen, den Frieden zu wahren, dessen Erhaltung für die politische Stabilität und die wirtschaftliche Hebung Europas notwendig ist, entschlossen, zu diesem Zweck die Achtung vor der rechtlichen und politischen, durch die gemeinsam Unterzeichneten .Verträge festgesetzten internationalen Ordnung zusichern, in der Meinung, daß zur Erreichung dieses Zieles für die wech'elseitige Sicherheit Garantien gegen einen eventuellen Angriff und zur Verteidigung ihrer gemeinsamen Interessen notwendig sind, haben zu ihren bevollmächtigten Vertretern bestimmt, und zwar der Präsident der französischen Republik: Herrn Raymond Po i n c a r e, M-nisterPräfidenten, und der Präsident der tschecho-slowakischen Republik: Herrn Eduard Benes ch. Minister für auswärtige Angelegenheiten, die sich auf folgende Bestimmungen geeinigt haben: Artikel 1. Die Regierungen jkt französischen Republik undder tschecho-slowakischen Republik verpflichten sich, sich über auswärtige Fragen ins Einvernehmen zu fetzen, die imstande wären, ihre Sichecheit.zu bedrohen und der durch die Friedensverträge, deren Signatare sowohl die eine wie die andere Regierung ist, festgesetzten Ordnung zum Schaden wären. Artikel 2. Die hohen Vertragsparteien werden über die geeigneten Maßnahmen zur Sicherung ihrer gemeinsamen Interessen, falls diese bedroht werden, Übereinkommen. Artikel 3. Zwischen den beiden Vertragsparteien herrscht volles Einvernehmen über d;c Bedeutung, welche di: Prinzipien der politischen Ordnung, die sowohl im Artikel 88 des Friedensvertrages von Saint-Gexmain vom 10. September 1919 als auch im Genfer Protokoll vom 4. Oktober 1922 enthalten sind, für die Erhaltung des allgemeinen Friedens haben und darüber, daß sie verpflichtet sind, über die Maßnahmen üLereinzukommen, die für den Fall getroffen werden müssen, als die Beachtung dieser Prinzipien bedroht Ware. Artikel 4. Die hohen Vertragsparteien, indem sic insbesondere sowohl die von der Bvilkbafterkonferenz am 3. Februar 1920 und am 1. April 1921 getroffenen Deklarationen, nach denen ihre Politik sich auch weiter einrichten wird, wie die am 10. November 1921 erfolgte Deklaration der ungarischen Regierung an die alliierten diplomatischen Vertreter in Erwägung - ziehen, verpflichten sich für den Fall übereinzukmnmen, als ihre Jirteveffen durch die.Nichtachtung der Prinzipien, die in diesen verschiedenen Deklarationen ausgedrückt sind, bedroht werden. Artikel 5. Die hohen Vertragsparteien bestätigen, daß sie vollkommen eins sind über die absolute Notwendigkeit, im Hinblick auf die Erhaltung des Friedens einen gemeinsamen Standpunkt bei einem eventuellen Versuch, die Ho h e n z o l l er n dy n a st i e in Deutschland zu restaurieren, einznnehmen und verpflichten sich, über die Maßnahmen übereinzukommen,' die in diesem' Fall getroffen werden müssen. Artikel 6. Inr Einvernehmen mit den im Pakt über , den Völkerbund ausgedrückten Prinzipien verpflichten sich die hohen Vertragsparteien für den Fall, daß zwischen ihnen in Zukunft strittige Fragen entstunden, die durch freundschaftliche Vereinbamng oder aus diplomatischem Wege nicht gelöst werden könnten-,- diese Fragen entweder dem ständigen Gerichts!)os für internationale Justiz oder einem von mehreren von ihnen gewählten Schiedsrichtern vorzulegen. ' . Art'M % Die-HMm Vertragspartei^ verpflichten sich von früher abgeschlossenen Ueberemkoimnen, die ihre Politik in Mitteleuropa interessieren, einander Mitteilung zu machen und sich gegenseitig vor dem Abschluß neuer solcher Abkommen zu beraten. Sie erklären, daß in dieser Hinsicht den oben erwähnten Uebereinkonnnen und insbesondere dem Bündnisvertrag zwischen Frankreich und Polen, von der Tschecho-Slowakei mit der österreichischen Bundesrepublik, mit Rumänien, mit dem Königreiche der Serbe n, K r o at e n und Slowenen abgeschlossenen Uebereinkommcn oder Regelungen und ebenso auch den durch den Austausch der Urkunden vom 8. Februar 1921 zwischen der i t a l i enischeu und der tschech o-slowakischen Regierung festgestellten Uebereiukommeu Nichts cntgegensteht. Art. 8. Dieser Vertrag wird dem Völkerbund im Einklang mit Artikel 18 des Paktes mitgeteilt werden. Dieser Vertrag wird ratifiziert werden und die Ratifikationsurkunden werden ehestens in Paris ausgetauscht Iverden. Urkund dessen die beiden Bevollmächtigten diesen Pertrag unterzeichnen und mit ihren Amtssiegeln versehen in dopelter Mssertigung in Paris am 23. .Jänner 1924: Dr. Eduard Benesch, Raymond Poincare. Vne interessante Regierungskundgebung bevorstehend. (Cigerldienst der „Wiener Morgcnzeilrmg") London, 26. Jänner. Mae Donald führt im Außonaini eine unigewehnte Arbeitszeit ein. Die arfft'Emti'sche Sitte, daß die Arbeit im Anßouamt spät nachmittags begann, hat anfgehört. Der neue Premier verließ das Außenoimt um Mitternacht und erschien am nächsten Dag bereits um 10 Uhr morgens am Arbeitstisch. Die Keiche Methode verfolgen sämtliche Ministerien. Bon blonderem Interesse ist, daß Mac Ken na Mac Donald versicherte, daß er gleicher Ansicht über die Reparationsfrage sei wie der?Premier. Er ist bezüglich der. deutschen Reparationsfvage sehr optimistisch und konferierte vor seiner Rückreise, zum Pariser Exbertenikomitve mit Mac Donald. Die Blätter kündigen eine interessante Regie r u n g s k n n d g e b n n g nach Beendigung der Komi-teeavheitm an. „Standard" versichert, die Haupttütigkeit Mae Donalds sei die Schaffung von Voraussetzungen für einen allgenreinen Frieden. Er bezeichnete das Verhältnis Englands zu Fra nkreich a ls *ü«ur erlich. (De-plovaibile.) Das Verhältnis zu Frankreich, Rußland, Italien, Deutischlanid und den anderen Staaten müsse freundlich, aufrichtig und antik r i e g e r i f ch sein. Es fei eine V e r stä n d i g u n g notwendig, zu der hie Maschinerie des Völkerbundes benützt werden müsse. Die diplomatischen Aktionen alten Stils müssen vermieden werden und direkte. Ansprachen 'bafiit* eingeleitet werden. ■ Der Äckbeitsminister S h a w erwartet baldigst eine Erleichterung, wenn airch noch nicht die Losung der Arbeitslosigkeit nnd bleibt im intimen Kontakt mit dem GesuMMsmimster Wheatley zwecks Errichtung eines Maximums von Neubauten. Etappeirweise will man die Monopole , der Banmaterialieinerzönger prüfen. Am Montag findet ein neuer. Kabinettsrat statt, an dem die Mitglieder über die ersten Fortschritte in ihren Ressorts berichten werden. Kongreß dev Konservativen. London, 26. Jänner. Der Kongreß der konservativen Partei wird für den 11. Februar einberufen werden. Bald Win wird seine Stellung als Führer der Partei zur Verfüg >u n g stellen. Man erwartet, daß die Taktik der Parteileitung bei den letzten Wahlen scharf kritisiert und eine volle Neuorganisation der Partei gefordert lvevden wird. Nie heutiqe Rümmer „Wiener Morgenzeitung" ist 20 Seite» stark. Aus dem Anhalt: Arabische und jüdische Kultur. Von Und versitätSprosessor Adolf Strauß. D eJugend des Iozes Z'raels. (Zum Iw. Geburtstage des Malers.) Von Pros. Max Eisler« Aus den Aufzeichnungen eines jüdische« Dolmetschers. Von Jakob Krausz. Meine Palästina-Neise. VonAnitta Müller- Cohen. Jüdisches Wohnungselend. Von Klara Mautner. Diese Nummer enthält unseren ersten Mode» bericht, welcher von nun ab an jedem Sonntag erscheinen wird. Zer ruUche Streit. —y. Wien, 27. Jänner. Mit Lenin verliert die Sowjetregierung ihre stärkste Persönlichkeit, deren Autorität in den sieben Jahren des bolschewikischen Systems unbestritten war und jede sachliche oder faktiöse Opposition niederschlug. Diese persönliche Geltung wird in den nun einsetzenden politischen Kämpfen sehr vermißt werden. Es ist bekannt, daß in der bolsä-ewikischen Partei, der wider jedes Prinzip der Demokratie allein und kontrollos herrschenden, seit zwei; Jahren ein heftiger Streit entbrannt ist, der sich um die Grundlagen des Systems dreht: ob der absolute, radikale^ Stckatssozialismus beibehalten oder durch-den von Lenin inaugurierten Kurs abgelöst werden soll/ der. das Fazit aus den. vielen Fehlhoffnungen ' auf die Weltrevolution Zieht und eine Angleichung an die privatwirtschaftlichen Methoden der außerrussischen Welt anbahnt. Sicherlich führt die konsequente Fortentwicklung der „Nep", der neuen ökonomischen Politik, zur vollkommenen Abkehr von allen Grundsätzen, auf denen sich die von Lenin selbst begründete Lehre aufbaute, und es ist verständlich, daß dieser Prozeß die heftigste Opposition wecken mußte. Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und keine Partei verträgt den Besitz der Macht, ohne früher oder später der internen Fraktionsbildung, sogar Spaltung zu verfallen. Eine Partei besteht eben aus Menschen, und aus je höherer Funktionsstuse sie in dein Organismus ihrer Gruppe stehen, um so leichter und rascher werden sie Zielpunkte der argwöhnischen Kritik ihrer minder glücklichen Genossen, um so glatter schleifen sie ihren Nadikalismus an den Kanten der Dinge ab und um so geschwinder kornmt ihr Mißtrauen gegen ihre Freunde. Das Lied vom guten Kameraden ist sehr schon und innig, aber in den kalten Höhen der Regierung gedeiht es höchst selten. Diesen Werdegang macht auch die bolschewikische Partei durch und ihre inneren Hader sind um so schonungsloser, als sie sich unter den Augen der ganzen Welt vollziehen. Jede einzelne der Fraktionen sucht Freunde und Mitstreiter für Ihre Ideen zu gewinnen und bei dem agitatorischen Aufbau dieser Offensivpartei, die in Rußland nationalistisch ist, nach außen aber als Generalpächter des internationalen Gedankens auftritt, kann es nicht ausbleiben, daß diese Auseinandersetzungen auch auf die politische Oeffentlichkeit anderer Staaten übergreisen. Die Formel „Lenin oder Trotzky", wie sie eben jetzt in der Westpresse auftritt, ist grundfalsch, und darum sind auch die von den Pariser monarchistischen Kreisen ausgestreuten Nachrichten, so begierig die Sensationspresse nacy ihnen ist, eben saftch. Trotzky hat, obwohl er sich niemals allzu weit von der Sozialdemokratie enffernte, das Leninsche System mitgeschaffen und mitgeleitet. Es ist da-um unsinnig, gerade feine Person hervorzuziehen. Dieser Unsinn erklärt sich freilich aus der antisemitischen Propaganda, die eines der Mittel der russischen Gegenrevolution ist, und aus dem Märchen vom jüdischen Bolschewismus ihr Dasein fristet. Der Inhalt der sich in Moskau abspielenden Kämpfe ist vielmehr dahin zu präzisieren: Tritt Rußland in die europäische Wirtschaftsgemeinschaft ein oder nicht? Die „Nep" bestätigt es, daß der Pösitivismus, den Lenin, sein Verneiner, selbst unter dem harten Diktat der wirtschaftlichen Tatsachen, der Hungerkrise, der Arbeits-. losigkcit und der industriellen Sterilität des orthüdoren i Sozialismus ein leiten mußte, im Kommen ist. Die

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